DIVINUS: Immer am Ball bleiben

DIVINUS: Immer am Ball bleiben

Mit ihrem zweiten in Eigenregie veröffentlichten Album „Thoughts Of A Desperate Mind“ zeigen DIVINUS, dass es heutzutage durchaus möglich ist, im Melodic Metal
heimisch zu sein, und dennoch verdammt eigenständig und abwechslungsungsreich zu agieren. Wenn dabei dann gleich haufenweise toller Ohrwürmer entstehen, die
einen wochenlang nicht mehr loslassen, ist das Grund genug, der Sache auf den Grund zu gehen. Sänger und Texter Daniel Ott, der über Selbstmord singt, es aber nicht so meint,
entpuppte sich dabei als überaus sympathischer, bescheidener und redseliger Zeitgenosse. Er erzählt von Keyboardern, die sich einfach weigern, etwas zu spielen und
gibt gleich zu Beginn eine kleine Nachhilfestunde in der Unterrichtsreihe „Namensfindung für Metalbands“…

Wie kommt man auf so einen im wahrsten Sinne des Wortes göttlichen Bandnamen?

Das ist eigentlich eine ganz lustige Geschichte. Wir hießen früher DEMENTIA, und diesen Bandnamen gab es dann halt schon relativ häufig, wie uns irgendwann
aufgefallen ist. Deshalb wollten wir uns also umbenennen, und wir fanden, dass das D einfach ein ganz plakativer Buchstabe ist. So haben wir dann im Lateinbuch
rumgeschlagen und sind so auf DIVINUS gestoßen.

Auf eurer Homepage gebt ihr euch ja – so mein Eindruck – relativ bescheiden, indem ihr euch quasi als Melodic Metal-Band wie jede andere darstellt und darauf
hinweist, dass ihr euch von all den anderen Kapellen nicht großartig unterscheidet.

Das haben wir jetzt auch erst gehört, als wir jüngst die Reviews zur CD bekommen haben, dass wir uns also vielleicht schon ein bisschen mit dieser Beschreibung
limitieren, wenn wir uns so auf Melodic Metal festlegen. Aber eine andere prägnante Beschreibung unserer Musik fällt mir auch gar nicht ein, denn ich persönlich
finde es auch relativ beknackt, wenn man dann mit sowas wie Epic Melodic Doom Death Metal oder so einem Käse kommt.

Dennoch könntet ihr – was die Präsentation auf eurer Homepage angeht – schon stärker eure Eigenständigkeit betonen. Habt ihr das vielleicht noch gar nicht
selbst realisiert?

Anscheinend nicht. Das ist jetzt allerdings schon mehrfach gesagt worden, worüber wir uns natürlich sehr freuen. Allerdings so richtig selbst gemerkt hatten wir
es noch nicht. Natürlich versuchen wir immer wieder mal was Neues einzubauen, aber dass wir groß erkannt haben, selbst ein bisschen was auf die Beine gestellt
zu haben, das kam uns eigentlich nie so vor, weil ja jeder auch so seine Favoriten hat in dem Musikbereich, von denen er sich auch gerne beeinflussen lässt. Dann
haben wir uns schließlich darauf festgelegt, dass das jetzt Melodic Metal heißt. (lacht)

Und was sind so eure jeweiligen Inspirationsquellen?

Bei mir ist es jetzt vor allem RAGE, das ist so meine Schiene. Unser Gitarrist hört schon mal sehr gerne ICED EARTH, dann kommt von unserem Bassisten und
unserem Keyboarder jetzt sehr viel DREAM THEATER. Der Schlagzeuger ist ein absoluter MANOWAR-Freak, was man, denke ich, auch so ein bisschen am Drumming
erkennen kann.

Und BLIND GUARDIAN habt ihr bestimmt auch schon mal gehört, oder?

Ja, natürlich, wobei wir das aber gar nicht so sehr als unsere Favoriten ansehen. Wir werden öfters mal mit ihnen verglichen, was diverse Melodien angeht,
wobei ich aber sagen muss, das wir das nicht als großen Einfluss sehen.

Ich denke, gerade bei den folkloristisch angehauchten Songs wie „Bloody Ice“ scheinen gewisse Parallelen durch.

Wobei ich da eigentlich mehr auf der IN EXTREMO-Schiene war, oder auch SUBWAY TO SALLY in Zeiten, wo sie noch ein bisschen mehr Mittelalter-Metal gespielt haben,
was ja heutzutage leider nicht mehr so der Fall ist. Aber das ist ein anderes Thema. (lacht). Da habe ich mich dann also eher von denen beeinflussen lassen, als
ich den Song damals gemacht habe. Gerade der mehrstimmige Gesang am Anfang von „Bloody Ice“ hat mich durch die Live-Performance von SUBWAY TO SALLY sehr
inspiriert.

Und wie seid ihr darauf gekommen, solche futuristischen Keyboardsounds in eure Musik zu integrieren? Das ist ja dann eigentlich schon wieder eine ganz andere
Schiene, aber gerade diese völlig unterschiedlichen und vielfältigen Einflüsse lassen euch glaube ich im Endeffekt so eigenständig klingen.


Das war einfach Spaß an der Freude. Wir haben das einfach mal probiert, das hat uns dann allen gefallen, und dann war klar, das machen wir. Sobald es der
gesamten Band gefällt, übernehmen wir sowas natürlich auch gerne. Und es ist halt auch mal was anderes. Ich meine, bei den neuen Sachen, die wir jetzt gemacht
haben, da merkt man schon, dass die sehr progressiv angehaucht sind, wobei das aber auch nicht zu sehr ins Gefrickel geht, sondern sich mehr auf der
Rhythmik-Ebene abspielt, verschiedene Takte, Rhythmen und so Sachen. Wir legen aber schon einen sehr großen Wert darauf, dass wir einen gewissen
Wiedererkennungwert haben, und dieser Wiedererkennungswert soll sich dann halt hauptsächlich im Refrain wiederspiegeln, dass es dann diesen Aha-Effekt gibt, wo
man sagen kann, das ist ein typischer DIVINUS-Refrain – das kennt man, das ist man gewohnt von denen. Meistens mehrstimmig arrangiert, mit vielen Keyboards
hinten dran, und dass es sich so halt vom restlichen Song ein bisschen abhebt oder zumindest halt wirklich so rausdefiniert, dass man sagen kann
„Ah, das ist wieder DIVINUS!“. Und außen rum stellen wir halt gerne mal verschiedene Sachen, mal ein bisschen akustischer, dann mal wieder ein bisschen härter,
wie wir halt gerade lustig sind.

Ja, ich finde auch, dass euch gerade diese eingängigen Refrains mit ihren mehrstimmigen Gesangsarrangements auszeichnen. Schüttelst du dir solche Ohrwürmer
eigentlich aus dem Ärmel, hast du ein Abo bei Dieter Bohlen, oder wie machst du das?

Ne, was die Refrains angeht, ist das zwar schon hauptsächlich meine Sache. Aber unser Gitarrist studiert ja auch Musikpädagogik, und das ist eigentlich ganz
praktisch. Ich komme immer mit einer Melodie an, und er setzt dann eine hervorragende zweite Stimme darauf. (lacht). Also da harmonieren wir immer sehr, sehr
gut.

Ich denke, „November Child“ könnte man zum Beispiel schon fast als poppig bezeichnen, und es wäre sicherlich ein sehr guter Radio-Song, wären da nicht diese
Double Bass- und Grunt-Parts…

Ja, wir hatten damals auch sogar überlegt, ob wir nicht eine zweite Version davon aufnehmen sollen, weil uns das von vielen Leuten gesagt wird. „Also die
Double-Bass und die Grunt-Sachen nehmt da mal raus und dreht ein bisschen das Gain runter, dann habt ihr doch einen idealen Radio-Song.“

Aber da seid ihr dann kompromisslos.

Nein, wir sind dann einfach auf die Idee nicht mehr zurückgekommen, die ist irgendwann total verflogen. Vielleicht machen wir das irgendwann nochmal, mal
schauen, aber an sich sind wir mit dem Song so zufrieden. Wir denken ja auch nicht, wenn wir jetzt einen Radio-Song aufnehmen würden, dass er dann auch wirklich
im Radio laufen würde. Ich hab es schon selbst gemerkt. Ich arbeite nebenher beim Radio und habe da auch schon mal versucht da so ein bisschen was
einzuschieben – es ist wirklich chancenlos. Insofern hat es sich dann schon fast wieder erledigt, so eine Version aufzunehmen. (lacht)

Die Tendenz, unbedingt absolut unkommerziell zu klingen, gibt es bei euch aber offensichtlich auch nicht.

Ne, auf gar keinen Fall. Wenn mal wirklich was dabei ist, was auf Kommerz abzielen könnte, dann ist das halt Zufall, weil wir halt wirklich das machen, worauf
wir Bock haben, was uns Spaß macht. Es kann dann schon mal passieren, dass da ein paar poppige Sachen drin sind.

„Thoughts Of A Desperate Mind“ ist ja nicht eure erste CD. Bereits vor fünf Jahren habt ihr euer Debüt „Angels Punishment“ veröffentlicht. Wie waren denn
damals die Reaktionen? Einen allzu großen Bekanntheitsgrad habt ihr damit noch nicht erreicht, oder sehe ich das falsch?

Es ging, also wir hatten damals regional schon so einen kleinen Fankreis gehabt, der sich auch weitestgehend gehalten hat. Wir haben damals einen Bandwettbewerb
gewonnen, und daraufhin haben wir dann ordentlich Asche bekommen und konnten uns dadurch dann auch die CD finanzieren, was anfangs noch nicht mal geplant war.
Es kam dann von Seiten des Fankreises die Forderung nach einer CD auf. Und dann kam glücklicherweise diese Finanzspritze und wir konnten uns dann tatsächlich
eine CD leisten, und die Reaktionen darauf waren auch relativ gut. Es wurde halt immer wieder in Bezug mit dem Alter gesetzt damals. Neun Songs waren darauf,
die alle schon kompositorisch relativ gut waren. Wir spielen auch jetzt noch gerne Lieder live davon, so ist das nicht. Und es ist auch schon so, dass wir
aufgrund der CD von Leuten aus der ganzen Welt kontaktiert wurden und man sich da schon ein Stück etabliert hat, und da sind wir jetzt mit der zweiten CD noch
einen Schritt weiter gegangen. Wobei leider Gottes die Verkaufszahlen doch besser sein könnten. (lacht). Aber das ist, denke ich, eine allgemeine Lage, wenn man
die Diskussion um CD-Preise und Absatzzahlen so verfolgt, dann geht ja alles den Bach runter.

Wobei ihr als Undergroundband hinsichtlich der Preise ja schon Gestaltungsfreiraum habt…

Ja, das stimmt. Wir haben jetzt auch, als wir vor zwei Monaten unsere CD-Release-Party gemacht haben, unter dem Motto „DIVINUS & Friends“ mit vier anderen Bands
gespielt, darunter MEN OF WAR, die Manowar-Coverband unseres Drummers. Wir haben dann für die fünf Bands gerade mal 4 EUR Eintritt genommen, und dementsprechend
voll war dann auch die Hütte. Wenn man es dann eher so rum angeht, wird’s schon besser, da hat man dann eben als Undergroundband dann schon den Vorteil, das
stimmt.


Gibt es denn von euem ersten Album irgenwelche Songs, die ihr überhaupt nicht mehr hören könnt, weil ihr sie schon zu oft gespielt habt?

Ja, wir spielen eigentlich bei jedem Auftritt „Time To Die“, das ist so ein Hit, der auch immer wieder verlangt wird, ebenso wie „Forever Lost“. Wir selbst
spielen sie zwar noch gerne, aber auch schon mal mit so einem gewissen Beigeschmack. Aber es gehört einfach dazu. Ich denke, das ist so eine Sache, die einfach
jede Band kennt, die jede Band dann auch irgendwo bringen muss, um dann auch die Leute mehr oder weniger zu befriedigen.

Kommen wir jetzt nochmal zum neuen Album. Den Titel „Thoughts Of A Desperate Mind“ würde ich ja spontan eher mit klischeebeladenem Gothic Metal assoziieren…

Ja, das haben wir schon mal gehört. Gut, wir haben uns darüber im Vorfeld keine großen Gedanken gemacht, wir fanden den Titel einfach passend zu den Texten. Es
ist zwar kein Konzeptalbum, aber weil sich viele Texte einfach Gedanken machen über aktuelle Geschehnisse oder vielfach auch persönliche Sachen – Niederlagen in
der Liebe, blabla (lacht). Das Typische halt…

Ja, ich denke auch, wenn man sich näher mit den Texten beschäftigt, zieht sich der Titel wie ein roter Pfaden durch nahezu das komplette Album.

Ja, es gibt zwar ein oder zwei Ausnahmen, aber im Großen und Ganzen haben wir den Titel natürlich den Texten entsprechend gewählt und nicht der Musik
entsprechend, was vielleicht auch eher richtig ist, denke ich mal.

Im realen Leben seid ihr aber nicht wirklich solche düsteren Gesellen, wie es die Texte vermuten lassen, oder?

Überhaupt nicht. Also ich kriege so oft zu hören: „Sag mal Otti, wenn man dich kennt und deine Texte liest, das sind zwei verschiedene Menschen.“ Wir sind
eigentlich alle – bis auf einen – nur lustige Studenten, die sich abends dann auch gerne mal die Kante geben, ganz normal also eigentlich. Es gibt ja schon
Künstler in diesem Genre, wo man dann sieht, das ist jetzt so eher der nachdenkliche Typ, zu dem passt dann auch das Ganze, der hat sein Image, der ist so, von
vorne bis hinten auf dieser Schiene, der zieht sich so an, der redet so, der denkt so. Ich denke, bei uns ist es vielleicht einfach Druckausgleich oder Ventil,
dass, wenn man den ganzen Tag über fröhlich ist, sich so eben Luft macht. Vielleicht wäre ich sonst von Natur aus noch nachdenklicher, ich weiß es nicht, aber
ich kann dadurch eben ein bisschen kompensieren, durch die Texteschreiberei, durch die Musikmacherei.

Zentral erscheint mir dabei in deinen Texten das Thema Suizid zu sein.

Jein…ja schon…nur nicht ernst zu nehmen. Suizid eher in dem Sinne, dass mit einem bestimmten Thema abgeschlossen wird, kein physischer also, sondern eine
Art psychischer Suizid, dass man eben sagt: „So ich beende das Thema, zack, aus damit.“

Also eher auf metaphorischer Ebene zu verstehen.

Ja, genau.

Während die meisten deiner Texte eher persönlicher Natur sind, scheint es bei „Behold The Truth“ – eingebettet in ein SF-Konzept – um den Niedergang der
gesamten Menschheit zu gehen.

(lacht). Hervorragend. Es ist immer schön, wenn Leute dann tatsächlich die Sachen so verstehen, wie man sie gerne verstanden haben will. Es geht dabei um so ein
Paradoxon: Warum bekämpft man andere, wenn man sich damit im Prinzip selbst kaputt macht? Das ist so die Grundaussage in dem Ganzen.

Glaubst du, dass dieses Verhalten in der Natur des Menschen begründet ist?

Ja, ich befürchte es leider. Aber ich denke, man sieht es ja auch momentan in der heutigen Zeit, ganz aktuell, es ist ja einfach so.

Kommen wir mal auf das Cover zu sprechen. Ich persönlich denke, es handelt sich dabei um eine Visualisierung der Textzeile „Together we’re hiding behind our
hands“ aus dem ersten Teil der „Trilogy“.

Das ist eine sehr schöne Interpretation, muss ich sagen, habe ich bis jetzt noch nicht gehört. Das ist richtig gut. (lacht). Muss ich vielleicht mal drüber
nachdenken. Tatsächlich haben wir aber schon seit Ewigkeiten die Idee gehabt mit so einem Cover, und ich weiß gar nicht, ob der Song da überhaupt schon
gestanden hat, und es bezieht sich, um auf deine Frage zurückzukommen, nicht auf diese Textzeile. Ich weiß nicht, ob dir die Augen aufgefallen sind. Da ist so
ein Flimmern drin, so ein Fernsehrauschen, welches dieses Nichts darstellen soll, und dass diese Hand jetzt darüber war, das war eigentlich nur reiner Zufall.
Wir hatten also wirklich schon ewig die Idee gehabt, dass wir ein Gesicht drauf machen, und ursprünglich wollten wir das Auge an sich größer haben und in diesem
Auge Sachen spiegeln lassen, die sich auf die Texte beziehen, hatten dann aber dazu nix Gescheites gefunden, keine guten Ideen dazu gehabt, die man hätte
umsetzen können, weshalb wir dann jetzt das genommen haben. Wobei dann das Flimmern in den Augen so das Ausschlaggebende ist. Man sagt ja, man kann einen
Menschen beurteilen, wenn man ihm in die Augen sieht. Siehst du nix, dann drückt das halt diese Verzweiflung und Leere aus.

Und wie ist jetzt die bereits angesprochene Textzeile zu verstehen?

Ja, das ist auch einfach wieder so eine persönliche Sache – wenn sich also zwei schon mögen, aber durch diverse Sachen gehindert werden, sprich eine laufende
Partnerschaft. (lacht). Man ist der anderen Person aber nicht abgeneigt, und man versucht dann irgendwo doch sich zu verstecken.

Die Aufnahmen zu „Thoughts Of A Desperate Mind“ haben sich ja über ganze zwei Jahre hingezogen.

Leider Gottes, ja. Es hat viele technische Probleme gegeben.

So lange Zeit im Studio zu hocken, können sich wohl nur METALLICA erlauben.

Wir haben das Ganze zum Glück privat aufgenommen, zu Hause bei unserem Gitarristen, insofern waren wir da zeitlich ungebunden. Jedoch hat auch diese
Semiprofessionalität dazu geführt, dass durch diverse Computerabstürze stellenweise ganze Lieder gelöscht wurden, zum Beispiel diese Trilogie, an der auch noch
das Intro hängt, die geht insgesamt um die 15 Minuten, und durch irgendeinen blöden Fehler ist uns fast das komplette Stück wieder gelöscht worden. Dann mussten
wir das alles nochmal machen, und dann ist wieder was schief gelaufen, dann hat dies und jenes nicht geklappt, und so ging das dann die ganze Zeit. Wir werden
auf jeden Fall versuchen, das beim nächsten Mal schneller hinzubekommen. (lacht).

Hat euer Gitarrist Christian denn neben seinem Studium der Musikpädagogik auch noch eine Tontechnikerausbildung gemacht, oder wie kommt es, dass das
Ergebnis so professionell klingt, dass es durchaus mit diversen Studioproduktionen konkurrieren kann?

Das nicht. Wir haben ein paar gute Freunde, die in dem Bereich sehr fit sind. Einer von ihnen, Tilman Ruby, begleitet uns auch immer als Mischer, und bei ihm
hat sich der Christian schon das eine oder andere abgeguckt. Und genauso dann auch ein anderer guter Freund, der Heinrich Kubon, mit dem wir auch bei der ersten
CD zusammengearbeitet haben und der dabei den Christian schon so ein bisschen gecoacht hat. Er hat uns immer wieder unter die Arme gegriffen, Tipps und Hinweise
gegeben, was man hier und da verändern könnte. Mehr so learning by doing war das also.
Auch das Booklet ist in Eigenregie oder Eigenproduktion entstanden, und ich habe mich vorher mit sowas nie wirklich befasst, und seitdem bin ich, was so
Grafik-Sachen angeht, total begeistert und mache das unheimlich gerne, so dass mittlerweile auch schon Leute zu mir gekommen sind, die gerne was gemacht hätten
an Cover-Arbeit oder einfach gestalterischen Sachen. Vor der CD habe ich mich um solche Sachen überhaupt nicht geschert, da war ich der Meinung, das soll jemand
anders machen, aber dann haben wir keinen gefunden (lacht), und dann musste ich das wohl oder übel selbst machen, und mittlerweile sind wir alle froh und im
Großen und Ganzen auch einigermaßen stolz.

Ist durch den langen Aufnahmeprozess auch die musikalische Vielfalt zu erklären, oder standen die Songs alle schon vorher?

Nein, die Songs hatten wir alle schon vorher fest. „Sinister Signs“ zum Beispiel und „Behold The Truth“ hätten sogar noch auf die alte CD gekonnt. Wir haben uns
nur gedacht, das passt vielleicht nicht so, weil die alte schon straighter ist und ein wenig in die Gothic-Richtung geht, so dass wir uns gedacht haben, diese
Mittelalter-Nummer oder die Knüppelschiene passt da nicht ganz rein, so dass wir uns die Songs für die nächste Scheibe verwahrt haben. Wie gesagt, die Nummern
haben alle schon vorher gestanden, und bei „Behold The Truth“ sind wir wirklich froh, dass wir das noch nicht auf die erste CD gepackt haben, denn das hat
allein beim Aufnahmeprozess doch einen riesigen Schritt nach vorne gemacht, vor allem durch den Frauengesang, der noch dabei ist. Der Song hat schon eine
gewisse Entwicklung durchgemacht.

„Behold The Truth“ ist auch mit Abstand mein Favorit auf der CD.

Ha, danke schön. (lacht). Der gehört auch zu meinen absoluten Favoriten.

Wie setzt ihr denn dann sowas eigentlich live um mit den weiblichen Vocals oder auch dem Cello bei „Into The Sun“? Euer Cellist ist ja nicht mehr dabei.

Ja, der Till, unser ehemaliger Bassist, der ja auch die CD mit eingespielt hat, ist ja auch Cellist gewesen, ist aber dann leider weggezogen, aber als er noch
da war, hat er dann einfach Bass und Cello getauscht, und dann haben wir das dann auch live so umsetzen können, genau wie mit den Gastsängerinnen. Wir haben
dann auch schon bei Konzerten die zwei Gastsängerinnen dabei gehabt, wobei das dann aber auch eher der Ausnahmefall ist, weil sechs oder sieben Leute unter
einen Hut zu kriegen, ist halt immer wieder schwierig. Und da die eine mittlerweile in Berlin wohnt, ist es schon fast unmöglich geworden. Ansonsten versuchen
wir es soweit umzusetzen wie es geht, und live klingen die Songs dann halt auch immer ein bisschen härter, ein bisschen knackiger als auf CD.

Warum hattet ihr denn in der Vergangenheit eigentlich so viele Line-up-Wechsel? Sind die Leute wirklich immer nur weggezogen, oder kann man es mit euch
einfach nicht länger aushalten?

Ne. (lacht). Ich glaube, so diktatorisch ist es dann bei uns doch nicht. Und über die Jahre betrachtet – uns gibt’s ja jetzt auch schon seit 1993 – finde ich
die Line-up-Wechsel gar nicht mal so häufig. Also es gibt Bands, bei denen finde ich das viel schlimmer. Bei uns ist jetzt z.B. der Till weggezogen, vorher der
andere Bassist hatte einfach keine Lust mehr, der ist immer mehr in die Hip Hop-Schiene abgedriftet, macht jedenfalls Hip Hop und legt auf oder was weiß ich.
Der alte Schlagzeuger ist dann auch weggezogen. Bei unserem letzten Keyboarder war es vielleicht ein bisschen anders gelaufen. Mit dem hat es halt irgendwann
auch nicht mehr wirklich Spaß gemacht. Er ist an sich ein guter Kerl, und man kann mit ihm privat sehr viel Spaß haben, nur musikalisch sind wir dann
stellenweise schon aneinander geraten manchmal, weil er sich einfach geweigert hat, Sachen zu spielen.
Und jetzt haben wir seit Oktober wieder einen festen Keyboarder, mit dem wir auch sehr, sehr glücklich sind, er kommt mit super Ideen an, er spielt sehr
songdienlich seine Sachen, und wir sind mit der gegenwärtigen Besetzung sehr zufrieden und können sie auch als die beste Besetzung bezeichnen, die wir bis jetzt
hatten. Man merkt es auch beim Songwriting. Wir arbeiten jetzt viel mehr zusammen, als es vorher der Fall war. Also jemand kommt mit Ideen, und sofort kommt
der Steffen, der Keyboarder, und spielt irgendwas dazu, was hervorragend passt, und genauso der Matthias am Bass. Und so fügt sich das dann alles eben nach und
nach zusammen, und das war eben vorher so, da kamen Christian oder ich, und wir hatten schon einene feste Form, und das hat dann gestanden.

Vom klaren Gesang und Geflüster bis zu Shoutings und Grunts beherrscht du eigentlich eine Vielzahl unterschiedlicher Gesangsstile und setzt sie auch immer
genau zum richtigen Zeitpunkt ein. Siehst du deine Stimme als weiteres Instrument?

Nö, eigentlich nicht. Ich mache mir auch nicht groß Gedanken darüber, was da jetzt an einer bestimmten Stelle am besten passen könnte, ich singe einfach. (lacht).

Hast du denn auch auf „Angels Punishment“ schon so variabel gesungen?

Ne, auf der letzten CD eigentlich noch nicht so. Da muss ich auch sagen, meine Stimme hat sich in den letzten paar Jahren unheimlich gemacht, also man merkt
doch sehr den Unterschied. Ich krieg es auch immer wieder gesagt, insofern kann ich das auch so weitergeben. (lacht). Dass es halt schon eine Steigerung um
etliche Prozent sein soll oder es sogar tatsächlich ist, wobei sicherlich diese unterschiedlichen Gesangsstile ausschlaggebend für solche Aussagen sind. Ich
versuch halt einfach so zu singen, wie es in dem Moment gerade passen könnte, gelingt mir nicht immer (lacht). Es gab schon etliche Fehlversuche, dann wurde
halt ein bisschen umstrukturiert. Es ist halt nicht so, dass ich mich hinsetze und stundenlang was ausarbeite, sondern einfach drauflos singe, und meistens
passt’s dann auch. Ich versuche aber auch schon, irgendwelchen Änderungswünschen meiner Kollegen nachzukommen, was dann schon mal eine Herausforderung ist, vor
allem wenn Christian dann mit irgendwelchen Ideen kommt, der da sehr viel theoretisches Hintergrundwissen hat, und mir dann da irgendwas vorsetzt. (lacht).

Und wie geht’s weiter?

Öh, wir hoffen natürlich, wie jede andere Band auch, irgendwann mal groß Fuß zu fassen. Also der Traum einer jeden Band, aber…wir bleiben am Ball.

Und von Labels wurdet ihr bisher noch nicht belästigt?

Leider nicht. Wir hatten zwar schon Anfragen, wurden dann aber abgelehnt. Wir wissen nicht, was ihnen nicht gefällt, sie sagen immer nur „Das ist nicht unser
Ding“, „Ja, klingt ganz nett, aber können wir nicht viel mit anfangen“, aber so eine richtige Begründung, was sie davon abhält uns zu nehmen, gab es leider
nicht.

Vielleicht klingt ihr einfach zu eigenständig, so dass man dann doch lieber auf die x-te HELLOWEEN-Kopie zurückgreift.

Vielleicht. Vielleicht ist es das einfach, ich weiß es nicht. Aber wir bleiben am Ball.

Manchmal hat es ja auch Vorteile, sein eigenes Ding durchzuziehen.

Ja, schon, nur was uns sehr helfen würde, wäre einfach ein gescheites Management, jemand, der uns da mal unter die Arme greift, weil es läuft halt alles
hauptsächlich über mich, das ganze Booking etc. und in letzter Zeit steigt das alles ein bisschen zu Kopf. Ich studiere noch, habe noch zwei Arbeiten, ich bin
noch Projektleiter im Uni-Radio. Es ist schon sehr zeitintensiv, und deswegen denke ich, wäre es schon ein großer Schritt, wenn wir jemanden hätten, der uns
managen würde.

Ja, dann hoffe ich ja mal, dass ihr mit der neuen CD so richtig durchstarten werdet. Verdient hättet ihrs.

Danke. (lacht).

Wie sind denn die bisherigen Reaktionen?

Wir haben eigentlich durchweg gute Kritiken bekommen von allen Seiten. Was mich dann auch wieder freut, dass die CD von Leuten, die auch andere Musik hören,
also viel sogar von Nu Metal-Hörern, die mehr auf LINKIN PARK, LIMP BIZKIT und KORN abfahren, äußerst positiv aufgenommen wurde.

Tja, solchen Ohrwurm-Refrains kann halt einfach niemand widerstehen…