VAN CANTO: Für die Musik leben ist wichtiger, als von der Musik zu leben

VAN CANTO: Für die Musik leben ist wichtiger, als von der Musik zu leben

Das Album „Tribe Of Force“ ist seit einigen Monaten im Handel. Bevor es nun im Dezember und Januar wieder auf Headliner-Tour geht (präsentiert von Vampster), waren VAN CANTO auf diversen Festivals und sowie Oktober im Vorprogramm von BLIND GUARDIAN auf deutschen Bühnen. Zwischendurch blieb Zeit für ein ausführliches Gespräch mit Bandgründer Stefan Schmidt über Album, Tour und seinen Dikatorstatus.

Wie kam es dazu, dass Du nicht mehr Banddiktator bist beim Songwriting, sondern dass die ganzen anderen Namen von den Bandleuten auch auftauchen? Was ist da hinter den Kulissen passiert?

Ich bin anscheinend nach wie vor Banddiktator. Meine Bandmitglieder sagen immer, dass jeder das machen darf, was ich sage, haha. Nee, im Ernst: Wir hatten vor der Platte auf jeden Fall gesagt, dass jeder, der Ideen hat, die anbringen soll. Wir wollten die Cover ein bisschen zurückschrauben. Und damit dann nicht der ganze Songwriterdruck auf einer Person lastet, hatte ich da vorher schon drum gebeten. Also gerade mit dem Ike war ich ja früher schon in einer Band und weiß auch, dass er sehr, sehr viele Lieder schreibt. Der Ross ist auch einer, der sich jetzt zwar nicht unbedingt zu Hause hinsetzt und einen Song fertig arrangiert, aber der halt manchmal total coole Ideen hat wie zum Beispiel diesen Soloriff bei „One To Ten“. Das fällt ihm dann halt ein, dann spricht er das schnell auf sein Handy und spielt es mir am nächsten Tag vor – und schwups kann man da einen Teil draus machen. Und der Sly, der hat auch wirklich sehr kreative Momente, wo dann diese Ballade „Last Night Of The Kings“ bei rauskam.

Und wenn dann so Songs dabei rauskommen, wäre ich sehr doof, wenn ich sagen würde: Ne, ich schreib jetzt selbst ’ne Ballade, die nicht halb so gut ist. Das werden wir auch öfter so machen auf der nächsten Platte, denke ich. Wen die Muse küsst, der steuert dann Songs oder Teile oder mal eine Melodie dazu bei.

Wie war es bei dir, wenn du jetzt neue Songs schreibst? Setzt du dich einfach ans Klavier und sagst: „Hallo Muse, küss mich!“ und wartest darauf, dass dir Texte oder Melodien einfallen?

Eigentlich ist es genau so. Beziehungsweise ich warte da nicht drauf. Ich hab das recht gut im Gefühl, ob ich jetzt irgendwie gut drauf bin oder nicht. Und dann setze ich mich entweder ans Klavier oder an die Gitarre und hab nebenher immer den Computer mitlaufen. Das heißt, alles was ich irgendwie dudel, wird aufgenommen, so dass ich dann, wenn mir irgendwas ganz Tolles eingefallen sein sollte beim Rumimprovisieren, das auch direkt wieder hab.

Die Songs selbst sind relativ schnell fertig geschrieben. Aber wenn es dann ans Detail geht, ans Ausarrangieren – oder wenn irgendwo bei einem Song noch eine Bridge oder Überleitung ins Solo fehlt, wo ich noch einen ganz anderen Teil machen will -, da kuck ich manchmal auch in alten Dateien nach – „Was hast denn du letztes Jahr gemacht, wo kein ganzer Song draus geworden ist?“ – und bediene mich einzelner Teile. Zum Beispiel bei „Lost Forever“ dieser Roll-in-de-ran-dan-dou-Breakpart, das war so einer, den ich irgendwann mal geschrieben hab, weil ich wahrscheinlich einen ganz anderen Song im Kopf hatte. Den hab ich wieder zur Seite gelegt. Und das war dann irgendwie eine super Gelegenheit, den in so einen Song einzubauen, wo er eigentlich auf den ersten Blick vielleicht gar nicht dazu passt, damit man mal ein bisschen aus dem Schema ausbricht.

CD-Cover Tribe of Force
Stefan Schmidt über die Stilentwicklung auf der aktuellen CD „Tribe Of Force„: „Das ist eher das Ausgewogene, wie ich jetzt Musik hören würde. Wenn das jetzt VerMANOWARisierung ist, dann ist das ok.“

Kann es sein, dass das Lied „Hearted“ am meisten Zeit gebraucht hat? In meinen Ohren ist es das komplexeste Stück auf dem Album.

Aufnahmetechnisch auf jeden Fall. Da hängt auch immer das eine vom anderen ab. Da hat man das eigentlich schon fertig, aber dann kommen die Vocals von dem Gaststänger. Die sind dann doch anders, als wenn man selbst die Spur vorsingt. Dann macht man andere zweite Stimmen dazu und einen anderen Chor. Vom Aufnahmeprozess hat das auf jeden Fall am längsten gedauert, da es auch sehr komplex ist mit Chören und Growls und ganz vielen Stimmen. Vom Komponieren her kann ich es jetzt nicht mehr sagen. Ich weiß aber, dass das erste Stück, das ich für die neue Platte geschrieben hatte, „My Voice“ war. Und das zweite war dann direkt „Hearted“. Am Anfang geht es eigentlich immer recht schnell.

Das letzten zwei, drei Stücke, die man da schreibt, die sind immer ein bisschen haarig. Die müssen irgendwie noch aufs Album passen. Es darf jetzt nicht ganz rausfallen. Man will sich aber auch nicht wiederholen und denkt dann: Oh, ich hab jetzt schon ganz schön viele Ideen verbraten. Da muss man einen Mittelweg finden. Das sind dann meistens so die eher poppigen Stücke, die dann nicht mehr so total ausgefallen sind, sondern die man einfach gut hören kann wie „Tribe Of Force“ zum Beispiel oder „Water Fire Heaven Earth“. Das sind so Stücke, die am Ende kommen, wo man eher noch normale Rocksongs schreibt und nicht so ganz abgefahrene Sachen.

Ist die Tendenz jetzt eher in meiner Einbildung oder macht ihr ein bisschen eine VerMANOWARisierung durch? Also in dem Sinn, dass ihr eher live-taugliche, eingängige Midtempo-Stück spielt und nicht mehr wie auf eurer ersten CD Hochgeschwindigkeit plus eine Ballade habt.

Ja, darüber haben wir uns ja schon unterhalten. Das war eigentlich schon beim Schritt von der ersten zur zweiten Platte so. Die erste Platte war für mich eher das Extrem. So wie es jetzt auf der neuen Platte ist – das ist eher das Ausgewogene, wie ich jetzt Musik hören würde. Da ist auch mal was Schnelles drauf wie „One To Ten“ oder auch mal schnelle Doublebass-Parts in anderen Stücken wie „Hearted“ oder so. Und dann gibt es aber halt auch Stampfrocker, die dann im Midtempo angesiedelt sind.

Auf der ersten CD war einfach der fehlende Basswumms der Grund dafür, dass man bei den Stücken, die eigentlich Half Time geplant waren, gesagt hat: Da lassen wir halt auch die 16tel-Bassdrum durchballern – weil wir einfach gar kein Gefühl dafür hatten, wie man jetzt diesen Druck erzeugt. Wenn es nach Metal klingen soll, kann man sich immer auf eine Doublebass zurückziehen. Das war eigentlich aus der Not geboren. Es nicht so, dass ich vor allem Speed Metal-Platten höre, sondern eher so eine Mischung, wie es auch auf der jetzigen Platte ist und so soll es eigentlich auch sein. Wenn das jetzt VerMANOWARisierung ist, dann ist das ok, solang wir nicht irgendwann dazu anfangen, nur noch sechs Lieder aufzunehmen und den ganzen Zwischenteil mit Hörspiel vollzumachen. Das ist nicht das Ziel.

Daraus schließe ich, dass euer nächstes Album, kein Konzeptalbum wird.

Nö, das wäre jetzt auch irgendwie zu hoch gegriffen. So etwas wie „Hearted“, wo man versucht, etwas mit verschiedenen Charakteren zu machen – mal so ein Song oder auch was über zwei oder drei Songs sogar, wo man dann sagen kann, die kommen auf einem Album vor und haben irgendwie ein bisschen was miteinander zu tun – das fände ich mal cool. Aber jetzt ein komplettes Konzeptalbum… da würde ich eher sagen, wir machen es umgekehrt: Wenn jemand, der das auch kann, eine wirklich geile Story schreibt, dass man da so eine Art Musik zur Story macht. Also eher wie einer, der Filmmusik schreibt. Aber dass wir jetzt selbst ein Konzeptalbum machen mit einer Story, die dann auch wirklich fesselt, das glaub ich im Moment eher nicht. Da braucht man dann schon externe Hilfe.

Wenn ich die Konzeptalben anschaue, die ich im Schrank habe, da haben die meisten mich nie als Konzeptalben interessiert. Ich finde die zwar gut, aber fänd sie auch gut, wenn sie kein Konzeptalbum wären. Die DREAM THEATER-Sache zum Beispiel oder so. Ich merk da gar nicht so, dass da ein Konzept drum herum ist.

VAN CANTO Live-Foto (c) Jutze@vampster.com
„Am liebsten würde ich nur noch Cover machen, wo dann der Originalsänger mitsingt.“ (Stefan Schmidt (r.) wartet immer noch auf den Anruf von James Hetfield.)

Was hast du seit dem ersten Album in Sachen Aufnahmetechnik dazugelernt, insbesondere da ihr ja die letzten beiden Alben mit Charlie Bauerfeind aufgenommen habt?

Der größte soundtechnische Unterschied war sicher zwischen der ersten und der zweiten Platte. Man hört, dass ziemlich viel bei den Silben, die wir singen, und der Art des Sounds bei der „Hero“ passiert ist. Bei der „Tribe Of Force“ dann nicht mehr so, denke ich. Wir haben uns da schon ein bisschen gefunden. Charlie hat da supergroßen Einfluss gehabt, indem er einfach ignoriert hat, dass wir Sänger sind. Er hat gesagt, er tut jetzt so, als wären wir wirklich genau das Instrument, das wir imitieren wollen. Er hat das viel konsequenter gemacht. Er hat gesagt, der Bass singt halt keinen Text, weil ein echter Bass auch keinen Text singen kann. Das kann man vielleicht mal so als Effekt bei einer Ballade bringen, wenn alle einen Satz singen. Aber er hat dann wirklich konsequent durchgesetzt, dass der Bass einfach dum-a-de-dum-a-de-dum oder sonstwas macht und hat dann mit Mikros ausprobiert, wie der Basssänger am wärmsten und am druckvollsten klingt, aber so dass man ihn gleichzeitig immer noch als Stimme wahrnimmt, und nicht so verdreht, dass man auch gleich einen echten Bass nehmen kann. Diese ganzen Ausprobierereien – welches Mikro, welche Silben, welche Stimmfärbung – die Konsequenz, mit der Charlie da rangegangen ist, war schon beeindruckend. Das war eigentlich zum ersten Mal in meinem Leben, dass ich so richtig gemerkt hab, was ein Produzent macht; dass der eigentlich so ein Konzept im Kopf hat und das dann auch noch verfolgen kann. Wir hatten uns Charlie zwar nicht rausgesucht – wir kannten ihn gar nicht – wir haben ihn uns nur gewünscht, weil er die meisten Platten in unserem Plattenschrank produziert hat. Aber dass der dann wirklich so variabel ist…

Wir kommen da rein und dem ist es völlig egal, dass wir keinen Gitarristen haben. Der nimmt dann die Sänger und zeigt, was man daraus machen kann. Das ist schon extrem faszinierend gewesen, wenn man mal vier Wochen mit so einem Typ im Studio verbringen kann. Da haben wir auch extrem viel gelernt, auch ich unabhängig von der Musik als Produzent in Sachen Aufnahmetechnik – wie wichtig oder unwichtig dann doch Equipment ist. Da lernt man wahrscheinlich mehr, als wenn man acht Jahre Tontechnik studiert. Echt cool.

Das war also nicht einfach Schema F, wo jeder, der da ankommt, die gleiche Produktion bekommt, egal ob das jetzt RAGE oder HELLOWEEN sind?

Wenn die Platten hört, merkt man, dass das bei Charlie ganz anders ist als bei Andy Sneap-Produktionen, auf die ich auch stehe – aber nach der vierten Andy Sneap-Platte, wenn man immer merkt, dass das immer genau derselbe Snare-Sample ist, den er auf die Snare legt, ist der Gag dann irgendwann weg beziehungsweise weiß man auch immer sofort, wer es produziert hat. Jetzt gerade der Unterschied von RAGE, die so richtig erdig klingen zu etwas mit Hang zum Überprozierten wie BLIND GUARDIAN und dann auf einmal eine Band ohne Gitarren – da musst du schon einen Bandbreite haben. Was man nicht so weiß: Charlie hat auch ganz andere Sachen gemacht. Er hat ja wirklich World Music-Sachen gemacht und Popsachen, hat mit Sarah Brightman gearbeitet. Der ist sehr offen im Kopf und er ist nicht so engstirnig, wie man bei der Trueheit der Bands, die er produziert, vielleicht glauben könnte. Ich denke, der könnte auch ein 1A-Salsa-Album machen, wenn man ihm da die Freiheit gibt. Nur die besten Kunden, die er hat, kommen aus dem Metal und das findet er auch sehr gut, das macht ihm Spaß.

Noch eine Frage dazu, eigentlich zum vorherigen Album: Ihr habt für „Hero“ damals „Carry On“ von ANGRA aufgenommen, das inzwischen auf der Wiederveröffentlichung erschienen ist. Die Platte „Angels Cry“ wurde damals ja auch von Charlie Bauerfeind zusammen mit Sascha Paeth produziert. Gab es da von Produzentenseite ein Wiedererkennen?

Aber hallo! Der hat so gekotzt, weil er das Ding schon wieder aufnehmen musste, da gerade diese extreme Doublebass-Lastigkeit bei den Schlagzeugaufnahmen etwas Geduld erfordert und dicke Beine vom Drummer. Aber ohne jetzt irgendwem auf den Schlips treten zu wollen, kann ich durchaus berichten, dass Charlie gesagt hat, dass die Aufnahmen, die Basti da gemacht hat, auf jeden Fall unstressiger waren als das, wie er es in Erinnerung hatte. Basti ist eh sehr fit und hat das Ding in einem halben Tag eingeprügelt. Aber als wir angefangen haben, meinte er: „Oh nein, das ganze noch mal!“ Da das aber von vornerein als Bonustrack geplant und ziemlich am Ende der Produktion war, war klar, dass alles andere – alle Stimmen – ich dann aufnehme. Von daher hatte er mit dem Lied gar nicht so viel Arbeit. Sind ja auch sehr viel Stimmen und ist ja auch ein ziemlich progressiver Song, gerade im Mittelteil sind rhythmische Sachen, da ist das für einen Sänger schon Kopfarbeit, immer dran zu denken, wann jetzt wieder irgendein Ton vorgezogen ist. Den Stress hat Charlie gar nicht mitgekriegt; das hab alles ich gemacht. Aber das Ergebnis fand ich dann sehr schön, weil ANGRA zwar nicht so eine krasse Lieblingsband von mir sind wie BLIND GUARDIAN, aber halt trotzdem so eine, die ich in den Teenie-Jahren entdeckt habe. Dementsprechend hat man ein ganz anderes Gefühl für so ein Lied. Das hört man gar nicht so als Musiker – was machen die da eigentlich? Das fand ich interessant, wenn man darauf mal geachtet hat. Aber eigentlich hört man es so als Fan und findet es super, wenn man es covert. „Angels Cry“ ist übrigens die einzige goldene Schallplatte, die Charlie für ein Metal-Album bekommen hat, ich glaub in Japan. Die liegt wohl zu Hause bei ihm unterm Bett, hat er gemeint.

Ihr wart ja mal in Brasilien vor zwei Jahren. Da habe ich mich gewundert, warum ihr das Lied nicht früher veröffentlicht habt. Das wäre vor Ort doch sicher beliebt.

Das war wirklich blöd gelaufen. Eigentlich war schon geplant, das mit auf die brasilianische Veröffentlichung mit drauf zu machen. Die Lizenzierung von „Hero“ hat sich durch die Auflösung von GUN solang hingezogen, dass es einfach ziemlich spät kam. Für uns war es letztlich nicht so wichtig, weil wir es doch nicht mehr geschafft haben, noch mal nach Brasilien zu kommen. Das hat sich dann leider zerschlagen. Von daher kam es halt einfach ein bisschen später als geplant raus. Aber es kam raus und es war nicht nur für die Brasilianer, sondern für die ganzen Südamerikaner auf jeden Fall cool, weil das da so ein richtiger Hit war, den auch jeder kennt, egal ob er Metal hört oder nicht. Und ich hab dann sogar ein Interview mitgekriegt, wo die jetzige ANGRA-Besetzung das gehört hat und wohl gut fand, und Andre Matos hat es uns auch selbst gesagt, dass er es sehr gut fand.

Du hast schon gesagt, dass BLIND GUARDIAN eine deiner Lieblingsbands sind. Wenn es dich nicht stört, würde ich ein paar Fragen zur momentan noch laufenden Tour stellen. Ihr seid ja gerade noch mehr oder weniger unterwegs.

Jetzt gerade nicht, weil wir die Band in Deutschland begleiten dürfen und die sind gerade in Italien unterwegs.

Ja, da müssen sie wieder die Lieder der ersten Platten spielen.

Naja, du warst ja in Ludwigsburg da. Sie haben ja ein sehr Best-of-lastiges Set gemacht. Ich hätte gerne sogar noch ein Lied mehr oder zwei von der aktuellen Platte gehört.

Ach nicht doch. Ich wollte mich eigentlich hinstellen und über BLIND GUARDIAN schimpfen, aber das Konzert und die Songauswahl waren so gut („Banish From Sanctuary“!), dass ich gar nicht dazu gekommen bin.

Du hattest dir also vorgenommen zu schimpfen, dass sie keine alten Sachen mehr spielen?

Genau: keine alten Sachen, dazu jetzt Samples mit dem Orchester und Standfußball im Vergleich zu euch.

Na, ich glaub, so schnell läuft man denen nicht den Rang ab. Die sind schon eine Macht. Vor allem ist es halt geil, dass die BLIND GUARDIAN-Fans von der Zusammensetzung immer noch genauso sind, wie als ich mein erstes BLIND GUARDIAN-Konzert gehört hab. Da sind sehr viele 16- bis 19-Jährige, die gerade den Metal für sich entdecken und gleichzeitig auf diese Fantasy-Themen stehen. Dann ist das natürlich eh die geilste Band. Und die sind alle super mitsingfreudig und echt gut drauf. Ich hab noch keinen beim BLIND GUARDIAN-Konzert erlebt – auch schon damals nicht, wo ich sozusagen nur im Publikum stand -, der irgendwie schlechte Laune hat. Bei anderen Konzerten gibt es ja immer irgendwelche, wo du denkst: Oh der kippt jetzt gleich – der ist so besoffen und kuckt schon so aggro. Bei BLIND GUARDIAN habe ich immer das Gefühl, dass alle so ausgelassen und enthusiastisch sind. Ich finde es geil, dass die Band das seit über 20 Jahren verbreitet. Das ist schon faszinierend.

Fühlst du dich jung, wenn ihr da jeden Abend vor einer zehn Jahre älteren Band spielt?

Da habe ich jetzt ehrlich gesagt noch nie drauf geachtet. Ist mit BLIND GUARDIAN bei mir auch was ganz Spezielles. Ich habe die als 16-Jähriger für mich entdeckt. Da denke ich eher, mein Gott, wie lang ist das jetzt schon her – da fühle ich mich eher alt verglichen mit mir selbst.

Aber nö. BLIND GUARDIAN sind ja ganz normal. Die haben auch noch nie die unfassbare Bühnenshow gemacht, wo Hansi irgendwo auf Boxentürme geklettert wär. Deswegen ist das eine 1A-Besetzung, wo man ruhig auch mal vier Jahre älter sein kann und echt noch ein super Konzert spielen kann. Die stehen dann halt an ihren Mikros und singen und Hansi bedient mal jede Bühnenseite. Aber er ist ja keiner, der jetzt Kilometer macht bei so einem Konzert. Das funktioniert bestimmt auch in zehn Jahren noch so.

Fühlst du dich alt, wenn ihr da jeden Abend nach einer zehn Jahre jüngeren Band (STEELWING) spielt?

Ja, das auf jeden Fall! Das ist echt so richtig Rock’n’Roll. Das ist unfassbar. Genauso wie man sich das immer vorstellt – so wie ich mir das auch vorgestellt hätte, wenn das mit meiner ersten Band irgendwie geklappt hätte. Da wären wir wahrscheinlich auch so abgegangen. Das ist schon faszinierend. Ich hoffe, dass sie jetzt bei den nächsten Konzerten endlich mal ein bisschen müder sind. Ansonsten sind die immer wie aufgezogen. Das ist echt der Hammer.

Wie stehst du zu weißen Tennissocken?

Ja, also… (Pause) Puh, ich weiß nicht. Die Publikumsreaktionen sprechen ja auch eine eindeutige Sprache. Ich denke mal, dass es eher gut ankommt, als dass es nicht ankommt. Aber ich kann auch, ohne jetzt total eingebildet zu sein, sagen, dass es bei uns immer noch mal eine Stufe lauter wurde jetzt auf der Tour.

Auf jeden Fall.

Die Publikumsreaktionen sind doch viel objektiver, gerade in so einer Masse, wenn 2000 Leute da sind, wovon du auch sicher sein kannst, dass mindestens 1500 dich noch nie gehört haben – und manche haben uns natürlich gehört oder zumindest schon mal den Namen, – aber wie gesagt, so eine Publikumsmenge ist immer relativ objektiv und ich glaub, man merkt schon, dass viele von den Leuten sagen: Ja, das ist ja ganz lustig, aber das war irgendwie so vor 30 Jahren die Musik. Und jetzt ist halt eine andere Zeit. Das ist cool, dass es eine Band gibt, die das genauso macht wie früher. Aber es klingt doch nicht so cool wie die „Killers“ von MAIDEN. Da finde ich manchmal komisch, dass uns vorgeworfen wird, gerade jetzt teilweise von medialer Seite: „Warum ist denn der Witz jetzt nicht langsam mal vorbei?“ Jede Band hat halt irgendwas Besonderes. Wobei es auch Bands gibt, da haben gar nichts Besonderes. Und deswegen geht man dann zu so einer Band. Ich werde jetzt irgendwann auch noch mein sechstes NIGHTWISH-Konzert ankucken und nicht das Gefühl haben: „Och, ist der Witz, dass da eine Frau singt, jetzt nicht langsam mal vorbei?“ Das ist einfach der Stil der Band und da steh ich halt drauf und das finde ich cool. So sehe ich das auch bei STEELWING. Wenn jetzt einer so in dem Retro-Style unterwegs ist, der kann sich freuen, dass echt junge Leute so Musik machen – und die stehen auch echt drauf. Das kann ich jetzt wirklich bezeugen aus nächster Nähe. Die hören auch die ganze Zeit im Backstageraum nichts anderes als New Wave of British Heavy Metal. Die machen das wirklich so. Die ziehen das voll durch und es ist nicht so, dass die jetzt lieber FEAR FACTORY-mäßigen Industrial Metal machen. Die leben das 100%. Da hab ich vollen Respekt vor, dass es eine Band gibt, die das so macht.

VAN CANTO Live-Foto (c) Jutze@vampster.com
„Unterschätzt werden ist total geil.“ (Stefan Schmidt freut sich, wenn VAN CANTO live die Skeptiker überraschen.)

Mein Kollege, der den Live-Bericht von Düsseldorf geschrieben hat, konnte mit eurer Musik zwar nicht so viel anfangen, war dann aber doch überrascht, das außer ihm fast alle in der Halle sehr begeistert waren.

Mir ist es auch so rum viel lieber. Es gibt Bands, über die immer nur geschrieben wird, wie toll sie doch sind. Die sollen doch alle gefälligst mal toll finden. Und dann gehst du hin und hörst ein paar Sachen an und denkst: Was soll die Kacke eigentlich? Dann lieber so. Unterschätzt werden ist total geil. Solang in den Zeitungen steht, das ist kacke und eigentlich kein Metal – und denen fällt dann das Gesicht runter, dass es doch laut ist und nicht ganz scheiße klingt. Das ist uns viel lieber.

Es wurde auch zur Kenntnis genommen, dass es nicht nur ein Witz ist, sondern dass da eine hungrige Band auf der Bühne steht, die das jetzt nicht macht, weil es Geld gibt oder weil es nur lustig ist, sondern einfach weil es Metal ist.

Ja, und jeder, der – egal in welcher Funktion – ein bisschen in der Musik unterwegs ist, weiß ja, was Bands unserer Größe verdienen. Nämlich gar nichts. Wir sind inzwischen soweit, dass wir echt gut unsere Musik machen können, ohne irgendwie draufzulegen, und das auch echt auf gutem Niveau. Wir können mit Charlie Bauerfeind produzieren, ohne jetzt Angst zu haben: Scheiße, wir brauchen jetzt einen Tag länger fürs Schlagzeug. Aber keiner von uns könnte es sich ansatzweise leisten, seinem Job nicht nachzugehen. Klar, wenn du jetzt große Hallen alleine ausverkaufst, mag das vielleicht gehen. Wenn wir bei unserer Headliner-Tour im Schnitt 300 Leute da haben, dann ist das super für eine Band, die es erst zwei Jahre gibt. Aber du kannst dir dann ausrechnen, wenn das 12 Euro Eintritt gibt und man die Kosten dagegenrechnet und berücksichtigt, dass man einmal im Jahr auf Tour gehen kann, das wäre ein ziemlich trauriges Leben, wenn man davon leben könnte.

Das ist aber auch gar nicht wichtig, dieser Spruch: Könnt ihr von der Musik leben? Was heißt das schon, „davon leben können“? Klar, wenn wir jetzt alle in eine Garage ziehen und uns da drei Stockbetten reinstellen, können wir auch von der Musik leben. Aber es ist schöner für die Musik zu leben und sich nicht dauernd Gedanken machen zu müssen, ob man jetzt eine Platte mehr verkauft oder nicht. Es macht halt auch einfach Spaß. Wir machen alle schon ewig Musik und es hat halt vorher nie geklappt. Das kann man ja so ehrlich sagen.

Gerade die Leute, die sich jetzt so drüber beschweren, sind eigentlich genau die, die vorher gesagt haben, zum Beispiel bei JESTER`S FUNERAL: Das klingt ja wie METALLICA. Gerade die Medienleute sind dann selbst schuld. Da musst du sie eigentlich fragen, was sie denn wollen. Entweder kriegen sie eine Band angeboten, die genau das macht, was man schon kennt, und nur so ganz kleine Veränderungen macht – mal eine 7-saitige Gitarre oder ein Keyboard einbaut -, aber eigentlich klingt wie METALLICA. Das ist aber nicht gewollt, das klingt scheiße, das ist blöd. Oder man macht dann mal etwas anders, was dann auch noch ankommt, aber das ist dann auch blöd. Ist manchmal schon sehr anstrengend. Hätte ich auch nicht gedacht, dass mir das mal so auf den Sack geht diese mediale Beurteilung. Ich hatte immer gedacht, das ist mir egal, aber manchmal ist es echt nervig.

Zum Journalismus gehört doch neben aller Meinung, die man sich ja erlauben darf – das find ich auch gut -, auch erstmal eine halbwegs objektive – was immer schwer ist – Berichterstattung. Wir waren jetzt zum Beispiel auf dem SUMMER BREEZE. Ich weiß nicht, wie viele Leute da waren. Aber das waren keine 5000, eher 8000-10000. Wir haben samstags um 1 Uhr mittags gespielt. Bei der Band vor uns waren so ungefähr die ersten drei Reihen gefüllt, vielleicht 220 Leute – und die war auch gut die Band. Dann war Umbaupause. Wir ziehen uns hinter der Bühne um, kommen auf die Bühne und dann ist das ganze Ding voll bis hinter zum FOH. Dann spielen wir einen Gig, der echt viel Spaß macht. So auf der großen Bühne ist ja auch total geil so – fühlt man sich wie ein Rockstar. Die Hände sind oben bis hinten, alle feiern uns total ab und finden es total super. Und danach liest man in so Kritiken: „Das war total scheiße, wann ist der Witz eigentlich mal vorbei?“ Da muss ich echt sagen, das ist ja ok, wenn das jemand als Meinung schreibt. Aber da könnte man wenigstens als Metal-Journalist erst mal in den Text schreiben: Das kam echt gut an bei den Leuten. Dann kann man ja danach seine Meinung dazu sagen. Da macht man es sich ein bisschen einfach, finde ich. Man kann sagen: Jaja, das sind halt so Kasper, die singen Gitarrensolos. Das hat sich mal einer so im Keller ausgedacht. Jetzt macht der einmal kurz diddeldi-diddeli und das ist dann quasi irgendwie die Band. Wenn das die Band wäre, würden wir keine drei Alben machen, wir würden nicht mit BLIND GUARDIAN auf Tour gehen, wir würden nicht bei TARJA, GRAVE DIGGER und BLIND GUARDIAN mitsingen. Das wär dann alles nicht. Das könnte man ab und zu auch mal schreiben, selbst wenn man in einer großen deutschen Zeitschrift mit Metal im Namen arbeitet.

Du hast auf der neuen CD ja ein Lied mit dem Wort Metal im Titel geschrieben, dass das gut auf den Punkt bringt. Anderes Thema: Werdet ihr auch mal eine HELLOWEEN-Coverversion aufnehmen?

Ich glaub nicht. Bei der Songauswahl bei „Hero“ war von vornerein klar, dass das ein halb-halb-Album werden soll. Da hatten wir auch HELLOWEEN dabei. Das hätte dann Inga gesungen, irgendeinen Song aus der Kiske-Ära, wo sie entsprechend hoch singen kann. Da fanden wir es aber cooler, „Carry On“ zu machen, weil das so choral ist. Mit den Coverversionen werden wir das jetzt so halten wie auf dem aktuellen Album. Zwei Cover, vielleicht auch mal drei, wenn wir noch einen Bonustrack machen. Aber die müssen dann so richtig, richtig cool sein und nicht einfach nur „Was könnte man noch covern?“ Für die neue Platte wissen wir noch überhaupt nicht, was wir covern. Wir werden bestimmt was covern. Macht ja auch Spaß live. Am liebsten würde ich nur noch Cover machen, wo dann der Originalsänger mitsingt wie jetzt bei „Rebellion“ (GRAVE DIGGER). Aber das ist natürlich nicht so einfach. James Hetfield antwortet nicht. Ich weiß auch nicht. Komisch.

Live habt ihr ja Knöpfe im Ohr, wo ihr eure Monitorboxen drin versteckt habt. Was hört ihr da, was das Publikum nicht hört?

Wir hören einen Klick. Schon während der Ansage zählt der eigentlich schon die ganze Zeit durch, damit man in das Tempo reinkommt. Wenn das Lied wirklich anfängt, kommt auf unseren Ohren der Anfangsakkord als Klavierakkord, so dass jeder weiß, welchen Ton er zu singen hat – und dann geht’s los. Natürlich haben wir dann einen ganz normalen Monitor-Mix drauf. Jeder hört sich selbst und die anderen Stimmen etwas leiser. Je nachdem, wo man auf der Bühne steht, macht man das auch links-rechts, damit es sich so anfühlt, als würde man die in echt hören. Ich, der ich ganz links stehe, hab meine Stimme in der Mitte und hab die Stimme von Ross ganz auf rechts, weil er von mir aus gesehen rechts steht.

Wie ist das live als Rhythmus-Sänger im Vergleich zum Rhythmus-Gitarrist: Was sind die häufigsten Verspieler oder Patzer, die vorkommen?

Wir sind quasi permanent nicht gestimmt. Das ist einfach so. Bei einer Gitarre haust du einfach drauf und hast die beiden Bundstäbchen, die den richtigen Ton ergeben, egal wo du triffst. Bei uns ist es halt so, wir sind permanent ein bisschen nebendran. Das zieht sich immer so hin und her. Wir hören ja die anderen. Wenn da einer zu hoch wird und die anderen tiefer sind, muss sich das wieder eingrooven. Es wird bestimmt Teile geben, wenn die sich jetzt bei YouTube ankuckt, die werden einen halben Ton höher aufhören als sie anfangen. Aber solang es in sich immer stimmt, ist es ja egal.

Zum Abschluss bekommst du noch eine Frage, die ich schon im HELLOWEEN-Interview vorhin gestellt habe: Welche ist besser, die Keeper I oder die Keeper II?

I. Ich glaub es liegt auch daran, dass ich die I mal geschenkt bekommen und dann rauf und runter gehört hab. Irgendwann hab ich mir die zweite gekauft, die hat ich dann einfach nicht mehr so umgeblasen. Deshalb finde ich die erste wahrscheinlich besser.

Ich finde beide gleich gut…

Die spannende Frage wäre ja gewesen: Kann die Keeper III ansatzweise mit der I und II mithalten. Da würde ich sofort sagen: nein!

 

Hier noch die Termine der Wintertour 2010/2011:

 

We Sing Some Metal Songs - VAN CANTO Tour 2010/2011 präsentiert von Vampster

Jutze
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