ENTOMBED: Keine Interviews auf Festivals! oder: Wenn Du Musik machst und dabei total ernst bist, wird es in Ruinen enden

ENTOMBED: Keine Interviews auf Festivals! oder: Wenn Du Musik machst und dabei total ernst bist, wird es in Ruinen enden

Wir sagen ja schon immer: Keine Interviews auf Festivals!! Es bietet sich ja irgendwie schon an, auf Festivals Interviews zu führen, da man so eine Menge an Bands das ganze Jahr über nicht zu Gesicht bekommt, nur ob man sich selbst und den Bands einen Gefallen tut, wenn man sich in brütender Hitze und nach dem ein oder anderen Bierchen in ein stickiges Zelt setzt, um sich durch die Geschichte der Band zu wühlen, sei mal dahin gestellt. Und dass wir euch ja lieber Klasse anstatt nur Masse bieten wollen, wißt ihr ja selbst.

So hatten wir uns aber doch mal breit schlagen lassen und uns beim diesjährigen Wacken Open Air zu einem Interview mit ENTOMBED verabredet. So standen wir (vampiria und boxhamster) pünktlich am vereinbarten Treffpunkt – nur weit und breit kein Menschlein von ENTOMBED zu sehen. Nach dem uns dann verklickert wurde, dass die Jungs erst am Morgen aus New York eingeflogen kamen, eine Menge Stress mit ihrem unterwegs verloren gegangenen Equipment hatten und dementsprechend müde, alkoholisiert und ausgepowert von der Show am Nachmittag waren, hatten wir schon die größten Bedenken, was aus dem Interview werden sollte.

Irgendwie konnte dann doch noch Bassist Jörgen dazu bewegt werden, sich unser anzunehmen, denn „Jörgen ist noch am Fittesten“, so der Kommentar. Also wenn Jörgen zu dem Zeitpunkt der Fitteste bei ENTOMBED war, dann hätte ich gerne mal den Rest der Band gesehen!! 😉 Und da war auch schon gleich das nächste Problem: Jörgen ist zwar ein sehr netter Mensch (wie sich kurz drauf zeigen sollte) nur waren einige unserer Fragen auf die Zeit vor seinem Einstieg bei ENTOMBED bezogen, der Bassmann kam ja erst Ende ’95 in die Band! Es gibt einfach sehr viele Dinge aus den Anfangstagen, die uns brennend interessierten, und die konnte uns Jörgen natürlich nicht beantworten. Nun, ‚das macht den Kohl jetzt auch nicht mehr fetter‘ dachten wir uns und folgten einem leicht schwankenden und deutlich müden Jörgen zu dem uns zugeteilten Interview-Plätzchen und öffneten zuerst mal jeder sein Bierchen…

Das erste was mir an eurem neuen Album „Uprising“ auffiel ist, dass das Cover vom ersten ENTOMBED-Demo stammt. Was war der Grund dafür?

Ja, das ist richtig. Wir saßen in unserem Rehearsal-Raum rum und machten uns Gedanken über das neue Cover-Artwork. Unser Schlagzeuger Peter meinte irgendwann „wie wär’s denn mit dem ersten Demo-Cover?“. Wir saßen da und lachten erstmal. Aber dann dachten wir uns, es wäre wirklich ganz brauchbar und es passt gut zu dem neuen Material.

„Uprising“ geht ja schon ziemlich ‚back to the roots‘. Hat es auch damit zu tun, dass euer vorletztes Album „Same Difference“ von den Fans nicht so begeistert aufgenommen wurde?

Ja und Nein…. ich will Euch nicht anlügen. Als wir das „Same Differnce“-Album machten, waren wir alle wirklich glücklich damit. Es ist ein gutes Album geworden und wir hatten eine gute Zeit aber als wir begannen, die neuen Songs live zu spielen, kamen sie nicht so rüber wie wir gerne mochten. Wir begannen die Tour und spielten acht oder neun Songs von „Same Difference“, am Ende der Tour waren es vielleicht noch drei.

Stimmt, wir waren damals recht erstaunt, als wir Euch auf der Tour in Stuttgart sahen und ihr höchstens 4 oder 5 Lieder vom neuen Album gespielt habt.

Wenn die Songs live genauso wie auf dem Album klingen würden wäre das okay. Wir mögen es live sehr laut und direkt ins Gesicht, das klappt mit den Songs von „Same Difference“ nicht so, wie es jetzt wieder mit „Uprising“ funktioniert. Wir spielen nur noch einzelne Songs von dem Album, zum Beispiel „Addiction King“ oder „Clauses“. Trotzdem mögen wir das Album immer noch sehr, es eignet sich nur nicht so gut zum live spielen.

Als ich mich auf das Interview vorbereitete fragte ich mich, wie es sich für eine Band anfühlt, den konstanten Druck der Fans und Medien im Rücken zu spüren. Ihr habt Euer Images, ihr habt Euren Stil und wenn ihr mal was neues probiert heißt es „Uh, das ist nicht gut!“. Fühlst Du Dich nicht eingeschränkt?

Oh, darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Natürlich weiß ich, was unsere Fans wollen. Es sind ENTOMBED-Fans und sie wollen ENTOMBED-Songs. Aber es macht nichts, wenn wir experimentieren. Wir können ausprobieren so viel wir wollen, solange wir den richtigen Sound hinbekommen, um es live zu spielen. Wir machen immer noch Dinge, die manche Leute nicht verstehen. Wir können Zeug von anderen Bands stehlen, das es in der Metalszene so noch nicht gab und wir mixen es in unsere Musik. Wie auf „Uprising“ – wir stahlen so viel Zeug für das Album.

Aber es passt.

Ja, es passt. Und wenn Du die einzelnen Leute in der Band nach den einzelnen Alben von Entombed befragst, wirst Du erstaunt sein. Die Alben sind so verschieden wie jeder einzelne von uns.

Es gab ja eine Menge Line-Up wechsel in der Band in den letzten 11 Jahren und mache Leute kamen ja auch wieder zurück…

…wie L-G, ja. „Uprising“ und „Same Difference“ sind die beiden einzigen Alben, die mit dem selben Line-Up eingespielt wurden.

Ja, und das ist erstaunlich, weil die Alben ja so verschieden sind.

Das ist es. Es ist eine sehr seltsame Sache. Bevor ich in die Band kam, schien es nötig zu sein, dass immer jemand neues in die Band kam, um neue Ideen mit einfließen zu lassen. Aber bei diesem Album haben wir alle zusammen gearbeitet und wir hängen auch so viel zusammen ab und haben eine gute Zeit.

Ihr hattet ja nur 18 Tage Zeit, um „Uprising“ aufzunehmen und ich finde, dass man das nicht hört. Dafür spürt man die rohe Power.

Wir haben hauptsächlich an den Wochenenden aufgenommen, von Freitags bis Sonntags. An den anderen Tagen taten wir andere Dinge, gingen ganz normal zur Arbeit und so weiter.

Ihr müsst immer noch anderen Jobs nachgehen und könnt nicht von ENTOMBED leben?

Ja. (es folgt eine längere Pause)

…(immer noch Pause) …das erstaunt mich wirklich. ENTOMBED ist ein großer Name in der Metal-Szene.

Es sind einige Dinge nicht so glücklich gelaufen, die Plattenverkäufe in Amerika zum Beispiel sind ziemlich schlecht, die Alben „Same Difference“ und „To Ride, Shoot Straight And Speak The Truth“ kamen dort erst sehr spät in die Läden. „Uprising“ steht dort nun seit circa vier Wochen in den Läden – wir kämpfen immer noch…

War dies auch ein Grund, das „Black Juju“-Album zu machen?

Nein, das hat damit nichts zu tun, das wollten wir so oder so machen. Wir dachten es sei eine gute Idee. Man’s Ruin haben gute Alben veröffentlicht und wir sind Fans von dem Label. Sie fragten uns, ob wir Lust hätten, „Black Juju“ zu machen und wir taten es! Wir haben die Songs an nur einem Tag aufgenommen und es ist okay.

Zurück zum „Uprising“-Album. Der Song „In The Flesh“ erinnert mich von der Atmosphäre an „Night Of The Vampire“. Siehst Du das auch so?

„Night Of The Vampire“ ist ein klassischer Rock Song. Es ist ein Coversong von Roky Erikson, der noch vor meiner Zeit in der Band gemacht wurde, dazu kann ich nicht viel sagen. Es ist ein großartiger Song, wir nennen ihn selbst „Possessed Song“ (lacht).

Jepp, das trifft gut zu! Der Song hat etwas, was man „düster“ nennen könnte, es ist aber auch eine ordentliche Portion Spaß in ihm zu hören.

Wir haben immer Spaß bei dem was wir tun, wir können auch immer über uns selbst lachen, auch auf der Bühne. Wir gehen auf die Bretter und freuen uns und hoffen einfach Spaß zu haben.

Ihr seht aber sehr ernst auf der Bühne aus!

Das tun wir, aber wir drehen uns genauso zu den anderen auf der Bühne und lachen. Wir haben immer einen Sinn für Humor. Wir haben immer ein leuchten in den Augen, wir spielen um Spaß zu haben! Wenn du Musik machst und dabei keinen Spaß hast, wird das nichts. Wenn Du Musik machst und dabei total ernst bist, wird es in Ruinen enden.

Was sind denn eigentlich so Deine Lieblingsbands?

Metalbands oder im Allgemein?

Im Algemeinen.

Trouble sind eine meiner Favorites, und ich mag Bob Marley wirklich sehr. Einerseits ist er sehr relaxt, andererseits ist er auf seine Art hart. Und aufgewachsen bin ich mit Bands wie Judas Priest oder Iron Maiden.

Eine andere Sache, die mich interessiert ist: Ihr spielt „Left Hand Path“ live immer als euren letzten Song. Seht ihr es als eine Art Verpflichtung, diesen Song vom ersten Album als letztes zu spielen oder was hat es damit auf sich?

Es ist keine Verpflichtung für uns, wir mögen den Song sehr. Besonders auf Club-Tourneen spielen wir auch einige Songs vom „Left Hand Path“-Album, den Song „Left Hand Path“ spielen wir als letztes, weil es ein perfekter letzter Song ist – besonders durch den Schlussteil.

Dieser Schluß versetzt mir jedes mal eine Gänsehaut, wenn ich ihn höre.

Ja, so geht es mir auch!

Was sagst Du zu der Bezeichnung „Death´n’Roll“ und würdest Du sagen, dass ihr den Weg für Bands wie die Hellacopters oder Gluecifer mit geebnet habt?

Nicke (Sänger und Gitarrist von Hellacopters, früher Schlagzeuger bei Entombed – Verf.) hat auf jeden Fall dazu beigetragen, er hatte schon früher mit diesem ganzen Rock’n’Roll-Zeug zu tun und er brachte es auch zu ENTOMBED, das kann man auf der „Wolverine Blues“ ganz gut hören. Ich sehe uns aber nicht als Einfluss für diese Bands. Wir haben aber sicherlich die selben Wurzeln wie sie und lieben ebenfalls Bands wie AC/DC oder Motörhead, mehr ist da aber nicht.

Aber ich denke, dass es vielen ENTOMBED-Fans so ging wie mir als ich hörte, dass Nicke nun in einer anderen Band spielt. Das machte einen natürlich schon neugierig.

Als ich 1995 zu ENTOMBED kam, hatte Nicke die Hellacopters ja schon. Sie spielten in den kleinen Pubs in Stockholm, die nicht größer als Keller waren und es war großartig. Richtig guter Kick Ass Punk Rock Stuff! Ich war damals nicht sonderlich überrascht als er sagte, er wird ENTOMBED verlassen und sich auf die Hellacopters konzentrieren. Er beschäftigt sich so sehr mit dieser Szene und wenn er etwas macht, dann von vollem Herzen. Das hat er genauso zehn Jahre lang für ENTOMBED gemacht.

War es aber nicht schwierig für ENTOMBED, als jeder vor Erscheinen der „Same Difference“ sagte: „oh, der Hauptsongwriter hat die Band verlassen, was jetzt?“

Nein, würde ich nicht sagen. Als Nicke die Band verlassen hat, begannen wir, neue Songs zu schreiben und es war eine wirklich seltsame Zeit. Es war wirklich hart ohne Hauptsongwriter. Aber wir hatten nun unsere eigenen Songs zu schreiben und wir konnten eben auch tun was wir wollten. Und so ist „Same Difference“ entstanden und ich finde, die Songs sind wirklich gut geworden. Wir wussten auch, dass wir gute Songs schreiben können. Was mir Nicke gezeigt hat, habe ich immer im Hinterkopf behalten. Er brachte mir sehr viel bei. Wenn ich einen Song schreibe, überlege ich mir immer, wie Nicke es getan hätte.

Es gibt aber eine Sache, die ich vermisse: Ihr hattet früher so fantastische Cover – zum Beispiel beim ersten Album. Findest Du, solche Cover-Artworks passen heute nicht mehr zu euch?

Alex kümmert sich hauptsächlich um diese Sachen. Er hat das Artwork für „Wolverine Blues“, „To Ride…“ und „Same Differnce“ gemacht, und es liegt ihm wirklich. Er versucht es immer irgendwie Interessant zu machen. Ich weiß, es sieht nicht wie ein Death Metal Album aus aber wir sind eben auch keine Death Metal Band mehr.

Gut, aber früher verbrachte ich Stunden, um Eure Cover anzuschauen. Die vielen versteckten Monster und das ganze Zeug…

Wir wollten das Cover für „Uprising“ einfach simpel halten. Wir haben das Album an achtzehn Tagen aufgenommen und wir wollten das Cover genauso schlicht machen. Es passt icht zusammen, zwei Monate am Cover zu basteln und das Album dann in achtzehn Tagen einzuspielen. Wir haben auch das Booklet und das Inlay sehr simpel gehalten, so ähnlich wie die alten Danzig…

Gutes Stichwort – Du magst Danzig?

Danzig sind wirklich gut.

Ich mag sein letztes Album nicht

Das habe ich noch nicht gehört, ich kenne sie nur bis zum vierten Album.

So, ich denke das soll es gewesen sein. Es ist ja auch schließlich ein Festival und wir wollen noch ein bisschen Spass haben!

Ja, es ist manchmal hart. Wir kamen heute ja direkt aus den Staaten. Wir haben mit Iron Maiden in Kanada gespielt, kamen nach New York und nahmen den Flieger nach London und dann von London hierher. Wir sind erst eineinhalb Stunden vor dem Auftritt angekommen und hatten unser Equipment nicht zur Verfügung..!

Interview: boxhamster & vampiria

Fotos: boxhamster


andrea
Kümmere mich seit 1999 um Reviews, Interviews und den größten Teil der *Verwaltung*, Telefon-Dienst, Beschwerdestelle, Versandabteilung, Ansprechpartner für alles, Redaktionskonferenz-Köchin...