IQ: The Seventh House

“The Seventh House” steht seinem starken Vorgänger qualitativ kaum nach. Nur “progressiv” ist dieses Album wahrlich nicht, was aber nichts daran ändert, daß “The Seventh House” ein nahezu perfekt inszeniertes Art Rock-Highlight ist.

Einmal mehr haben sich die Briten IQ mit der Veröffentlichung eines neuen Studioalbums reichlich Zeit gelassen. Die große Frage: Hat sich das lange Warten auf den Nachfolger des vielumjubelten “Subterranea”-Konzeptwerkes gelohnt? Um es vorweg zu nehmen: Für IQ-Fans definitiv. Für Art Rock-Fans im Allgemeinen: Durchaus. Denn “The Seventh House” steht seinem starken Vorgänger qualitativ kaum nach. Einziger Kritikpunkt: Die Hinwendung zu einem etwas moderneren Klangkonzept, das “Subterranea” auszeichnete, erfuhr einen kleinen Umkehrprozeß zurück zum fast schon allzu klassischen IQ-Sound. “Progressiv” ist dieses Album also wahrlich nicht, zumal die Band selbst in ihren Anfangstagen nicht gerade zu den Genre-Innovatoren zählte und sich mehr als nur ein wenig an Bands wie YES oder GENESIS orientierte. All das ändert aber nichts daran, daß “The Seventh House” ein nahezu perfekt inszeniertes Genre-Highlight ist.

Schon der 12minütige Opener `The Wrong Side Of Weird` arbeitet geschickt mit dynamischen Tempo-Variationen und dramaturgisch perfekt in Szene gesetzten Stimmungswechseln. Während die ersten Takte leichtfüßig-federnd verstreichen, ohne den Brit Prog-versierten Hörer, der derlei dahinplätschernde Melodien längst zu Dutzenden im Schrank stehen hat, zu fordern, ziehen nach zwei Minuten die ersten Wolken am Horizont auf. Die charismatische Stimme Peter Nicholls (die – zugegeben – ob des leicht brüchigen Timbres zwischen Peter Gabriel und Jon Anderson (YES) nicht jedermanns Sache ist) nimmt erstmals eine dezent melancholische Färbung an, und schräge Akkorde durchbrechen einen Moment lang die unbeschwerte Frühlingsidylle. Noch einmal beherrscht friedliche Heiterkeit die Szenerie, bevor die Stimmung endgültig umkippt. Resignierende Worte erklingen, umrahmt von Klavier- und sphärischen Keyboard-Klängen: “Thought that I was pulling through though I never had a chance of winning at all…”. Nach der Wehmut folgt der wütende Ausbruch: Harte Gitarrenriffs durchschneiden die Stille, die Atmosphäre wird dichter, düsterer. Nicholls beginnt zu rezitieren: “Riding the meltdown, right in the fallout/and I turn to the Fire when I’m spurned/send out the thing that is driving me crazy/I can douse it and leave it to burn”. Das Tempo wird forciert, bis schließlich die besinnliche Stimmung zurückkehrt und nach mehr als 12 Minuten in einem einzigen monumentalen PINK FLOYDschem Akkord ausklingt.

`Erosion` überzeugt durch packende Inszenierung und hohe Spannungsdichte, beginnt intensiv und eindringlich, wächst langsam, einem faszinierenden Refrain entgegen, ohne sich in diesem jedoch endgültig zu entladen und dem Hörer auch nur eine Sekunde aus seinem Bann zu entlassen.

Es folgt der Titelsong des Albums, ähnlich aufgebaut wie `The Wrong Side Of Weird`. Die vermeintlich friedliche Stimmung wird im Hintergrund durch die Geräusche ferner Kriegswirren kontrastiert. “My life is out of condition/I’ve held it together the best I can”: Wieder eine jener bewegenden Gesangslinien, die zum Besten zählt, was Nicholls je auf Tonträger gebannt hat. Die Stimmungen fließen ineinander, nicht so abrupt wie im Opener, doch nicht minder überzeugend in ihrer dramatischen Wirkung. Nach sechs Minuten, in denen sich `The Seventh House` allmählich verdichtet, folgt der erste große Umschwung, und futuristische Keyboardklänge leiten eine mitreißende Gitarrenmelodie ein, die in einer rhythmisch akzentuierten Anklage münden: “I`m all out of random, sentenced by madmen who have abandoned me/What chance of survival?”. Nach und nach verschiebt sich das Stimmungsgefüge, um schließlich den Kreis zu schließen, das “My life is out of conditions…”-Motiv wieder aufzugreifen und einmal mehr in sphärisch-bombastischen Schlußakkorden seinen Ausklang zu suchen.

`Zero Hour` besticht mit faszinierender Melodieführung und – trotz vergleichsweiche sparsamen Einsatz instrumentaler Stilmittel – dichten Arrangements. Verhalten melancholisch vorgetragene Songzeilen wie “Will the cross and all its stations lead you where you want to go?/ You say you want a revelation, well, tell me something I don`t know” entwickeln Ohrwurm-Potential, und spätestens in der zweiten Strophe, in denen diese von sanft perlenden Akustik-Gitarrenklängen umspielt werden, hat das Album seinen Hit. Die letzten drei Minuten fließen weitgehend ruhig und rein instrumental dahin, eingeleitet von einem verspielten Saxophon, gefolgt von sphärischen Keyboardflächen und einem Finale, in dem die einfühlsame Gitarre Michael Holmes in den Mittelpunkt rückt.

Auch `Shooting Angels` zählt zu den eingängigeren, simpler inszenierten Songs auf “The Seventh House”, doch einmal mehr verstehen IQ immer dann die entscheidende Portion Tiefe nachzulegen, wenn sie kompositorisch in allzu beliebige Art Rock-Standard-Gefilde abzuschweifen drohen.

Im zehnminütigen `Guiding Light` lotet die Band noch einmal das gesamte Spektrum des Bandrepertoires aus und tauscht den Hörer in ein abschließendes Klangbad aus ruhigen, wehmütigen Melodien, wütenden Gitarren-Ausbrüchen und beschwingten Instrumental-Passagen. Im Grunde die Blaupause typischen Art Rock-Songwritings und die Essenz des gesamten Albums: Packend, virtuos und nahezu perfekt umgesetzt, aber aus Mangel an Innovation – wie schon gesagt – nicht progressiv in seiner eigentlichen Bedeutung. Was der Klasse von “The Seventh House” in diesem Falle nicht geschadet hat…

Veröffentlichungstermin: 19.02.2001

Spielzeit: 58:24 Min.

Line-Up:
Peter Nicholls – vocals

Mike Holmes – guitars

John Jowitt – bass

Martin Orford – keyboards

Paul Cook – drums

Produziert von Mike Holmes
Label: InsideOut

Hompage: http://www.gep.co.uk/iq/

Tracklist:
1. The Wrong Side Of Weird

2. Erosion

3. The Seventh House

4. Zero Hour

5. Shooting Angels

6. Guiding Light