THE GHOST INSIDE: The Ghost Inside

Es dauert keine anderthalb Minuten bis zur ersten Binsenweisheit: „What doesn’t kill you makes you stronger!“, lässt uns Fronter Jonathan Vigil wissen. Ein großartiger Lyriker ist der Sänger in den vergangenen fünf Jahren nicht geworden und doch bleibt uns bei „The Ghost Inside“ jeglicher Spott im Hals stecken. Denn was Vigil uns mit Wut im Bauch und Leidenschaft im Herzen entgegenschreit, sind keine bloßen Plattitüden, sondern auch die Lehren einer bitteren Lektion.

Im November 2015 kollidierte der Tourbus der Band mit einem LKW. Beide Fahrer starben, die übrigens Insassen erlitten teils schwerste Verletzungen, von gebrochenen Knöcheln bis zum Verlust eines Beines – Drummer Andrew Tkaczyk spielt nun mit Prothese. Wenn THE GHOST INSIDE im Kollektiv nun also „Still Alive“ in die Welt schreien, dann hat das ein ganz eigenes Gewicht.

THE GHOST INSIDE spannen ihren Metalcore weiterhin in alle erdenklichen Richtungen aus

Authentizität ist folglich das Fundament dieses Comebacks, der Lebenswille der Musiker sein Mörtel, wenn man so will. Als Dokument menschlicher Resilienz und Willenskraft ist „The Ghost Inside“ somit nichts anderes als beeindruckend. Musikalisch greifen die US-Amerikaner dagegen den Faden der Vergangenheit wieder auf. THE GHOST INSIDE spannen ihren Metalcore weiterhin in alle erdenklichen Richtungen aus: Von den Hardcore-Tendenzen samt Gangshouts in „Still Alive“ bis zu den poppigen Gesangslinien im A DAY TO REMEMBER-Stil in „Begin Again“ fühlt sich die Formation in vielen Nischen zu Hause.

Der Klargesang, der auch im eingängigen „One Choice“ sowie „Overexposure“ eine prominente Rolle spielt, fügt sich gut in den Bandsound ein, funktioniert aber am besten, wenn er dosiert und mit möglichst wenig Autotune eingesetzt wird. Der Mix aus Dampfwalzen Marke „Pressure Point“ und Melodic Hardcore-Einflüssen hält das Album bis zum Schluss abwechslungsreich, wenngleich so mancher Breakdown etwas plakativ und stumpf daherkommt.

“The Ghost Inside” gibt uns eine wichtige Lektion mit auf den Weg

Diesbezüglich hätten wir uns ähnlich viel Fingerspitzengefühl gewünscht, wie es die Gitarren im fantastischen „The Outcast“ beweisen. Die Art und Weise, wie Chris Davis und Zach Johnson Harmonien und Melodien in die drückende Riffwand einweben, ist in manchen Momenten zum Niederknien. Ähnlich emotional wird es in „Unseen“, wo THE GHOST INSIDE das Tempo reduzieren und Jonathan Vigil tief in seine Seele blicken lässt.

Auch hier findet der Sänger weniger blumige als klare Worte. Es ist aber auch diese direkte Ehrlichkeit, die „The Ghost Inside“ seinen unmissverständlichen Charakter gibt. „The beat goes on“, heißt es etwa im abschließenden Höhepunkt „Aftermath“. Auch das ist eigentlich eine dieser Binsenweisheiten, die im Fall von THE GHOST INSIDE jedoch der unmittelbaren Lebenswirklichkeit entsprungen ist und uns eine wichtige Lektion mit auf den Weg gibt: Selbst aus dem Alltäglichsten können wir neue Inspiration schöpfen, wenn wir es nur zu schätzen lernen.

Veröffentlichungstermin: 5.6.2020

Spielzeit: 39:04

Line-Up:

Jonathan Vigil – Vocals
Chris Davis – Gitarre
Zach Johnson – Gitarre
Jim Riley – Bass, Backing Vocals
Andrew Tkaczyk – Drums

Produziert von Will Putney und Jeremy McKinnon

Label: Epitaph Records

Homepage: https://www.theghostinside.com/
Facebook: https://www.facebook.com/theghostinside/

THE GHOST INSIDE “The Ghost Inside” Tracklist

1. 1333
2. Still Alive
3. The Outcast
4. Pressure Point (Lyrics-Video bei YouTube)
5. Overexposure
6. Make Or Break
7. Unseen
8. One Choice
9. Phoenix Rise
10. Begin Again
11. Aftermath (Video bei YouTube)