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DARK FORTRESS: Frei von Subventionen und Skandalen

DARK FORTRESS: Frei von Subventionen und Skandalen

Es gibt nicht nur Nachteile auf dem Land zu leben. Wälder, Flüsse, Frischluft, das Woodshed-Studio, das DARK FORTRESS-Chef V. Santura gehört. Das besuche ich an einem Freitag Nachmittag im Januar, um ein nettes Kaffeekränzchen zu halten. Bewaffnet mit einem Fragenkatalog, einem Aufnahmegerät und einem Mandelkuchen klingle ich um 17:00 Uhr an der Tür des Studios vor den Toren von Landshut. V. Santura tischt sogleich Kaffee auf, das Aufnahmegerät läuft. In so ungezwungener Atmosphäre über das neue, sehr monolithische und verstörende Album Ylem seiner Band DARK FORTRESS zu plaudern, ist fast schon ein wenig surreal, aber sehr entspannt, weshalb das Gespräch fast zwei Stunden dauert und die eine oder andere Abschweifung, aber auch viele interessante Aspekte beinhaltet, die man von anderen Black Metal-Bands garantiert nicht hören würde.

 

…dann können wir gleich nahtlos anfangen. Bis gestern hätte ich noch gesagt, dass Eidolon besser ist, aber jetzt hat es bei mir Klick gemacht.

Wie oft hast du Ylem bisher gehört?

Puh, zuerst drei-, oder viermal in kurzer Zeit, dann habe ich eine Pause eingelegt, weil ich wusste, dass da Potenzial ist, aber ich mehr Zeit dafür haben will. Vor zwei Wochen habe ich mich dann intensiver damit beschäftigt, aber ich habe es auch nicht mit dem Hören übertrieben, weil irgendwie musste ich mich lange Zeit immer aufraffen, Ylem in den CD-Player zu legen.

Es kann sein, dass man sich dieses Album erst erarbeiten muss. Mir ist es natürlich bewusst, dass wir es uns dieses Mal nicht leicht gemacht haben. Eidolon war sehr straight und direkt konzipiert, was die Mehrheit der Leute natürlich gleich anspricht. Ylem ist längst nicht so direkt und aggressiv, und daher wohl weniger zugänglich als Eidolon. Ich glaube aber, dass unser neues Album wesentlich mehr Tiefe hat, und dass man extrem lange Genuss daran haben kann, wenn man es sich erstmal erarbeitet hat. Da kann man auch nach dem hundertsten Mal noch neue Details entdecken. Ich denke auch, dass man sich Ylem viel entspannter anhören kann, als Eidolon, weil man danach in jeder Hinsicht fertig war. Sound, Mastering und Songs, alles war für unsere Verhältnisse am Anschlag. Ylem ist da ganz anders, die Sounds sind offener, es gibt viel mehr Dynamik und ruhige Stellen. Hätte Eidolon auch über siebzig Minuten gedauert, wäre es wirklich stressig geworden. Dadurch, dass Ylem viele doomige Elemente hat, ist diese Spielzeit OK. Wobei es immer schwierig ist, so ein langes Album zu machen.

Es ist auch meistens schwierig so ein langes Album zu hören.

Genau deswegen. Da zählt das Value For Money-Argument nicht, die meisten Leute beschweren sich, wenn man zu lange Alben macht. Aber es gab auch zu viel Songmaterial, und wir wollten nichts wegwerfen. Hätten wir ein bisschen mehr Zeit für das Songwriting gehabt, einen Monat vielleicht, dann hätte ich nochmal dreißig Minuten Musik schreiben können, und wir hätten zwei Alben aufgenommen und getrennt voneinander veröffentlicht. Fast alles, was wir geschrieben haben, ist auf Ylem gelandet. Es gibt noch ein paar Fragmente, die höchstwahrscheinlich auf das nächste Album kommen werden.

Die siebzig Minuten, die Ylem verschlingt, wirken auch gar nicht wie siebzig Minuten.

Das stimmt. Allerdings war Ylem als sechzigminütiges Album geplant und Wraith wurde als Bonus-Track vorgesehen. So wurde dieser Song auch konzipiert, weil er stilistisch sehr aus dem Rahmen fällt und sehr untypisch für DARK FORTRESS ist. CENTURY MEDIA fanden das Lied allerdings sehr gut, und sind der Ansicht, das könnte uns neue Türen öffnen und sie wollten, dass Wraith definitiv auf das reguläre Album kommt. Die Nummer dauert eben über acht Minuten, und so wurde aus einer guten Stunde über siebzig Minuten Musik.

Der Titel Ylem beschreibt ja die Urmasse, aus der sich alles entwickelt hat. Das trifft den Nagel auch musikalisch gut auf den Kopf.

Ja, genau! Das ist der Hauptgrund, warum wir uns für diesen Titel entschieden haben. Ylem stand schon vor dem Textkonzept. Es gab ein paar lose Ideen von unserem Sänger und Ylem war einer seiner ersten Gedanken. Losgelöst vom Konzept fand unser Sänger, als die Musik bis auf ein, zwei Songs fertig war, dass DARK FORTRESS momentan auf der Suche einer metallischen Essenz sind, und das repräsentiert das Wort Ylem sehr gut. Das ist eben die Essenz von allem. Vielleicht ist es ein wenig weit gegriffen, aber deswegen passt der Titel gut zum Album. Später, als die Lyrics dazu kamen wurde klar, dass die Texte sich auch alle auf dieses Thema beziehen. Ylem ist ja der Urzustand sämtlicher Materie vor dem Urknall und wenn man verfolgt, was passiert, wenn man sich zu Ylem wieder zurück entwickelt, dann ist das der Tod von allem. Die meisten Texte drehen sich im weitesten Sinne und aus verschiedenen Blickwinkeln um den Tod, weshalb der Titel sehr gut passt.

Das Wort hat eine ziemliche große Ausstrahlung, man liest es ziemlich selten, es ist so unbekannt und anfangs weiß man gar nicht, wie man es aussprechen soll.

Das wusste ich vorher auch nicht. Und das war eines der wenigen Gegenargumente gegen diesen Titel. Auch, dass es wieder aus dem griechischen kommt und mit dem Klang ei beginnt, aber es sieht anders aus und hat einen recht guten Look und schönen Klang. Außerdem ist es im Metalbereich noch recht jungfräulich, und außer einer Eindhovener Underground-Band, die so hieß, wurde es bisher noch nicht wirklich verwendet. Es ist wirklich schwer Titel, die nur aus einem Wort bestehen und die noch kein anderer verwendet hat, zu finden. Das spiegelt sich ja auch in den Bandnamen wieder. In den Achtzigern konnte man seine Band einfach DEATH, SLAYER oder MASSACRE nennen, heute heißen sie ARSONISTS GET ALL THE GIRLS oder SUCCESS WILL WRITE APOCALYPSE ACROSS THE SKY. Heute ist es wirklich schwer, Worte zu finden, die noch nicht belegt sind und da haben wir mit Ylem einen guten Griff gemacht.

Aber es passt ja auch musikalisch gut. Der Titelsong beginnt mit dem wilden Tapping und geht dann gleich voll nach vorne, danach gibt es immer wieder schleppendes, langsames Material, dann wieder schnelle Elemente. Das ist diese zähe, blubbernde, kriechende Urmaterie. Aber vom traditionellen Black Metal geht es dadurch etwas weg. Einerseits kann man sagen, dass ist ein sehr großer Evolutionsschritt.

Der Schritt von Profane Genocidal Creations zu Stab Wounds war auch groß, aber hauptsächlich wegen der Qualität. Außerdem finde ich, dass der Schritt von Stab Wounds zu Seance recht groß war, weil das ein Schritt in eine experimentellere Richtung war, der von vielen Leuten als extrem empfunden wurde. Eidolon war dann fast schon wieder ein Schritt zurück, was auch der Kritikpunkt daran ist. Es ist sicher ein Album mit hohem Niveau, aber auch ein Nummer-Sicher-Album. Ylem ist das überhaupt nicht. Wir haben es nicht nötig uns an irgendwelche Szenekonventionen zu halten. Warum sollen wir uns an Regeln halten, die ein paar Typen Anfang der Neunziger in Norwegen aufgestellt haben, mit denen wir gar nichts zu tun haben? Wir haben einfach gemacht, was wir wollten und dadurch eine wesentlich höhere Bandbreite zugelassen, als wir uns vorher jemals getraut haben.

Ein paar Songs haben einen ähnlichen Charakter, wie As The World Keels Over und Redivider. Der beschwörende Beginn erinnert mich an ein paar Stücke auf Night Eternal von MOONSPELL.

Ich habe MOONSPELL immer gerne gehört, aber Night Eternal kenne ich überhaupt nicht. Sin/Pecado ist das Album von ihnen, das mir am besten gefallen hat, und auch The Butterfly Effect hatte einige wirklich gute Ansätze, auch wenn die beiden Alben den meisten wohl nicht true genug waren. Danach habe ich irgendwie das Interesse an der Band verloren und nichts mehr gehört, auch wenn sie auf der Tour mit CRADLE OF FILTH und GORGOROTH vor einem Jahr die mit Abstand beste Band des Abends waren.

Jedenfalls habe ich nach diesen Intros erst erwartet, dass Fernandos Stimme sich erhebt.

 DARK
Bei CELTIC FROST zu spielen hat in meinem Musiverständnis spuren hinterlassen. V. Santura hat sechzig prägende Konzerte erlebt.

Diese Verwandtschaft von beiden Songs ist für mich eher verwunderlich, da sie aus komplett anderen Perspektiven geschrieben wurden. Bei Redivider habe ich eigentlich keinen einzigen Ton geschrieben. Seraph macht dieses Jahr seinen Abschluss als Schlagzeuger am Konservatorium in Rotterdam und hatte den Wunsch ein paar Sachen zu machen, die kein anderer verwendet. Die Grundidee war, mit jedem Gliedmaß ein anderes Muster in einer eigenen Taktart zu spielen. Diese Muster überlappen sich permanent und es sieht wirklich wahnsinnig aus, so als hätte er vier Arme. Das ist wirklich extrem komplex, er hat den Song mit drei Hi-Hats eingespielt, eine getretene rechts, eine in Mitte und eine getretene links. Und das war der Ausgangspunkt für Redivider. Seraph und unser Sänger Morean leben beide in Rotterdam, wo Seraph diese Beats programmiert hat und Morean Riffs dazu gespielt hat. Dieses Fragment war sehr interessant, klang aber sehr theoretisch. Ich habe dann etwas daran rumgespielt und ein paar Stellen etwas straighter gestaltet. Damit war unser Sänger aber nicht zufrieden, und schließlich kamen noch einige Riffs von Asvargr dazu, und es wurde von einem recht kurzen, zu einem sehr langen Song. Unser Sänger hatte die Vision, dass Redivider sehr seltsam beginnen sollte und dann zu einem Monster wird. Jedenfalls ist in der Endversion keine einzige Note von mir enthalten, während ich As The World Keels Over komplett geschrieben habe. Außerdem ist das aus einer ganz anderen Stimmung geboren, denn ich finde die Stimmung von As The World Keels Over sehr melancholisch, und Melancholie gibt es bei Redivider nicht. Das ist ein sehr negatives Stück und wirkt sehr beschwörend. Und das repräsentiert den Songtext, denn es beschreibt ein Ritual, das von Aleister Crowley stammt, was unseren Sänger extrem fasziniert hat. Mir ist ehrlich gesagt der Text stellenweise zu plakativ und gerade der Anfang ist zu klischeehaft und klingt nach Kindergartensatanismus. Unser Sänger bestand aber darauf, denn genau so funktioniert dieses Ritual, so wurde es beschrieben. Und es geht ja auch um ein Ritual, durch das versucht wird den Tod zu besiegen. Also sehr unterschiedliche Herangehensweisen. Aber du hast Recht, beide fangen getragen an und irgendwann steigt eine Band ein, es gibt abgefahrene Drumbeats mit vielen Ghostnotes, was ja eher im Rock vorkommt. Insofern hast du recht, das ist ein interessanter Punkt, den ich so noch nicht gesehen habe.

Das Drumming ist auf Ylem generell unglaublich. Am meisten stechen natürlich As The World Keels Over und Osiris heraus, mit dem Dualen Beat. War das wirklich überall nur eine Drumspur? Bei As The World Keels Over kann das aufgrund der menschlichen Limitierung von Armen aber ich nicht sein.

Bei Osiris ist es wirklich nur eine Schlagzeugspur. Der Beat ist ursprünglich ein Blastbeat, wo die rechte Hand immer auf der Ride oder Hi-Hat ist. Hier ist auf der Eins die Floortom, auf der Drei eine zweite Snaredrum. Das ist sozusagen ein Blastbeat, kombiniert mit einem Backbeat. Das Lied wurde mit zwei Snares eingespielt, eine kleine, die für Blastbeats optimiert wurde links und in der Mitte eine tiefer gestimmte, fette für die Backbeats. Bei As The World Keels Over gibt es das gleiche Prinzip, aber es gibt eine Stelle, wo man merkt, dass es nicht möglich war, alles auf einmal einzuspielen. Da spielt die rechte Hand gleichzeitig die Snare und ein Crash, während die linke Hand den Blastbeat spielt. Wir haben dann nur die Crashbecken noch separat eingespielt. Es ist völlig legitim im Studio acht Gitarren einzuspielen, warum soll man keine zwei Spuren für das Schlagzeug verwenden dürfen?

Das frag mal Derek One Take Roddy.

Das ist genau der Schlagzeuger, der das erfunden hat. Ich dachte eigentlich, wir wären die Erfinder der Backbeat-Blastbeat, aber Seraph hat das schon einmal bei Derek Roddy gehört. Bei unserem anderen Projekt NONEUCLID haben wir das auch schon verwendet. Wir haben uns gefragt, was kann man aus einem Blastbeat machen, damit es etwas anders wird. Das ist aber fast nicht möglich, und dass wir da ein Stilelement gefunden haben, wie man einen Blastbeat variieren kann, freut uns sehr. Bei Redivider gibt es noch einen anderen Blastbeat, wo die rechte Hand zwischen Snare und Hi-Hat hin- und herpendelt.

Da merkt man auch, dass es jemand spielt, der sich wirklich damit befasst und das auch professionell lernt und nicht biersaufend und Corpsepainttragend im Proberaum sitzt und ein bisschen rumholzt. Obwohl ich so rohe Sachen auch immer wieder gerne mag.

Na klar, das hat auch völlig seine Berechtigung. Das passiert auf Ylem nicht sonderlich oft, aber das ist auch der Grund, warum ein Song wie Satan Bled auf dem Album sein muss.

Oder Hirudinieans. Das ist meiner Meinung nach der Hit des Albums, schön grim und frostbitten.

Das finde ich auch. Das Lied ist schön true. Ich liebe diesen Song.

Da ist so ein Synthesizer dabei, der erinnert mich an schwer an Angstridden von SATYRICON.

(lacht) Ja, das war das Stichwort. Das war der letzte Song, den wir für Ylem geschrieben haben. Ich habe mir das Material angehört und es fehlte mir einfach noch etwas. Wie in einem noblen Restaurant, auf dessen Speisekarte lauter abgefahrene Gaumenkitzler stehen. Da stehen Kaviar und Hummer, aber ein grundsolider Schweinebraten, das fehlt noch. Und genau diese Rolle hat Hirudineans, nicht besonders anspruchsvoll, aber einfach brutal und direkt. Man kann ja nicht nur abgehobene Sachen machen. Ich mag dieses Lied wahnsinnig gern und an dieser Stelle ist es sehr wichtig.

Wie wichtig war eigentlich Monotheist von CELTIC FROST für Ylem. Musikalisch nicht unbedingt, aber vom Albumaufbau her, sehe ich da ein paar Parallen.

Das ist vielleicht ein Zufall, aber ich sehe trotzdem eine recht enge Verwandtschaft dazwischen. Und auch zwischen Seance und Monotheist sehe ich Ähnlichkeiten, obwohl die Alben fast zeitgleich erschienen sind. Es ist völlig unterschiedliche Musik, aber die Einstellung und die Stimmung der Musik ist ähnlich. Und das war auch der Grund, warum CELTIC FROST uns damals eingeladen haben und genau deshalb stieg ich dann als Livegitarrist bei ihnen ein. Ich habe mit CELTIC FROST sechzig Konzerte absolviert, das prägt natürlich stark. Die Konzerte waren sehr intensiv, die Musik war sehr heavy und da habe ich gemerkt, wie großartig es ist, solche Musik live zu spielen. Offenere und langsamere Musik, mit mehr Platz zwischen den Anschlägen kann einfach mehr zelebriert werden, das hat eine unglaubliche Wirkung. Das hat in meinem Musikverständnis einige Spuren hinterlassen, auch wenn ich CELTIC FROST nicht kopieren würde. Das hört man auf Ylem, gerade in The Valley. Es gibt zwar kein einziges Riff, das CELTIC FROST so gespielt hätten, da unsere Spieltechnik Arpeggios über mehrere Saiten beinhaltet, während deren Riffs fast immer aus Single Notes oder Power Chords bestehen. Da wäre sogar eine Verwandtschaft mit BURZUM naheliegender. Aber der Vibe und die Heaviness, das ist sehr von CELTIC FROST inspiriert.

Aber trotzdem ist The Valley irgendwie eigen. Ich kenne keine andere Black Metal-Band, die so klingt.

Ja, das denke ich auch. Der Song hebt sich schon dadurch ab, dass er auf siebensaitigen Gitarren gespielt wird, und ist trotz hoher Töne einen radikal tief gestimmten Grundton hat. Wir werden sicher nicht zu einer Doom Metal-Band werden, aber wir werden solche Elemente bestimmt öfter einsetzen. Normalerweise wäre ja auch The Valley der letzte Song gewesen, weil er so eine starke Stimmung aufbaut und jeder Song danach die Stimmung zerstört. Auch als Verdeutlichung, wo Ylem aufhört und die Reise dann weiter gehen könnte. Es gibt bestimmt DARK FORTRESS-Fans, die The Valley langweilig finden werden. Weil da nicht geknüppelt wird, und langsame Musik generell langweilig ist. Aber ich hatte dennoch das Gefühl, dass auf der Tour im Dezember mit SATYRICON und SHINING gerade die Leute begeistert waren, die uns bisher nicht gekannt haben.

 DARK
Selbstironie wird dem Black Metal nicht zugestanden. DARK FORTRESS provozieren bewusst mit Satan Bled.

Ich finde ja, dass die Doom Metal- und Black Metal-Szene immer näher zusammen rückt. Da könnte so ein Song ein guter Vermittler sein.

Und vielleicht noch eine weitere Band in der ich spiele. (lacht)

Natürlich, TRIPTYKON. Und wenn du mal ein Label wie SOUTHERN LORD ansiehst, einerseits WOLVES IN THE THRONE ROOM, andererseits wieder SUNN o))) und BORIS.

Das war ja auch die Idee der anstehenden Tour. Eine gemischte Tour mit Black Metal und Doom Metal zu veranstalten, das funktioniert glaube ich ganz gut. Ich kann mir gut vorstellen, dass sowohl SERPENTCULT als auch wir davon profitieren werden, da sie viele Fans haben, die unter normalen Umständen kein DARK FORTRESS-Konzert besuchen würden, und umgekehrt. Ich glaube, das ist eine interessante Mischung.

Ich dachte eigentlich, dass bei diesem Tourpackage Tom G. Warrior seine Finger im Spiel hat, weil er ja auch SERPENTCULT zu seinem Only Death Is Real-Event auf dem ROADBURN FESTIVAL eingeladen hat.

Nein, das hatte damit überhaupt nichts zu tun. Ich wusste zwar, dass er SERPENTCULT großartig findet, aber Avocado Booking hatten die Idee für SERPENTCULT und da habe ich mich an sie erinnert. Wir haben uns mit ihnen näher befasst und hatten nichts dagegen mit ihnen unterwegs zu sein.

Ich finde das Package überhaupt ziemlich gut, FARSOT sind ja auch ziemlich gut und SARDONIS sind auch bestimmt sehr spannend. Wie lange spielt ihr auf dieser Tour eigentlich? Ich meine, ihr habt inzwischen viel Material unterzubringen.

Wir werden uns nicht die Freiheiten von SATYRICON nehmen können und festlegen, dass wir jeden Abend um Punkt 22:00 Uhr auf die Bühne gehen und dann neunzig Minuten spielen, auch wenn die Vorband nur zwanzig Minuten zu spielt. Dennoch werden wir versuchen wenigstens sechzig Minuten plus zwei Zugaben zu spielen, weil ein Headliner-Set von weniger als einer Stunde etwas ärmlich ist. Wir haben eben ein neues Album mit vielen guten Songs, das wir promoten möchten, außerdem haben wir einen großen Backkatalog und von diesen Alben wollen wir auch mindestens ein Stück spielen. Außer von Profane Genocidal Creations, da spielen wir definitiv nichts. Aber es ist gar nicht so einfach, vier oder fünf neue Stücke und dann ebenso viele alte Songs und schon ist die Stunde voll. Ich finde es scheiße, von Seance nur einen Song zu spielen und auch auf Stab Wounds sind vier oder fünf Stücke, die das Publikum gerne hören würde, aber das geht einfach nicht. Aber ein paar Lieder werden wahrscheinlich gespielt, die wir länger nicht mehr im Programm hatten, wie Like A Somnambulist In Daylights Fire oder tatsächlich mal wieder etwas vom Debütalbum.

Ihr spielt im Zuge dieser Tour zum ersten Mal seit langem wieder in euer Heimatstadt Landshut, in einem neuen Laden namens Rocket Club.

Der Club ist wirklich toll, das ist genau das, was Landshut gefehlt hat. Für eine Band wie uns gab es da nichts, eine Konzerthalle, die 800 Leute fasst ist eben zu groß für uns, ein JUZ ist zu klein für uns. Und diesen Raum füllt der Rocket Club mit einer Kapazität für 300 Besucher genau aus. Außerdem sieht es da drin wirklich wahnsinnig gut aus, das ist ein echtes Schmuckstück. Ich hoffe, dass sich der Laden halten kann.

Bei so einem denkwürdigen Ereignis könnten ja auch wieder mal alte Bekannte auf die Bühne kommen.

(lacht) Das bezweifle ich. Unser letzter Gig in Landshut war auch das Abschiedskonzert von unserem Sänger Azathoth. Einige Leute haben gesagt, das wäre unser bester Auftritt gewesen, weil das einfach purer Black Metal war. Das Konzert war total negativ und hasserfüllt, da kam ein ziemliches Gänsehautfeeling von der Bühne herunter. Seither haben wir keinen Kontakt mehr.

Aber seitdem gibt es ja keine großen Line-Up-Probleme mehr. Die Besetzung ist bei euch ja seit langem ziemlich fest.

Ja, außer dem Sängerwechsel ist das Line-Up seit neun Jahren erfreulich konstant. Und Bandjahre sind ja ein wenig wie Hundejahre. (lacht)

Wie läuft das eigentlich bei euch ab, vier Leute aus dieser Gegend, zwei aus Rotterdam. Logistisch ist das ja auch etwas schwierig. Und nicht alle haben mit DARK FORTRESS den gleichen Stress.

Ja, es ist natürlich nicht für jeden gleich leicht. Manche müssen mehr Kompromisse für die Band eingehen als andere, wie unser Gitarrist Asvargr. Er hat die DARK FORTRESS gegründet und die Band ist ihm extrem wichtig, das ist sein Baby. Er muss seine Ideen aber immer mit einem anderen Musiker ausjammen, und das ist uns ja momentan nicht möglich. Seit Seraph in Rotterdam lebt, ist es für Asvargr viel schwieriger, sich in die Band kreativ einzubringen. Er kommt schon desöfteren zu mir und wir nehmen seine Ideen auf, ich programmiere das Schlagzeug dazu und so arbeiten wir diese Ideen aus. Für ihn ist das immer noch recht schwierig, während ich diese Arbeitsweise so bevorzuge. Da passiert es dann aber auch oft, dass ich die Lieder komplett fertig arrangiere. Und dann steht unser Keyboarder da, und beschwert sich, für was er noch gebraucht wird. Das war etwas anders, als wir noch regulär geprobt haben, aber diese Situation lässt es eben momentan nicht anders zu. Und diese Arbeit zu Hause ist auch der Grund, warum eine Band mit solchen logistischen Problemen überleben konnte. Wir proben eigentlich nur vor Konzerten oder Touren und proben dann mehrere Tage intensiv. Das ist dann ein bisschen wie ein Projekt, dass eine Zeitlang sehr intensiv stattfindet, dann wieder gar nicht vorhanden ist. So ein fehlender Bandalltag ist immer gefährlich, da muss man aufpassen, dass man sich emotional nicht davon entfernt. Aber wir haben es geschafft zusammen zu bleiben, weil wir es einfach genießen, zusammen in einer Band zu sein. Auch trotz einer Entfernung von 1000 Kilometern zwischen Teilen von uns.

Kehrt Seraph nach seinem Studium eigentlich wieder in die Gegend zurück?

Das bezweifle ich. Er wird zunächst seinen Abschluss machen und spielt mit dem Gedanken noch den Master dran zu hängen. Was danach kommt, wird die Zeit zeigen.Ich fühle mich sehr wohl in Landshut, ich mag die Stadt und die Gegend, aber es ist sehr provinziell. Wer einmal den Schritt gemacht hat, von der Provinz, wo es auch keine wirkliche Szene für Musiker gibt, in eine so enorm weltoffene Stadt wie Rotterdam, wo es auch viel größere Förderung gibt, der kehrt selten zurück. Ich glaube, er fühlt sich in Rotterdam auch sehr wohl.

Mir kommt es ja eh so vor, als würden Künstler und Musiker überall mehr gefördert werden, als in Deutschland.

 DARK
Die verbildlichte Urmasse: Das Artwork von Ylem.

 

Ja, Deutschland bekleckert sich nicht unbedingt mit Ruhm in der musikalischen Förderung. In Skandinavien ist es ist viel einfacher ein Instrument zu erlernen, oder auch einen Proberaum zu finden. In Deutschland werden jungen Bands, die einfach nur Proben wollen, laufend Steine in den Weg gelegt. In Norwegen wird Black Metal außerdem vom Staat subventioniert. Egal was das für misanthropischen und antichristliche Black Metal-Bands sind, sie werden vom Staat finanziell unterstützt, wenn sie ein Album aufnehmen, oder ein Konzert in Amerika spielen wollen. In Norwegen ist die ganze Subkultur viel etablierter, KEEP OF KALESSIN treten für den Grand Prix auf, und es gibt einen eigenen Grammy für Metal, dessen Verleihung von Snorre W. Ruch (THORNS – Anm. d. Verf.) moderiert wird, der wegen Beihilfe zum Mord im Gefängnis saß. Das Verhältnis der Norweger zum Black Metal ist ganz anders als in Deutschland, deshalb haben diese Bands es auch viel einfacher. Ein gutes Beispiel ist ein Tourangebot, das DARK FORTRESS einmal erhalten haben. Wir hätten Support für CRADLE OF FILTH auf deren US-Tour machen dürfen, hatten aber kein Budget von CENTURY MEDIA USA. Die Visas, Flüge und so weiter hätten wir selbst tragen müssen, da wären deutlich mehr als 10.000,00 $ Kosten auf uns zugekommen. Als norwegische Band hätten wir gute Chancen gehabt, dass diese Kosten vom Staat bezahlt worden wären und wir hätten bestimmt schon eine US-Tour gefahren. Das Interesse ist da, aber es scheitert einfach an diesem unglaublichen Kostenaufwand, überhaupt erst in die USA zu kommen. Norwegische Black Metal-Bands haben auch von vornherein ein ganz anderes Image und es leichter aus ihrem Land heraus zu kommen.

Deutsche Black Metal-Bands haben eh ein Image-Problem, und ich spreche nicht von NS Black Metal. Sobald eine deutsche Black Metal-Formation in ihrer Muttersprache singt, hat das meistens so etwas furchtbar pseudo-intellektuelles.

Ja, das ist ein gefährlicher Spagat, und deshalb haben wir auch nie deutsche Texte verwendet. Der Sound der deutschen Sprache eignet sich nicht so gut für diese Musik, diese Phonetik kann man, wie RAMMSTEIN es tun, gut mit Lautmalerei umgehen, aber meistens wird das ganz schnell peinlich. Eine Sprache, die mir gut gefällt, ist spanisch, ich kann mir das gut im Black Metal vorstellen. Ich habe einmal eine spanische Band namens SENTINELLA gemischt. Dieses Album wurde auf spanisch und englisch aufgenommen, und die spanische Version klang um so viel besser. Das ist einfach eine sehr feurige und harte Sprache und funktioniert gut für Metal.

Mir geht es so mit französisch, ich liebe diese Sprache in fieser Musik. Kennst du CELESTE?

Ja, die sind unglaublich. Ich frage mich, wieso sie nicht als Black Metal durchgehen, auch wenn sie sich selbst als Hardcore-Band sehen. Als wir für die kommende Tour eine dritte Band suchten, war CELESTE meine erste Wahl. Sie haben sich sehr über das Angebot gefreut, hatten aber leider keine Zeit. Sie waren nur verwundert, was sie auf der Tour zu suchen hätten, weil sie sich gar nicht als Black Metal sehen. Aber die ganze Präsentation und Ästhetik ist schon sehr Black. Das ist eine der besten Bands, die ich in der letzten Zeit entdeckt habe.

Aber eure Texte sind ja nach wie vor englisch gehalten. Ich habe mich ein wenig durchgelesen, die Themen handeln alle im weitesten Sinne vom Tod. Zu einigen ist mir viel aufgefallen, zu anderen wieder gar nichts. Wie Satan Bled.

Sei ehrlich, gibt es ein Wort, das du verstehst? (lacht)

Nur sehr, sehr wenig. Was hat sich Morean dabei gedacht?

Ich werde bestimmt nicht verraten, um was es in dem Stück geht. Wir haben überlegt, ob wir ein Preisausschreiben dazu veranstalten, und wer den Text in zeitgemäßes Englisch übersetzen kann, bekommt ein T-Shirt. Eigentlich ist der Text englisch, aber es ist entweder obsoletes Englisch, die Wörter stammen aus dem Lateinischen oder es sind absurde Fachausdrücke. Der Text erzählt eine durchgehende Geschichte, und wer sich die Mühe macht, das zu übersetzen, wird mit einem, naja, Text belohnt.

Der Titel ist wirklich sehr plakativ, so als Gegenpol zum ambitionierten Text. Als wäre das ein Joke.

Unser Sänger ist studierter Komponist, und er sagt, das wäre das musikalische Scherzo von Ylem. Satan Bled ist natürlich ein sehr plakativer Titel, und ich glaube, dass der Wortwitz, der dahinter steckt, nur in einer kleinen, südlichen Region Deutschlands verstanden werden kann.

(lacht laut los) Oh mein Gott, das ist genial. Das mir das noch gar nicht eher aufgefallen ist!

Das ist eben unsere Art Fuck You zu sagen. Es gibt ja bei uns in der Region ein paar Witze, die sich auf das Interview eines Black Metal-Musikers in einem Dokumentarfilm beziehen, daher kommt dieser Titel. Deshalb hatte ich auch einige Bauchschmerzen mit diesem Song, weil es der erste Song ist, der auf gewisse Art und Weise nicht ernst zu nehmen ist. Eigentlich ist das ein schlechter Scherz, und musikalisch ist das ein Witz, ein Rip-Off von uns selbst. Wenn man Edge Of Night und To Harvest The Artifacts Of Mockery von uns nimmt, das in einem Topf wirft und verkochen lässt, kommt Satan Bled dabei raus. Das ist irgendwie eklig, aber geil. (lacht) Rein emotional und philosophisch gesehen, ist Satan Bled die flachste Nummer auf Ylem, aber es ist einfach ein Rock and Roll-Song.

Naja, auch wenn du beruflich gesehen V. Santura bist und in einer Black Metal-Band spielst, das ist ein Alter Ego, aber…

Ich habe kein Pseudonym gewählt, das böse ist, sondern das vom Namen her gut klingt. Das ist einfach ein persönlicher Name, ohne einen satanischen oder schwarzmagischen Hintergrund. Worauf willst du eigentlich hinaus?

Mir geht es um das Normale hinter der Maskerade. Ich meine, so ein Witz ist ja sehr menschlich, das passt einfach nicht so recht zum misanthropischen, abgehobenen Element des Black Metal.

Das ist das Problem am Black Metal, und warum man als Black Metal Band oft ausgelacht wird. Das Genre hat überhaupt keine Selbstironie, und wenn man das bringt, wird es nicht verstanden, einfach weil dieser Musik das nicht zugestanden wird. Und das kann natürlich sehr nervig sein, weil in erster Linie ist man natürlich ein Mensch. Obwohl in meinen Anfangstagen das faszinierende am Black Metal natürlich das Entmenschlichte war. Das Entrückte, dass man gar nicht wusste, wer hinter der Musik steht. Das war so, als ich zum ersten Mal A Blaze In The Northern Sky von DARKTHRONE gehört habe, diese Faszination und die Mystik der Menschen, die dahinter stecken, hat mich nicht mehr losgelassen. Wenn man weiß, dass da ganz normale Menschen dahinter stecken und keine transzendentalen Monster, büßt das schon etwas von seiner Mystik ein. Aber diese Magie ist sowieso seit langer Zeit weg. Es ist natürlich lächerlich zu erwarten, dass man als Black Metal-Musiker ein völlig unmenschliches Individuum ist.

Ich denke, da macht ihr einen recht guten Spagat. An gewisse Sachen haltet ihr euch, wie die Pseudonyme und nicht übertriebene Schminke.

Das finde ich auch absolut richtig, es geht genau um diese Aura, die wir auch dadurch der Musik verleihen wollen. Andererseits sind wir vielen Leuten nicht krass genug, und wir hätten mehr Erfolg, wenn wir klischeehafter vorgingen. Dadurch, dass wir weniger plakativ sind als andere, haben wir weniger Ecken und Kanten und stoßen weniger an. Wir hätten bestimmt einen größeren Namen, hätten wir eine Kirche angezündet, Heroin genommen, oder jemanden zusammen geschlagen. Diese Skandale fehlen uns, und das finden viele Leute sicherlich gut. Aber je mehr Skandale man hat, und je mehr man polarisiert, desto mehr wird man verkaufen. Der einzige Skandal, den wir hatten, war der Haarmodel-Skandal unseres ehemaligen Sängers, aber das will ich jetzt nicht mehr aufwärmen. Und das ist auch wieder so etwas, wo man einem Black Metal-Musiker nicht zugesteht, ein Mensch zu sein. Hätte, dass der Sänger von EDGUY oder THE 69 EYES gemacht, hätte das gepasst und die Mädchen wären darauf total abgefahren. So war das aber ein Riesenproblem.

Aber ästhetische Abgrenzung ist dennoch wichtig.

Genau. Mir geht es um das Gesamtkonzept, das nicht nur aus Musik besteht. Ich bin der Meinung, dass man Musik durch die Darbietung intensivieren kann. Ein Konzert heißt ja nicht umsonst auch Show. Das bedeutet für mich, dass man sich nicht in Straßenklamotten hinstellt und die Musik einfach so herunter spielt, sondern es gehört einfach mehr dazu. Und da ist für uns eine gewisse optische Präsentation sehr wichtig.

 DARK
Es ist wirklich schwer, Worte zu finden, die noch nicht belegt sind und da haben wir mit Ylem einen guten Griff gemacht. V. Santura (dritter von links) freut sich über einen originellen Titel für das sechste Album seiner Band.

Wo wir wieder bei den Texten wären, weil diese auch mehr zu bieten haben als Standardwortsalat. Ich lese viele Symbole heraus, es gibt vieles, das ich nach ein- oder zweimal Lesen überhaupt nicht deuten kann.

Und viele von diesen Symbolen kann auch ich dir nicht erklären. Ich habe mit Morean jeden Text durchgesprochen, um die Grundaussage davon zu kennen, aber was jedes einzelne Wort bedeutet, weiß ich nicht. Mir braucht niemand weiß machen, dass er jedes einzelne Wort der Texte versteht, wenn er nicht Englisch als Muttersprache spricht. Das ist schon anspruchsvolle Kost.

Liegt es an Azathoth, der ja durchaus eine gewisse Aura und Charisma hatte, dass sich Morean beim Texten ganz besonders bemüht?

Nein, ich glaube er ist einfach so. Er denkt nicht in den simpelsten Schemata, und dabei schreibt er die Texte wirklich schnell. Zu Eidolon hat er jeden Tag einen neuen Text geschrieben, einfach so am Nachmittag. Er schöpft einfach aus enormem Grundwissen, und im Prinzip beziehen sich die Texte auf persönliche Gefühle und Visionen, auf Sachen, die er schon lange sagen wollte. Das spielt auch auf viele Bücher an, die er gelesen hat, oder Filme die er gesehen hat, an. Und auch für das Okkulte und Magische interessiert er sich sehr, und weiß daher auch wirklich viel. Ich glaube einfach, er ist außergewöhnlich intelligent, das muss man neidlos anerkennen. Und vielleicht ist es daher manchmal schwierig, ihm zu folgen. Er zeigt eine eigene Welt in den Texten auf, und das war schon immer ein wenig unser ideal. Wir wollten die Hörer niemals mit irgendetwas belehren, das ist einfach langweilig. Mit der Musik offeriert man eine eigene Welt, in die man sich hineinziehen lassen kann, und die Lyrics sind dazu eine zweite Ebene.

Würde sich Morean eigentlich als Satanist bezeichnen?

Nein.

Jemand anders von euch?

Nein, auch nicht. Ich glaube, wir alle lehnen Schubladen und organisierte Formen von Religion ab, und da fällt für mich Satanismus auch darunter. Die große Frage ist sowieso, wie man Satanismus definiert. Es gibt theistischen, atheistischen und symbolischen Satanismus. Ich habe von diesen vielen Richtungen keine gefunden, in der ich mich wirklich wohl fühle. Wenn man sich den sehr symbolischen La Vey-Satanismus, der auch Hollywood-Satanismus genannt wird, betrachtet, dann ist das einfach eine Mischung aus Hedonismus und Sozialdarwinismus. Der hedonistische Aspekt mag ganz nett sein, aber der sozialdarwinistische Punkt ist mir einfach viel zu brutal. Wenn vielleicht siebzig Prozent von dem, was er gepredigt hat, mir gefällt, verachte ich die anderen dreißig Prozent. (lacht) Deshalb kann ich mich darin nirgends wiederfinden. Ich habe auch kein Problem damit, dass wir in einer christlichen Gesellschaft leben, denn wenn ich die Wahl zwischen Mitteleuropa und einem vom Islam geprägten Land wie dem Iran hätte, wäre meine Entscheidung klar. Wir leben einfach in einer vergleichsweise freiheitlichen Gesellschaft, auch wenn ich im erzkonservativen Niederbayern aufgewachsen bin. Das letzte Mal, dass sich die Kirche in mein Leben eingemischt hat, ist wirklich ewig lange her. Niemand braucht mehr erzählen, dass die Kirche ihn an seiner persönlichen Entfaltung hindert. Auch weil die Kirche so viel an Stärke und Macht verloren hat und die Mitgliederzahl derart rapide sinkt. Ich kann mich mit dem christlichen Glauben nicht identifizieren, aber ich habe auch keinen Hass darauf, oder das Bedürfnis mich radikal abzugrenzen. Wenn meine alte Nachbarin gerne in die Kirche geht, soll sie doch. Ich habe nicht das Bedürfnis sie vom Gegenteil zu überzeugen. Für viele ist Satan das Symbol, um sich von der Kirche abzugrenzen, aber da mir die Kirche eigentlich ziemlich egal ist, muss ich mich nicht radikal distanzieren. Und daher ist Satanismus für mich auch recht irrelevant.

Das klingt nach einer recht atheistischen Einstellung.

Nicht um jeden Preis. Ich schließe auch nicht unbedingt Spiritualität aus.

Ich lese momentan immer wieder in The Atheist Spirituality von Andre Comte-Sponville, bei dem der Titel Programm ist, ein sehr schönes Buch.

Ja, man kann sich als spirituell bezeichnen und trotzdem nicht an Gott glauben. Ich sehe mich am ehesten als Agnostiker. Weil ein Atheist würde auf die Frage, ob Gott existiert antworten: Nein, es gibt keinen Gott. Ein Agnostiker würde antworten: Woher soll ich das wissen? Ich zähle mich eher zur zweiten Gruppe. Nichts zu wissen ist einfach glauben.

Ein schöner Satz, um das so stehen zu lassen. Jetzt kommen wir mittels einem brutalen Schnitt zum Bonustrack eures neuen Albums. Ihr habt ein Remake zum Song Sycamore Trees von der Serie Twin Peaks gemacht. Wie seid ihr auf diese abgefahrene Idee gekommen?

Die Idee stammt von Morean, und er hat es auch fast komplett im Alleingang umgesetzt und sogar vorgemischt, ich habe nur den Gesang etwas lauter gemischt und das fertig gemacht. Morean ist ein riesiger Twin Peaks-Fan, ich habe die Serie leider nie gesehen. Ich weiß nur, dass diese Musik an einer Schlüsselstelle ganz am Schluss vorkommt. Er wollte mir den Text nicht erklären, weil man dadurch die Pointe der Story zerstören würde. Ich war mir nicht sicher, ob die Lyrics wirklich Black Metal-kompatibel wären, aber er meinte nur, dass es einfach sehr typisch für David Lynch ist.

Aufgenommen wurde Ylem natürlich wieder hier. Das ist wie 100 €-Schein, den man auf der Straße findet und liegen lässt.

Als redlicher Mensch bringt man so einen Schein natürlich zum Fundbüro. (lacht) Wenn man im eigenen Studio wohnt, ist es natürlich naheliegend das Album zu produzieren.

Ich finde die Produktion sehr massiv und druckvoll und modern, nicht wirklich puristisch.

Das ist schon ein recht ausproduziertes Album, es steckt extrem viel Arbeit und Liebe zum Detail darin. Es ist keine Standardproduktion und klingt sehr individuell.

Eidolon klang ja so, als wäre sie in einem modrigen Folterkeller aufgenommen worden.

Ja, das Album ist wurde in der Tat in einem solchen Keller aufgenommen. Das war nämlich in unserem alten Proberaum, mit alten Ketten an der Wand und so weiter. Vielleicht hört man da das Gewölbe raus, theoretisch geht das ja. Eine andere Band hat in diesem Keller aufgenommen, und ein anderer Tontechniker aus der Gegend hörte das und erkannte sofort, dass es sich um ein Kellergewölbe handelte.

Trotzdem, Ylem klingt zwar auch modrig und verfault, aber ein bisschen anders. Jedenfalls nicht nach diesem netten Bungalow hier.

Ja, Ylem ist erdiger und runder, etwas wärmer einfach. Eidolon war viel brutaler und lauter gemastert. Das war sehr kompakt und komprimiert.

Wenn du hier allein im Studio arbeitest und vor dich hin mischst, wäre da nicht ein zweites Ohrenpaar manchmal von Vorteil, ein externer Unbeteiligter, der objektive Vorschläge gibt?

Ja, das wäre manchmal schon nicht schlecht, und manchmal wäre es auch gut es jemandem in die Hand zu drücken, der ein Album dann mischt. Aber das geht einfach manchmal schief, weil ich eine ganz bestimmte Vorstellung davon habe, wie es schlussendlich klingen soll. Und warum soll ich jemandem einen Haufen Geld in die Hand drücken, der nur das macht, das ich auch selbst kann? Als Künstler hat man eine Vision, und die soll in die Tat umgesetzt werden. Je mehr man selbst machen kann, desto besser. Und es ist echter Luxus als Band komplett im Alleingang aufnehmen zu können. Das gibt uns Unabhängigkeit und wirklich viel Zeit an manchen Sachen lang und detailliert zu feilen. Und das möchte ich niemals eintauschen. Natürlich war es auch interessant ein Album extern Mastern zu lassen, wie damals bei Stab Wounds, aber mit meinem heutigen Wissen hätte ich das besser hingekriegt und wir wir hätten uns die 1200 € sparen können. Aber die anderen in der Band hören auch immer kritisch zu. Ganz besonders hilfreich ist da Seraph, der kann immer sehr konkret sagen, wo etwas fehlt. Außerdem kann man die Produktion im eigenen Studio so planen, dass die Aufnahmen und Mix zeitversetzt sind. Das mache ich sowieso bei allen Projekten, aufnehmen und mischen am selben Tag macht betriebsblind. Ich könnte das gar nicht, das ist wie mit verbundenen Augen Auto zu fahren.

 DARK
Niemand braucht mehr erzählen, die Kirche würde heutzutage noch jemanden an der persönlichen Entfaltung hindern. V. Santura ist das Thema Kirche recht egal.

Das Artwork ist das einzige, das bei mir bisher keinen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Ich habe aber auch nur das Titelbild bisher gesehen. Das passt zwar gut zum Titel, von den Farben und der Struktur, aber das reicht irgendwie nicht, um das Thema zu visualisieren.

Ich finde das Booklet großartig. Aber einfach war es nicht das darzustellen. Ylem ist die hypothetische Ursubstanz, aus der alles entstanden ist. Wie kann man das visualisieren? Es darf kein konkretes, greifbares Motiv sein, es muss undefinierbar sein. Das Konzept hinter diesem Artwork ist, dass es aussieht, wie ein halb verrottetes Grimoire mit magischen Formeln darin, das tausende Jahre in der Wüste lag. Den undefinierbaren und kosmischen Punkt mit der Grimoire-Ästhetik zu vermischen ist gut gelungen. Mir gefällt aber auch das Backcover besser als das Titelbild. Nur das Cover für sich allein, ist ein gutes Bild, aber das Ganze ist wirklich sehr ansprechend. Deshalb gibt es auch die Erstauflage in einem Pappschuber. Das wirkt besser, statt es als normale Jewel Case-CD heraus zu bringen. Am besten wäre es sowieso gewesen, Ylem in Buchform, oder einfach als Digipack mit Prägedruck zu veröffentlichen. Aber es ist extrem teuer, so etwas anfertigen zu lassen, deshalb gab es als Kompromiss diesen Pappschuber. Vielleicht sieht es aber auch scheiße aus, und niemand kauft das Ding.

Ja, klar.

Aber ich bin mir sicher, dass wir einige Fans mit Ylem verlieren werden. Ich weiß nicht, wie das Album ankommen wird. Wir sind damit einfach nicht auf Nummer sicher gegangen. Die Leute, denen wir früher schon einen Schritt zu weit gingen, und die wir mit Eidolon etwas versöhnen konnten, werden ihre Mühe mit Ylem haben. Wenn man Musik mit dem Hintergedanken schreibt, dass man mit dem neuen Werk mindestens ebenso viel verkauft, wie mit dem vorherigen, dann hat man als Künstler aber keine Daseinsberechtigung. Das ist vielleicht etwas hart ausgedrückt, aber man macht eben keine Kunst mit einem primären kommerziellen Hintergedanken. Ich sehen gar nichts Verwerfliches daran mit seiner Kunst Geld zu verdienen, aber trotzdem, muss man etwas damit ausdrücken. Wenn man nichts zu sagen hat, sollte man es bleiben lassen, und wenn man versucht etwas zu sagen und es nicht wirklich ausdrücken kann, ist es nicht authentisch und nicht mehr glaubwürdig. Ylem ist aber sehr authentisch, es ist einfach so aus uns heraus gekommen. Hätte ich nochmal ein Album wie Eidolon schreiben müssen, wäre es das letzte für DARK FORTRESS gewesen, dann hätte ich kreativen Selbstmord begangen. Ich brauchte einfach diese Erweiterung, diese stilistische Freiheit, um Musik zu machen, die mir etwas bedeutet. Aber dieser Schritt ist immer unsicher, man verliert Fans, gewinnt aber neue dazu. Es kann natürlich sein, dass Eidolon effektiv erfolgreicher sein wird, aber auch, dass Ylem dreimal so viel verkauft wird. Ich bin sehr gespannt, denn es wird wohl sehr gemischt aufgenommen werden wird. Aber wir haben ja keinen argen Stilbruch begangen, das Album trägt immer noch die Essenz von DARK FORTRESS in sich und wir haben sowieso immer eher die Hörer angesprochen, die einen etwas weiteren Horizont haben und offen sind.

Das steht ja auch im Bandinfo. Und da steht übrigens noch etwas zum Gastsänger Mortal, der auf Wraith zu hören ist. Ist das eigentlich ein bekannter Musiker?

Naja, hier in der Gegend ist er schon etwas bekannter. Er spielt bei ENSEMBLE TAKTLOS und ist ein guter Freund von uns und einer der besten Freunde unseres Sängers. Er hat in Regensburg Gesang und Musikkunde studiert, und ist hauptsächlich Gesangslehrer. Wenn er IRON MAIDEN singt, macht er das einfach göttlich. Irgendwann hat er Solitude von CANDLEMASS gesungen, und das war einfach unglaublich. Etwas in diesem Stil wollte ich bei Wraith haben, altmodischer Heavy Metal im Stil von DIO oder eben CANDLEMASS. Und da ist er genau der Richtige dafür. Und wenn es jemanden im Bekanntenkreis gibt, der das so gut kann, dann braucht man sich keine prominenten Gastsänger ins Studio holen. Da bleibt lieber alles in der Familie.

Kommen wir langsam zum Schluss, damit du weiter mastern kannst. Die Tour im Dezember war das optimale Promotool, die meisten Stimmen, die ich über euch gehört habe, waren begeistert. War das aus eurer Sicht auch auch eine erfolgreiche Tour?

Auf jeden Fall. Ich habe zwar auch einige weniger positive Stimmen gehört und in einem Live-Review wurden wir auch vernichtet, auch wenn an diesem Abend das Publikum wirklich super war. Aber die Tour war definitiv ein Erfolg für uns. Natürlich wäre es schöner gewesen, wenn Ylem zu dieser Zeit schon veröffentlicht gewesen wäre. Es war für uns als Band ein wichtiger Schritt, einmal eine vernünftige Support-Tour für eine große Band zu fahren. Bisher hatten wir nur für ein paar zusammenhängende Daten mit SATYRICON und CELTIC FROST gespielt. Die Tour war sehr professionell organisiert, wir waren nicht der Opener, was sicher gestellt hat, dass wir nicht in einem leeren Haus spielen mussten. Aber auch POSTHUM haben als Opener immer in vor vielen Leute gespielt. Aber neunzehn Shows ohne Day-Off waren schon sehr hart, auch aus gesundheitlichen Gründen. In der Slowakei und in Tschechien konnte ich nicht mitspielen, da ich mit Grippe im Hotel liegen musste und Morean bekam eine Halsentzündung.

Jetzt kommt die Headliner-Tour, ihr seid nach wie vor im Gespräch und die Besucher der letzten Tour freuen sich, euch länger zu sehen.

Genau, das war auch die Idee hinter dieser kommenden Tournee. Die Leute, die uns vor SATYRICON mochten, werden auch wieder kommen, da wir im Dezember maximal 35 Minuten spielen konnten. Und nur sechs Songs zu spielen ist schon eine sehr limitierte Setlist. Und jetzt haben wir die Möglichkeit eine wirkliche Show aufzuziehen. Das Problem bei der Support-Tour war ja auch, dass wir unsere Bandbreite nicht wirklich zeigen konnten und das war auch nicht gerade zufriedenstellend für uns. Und weil wir außer The Valley eher die kurzen, punkigen Sachen wie Poltergeist, Harvest und Hirudinieans spielten, ist es gut möglich, dass manche einen falschen Eindruck von uns erhalten haben.

Ist es eigentlich für V. Santura als Fan desillusionierend mit einer Band wie SATYRICON zu touren?

Wir haben bereits Ende 2006 mit SATYRICON gespielt, und das war wirklich desillusionierend. Das war schon etwas zweischneidig, und manche Leute sagen manchmal ganz zurecht, dass sie die Leute nicht kennen lernen wollen, von denen sie Fan sind. Als wir als Support für CELTIC FROST gespielt haben, war alles super, aber SATYRICON schotten sich da mehr ab. Aber das ist ja kein Geheimnis, immerhin hat ja die DVD Roadkill Extravaganza eine eigene Sektion, die heißt: Arrogance & Extravagance. Aber Frost ist ein unglaublich höflicher Mensch. Frost kam am ersten Tag der vergangenen Tour zu mir und begrüßte mich, da er mich wohl noch von anderen Konzerten her kannte und Morean versicherte er, dass sie uns ausgewählt hatten, weil sie uns musikalisch durchaus schätzen und respektieren und ein gutes Tourpackage abliefern wollten. Und sowas von Frost zu hören ist für uns eine große Ehre. Und für mich ist Frost immer noch der ultimative Black Metal-Schlagzeuger. Er ist eben sehr zurück gezogen und introvertiert, aber auch unglaublich höflich.

Und wie war es mit SHINING? Die sind mir wegen ihres Sängers immer noch sehr unsympathisch.

Das ist genau, was ich vorher angesprochen habe, sie haben die Skandale. Und genau darüber habe ich auch mit Kvarforth gesprochen. Und er meinte, dass es genau das ist, was uns fehlt. Er empfahl uns einfach mal jemandem aufs Maul zu hauen. (lacht) Er sagte das natürlich mit einer gewissen Selbstironie, weil es ihn natürlich ankotzt, dass viel von SHININGs Bekanntheit, darauf basiert, und nicht auf der Musik. Aber damit muss er einfach leben, es ist für ihn natürlich auch ein zweischneidiges Schwert. Ich fand es großartig mit SHINING auf Tour zu sein, was mich selbst überrascht hat, aber wir sind offen an dieses Package heran gegangen und sind uns gegenseitig mit viel Respekt begegnet. Außerdem finde ich SHINING auch musikalisch großartig. Also jederzeit wieder.

Dann möchte ich hiermit schließen. Eines ist mir aber noch aufgefallen, und das ist der bewusste Schlusspunkt. Ylem ist ja die Urmasse. Was könnte danach denn eigentlich kommen?

Ja, das ist eine interessante Frage.

Cosmogenesis (Zweitwerk von OBSCURA, von V. Santura produziert – Anm. d. Verf.) vielleicht?

(überlegt) Stimmt, ja, das ist richtig! Warum ist mir das nicht früher aufgefallen? Dann müssen wir als nächstes den Schritt nach Cosmogenesis wagen. Aber eines will ich nochmals klar stellen, es geht im lyrischen Kontext um den Tod und den Zerfall und nicht um die Geburt. Und diese Sterblichkeit von allem ist vielleicht gar nicht so schlecht, denn wenn man unsterblich wäre, es wäre die Hölle. Stell dir vor, du könntest nicht sterben? Würdest du das in fünfhundert oder tausend Jahren noch genießen?

Vielleicht würde ich ein Raumschiff bauen und durch das ganze Weltall fliegen und jedes Individum persönlich beleidigen. V. Santura, vielen Dank für Deine Zeit und das tolle Interview.

Fotos: (c) Anna Tluczykonz, Artwork: (c) Century Media