MADE OUT OF BABIES: Unicorn Dreamcore

MADE OUT OF BABIES: Unicorn Dreamcore



Teil 1: Schau dir meinen Gürtel an, sieht er nicht schön aus?

Eine Lehrstunde in Sachen Underground liefern MADE OUT OF BABIES nicht nur auf der Bühne ab, die Noise Rock-Band aus New York City hat eine noch viel kompromisslosere Einstellung als viele andere Bands. Zuerst fällt meinerseits ein klares Es tut mir leid für euch, dass nur so wenige Nasen ihren Weg ins Orangehouse gefunden haben. Gitarrist Brendan winkt ab: Es ist ja schließlich Montag Abend. Und Sängerin Julie Christmas meint nur: Heute hatte ich mehr Spaß als vor drei Wochen, als wir vor 3.000 Leuten in London spielten. Wow, gute Einstellung.

MADE OUT OF BABIES existieren noch nicht wirklich lange, nach einem halben Jahr ihrer Existenz nahmen die New Yorker das erste Album Trophy auf – drei Songs standen bis dato, wurden mit ihrem alten Bassisten aufgenommen. Und danach wurden die restlichen Songs in nur einem Monat während den Aufnahmen geschrieben. Unser Produzent Joel Hamilton ließ uns viel besser dastehen, als wir es eigentlich verdient haben, gesteht Gitarrist Brendan und fügt hinzu: Vor unserer ersten Europatour schrieben wir die Hälfte des neuen Albums, mit dem Vorteil, dass wir diese Songs schon mal einem ersten Härtetest unterziehen konnten. Bassist Cooper meint: Das zweite Album ´Coward´ klingt mehr nach einem Album und nicht nach einzelnen Songs. Auf ´Trophy´ liebe ich aber jeden Einzelnen. Brendan ist das jedoch nicht genug, er plant ein Album, das von vorne bis hinten durchdacht ist.

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Es passierte oft, dass Julie den Song nicht fühlte. Also verwarfen wir ihn. Gitarrist Bunny über den Songwriting-Prozess zu Coward

Die lustige Runde macht auch um 1:00 Uhr nachts noch Scherze, nach einem anstrengenden Tag, wo es alle hart arbeitenden Musiker eigentlich in die Betten zieht. In der Tat, die Geschichte die Gitarrist Bunny zum Thema Plattenvertrag erzählt ist wirklich witzig. MADE OUT OF BABIES sind bei Neurot Recordings, dem Label der mächtigen NEUROSIS unter Vertrag. Doch zu Beginn verschickten sie an mehrere Plattenfirmen eine ungemasterte Version von Trophy und auch nur vier Songs davon. Dann rief Steve von Till (Sänger und Gitarrist von NEUROSIS – Anm. d. Verf.) bei mir an und ich nahm ihn gar nicht ernst. Denn unser Bassist Cooper war zu dieser Zeit mit seiner anderen Band PLAYERS CLUB in Kalifornien auf Tour und ich dachte, er wolle nur einen Telefonjoke betreiben, resümiert Brendan alias Bunny. Ich rief danach noch mal wutentbrannt bei Cooper an, was er sich denn einbilde und er wusste von gar nichts, sagte nur: ´Mit so was macht man keine Witze!´ Ich rief sofort wieder bei Steve von Till an und fragte ungläubig ob er wirklich Interesse an MADE OUT OF BABIES habe. Und so entstand eine wahre Liebesaffäre.

Über ihre Freunde NEUROSIS kam schließlich auch der Kontakt mit Produzentenkoryphäe Steve Albini und das neue Album wurde im berühmten Electrical Audio aufgenommen. Die Arbeit war jedoch nicht so leicht wie man es sich denkt. Steve lässt sich selten eine Gefühlsregung entlocken, nur hier und da wenn ihm etwas gefallen hat, sieht man das an einem Grinsen in seinem Gesicht, berichtet Julie, die wegen ihrer Halsschmerzen den Gig in Ljubiljana schweren Herzens sausen lassen musste. Wenn wir falsche Töne gespielt haben oder die Instrumente verstimmt waren hat er natürlich etwas gesagt, aber ansonsten war er sehr neutral. Und er nimmt schlicht und ergreifend das auf, was bereits vorhanden ist. Die ursprüngliche Musik. Das Album wurde live eingespielt, deshalb passt es sich der Livesituation bestens an, der Sound ist sehr ursprünglich, rau, wild und differenziert. Ein typischer Albini-Sound eben. Albini weiß, wo er die Mikrofone anbringen muss, welche Größe die Amps haben müssen und kennt sich in diesen technischen Fragen verdammt gut aus. Cooper ist davon noch immer sehr angetan. Das Beeindruckende an Albini ist jedoch, wie schnell er die Bänder schneidet. Das dauert nur ein paar Sekunden und er ist fertig damit. Ja, Steve Albini benutzt nicht den Computer zum Arbeiten. Er ist Purist und hat die Technik voll unter Kontrolle. Das Gerücht, dass Albini nicht jeden in sein Studio lässt stimmt übrigens nicht. Es ist eine Frage des Geldes, Bands die seiner Ideologie entsprechen knüpft er nicht so viel ab, wie großen Acts. Er ist kein Produzent, einfach ein Toningenieur, sein Studio ist offen, klärt Julie auf. Abschließend sind sich alle einig: Hätten wir ´Trophy´ bei Steve aufgenommen, es hätte scheiße geklungen.

Aber wie steht es denn mit dem beeindruckendem Cover von Coward? Darauf ist ein Junge zu sehen, dessen Gesicht vollkommen aufgeschürft und genäht ist. Hartes Teil, weil es realistisch ist. Das bin ich auf dem Cover, gesteht Schlagzeuger und Cartoon-Fan Matthew Egan. Ich war sieben Jahre alt, es gab den obligatorischen Familienausflug. Ich wollte über die Straße laufen, hatte nur das ´Space Invaders´-Spiel im Blick und habe nicht auf den Verkehr geachtet. Da hat mich ein Auto erfasst und ich wurde mit dem Gesicht über die Straße geschleift. Das Bild entstand eine Woche später. Autsch. Wir wählten dieses Bild aus, weil es realistisch ist. Weil es kein übertriebener Gore-Schnickschnack ist. Julie und Brendan sind sich einig.
Einig ist sich die Band auch bezüglich der Probleme, die das Artwork fast ausgelöst hätte. In Innsbruck fand der Veranstalter das Bild im Internet und druckte es auf Plakate. Die Leute waren alle aufgebracht, es stand in den Zeitungen, der Bürgermeister hat sich sogar eingeschaltet und die Leute von dem Club haben das einzig Richtige gemacht: Noch mehr Plakate wurden aufgehängt. Matthew zeigt sich amüsiert. Die Leute in Innsbruck wollen nicht so was Grausames sehen, die wollen nur Skifahren. Bassist Cooper hat einen Anflug von leichtem Sarkasmus. Die Plakate wurden einfach so von der Bevölkerung weggerissen. Julie ist fassungslos. Aber der Club distanzierte sich selbstverständlich von Kindesmisshandlung und wir konnten dann vor Ort erklären, dass es sich auf dem Bild nur um unseren Schlagzeuger handelt. Nochmal Glück gehabt.
Bezieht man das Artwork mit Covermodel Matthew auf den Titel, so könnte man meinen, dass man, egal wie man aussieht, den Mut haben soll sich zu zeigen. Ja! schreit Cooper, der mir im Vorfeld angekündigt hat, auf alles sarkastisch zu antworten. Das ist die beste Interpretation, die ich bisher gehört habe, sagt eine Julie, die das wirklich ernst meint. Danke für die Blumen.

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MADE OUT OF BABIES: Cooper, Julie, Bunny, Matthew

Apropos Interpretationen – der Name MADE OUT OF BABIES ist auch sehr bizarr. Probieren wir es noch mal mit der Deutung. Wir sind alle das, aus was wir gemacht wurden? Naja, das ist einfach ein Name, wir wissen gar nicht, wo genau er herkommt, lügt Cooper. Matthew weiß es besser. Ich habe eines Tages eine Sonnencreme im Geschäft gesehen auf der stand ´Made for babies´. Oder ist sie doch ´Made out of babies´? Ein großartiger Sinn für Humor.

Das Songwriting zu Coward ging übrigens recht schnell voran, aber es war frustierend. Cooper, Mat und ich haben die Grundgerüste ausgearbeitet. Dann passierte es oft, dass Julie hinzukam und sagte, dass sie den Song nicht fühlt. Also verwarfen wir ihn dann, stöhnt der gute Bunny, der übrigens die 1,90 locker überschreitet und von Tätowierungen übersäht und wie die anderen ein herzensguter Mensch ist. Aber die Mühe hat sich gelohnt, Coward ist ein unglaubliches Album geworden. Apropos, als was könnte man MADE OUT OF BABIES eigentlich kategorisieren? Unicorn Dreamcore, sagt Julie und die lustige Gesellschaft liegt vor Lachen fast unter dem Tisch. Ernsthaft, ich würde MADE OUT OF BABIES als Noise Rock bezeichnen. Wenn du damit die Ampetamine-Scheiben der frühen 90er meinst kann ich dir zustimmen, zeigt sich Cooper gnädig. Gut, denn ich höre hier und da eine entfernte Verwandtschaft zu den Ikonen UNSANE. Mit deren Basser bin ich übrigens bei PLAYER CLUB am Start, erklärt Cooper und ich habe einen Punkt mehr auf seiner Beliebtheitsskala.

Aber ernsthaft, wie läuft das Songwriting ab? Hat zur Abwechslung der Bassist auch was zu sagen? Songs wie Mandatory Bed Rest lassen darauf schließen. Naja, das habe ich einfach so dahingespielt, gesteht Cooper. Bunny entgegnet: Und mein Riff darüber habe ich nur gespielt um zu schauen wie lange Cooper das durchhält.Das Songwriting ist bei uns aufgeteilt, jeder steuert der Musik etwas bei.
Und jetzt die Preisfrage: Lieber die Songs mit Riffs voll stopfen, oder faul sein, nur wenige schreiben und die dann ordentlich entfalten lassen? Zu viel des Guten ist nichts. Keine Frage. Bunny bezieht Position. Aber Komplexität muss damit nichts zu tun haben. Im übrigen höre ich sehr gerne einige Math Metal-Sachen, relativiert Cooper. Eine Anekdote fügt Brendan zu diesem Thema hinzu: Als wir mit den Aufnahmen zu ´Coward´ fertig waren, rief mich Steve von Till an und erkundigte sich, wie es uns ergangen war. Ich sagte: ´Bei ein, zwei Songs könnte man meinen, wir wären gute Musiker.´ Steve antwortete: ´Das ist scheiße.´

Gut, noch die abschließende Frage an Frontfrau Julie, die sie wahrscheinlich schon tausendmal beantworten musste, aber dennoch hochinteressant ist: Wie ist es als Frau in einem männerdominiertem Business wie der Musikbranche? Muss man besonders tough sein? Die Antwort könnte mich nicht mehr zufrieden stellen: Das ist mir scheißegal. Es sind nicht zu wenige Frauen in diesem Business, nur zu viele Männer.

Teil 2: Unter vier Augen mit Julie Christmas

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Obwohl Julie zu fortgeschrittener Stunde schon sehr große Mühe hatte die Augen offen zu lassen, ließ sie es sich nicht nehmen mir unter vier Augen eine Fragen zu A Day of Nights von BATTLE OF MICE zu beantworten. Ich persönlich hatte zunächst doch einige Probleme durch dieses Album durchzusteigen. Wirklich? Vielleicht weil du MADE OUT OF BABIES gewohnt bist und etwas anderes erwartet hast. ´A Day of Nights´ ist meiner Meinung nach viel sanfter als ´Coward´, hat mehr Hooklines und ist leichter zugänglich. Ich denke, wenn du nicht gleich Zugang zu dem Album gefunden hast, warst du auch nicht in der richtigen Stimmung. Kann sein. Auf jeden Fall ist die Gitarrenarbeit von Josh Graham auf A Day of Nights sehr ungewöhnlich und unkonventionell. Für mich persönlich ist die Musik von BATTLE OF MICE sehr kraftvoll, auch wenn diese Aussage vielleicht keinen Sinn macht. In all der Ruhe findet sich viel Wut, wenn auch sehr unterbewusst.

Julie und Josh waren zum Zeitpunkt der Bandgründung ein Paar. Wären BATTLE OF MICE auch ohne diese Beziehung gegründet worden? Julie ist sich sicher: Ja, wir hätten die Band auch so gegründet. Wir konnten sehr gut zusammenarbeiten, Josh ist ein sehr talentierter Musiker, was ich ansonsten von ihm halte spielt keine Rolle. Wenn er mir Musik übermittelt kann ich sofort darauf aufbauen und genau das ist das wirklich Wichtige bei dieser Band. Es besteht eine unsichtbare Verbindung, ich schreibe alle Texte und bekomme sofort Inspiration wenn ich neue Riffs höre. Ich fühle das sofort. Es wurde viel über das Album geschrieben, dass die Trennung von Josh und mir maßgeblich an zur Intensität der Musik beiträgt, was auch stimmt. Aber wir haben seither neue Songs geschrieben und da lief es genauso ab wie zuvor. Neue Songs? Wir arbeiten an einer Split mit JESU. Nice!

Die Dinge stehen zwischen den zwei Hauptakteuren nicht zum Besten, eine gemeinsame Tour will die charismatische Sängerin jedoch nicht ausschließen. Wir haben darüber gesprochen und es wird wohl etwas derartiges passieren. Joe von DUB TRIO hat sich uns angeschlossen und ist sehr darauf aus, live zu spielen. Zunächst müssen es Josh und ich aber gemeinsam in einem Raum aushalten. Das zögernde Lachen verrät, dass Julie auf eine Versöhnung aus ist. Aber: Es könnte schwierig werden. BATTLE OF MICE wurde ursprünglich als Studioprojekt geplant. Da kann man nicht einfach seinen Kram packen und das auf einer Bühne versuchen zu spielen, das wollen wir nicht. Josh will visuelle Umsetzungen in Angriff nehmen, etwas, das in Richtung Theaterperformance gehen soll und an der ich auch arbeiten werde. JARBOE hat mich dahingehend sehr inspiriert. Das alles braucht Zeit.

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Das Bandleben ist Schuld an der Geldknappheit, es ruiniert Beziehungen und du machst es trotzdem. Das ist wahre Liebe. Julie Christmas über das Dasein als Musiker.

Apropos JARBOE. Wenn sie in Rente geht wird Julie ihre legitime Nachfolgerin. Punkt, Aus, Ende. Gerade bei BATTLE OF MICE werden die Texte nicht nur gesungen, sondern gelebt. Die kleine, stimmgewaltige Sängerin bedankt sich, kommentiert den zweiten Teil des Satzes und schweift sogleich ab. Das stimmt absolut. Und das ist schwer, gerade in diesem Business. Es ist ein hartes Geschäft. Wir haben das Glück bei Neurot Recordings zu sein, wo alle darauf bedacht sind qualitativ hochwertige Musik zu veröffentlichen. Zweifellos werde ich immer Musik machen und ich habe das auch immer gemacht. Aber es verlangt vom Musiker extrem viel ab. Die Leute denken immer, Musik zu machen und auf Tour zu gehen macht Spaß, aber es ist einfach ein Job. Sag Lebwohl zu allem was du liebst und verlass dein zuhause für 8 Wochen. Für mich als Frau ist es auch ganz anders als für andere Musiker, denn ich bin pausenlos nur von Männern umgeben. Ginge es nur um das Spielen, könnte ich es jeden Abend machen. Aber es gibt noch 23 weitere Stunden pro Tag.
Jeden Abend auftreten, acht Wochen lang – ist das für Bands aus den Staaten leichter, als für Bands in Deutschland? Oder sind wir einfach zu faul und zu spießig? Alle von MADE OUT OF BABIES haben keine Jobs und werden vor Tourneen gefeuert. Brandon ist Fotograf, Matthew ist Grafikdesigner, Cooper ist Barkeeper und ich arbeite für eine PR-Firma. Keiner von uns hat Geldreserven, wir sind alle völlig pleite. Das Bandleben ist Schuld an der Geldknappheit, es ruiniert Beziehungen und du machst es trotzdem. Das ist wahre Liebe. Dass europäische Bands in den USA nicht so leicht Fuß fassen können, mag daran liegen, dass die Staaten so groß sind und der Markt übersättigt ist. In New York gibt es jeden Abend 18 Shows mit härterer Musik.

Mein Lieblingssong auf A Day of Nights ist übrigens Wrapped in Plain. Der mit der Strophe, in der sich Julie in eine Höhle verkriecht um Kraft zu schöpfen und mutig im Refrain aus dieser herauszutreten. Da kann Miss Christmas nur lachen. Wirklich? Den mag ich am allerwenigsten. Den Text dazu finde ich auch sehr gelungen, aber mit meinem Gesang bin ich nicht zufrieden. Ich hatte auch zu wenig Zeit im Studio um das nach meinen Vorstellungen zu perfektionieren. Ich weiß, dass seitens der Band der erschreckende Notruf am Ende des Songs At the Base of the Giant´s Throat nicht kommentiert wird, aber versuchen kann man es ja trotzdem. Nein, dazu sage ich nichts. Aber das war ich. Und es war nur einen Take nötig. Ob gestellt oder real, das wird offen gelassen.

Nun aber Schluss mit Geheimniskrämereien, abschließend werden die künftigen Projekte der Julie Christmas auf den Tisch gelegt: Ich arbeite an einem Projekt mit Cheng von DÄLEK und an etwas, das ein Soloalbum werden könnte, Steven O´Malley von SUNN O))) wird es wohl produzieren. Da wird die nächste Zeit wohl stressig werden. Aber ich freue mich darauf. Das einzige, was ich nicht mag ist der geschäftliche Teil des Ganzen. Das Geld bringt den Musiker weg von der Kunst.

Live-Fotos: Thomas Steibel
Bandfotos: Southern