BEARTOOTH, THE AMITY AFFLICTION, HIGHER POWER: „Disease“-Tour, TonHalle, München, 20.02.2020

Eine Support-Tour und ein erfolgreicher Festivalsommer tun wahre Wunder. Waren BEARTOOTH vor rund einem Jahr noch im Vorprogramm von ARCHITECTS in München zu Gast, beehren sie die bayerische Landeshauptstadt diesmal als Hauptattraktion eines durchaus attraktiven Tour-Pakets mit THE AMITY AFFLICTION sowie HIGHER POWER. Die reine Faktenlage allein sorgt schon für offene Münder: Sämtliche Termine der „Disease“-Europatour sind ausverkauft, für das Gastspiel in der hiesigen TonHalle gibt es schon seit Monaten keine Karten mehr. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir im Werksviertel kaum noch Leute antreffen, die kurzfristig ein Ticket suchen – die Chancen stehen denkbar schlecht.

HIGHER POWER

Das Gute daran: Schon um kurz vor sieben ist einiges los in der offenen, aber irgendwie auch uncharmanten Location, deren vertikale Traversen noch der größte Hingucker wären, gäbe es die bunt ausgeleuchtete Bühne nicht. Auf selbiger finden wir bereits die Musiker von HIGHER POWER vor, die wohl ähnlich wie wir auf den Beginn der Show warten. Dort oben herrscht sichtlich gute Stimmung – schon vor dem Startschuss erkennen wir an den lachenden Gesichtern, dass die Engländer richtig Bock haben.

Intro, Nebelmaschinen, ein opulent inszenierter Auftritt – das alles erscheint wie Quatsch für die pragmatischen HIGHER POWER: Punkt sieben erklingt die Gitarre, Fronter J Town heißt uns Willkommen und los geht es. Diese unkomplizierte Herangehensweise hat durchaus etwas Erfrischendes, auch wenn der Funke während „Shedding Skin“ noch nicht so recht auf das Publikum überspringen möchte.

HIGHER POWER sind gut aufgelegt.

Bassist Pete ist kaum zu bremsen.

Für den ersten Circle Pit müssen sich HIGHER POWER gedulden

Für viele ist der heutige Abend der erste Kontakt mit HIGHER POWER, wie Sänger J Town auf Nachfrage erfährt. Den wenigen alteingesessenen Fans in München widmet dieser zunächst „Can’t Relate“, bevor er die Halle mit etwas Animation doch noch aus der Reserve lockt: Zu „Passenger“ gehen nicht nur zahlreiche Arme in die Luft, sondern wippen alsbald auch im Takt zum groove-betonten Hardcore der Briten. Da das Quintett aber nur selten Gas gibt, steckt uns der bewusst schräge Sound nicht immer sofort an. Das rockige „Low Season“ macht durchaus Spaß, für den ersten Circle Pit müssen sich HIGHER POWER aber bis zum Finale des halbstündigen Sets gedulden: Erst bei „Seamless“ kommt in den vorderen Reihen zum ersten Mal richtig Bewegung in die Halle.

HIGHER POWER Setlist

  1. Shedding Skin
  2. Rewire (101)
  3. Can’t Relate
  4. Passenger
  5. Lost In Static
  6. Low Season
  7. Drag The Line
  8. Seamless

THE AMITY AFFLICTION

Solche Sorgen haben THE AMITY AFFLICTION nach der 35-minütigen Umbaupause nicht, denn dort ist nach der Wartezeit auch ohne großes Zutun des Quartetts vor der Bühne die Hölle los. Dass eine Vielzahl der Besucher eigens für die Australier angereist ist, lässt nicht nur der hohe Damenanteil in der Halle vermuten. Kaum erlischt das Licht, füllt hysterisches Kreischen die Halle – aus Vorfreude natürlich, denn THE AMITY AFFLICTION haben quasi ein neues Album im Gepäck.

Dessen Intro-Song „Coffin“ sorgt mit seiner Laut-Leise-Dynamik und dem graduellen Songaufbau für einen Spannungsanstieg, der sich umgehend im heftigen „All My Friends Are Dead“ entlädt. Den Blastbeats und dreckigen Screams von Fronter Joel, die vielleicht einen Tick zu viel Kompression haben, können und wollen sich die Münchner nicht entziehen. Nach nicht einmal fünf Minuten sind die ersten Crowdsurfer auf dem Weg nach vorne – der Beginn eines steten Stroms, der bis zum Schluss nicht abzureißen scheint.

Gitarrist Dan Brown in seinem Element

Fronter Joel Birch ist ein Aktivposten auf der Bühne.

Die Stimmung in der Münchner TonHalle ist am Kochen

Neben ein paar brandneuen Stücken – sogar in „Soak Me In Bleach“ zeigen sich die Fans textsicher – haben die Australier eine bunt gemischtes Set im Gepäck, das mit den tanzbaren „Ivy (Doomsday)“ und „Feels Like I’m Dying“ auch zwei eher poppige Stücke der „Misery“-Platte (2018) umfasst. Immer wenn Bassist und Sänger Ahren im Zentrum steht, gibt Shouter Joel den Anheizer: Nicht selten finden wir ihn am vorderen Bühnenrand, wo er auf einem Podest stehend mit großen Gesten das Publikum dirigiert.

Zu seinen Füßen eskaliert die Situation zusehends. Haben „Open Letter“ noch hunderte Fans ausgelassen mitgesungen, formiert sich zu „Shine On“ ein beachtlicher Circle Pit, der immer größere Kreise zieht. Wir geben zu, dass wir diese Begeisterung nicht immer in ihrer Gänze nachvollziehen können, schließlich ist der emotionale Metalcore der vier Musiker weit davon entfernt, einzigartig zu sein.

Zum Abschluss bitten THE AMITY AFFLICTION zur Wall of Death

Ansteckend ist die Energie in der TonHalle nichtsdestotrotz. Selten haben wir es erlebt, dass über den kompletten Auftritt so textsicher und lautstark mitgesungen wird – und dabei sehen wir gerade noch nicht einmal den Haupt-Act. Bevor THE AMITY AFFLICTION an diesen übergeben, erreicht der Gig mit dem Hit „Pittsburgh“ einen Höhepunkt, der schließlich im abschließenden „Death’s Hand“ samt ‚Wall of Death‘ kulminiert.

THE AMITY AFFLICTION Setlist

  1. Coffin
  2. All My Friends Are Dead
  3. Open Letter
  4. Feels Like I’m Dying
  5. Soak Me In Bleach
  6. Shine On
  7. Ivy (Doomsday)
  8. Don’t Lean On Me
  9. Pittsburgh
  10. Death’s Hand

BEARTOOTH

Gegen Ende der Umbaupause präsentiert sich das zuvor in schwarze Tücher gehüllte Stageset endlich in voller Pracht: Vor dem orangefarbenen Backdrop im Hintergrund thront auf knapp anderthalb Metern Höhe das Schlagzeug von Connor Denis, während links und rechts zwei Mauern aus Orange-Amps die Vorderseite der oberen Ebene markieren und später mehrfach von Bassist Oshie und Gitarrist Zach erklommen werden soll. Durchaus imposant und doch kein Vergleich zum Geschehen vor den Brettern, wo sich die wartenden Fans in der stickigen Halle immer dichter aneinanderdrängen.

„Munich, you crazy motherfuckers!“, heißt uns Sänger Caleb Shomo nach dem verzerrten Intro Willkommen, bevor zum dreckigen Riff des Hits „The Lines“ eine Reihe von Kanonen die vorderen Reihen in Flitter baden lässt. Es ist der passende Startschuss für den Wahnsinn, der in den nächsten 75 Minuten folgen wird. Während BEARTOOTH über die Bühne fegen, verwandelt sich die TonHalle zeitgleich in ein Tollhaus.

Bei BEARTOOTH wird in München jeder Track zum Singalong

Die zweitausend Anhänger singen die Strophen von „Hated“ teils lauter als Shomo selbst, während sie die zahlreichen Crowdsurfer sicher am Pit vorbeireichen. Da der gut abgemischte Sound zudem dennoch Kante zeigt, bleibt selbst beim eingängigen „Afterall“ kein Bein still auf dem Boden. Dass Caleb Shomo den Track als „Singalong“ ankündigt, entlockt uns hingegen ein Schmunzeln – den Münchnern sei Dank könnten wir das an diesem Abend über jede der Nummern sagen.

Zum Beispiel über die räudige Rock-Hymne „Bad Listener“, wo geballte Fäuste und lodernde Flammen im Takt die Hallendecke küssen möchten. Ob mit oder ohne Pyro, auch dank der starken Backing Vocals von Bassist Oshie und Drummer Connor haben das erwähnte „Bad Listener“ oder „You Never Know“ genug Dampf, um die Temperatur in der ohnehin schon kochenden Lokalität noch ein bis zwei Grad weiter nach oben zu schrauben.

Frontmann und Bandchef Caleb Shomo

Gitarrist Kamrom Bradbury bei der Arbeit

Es ist ein Erlebnis, BEARTOOTH-Drummer Connor Denis bei der Arbeit zu beobachten

Und sollte selbst das nicht reichen, greift Frontmann Caleb Shomo in „Fire“ eben selbst zur E-Gitarre, nachdem er zuvor noch im oldschooligen Hardcore-Track „I Have A Problem“ den bislang größten Circle Pit des Abends bewundert hatte. Wäre das überlange Schlagzeugsolo im zweiten Drittel nicht, fiele es uns ausgesprochen schwer, das Haar in der Suppe zu finden. Dass es nun ausgerechnet Connor Denis trifft, ist eigentlich nicht ganz fair. Denn abseits der kraftvollen Performance ist es ein Erlebnis für sich, den engagierten Drummer bei der Arbeit zu beobachten.

Direkt hinter dem Graben bleibt dafür kaum Zeit: Zum Klassiker „Body Bag“ erstreckt sich der Durchmesser des Moshpits zwischenzeitlich über den kompletten Zentralbereich. Das Sahnehäubchen dieses Irrsinns erspähen wir jedoch am äußersten Rand, wo ein Fan in Ekstase kurzerhand die Traverse erklimmt, um aus zwei Metern Höhe zurück in die Meute zu springen. Damit die Situation nicht gänzlich eskaliert, nehmen BEARTOOTH mit „Disease“ das Tempo etwas raus – aber erst nachdem die 2000 Münchner Schomos extra eingeflogener Ehefrau im Kollektiv die besten Wünsche zum Geburtstag entrichtet haben.

BEARTOOTH beenden die Show so, wie sie begonnen hat: mit einem Knall

Als sich die US-Amerikaner schließlich unter Funkenregen von einem Chor aus tausend Kehlen verabschieden, ist dies freilich nur vorübergehend. Eine Überraschung ist die Zugabe wohl für niemanden in der Halle: „You know what song it is.“, kommentiert Caleb Shomo das bevorstehende „In Between“. Und tatsächlich behält der Sänger recht: Ein letztes Mal singen, tanzen, springen, moshen die angereisten Fans, während die TonHalle sich zusehends mit Nebel füllt. Es ist das Finale einer einzigen riesigen Party, die so endet, wie sie begonnen hat: mit einem lauten Knall und buntem Flitter, das auf dem Weg zur S-Bahn noch so manche Haarpracht schmücken wird.

BEARTOOTH Setlist

  1. The Lines
  2. Enemy
  3. Hated
  4. Aggressive
  5. Afterall
  6. Bad Listener
  7. I Have A Problem
  8. You Never Know
  9. Manipulation
  10. Drum Solo
  11. Fire
  12. Beaten In Lips
  13. Sick Of Me
  14. Body Bag
  15. Disease
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  16. In Between

Fotogalerie: BEARTOOTH, THE AMITY AFFLICTION, HIGHER POWER

Florian Schaffer
Genres: Black Metal, Death Metal, Melodic Death Metal, Metalcore, Post Metal, Progressive, Rock, Thrash Metal.