PAIN OF SALVATION: BE

Ein zutiefst unkommerzielles Werk, aber aus künstlerischer Sicht wohl das ambitionierteste und anspruchsvollste Album der Schweden.

Nachdem das Unplugged-Album 12:5 den überaus hohen Standard der bisherigen Veröffentlichungen von PAIN OF SALVATION nicht ganz halten konnte, erscheint nun also endlich das lang erwartete und schon vor den eigentlichen Aufnahmen uraufgeführte neue reguläre Album. Doch halt! Von regulär kann dabei ganz und gar nicht die Rede sein, unterscheidet sich BE doch in vielerlei Hinsicht stark von allem, was man von den schwedischen Proggies bisher zu hören bekommen hat.

Das fängt bereits beim Konzept des Albums an. Richtete man auf allen bisherigen Alben den Blick auf einzelne Menschen sowie die Gesellschaft und beleuchtete so bestimmte soziale und politische Aspekte im Detail, so zeigt BE erstmals das Ganze, aus einiger Entfernung betrachtet, und stellt somit eine Art Meta-Konzept dar, in welches sich die Thematiken der bisherigen Alben wunderbar integrieren lassen. Bei BE geht es, das deutet der Name schon an, um das Wesen des menschlichen Daseins, um das Verhältnis zu Religion und Wissenschaft, und es liefert zugleich eine Erklärung für niemals endende Streitigkeiten zwischen unterschiedlichen Glaubensrichtungen. Daniel Gildenlöw stellt eine Vielzahl von miteinander zusammenhängenden Hypothesen auf, liefert in der Promo-Version der CD sogar ein ausführliches Literaturverzeichnis mit. Zwar ist es auch möglich, die grundlegenden Ideen anhand der vorliegenden Texte nachzuvollziehen, doch ist zusätzliches Hintergrundwissen ein echter Gewinn, will man so richtig in das Album eintauchen. Wer nicht die Zeit und Muße hat, sich durch dutzende von Büchern zu kämpfen, der sei auf das ausführliche Interview mit Daniel Gildenlöw hingewiesen, welches bereits vieles klarer erscheinen lässt.

Doch auch musikalisch gibt es Neuerungen. Da wäre zunächst die reichhaltigere Instrumentierung zu nennen. Die übliche Rock-Instrumentierung wird nicht nur durch Mandola, Cembalo, chinesische archò sowie Conga und Djembe ergänzt, sondern auch durch das neunköpfige Orchestra Of Eternity, welches aus Streichern und Bläsern besteht. Dass das Orchester bereits beim Komponieren fest eingeplant war, sogar von elementarer Bedeutung für das Album ist und nicht einfach auf fertige Songs aufgesetzt wurde, ist zu jeder Sekunde deutlich zu hören, übernehmen die Orchesterinstrumente doch oft die Führung, prägen durch ihren Klang das gesamte Album und sorgen so für ein enorm dichtes Klangbild. Zudem erlauben erst sie solch komplexe Arrangements, wie sie auf BE zu hören sind und deren Einzelheiten zu entdecken viel Zeit beansprucht. Viele Feinheiten bemerkt man erst, wenn man sich das Album über Kopfhörer anhört.

Auffällig ist, dass BE einen eklatanten Mangel an griffigen Hooklines aufweist, wodurch sich die Musik bis auf einige Ausnahmen auch nach etlichen Durchgängen noch nicht im Hirn festsetzen will – das war ja auf Remedy Lane bereits eingeschränkt der Fall, gilt aber für BE in viel stärkerem Maße. Überhaupt wird vergleichsweise wenig gesungen. Vielmehr als auf Eingängigkeit scheint Wert darauf gelegt zu werden, für die jeweiligen Szenen – ja, die Texte sind weniger abstrakt als man angesichts der obigen Erläuterungen vermuten könnte – genau die passenden Stimmungen zu erzeugen. Zu diesem Zweck werden verschiedene musikalische Themen immer sehr gezielt eingesetzt, wodurch das Album schon eher an Filmmusik erinnert als ein Rock- oder Metalalbum. Ein großer Teil des Konzeptes des in fünf Kapitel unterteilten Albums wird zudem anhand von Samples, Sprachsequenzen und hörspielartigen Passagen verdeutlicht, welche aber nicht immer zwischen die einzelnen Songs gelegt wurden, sondern oft auch fester Bestandteil der Kompositionen sind. Zwar wird der Fluss der Musik teilweise etwas gestört, doch werden sämtliche dieser Hörspielsequenzen Sinn stiftend eingesetzt.

Wie von PAIN OF SALVATION gewohnt, regiert auch auf BE nicht das Gefrickel. Dass man seine Instrumente beherrscht, braucht man niemandem mehr zu beweisen. Auch die Metalaxt wird nur selten herausgeholt, so etwa bei Diffidentia, das mit ungewöhnlichen Harmonien, schleppend-düsteren, fetten Gitarren und typischem Gildenlöw-Sprechgesang besticht. Über weite Strecken handelt es sich aber um ein eher ruhiges Album, das aber dennoch voller Spannung, Dramatik, Emotionen, aufwühlenden Momenten und vor allem Abwechslung steckt. Sowohl Metal, Gospel, Klassik als auch folkloristische Elemente sowie afrikanisches Getrommel und entsprechender Stammesgesang finden ihren Weg auf BE, und hier zeigt sich auch mal wieder, was für ein vielseitiger und begnadeter Sänger Daniel Gildenlöw ist.

Ja, man kann BE als ein kopflastiges Album bezeichnen. Das auf wissenschaftlichen Theorien aus unterschiedlichsten Feldern basierende Konzept fordert den Geist, und entstanden ist die Musik, wie sie schließlich auf dem Album zu hören ist, auch nicht aus dem Bauch heraus. Doch gerade weil mit so viel Bedacht musikalische Themen eingesetzt werden, um gezielt, und dem Hörer nicht immer bewusst, Stimmungen zu erzeugen, ist die emotionale Wirkung auf diesen ganz groß.

Nicht alle Fans der Band werden BE lieben. Manch einer wird sich eine metallastigere Ausrichtung gewünscht haben oder etwas songorientiertere Kompositionen und mehr Hooklines. Wer jedoch gerade die Veränderung und die Überraschung schätzt und bereit ist, sich intensiv mit dem Album auseinanderzusetzen und ihm viel Zeit zu geben, der wird BE lieben lernen – ein zutiefst unkommerzielles Werk, aber aus künstlerischer Sicht wohl das ambitionierteste und anspruchsvollste Album der Schweden.

Veröffentlichungstermin: 27.09.2004

Spielzeit: 75:53 Min.

Line-Up:
Daniel Gildenlöw – Vocals and harmonies and other voices, electric and acoustic guitars, grandpa´s mandola, percussion on toms, roto-toms, the above mandola and other noisy things, programming and samples, Chiense archò, distorted floorstamps, nice and ugly sounds of different kinds and origins…

Fredrik Hermansson – Grand piano, cembalo (harpsichord), samples, percussion…

Kristoffer Gildenlöw – Fretted and fretless basses, double bass, old junkyard steel barrels, percussion, harmony vocals (live)

Johan Hallgren – Electric and acoustic guitars, harmony vocals (live), congas

Johan Langell – Drums, cowbells, djembe, harmony vocals (live)…

Orchestra Of Eternity:

Mihai Cucu – 1st violin

Camilla Arvidsson – 2nd violin

Kristina Ekman – Viola

Magnus Lanning – Cello

Åsa Karlberg – Flute

Anette Kumlin – Oboe

Nils-Åke Pettersson – Clarinet

Dries van den Poel – Bass clarinet

Sven-Olof Juvas – Tuba

Gäste:

Cecilia Ringkvist – Dea Pecuniae in Dea Pecuniae

Blair Howatt – Miss Mediocrity in Dea Pecuniae

Kim & Kim Howatt – News casts and other readings

Produziert von Daniel Gildenlöw
Label: InsideOut

Hompage: http://www.painofsalvation.com

Tracklist:
1. Animae Partus (I Am)

2. Deus Nova

3. Imago (Homines Partus)

4. Pluvius Aestivus

5. Lilium Cruentus (Deus Nova)

6. Nauticus (Drifting)

7. Dea Pecuniae

8. Vocari Dei

9. Diffidentia (Breaching The Core)

10. Nihil Morari

11. Latericius Valete

12. Omni

13. Iter Impius

14. Martius/Nauticus II

15. Animae Partus II