LUNAR SHADOW: Wenn Musik zu Kunst wird

Meiner Begeisterung für das neue Lunar-Shadow-Meisterwerk „The Pall of a Past World“ habe ich ja schon mit meiner Besprechung auf diesen Seiten Rechnung getragen. Aber mich hat irgendwann interessiert, wer eigentlich der kreative Kopf hinter einer derartig großartigen Veröffentlichung ist. Und so habe ich Max Birbaum, seines Zeichens Mastermind und alleiniger Komponist von „The Pall of a Past World“, um ein Interview gebeten. Sehr zu meiner Freude ist er dem gerne nachgekommen und hat nicht nur ausführlich Auskunft über sein künstlerisches Schaffen gegeben, sondern auch einiges Privates verraten. Bitte schön!

Lieber Max, herzlichen Glückwunsch zur neuen Platte „The Pall Of A Past World„. Sie ist absolut großartig und von mir ja auch schon entsprechend bei uns besprochen worden. Ich kann schon sicher sagen, dass es mein Album des Jahres werden wird. Und das, obwohl die VILLAGERS OF IOANNINA CITY ebenfalls ein gnadenlos gutes neues Album abgeliefert haben.

Max: Vielen Dank, ich weiß das zu schätzen! Die Villagers mag ich übrigens auch, damals via Sacred Metal Forum mit der „Riza“ kennengelernt, das ist schon ein sehr einzigartiger Sound.

Du hast bekanntlich alles selber gemacht und bist dann nach Veröffentlichung einfach mit der entsprechenden Info an die Öffentlichkeit gegangen. Nun kann ich den Ansatz, ein Album allein, ohne Label und deren Einmischung, aus kreativer Sicht absolut nachvollziehen. Aber alles allein machen, auch die entsprechende Promoarbeit, die CDs und Platten selber herstellen, das Cover, die Verpackung, das ist schon sehr mutig. Erläuterst Du mir Deine Gedanken dazu?

Das stimmt, es war zweifellos ein etwas ungewöhnlicher Schritt und aus einer reinen „Business“-Sicht mit ökonomischen Blickpunkten recht blöde Entscheidung.

Tatsächlich hatte ich schon 2021 mit „Wish To Leave“ vor, das Album ohne Promotion als Überraschung zu releasen. Das ist aber aus Label-Sicht einfach schwierig. Wir sind seit Jahren bei Enrico und Cruz Del Sur ansässig, Enrico und ich kennen uns viele Jahre und sind auch persönliche Freunde. Er muss aber eben auch irgendwie leben, Underground Metal wird einem jetzt auch nicht unbedingt aus der Hand gerissen und so kann sich ein kleines Label wie CDS solche „Sperenzchen“ einfach nicht erlauben, einfach mal das Album eines Künstlers rauszubringen ohne vorige Bewerbung.

Vielen Leuten ist das ja vielleicht gar nicht klar, aber es stecken ja wirklich durchorchestrierte Pläne hinter so einem Album-Release. Ein freier Mitarbeiter des Labels schreibt mit mir so einen hanebüchenen Promo-Text, das steht dann sowas wie „Max Birbaum ventures into new, bold landscapes of sound and questions his mortality through rock music that is equally fresh, yet vibrant“, das war jetzt spontan entwickelt, aber gar nicht schlecht!

Du suchst vorab Songs aus, da wird festgelegt, wann die erscheinen, man sucht sich Blogs, Zeitschriften oder Websites, die dann so eine Song-Premiere machen, das macht alles die PR-Agentur vom Label aus Hamburg. Die bemustern die Magazine, du bekommst so Schablonen-Interviews zugeschickt („What´s your favourite band?“) und ja. You get the idea.

Geht mir alles total auf die Nerven. Jedenfalls war mir bei diesem Album klar, dass ich das diesmal alles anders machen will. Enrico vom Label habe ich als einen der wenigen an Bord geholt, das gehörte sich einfach so, er war damit auch absolut cool.

Ich habe dann aber eben auch entschieden, dass ich selbst mehr auf dem Album mehr Rollen übernehmen möchte, also alle Gitarren, Bass und auch erstmals den Gesang. Diese Entscheidung hatte in der Hauptsache damit zu tun, dass wir fünf Mitglieder von LUNAR SHADOW mittlerweile verstreut in Deutschland leben. Ich bin in Berlin, davor Leipzig, der Bassist in Göttingen, Drummer bei Würzburg, die anderen in Hessen. Für mich hat das einfach keinen Sinn mehr ergeben zu sagen „Lieber Sven, hier sind die Songs. Bitte lernen, dann kommst du an Tag XY zu mir nach Leipzig, nimmst das 1,5 Tage auf und dann wieder heim, thanks!“. Da kann ich es auch einfach selber einspielen. Spart uns allen Zeit und Nerven. Den Jungs gegenüber habe ich das natürlich auch sehr früh kommuniziert. Wir kennen uns aber über 15 Jahre, da gab es keine Probleme. Ich habe auch immer gesagt, dass wenn wir nach dem Release nochmal ein paar Gigs machen, diese natürlich wie immer zu fünft stattfinden werden. Außer, ich lerne irgendwann zwei Gitarren, Bass und Drums parallel zu spielen und gleichzeitig zu singen, mit Overdubs. Wer weiß…

Was ergibt sich daraus? Naja, einerseits natürlich noch mehr Freiheiten für mich. Ich bin hier ganz ehrlich: ich habe ja schon immer die komplette Musik und Texte von Lunar Shadow geschrieben. Ich arrangiere mich nicht so gern mit anderen bei meiner Musik. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass ich ein Kontrollfreak bin, aber ich mag es schon, wenn ich Dinge einfach so machen kann, wie ich es mir in meinem Kopf vorstelle, ohne rückfragen zu müssen.

Das hat auch andere Vorteile, etwa war der Refrain von „The Red Lion“ eigentlich komplett anders, auch der Text. Ich fand den nach dem Aufnehmen aber total gurkig und habe den dann spontan und über Nacht komplett neu geschrieben mit anderem Text und nochmal aufgenommen und jetzt mag ich den Refrain. Da ist es natürlich auch von Vorteil, wenn man es „Einfach mal schnell selber machen kann“.

Nachteil? Ein Album kostet unfassbar viel Geld. Künstler*in für Artwork anheuern, Layout, jemand muss Fotos machen, Mixing, Mastering, Studiokosten, Presswerk. Vorher konnte man das dann eben durch 5 Mitglieder teilen. Macht bei 2000 EUR 400 EUR pro Nase. Wenn ich allein aufnehme, kostet es mich 2000 EUR. Krach Bumm, ich bin Bibliothekar. Ich mag den Job, aber reich wird man da eher nicht. Ich konnte mir ein Jahr lang während der Aufnahmen privat sehr wenig gönnen, das war stellenweise schon nicht leicht. Konto war eigentlich immer im Minus, ich war dann ab November 2025 auch arbeitslos, weil mein Arbeitsvertrag ausgelaufen ist. Ich war dann schon an dem Punkt, an dem ich gesagt habe „Never again“.

Auch das Packen und Versenden von 500 Platten war nicht einfach, ich hatte das in der Größenordnung noch nie gemacht. Habe obligat auch viele Fehler begangen, die ich dann erst im Nachhinein erkannt habe. Immerhin kann man so daraus lernen und diese Fehler beim nächsten Mal abstellen.

Die Promo war interessanterweise gar nicht so besonders aufwändig, weil mir irgendwie die meisten Magazine von sich aus geschrieben haben. Ich wollte die eigentlich selber anhauen, aber das war gar nicht mehr nötig. Irgendwann hat sich das dann verselbstständigt und die Platte wurde auf einmal in Magazinen besprochen, mit denen ich nie Kontakt gehabt hatte. Auch ein Schallplattenpreis hat mich nominiert und und… da war ich selber etwas baff.

Nun verkauft sich das Album, wie man liest und hört, erfreulicherweise sehr gut. Deine Vinyls sind z. B. schon ausverkauft. Du dürftest also einen großen Teil deiner investierten Kosten hoffentlich wieder reingeholt haben. Das heißt, du könntest dich jetzt, bei einer eventuellen Zweitauflage, doch mit einem Label zusammentun. Die sich ja eigentlich haufenweise melden müssten, wenn sie nicht komplett ertaubt sind.

Max: Ich war allerdings ganz schön erleichtert, dass der Verkauf dann doch erfreulich gut lief, da ist mir echt eine Last von den Schultern gefallen. Ich habe im Vorfeld natürlich überlegt, ob ich mich mit 500 Exemplaren nicht ein wenig übernehme. Die Kosten konnte ich dann so mit Verzögerung decken, auch wenn ich durch einige handwerkliche Fehler bei der Logistik dann letztlich mehr bezahlt habe als nötig gewesen wäre.

Ehrlich gesagt möchte ich die zweite Auflage auch weiterhin selber machen. Ich kann auch verkünden, hier erstmalig, dass ich wohl ein kleines Label gründen werde für die Veröffentlichungen von LUNAR SHADOW. Ich bin da jetzt ein bisschen auf den Geschmack gekommen und man muss sich natürlich auch ein Stück weit fragen, was im Jahr 2026 eigentlich noch die definierende Rolle eines Labels ist. Gigs vermitteln? Macht eigentlich eher eine Booking-Agentur und wir brauchen keine, wir spielen eh kaum. Distro? Yes, der Versand und die Logistik ist dann natürlich ausgelagert und ich muss mich um nichts mehr kümmern. Ich bekomme aber auch nur einen Bruchteil an Einnahmen dann. Ich nenne hier keine Zahlen, aber das ist schon ein ganz schöner Unterschied, was ich mehr an Einnahmen habe, wenn ich es selber vertreibe. Macht halt mehr Arbeit. Aber letztlich ist das der Punkt: jede Person muss das eigene Maß an Autonomie selber definieren. Wenn ich keinen Bock auf operatives Zeug habe, gebe ich das ab, kriege dann aber weniger Geld und umgekehrt. Was noch? PR? Ja, ist über das Label in jedem Fall professioneller, da gibt es dann auch eine extra Agentur für. Ich bin aber in der einigermaßen privilegierten Position, dass ich bereits eine etablierte Band habe mit einer guten, internationalen Fanschaft. Ich kann da also auch durchaus alleine mobilisieren, wenn ich was Neues am Start habe. Und dann sind wir wieder bei meiner Ausgangsfrage: Wozu Label? Wenn ich LUNAR SHADOW gern größer machen wollte (will ich nicht) oder viel spielen wollte (will ich nicht), dann könnte ein „größeres“ Label wie Metal Blade oder im Indie-Bereich Matador sicherlich helfen. Aber in meiner bescheuerten Eigenbrötler-Einsiedler-Welt? Nicht so richtig. Da mache ich es lieber selber.

Lass uns über das Wichtigste, die Musik, sprechen. Ich habe die Platte jetzt bestimmt 25 Mal gehört und kann nicht genug davon bekommen. Das ist mir bisher erst zweimal passiert: bei „Brothers in Arms“, bis heute meine absolute Lieblingsplatte, und „Noble Savage“ von VIRGIN STEELE. Und zumindest von DIRE STRAITS, respektive Mark Knopfler, meine ich, bei Dir Einflüsse herausgehört zu haben.

Das mit Knopfler freut mich natürlich, weil er einer meiner Gitarrenhelden ist. Damals mit seiner Soloplatte „Sailing to Philadelphia“ kennen und lieben gelernt, die Scheibe kann ich bis heute von vorne bis hinten mitnuscheln. Man höre sich mal die 85´er Wembley-Version von „Tunnel Of Love“ an, das ist einfach Bombe. Ich habe sogar mal seine alte Suhr-Gitarre nachgebaut vom Setup. Und die alten VIRGIN STEELE mag ich auch, bis etwa „Marriage of Heaven and Hell Pt. 2“. Oder wie DeFeis sagen würde: WAAUUUUUU!

Über sein heutiges Schaffen breiten wir lieber mal den Mantel des Schweigens…

Seitdem ich „The Pall of a Past World“ das erste Mal gehört habe, frage ich mich, wie man an den Entstehungsprozess solcher Songs herangeht. Das Album ist ja weitaus mehr als eine übliche „Riff – Strophe – Bridge – Refrain“-Komposition. In jedem einzelnen Song passiert hier mehr als bei anderen Bands auf gesamten Alben. Wie entsteht so ein Song? Und zwar sowohl von der ersten Idee im Kopf bis zum Kompositionsprozess.

Ich schreibe alle meine Songs als Tabulatur in GuitarPro 5 von 2005, das Programm spiele ich mittlerweile wie eine Klaviatur, da programmiere ich alles ein, über Gitarren, Bass bis Drums. In der Regel spiele ich auf meiner Gitarre und manchmal kommt durch Zufall etwas dabei rum. Das schreibe ich auf. Ich habe immer bereits im Vorfeld einen Titel für den Song und ich weiß, worum es textlich gehen soll und was für eine Atmosphäre ich haben möchte. Ich fange dann mit den Gitarren an und schreibe die auf. Dann programmiere ich das Schlagzeug, ich weiß in der Regel, was da gespielt werden soll. Dann Bass und, es ist nicht leicht zu beschreiben, aber ich schreibe seit meiner Jugend Songs, also seit über 20 Jahren. Ich habe daher ein musikalisch extrem geschultes Gehör. Wenn ich was auf der Gitarre schreibe, *weiß* ich einfach, was der Bass da zu spielen hat. Ich höre das in meinem Kopf. Ich muss es nur noch aufschreiben. Man hat ja früher gedacht, Engel und Teufel könnten einem etwas von außen „eingeben“, es hat wirklich ein bisschen was davon, obgleich ich nicht religiös bin.

Mit der ersten Idee im Kopf beginnt ja dann sicher recht schnell die instrumentale Umsetzung. Die du dieses Mal aber eben nicht zusammen mit deiner Band, sondern komplett allein gemacht hast. Auch hier interessiert mich, wie das vonstattengeht. Denn du kannst ja deine Songs nicht zeitgleich mit allen Facetten spielen. Hast du all das, was da noch im Hintergrund passiert, während du das Hauptthema des Songs spielst, im Kopf? Oder entsteht sowas Schritt für Schritt?

Es ist irgendwie schon alles auf einmal da, aber ich muss es natürlich nach und nach aufschreiben. Es passiert dann wirklich, dass ich teilweise in so einen „Schaffensrausch“ gerate und dann zwei Stunden total versunken einen Song in Guitar Pro eintippe. Beim eigentlichen Recording fängst du dann immer mit den Drums an. Dann machen wir den Bass, dann alle Gitarren und zuletzt den Gesang. Hauptstimme, zuletzt dann Overdubs. Auch da merkst du die Sache mit dem Gehör: wenn ich eine Hauptstimme einsinge, kann ich dir an den entsprechenden Stellen sofort den Overdub einsingen, der einen Halbton drüber liegt. Ich höre das einfach.

Ich muss das so genau fragen, weil mich wirklich der kreative Kopf hinter so einem epischen Album interessiert. Und wie es „da drinnen“ während eines Ideenprozesses so aussieht. Ich stelle mir das ungefähr so vor, dass du während der Entstehung ständig irgendwelche Melodien, Riffs, Gesangsparts, Hintergrundmelodien, Rhythmen im Kopf gehabt haben musst.

Ja, das ist ein Stück weit richtig. Ich treibe aber vor allen Dingen Max Herrmann damit immer zum Wahnsinn. Max ist einer meiner besten Freunde und wir nehmen seit Jahren zusammen auf, seit der „The Smokeless Fires“ (2018). Ich schicke ihm dann die Tabs und wünsche mir immer, dass er im Vorfeld mal reinhört und sich mit Struktur und Thematiken vertraut macht. Das tut er aber nie, weil er, Zitat, die Songs „nicht kapiert“ haha. Für ihn erschließt sich das dann immer vor Ort im Studio.

Ich war auch damals sehr erstaunt, wenn Leute meine Musik als „Progressiv“ bezeichnet haben. Ich fand das nicht schlimm oder so, ich mag ja auch Zeugs wie FATES WARNING, aber das konnte ich echt nicht nachvollziehen. Für mich macht das alles total Sinn. Alles steht da, wo es sein sollte. Räder greifen ineinander, ich fand das nicht „progressiv“. Fünf Taktwechsel und Barré-Akkorde waren für mich „progressiv“. Aber heute verstehe ich das etwas besser. Es passiert schon deutlich mehr als bei manch anderer Band, wertfrei gesprochen. Und was in meinem Quadratkopf (Hutgröße XXL, Size 61!) logisch klingt, muss es für andere nicht sein.

Dem muss ich die Frage anschließen, wie viele deiner Ideen du am Ende nicht verwendet hast und ob du den Gedanken hast, diese vielleicht für andere Songs zu nutzen.

Ich schreibe tatsächlich total on point, das heißt: es bleibt eigentlich so gut wie nichts „übrig“. Auf allen Alben bis inklusive Wish To Leave (2021) waren allerdings immer noch Songs drauf, die aus meinem riesigen Fundus an Nummern stammten, die ich über die Jahre geschrieben habe. The Pall Of A Past World hat erstmals kein „Song-Recycling“.

Jeder, mit dem ich über deine Platte gesprochen habe und der sie auch kannte, hatte eine klare Meinung: Die Platte ist ein Meisterwerk. Aber der Song „The Ventures of Bombadil“ ist nochmal ein eigenes Highlight innerhalb der Platte. Hier hast du dich wirklich selbst übertroffen und kannst es dir sogar leisten, im Song eine klassische „LaLaLaLa“-Passage einzubauen, ohne dass es einfallslos oder gar kitschig wirkt. Natürlich möchte ich alles über die Entstehung dieses Übersongs wissen. Ich vermute, dass du dich textlich auf den Gedichtband „Die Abenteuer des Tom Bombadil“ beziehst?

Ich denke, dass wenn man mal einen „Lalala“-Part einbauen kann, dann in einem Song über Tom Bombadil. Ich hatte glaube ich aber eher „Am Fenster“ von CITY im Kopf bei dem Part. Egal. Ja, Tom Bombadil als Figur von Tolkien ist erstmals in dem von dir angesprochenen Gedichtband in Erscheinung getreten und hat dann nochmal einen Auftritt im „Herr der Ringe“. Ich lese die Trilogie seit 23 Jahren jedes Jahr mindestens einmal (und zwar lieber Krege als Carroux, fight me!) und die Figur von Tom Bombadil hat mir immer gefallen, die Kapitel im Buch gehörten immer zu meinen liebsten. Tolkien hat die Figur des Tom Bombadil halt nie erklärt, er ist augenscheinlich unfassbar alt, gar der „Älteste“, der Ring hat keine Macht über ihn. Er ist unfassbar mächtig, aber lebt zurückgezogen im Wald mit seiner Angetrauten Goldbeere. Dazu tanzt er durch die Gegend, sammelt Seerosen und singt. Er führt sozusagen mein Traumleben, daher mag ich ihn vielleicht auch so. Ich mag den Song aber auch, ist vermutlich mein Favorit vom Album.

Dann lass uns auch gerne über die Texte sprechen. Bei „Ventures of Bombadil“ ist es klar, bei „The red Lion“ geht es wohl um ein Videospiel, einen Bereich, in dem ich mich als Nichtgamer absolut nicht auskenne. Woher nimmst du die Inspiration und Ideen zu deinen Texten?

Richtig, in „The Red Lion“ geht es um Radahn, eine Figur aus dem Spiel Elden Ring. Im Gegensatz zu dir bin ich passionierter Gamer und das ganze Lore in diesem Spiel finde ich einfach grandios. Radahn sorgt dann im Spiel für einen herausragenden Moment, indem er in der Mitte des Kampfes einfach verschwindet und dann langsam als feuriger Meteor auf die Erde knallt. Nicht übel! Ich rede gar nicht so gern über meine Texte, ich will diese zumindest nicht so gerne „erklären“, das sollen die Hörer*innen eigentlich selber tun, dem Ganzen eine eigene Bedeutung zuweisen. Daher, in aller Kürze: In „The Cormorant“ geht es um Freundschaft. In „The Long Sleep“ um den Tod. In „The Reveries of God“ um die Frage, wovon eigentlich ein Gott träumt und in „The Sun Crusher“ um Wandel. Etwas endet, etwas beginnt.

Ich schreibe in der Regel über Dinge, die mich interessieren oder ich versuche, meine Emotionen in Musik zu packen, das ist manchmal einfacher, als sie jemandem sprachlich mitzuteilen. Oftmals ist Musik für mich auch in erster Linie eine Form mich auszudrücken, auch meine eigene Gefühlswelt. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen in einem „therapeutischen“ Sinne, aber vielleicht als eine Form der Katharsis.

Wenn ich dich schon interviewen darf, dann möchte ich auch deine klare Haltung nicht unerwähnt lassen. Wenn ich etwas nicht mehr hören kann, dann ist es der Satz „Politik hat in der Musik nichts zu suchen“. Weil es Quatsch ist. Einer der Gründe, warum ich Zeit meines Lebens in der Rock- und Metalszene verwurzelt bin, ist die Tatsache, dass wir immer schon gegen Ausgrenzung, Faschismus und Homophobie aufgestanden sind und eben nicht weggeschaut haben. Das ist inzwischen, in diesen völlig wahnsinnigen und gefährlichen Zeiten, umso wichtiger. Und auch du hast eine sehr klare Haltung, die du sehr deutlich und unmissverständlich nach außen trägst. Auch z. B. in Form von euren Bandshirts.

Ja, ich bin Antifaschist und positioniere mich auch klar so. Eventuell weichen unsere Erfahrungen da ein wenig ab, aber ich habe die Metalszene leider oft als ziemlich trantütig erlebt, wenn es um deutliche Positionierungen geht. Das hat meiner Meinung nach viel damit zu tun, dass es vermutlich kaum eine Musikszene gibt, die demografisch so homogen ist wie die Metalszene, und ich meine hiermit jetzt konkret den, nennen wir es mal, „Underground-Metal“, also die KeepItTrue-Party.San-Headbangers-Fraktion. Das sind halt überwiegend weiße, ältere Männer. Diese Szene ist null divers und viele haben daher offenbar keinen Bezug zu so Dingen wie Alltagsrassismus, Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Anfeindungen gegen Queers and so on. Und wenn man als weiße, ich nenne es mal „unauffällige“, Person natürlich keine Anfeindungen, Angriffe oder Hasskommentare abbekommt, dann fällt es vielen scheinbar schwer, politische Positionierungen nachzuvollziehen. Ich habe auch oft diesen exzessiven Eskapismus erlebt, dieses „Lass mich in Ruhe mit Politik, ich will nur Musik hören!“. Ich habe übrigens auch mal so gedacht, mit Anfang-Mitte 20, ich glaube also, ein Stück weit verstehen zu können, wo diese Leute herkommen. Nur ist das jetzt einfach vorbei. Ich selber habe ein einigermaßen auffälliges Äußeres. Ich bin selber zwar nicht queer, sondern Supporter, werde aber oft von rechten Personen so eingeordnet und gelabeled. Außerdem bin ich als politisch links erkennbar. Und da gibt es in Leipzig und Berlin mittlerweile Gegenden, da kann ich allein gar nicht mehr hingehen, das ist viel zu gefährlich.

Ich bin im Wahlkampf in Leipzig für DIE LINKE schon angegriffen worden. Vor zwei Monaten hat mich eine Gruppe Nazis in der Straßenbahn angepöbelt, mitten in Berlin-Prenzlauer Berg wohlgemerkt. Ich kenne Queers, die nur noch in Gruppen unterwegs sind, weil sie furchtbare Erfahrungen gemacht haben. Eine Freundin kann mit ihrer Arbeit bei einem Demokratieförderungsprojekt in manche Schulen nicht mehr gehen wegen massiver Bedrohungslage, weil da mittlerweile Nazi-Teenager den Ton im Klassenzimmer angeben. AfD in Sachsen-Anhalt bei über 40 Prozent, geplanter Umbau von Kultureinrichtungen, revisionistische Geschichtsschreibung, und und und. Das kann ich lange so weiterführen. Und da ankommen mit „Lass mich in Ruhe, ich will meine Fantasy-Songs über Käpt´n Balu hören“, damit ist jetzt einfach Schluss. Ich erwarte, dass sich Metal-Veranstalter*innen und entsprechende Festivals da viel deutlicher positionieren, so wie das im Punk- und Hardcore-Bereich mittlerweile üblich ist. Ich will, dass deutlich gemacht wird: „Wir haben keinen Bock auf Menschenfeindlichkeit, Hass und Verachtung von migrantischen Personen, Queers oder FLINTA“. Ich habe das Gefühl, dass es einigen da mittlerweile ein wenig dämmert, aber es gibt echt auch noch viel Luft nach oben

Meine letzte Frage an dich ist etwas spezieller. Und ich bin gespannt, ob du sie überhaupt beantworten kannst oder möchtest. In meiner Welt hat Musik immer etwas mit Emotionen zu tun. Ein Song, der mich emotional, egal in welche Richtung, nicht greift, ist für mich kein guter Song. Bei „The Pall of a Past World“ hast du mich von der ersten Sekunde an, dem Intro mit der japanischen Koto, abgeholt. Spätestens beim schon angesprochenen „Ventures of Bombadil“ hatte ich Gänsehaut am ganzen Körper und meine größte Sorge war, dass das Album viel zu schnell zu Ende sein könnte.

Kannst du erklären, wie man es als Künstler schafft, beim Empfänger der Kunst (du bist ja auch Maler, da gilt das ja ebenfalls) eine Emotion zu erreichen, ihn zu bewegen, bestenfalls beeindruckt und bewegt zurückzulassen?

Kurze Antwort, I´m afraid: ich glaube, dass man es als Hörer*in spüren kann, wenn eine/e Künstler*in Herz und Bedeutung in die eigene Musik gesteckt hat. Eine Art Authentizität des Hörens, eine Form von Liebe. Man kann das spüren.

O. K., es war die vorletzte Frage. Ich habe gesehen, dass ihr als Band für das kommende Jahr schon auf einigen Festivals auftretet. Leider nicht in meiner Region. Kann ich damit rechnen, euch vielleicht auch auf Tour zu erleben? Und diese großartigen Stücke live auf der zu sehen?

Max: Tour leider nicht, wir waren tatsächlich noch nie auf Tour, weil wir da allesamt keine Lust drauf haben. Ich selber spiele ja überhaupt nicht gerne live und sehe die gebuchten Gigs tatsächlich eher als eine Art Dankeschön an die Fans für ihren krassen Support mit dem neuen Album. Vier Gigs in einem Jahr sind mir eigentlich auch schon mindestens drei zu viel, haha. Aber hey, ich lasse immer mit mir reden und höre mir alles zumindest an. Wenn also jemand mit einer Anfrage an mich herantritt, ich denke immer drüber nach.