SCORPIONS: World Wide Live

Auch heute gilt noch: World Wide Live rockt!

World Wide Live rockt!

Los geht es mit Coming Home. Kaum setzt das Gitarrenriff ein, kann ich mich nicht mehr auf dem Stuhl halten. Luftgitarre spielend hetze ich vom einen Ende des Zimmers in das andere! Wild zerre ich am nichtexistenten Tremolohebel. Ich gebe alles vor einem imaginären Publikum, während aus den Boxen zehntausende Kehlen die Band anfeuern. Auf einmal bereue ich es, keinen Schnauzbart zu haben.

Klaus Meine verspricht den Massen Rock´n´Roll, den sie auch umgehend bekommen. Direkt im Anschluss geht es weiter mit Blackout. Matthias Jabs spielt, als ginge es um sein Leben. Ständig wirft er die irrwitzigsten Licks ein, während Rudolf Schenker cool bleibt und seine weltberühmten Riffs zockt. Im Hintergrund trommelt Hermann Rarebell stur geradeaus. Sein konsequenter Verzicht auf Dynamik und Komplexität gibt allen Nachwuchsdrummern Hoffnung und passt bestens zu der eingängigen Musik. Mit ausgestrecktem Arm schreie ich lauthals Blackout! und spiele mit dem Gedanken, meine Prog-Sammlung zu verkaufen.

Wer braucht schon so filigrane Präzisionsmucke der Marke DREAM THEATER, wenn man auch mit bunten Hosen und groovenden Hardrock-Nummern wie Bad Boys Running Wild glücklich sein kann!? Von dem Erlös meines MAJESTY-Demos könnte ich mir sicher so einen schicken Hut kaufen, wie ihn Rudolf Schenker auf dem Backcover trägt!

Big City Nights wird angekündigt. Die Leute vor der Bühne brüllen. Ich brülle zurück. Meine Vermieterin klingelt besorgt, wovon ich allerdings wenig mitbekomme. Ich balanciere auf meinem zur Monitorbox umfunktionierten Bett und heiße die Nacht willkommen! Hier weht kein Wind der Veränderung, hier regiert der pure Rock!

Bei Holiday macht er kurz Pause. Feuerzeuge gehen an und wetteifern mit den Sternen am Firmament. Still Loving You setzt dem Ganzen schließlich die Krone auf. Gibt es eine bessere Rockballade!? Nicht heute Abend!

Plattenwechsel. Luftholen.

Rock You Like A Hurricane! Die Wände wackeln. Gewitterwolken ziehen auf. Der Sturm entwurzelt reihenweise Bäume. Blitze schlagen in Strommasten ein. Schafe fliegen an meinem Fenster vorbei. Rock You Like A Hurricane! Hier bin ich! Das ist Rock`n`Roll! Kalifornien ist in meiner Gewalt!

Und das ist noch nicht alles. Bei Another Piece of Meat legen die SCORPIONS einen Gang zu und wechseln auf die Überholspur. Ich wälze mich auf dem Boden und schlage mit meinen Fäusten auf den Teppich ein. Im nächsten Moment springe ich auf, lass die Finger über die Saiten meiner Luftgitarre fliegen und pose wie ein Verrückter.

Ich will mehr. Ich bekomme mehr. Ich bekomme Dynamite! Mit eingeschaltetem Turbo laufe ich die Wände hoch, während Klaus Meine auf seine unnachahmliche Weise singt, schreit, Englisch und Deutsch zu einer neuen Sprache verbindet. Der Song endet in einem infernalen Crescendo, das alle Geräusche verschluckt, die bei der Zertrümmerung meiner Einrichtung entstehen.

The Zoo eröffnet den Zugabenteil. Ich durchstreife das Schlachtfeld und entdecke einen Gartenschlauch. Am Rande nehme ich einige zerstörte CD-Hüllen mit Titeln wie Pure Instinct und Eye To Eye wahr. Auf der Bühne bewegen sich die Saitenhexer synchron im Rhythmus, während der Schweiß ihnen von der Stirn perlt.

Dass die SCORPIONS auch melodisch rocken können, demonstrieren sie eindrucksvoll bei No One Like You, ehe beim letzten Song Can´t Get Enough noch einmal die grobe Keule ausgepackt wird. Die Gitarren durchschneiden die stickige Luft, der Gesang hat Power, das Schlagzeug macht einen Höllenlärm. So soll es sein!

PS: Wohl oder übel bin ich zu jung um als Zeitzeuge über das Album schreiben. Aber der vorhergehende Bericht zeigt hoffentlich, dass es auch 20 Jahren nach seiner Aufnahme nichts von seinem Reiz verloren hat.

Schon alleine die gewaltigen Menschenmassen, die man beim Aufklappen des Covers erblickt, zeigen, wie groß die SCORPIONS 1984/85 waren. Ihr größter Erfolg stand ihnen mit Wind of Change zwar noch bevor. Aber als Hardrocker hatten die Hannoveraner ihren (kommerziellen wie auch kreativen) Zenit zweifellos mit dem Album Love At First Sting erreicht. Mit der LP tourten die SCORPIONS über ein Jahr lang (!) um die ganze Welt. Unterwegs schnitten sie die Konzerte in Los Angeles, San Diego, Costa Mesa, Paris und Köln mit und veröffentlichten anschließend einen Zusammenschnitt in Form des Doppelalbums World Wide Live. Dabei gelang der Band das Kunststück eine Setlist zusammenzustellen, die ausschließlich Killersongs enthält! Gleichzeitig gibt es während der 80 Minuten Spielzeit keine Sekunde Langeweile. So muss ein wahrer Klassiker sein!

Veröffentlichungstermin: 1985

Spielzeit: 78:48 Min.

Line-Up:
Klaus Meine: Gesang

Rudolf Schenker: Gitarre

Matthias Jabs: Gitarre

Francis Buchholz: Bass

Hermann Rarebell: Schlagzeug

Produziert von Dieter Dierks
Label: Harvest / EMI

Homepage: http://www.the-scorpions.com

Tracklist:
1. Countdown

2. Coming Home

3. Blackout

4. Bad Boys Running Wild

5. Loving You Sunday Morning

6. Make It Real

7. Big City Nights

8. Coast To Coast

9. Holiday

10. Still Loving You

11. Rock You Like A Hurricane

12. Can´t Live Without You

13. Another Piece of Meat

14. Dynamite

15. The Zoo

16. No One Like You

17. Can´t Get Enough (Part I)

18. Six String Sting

19. Can´t Get Enough (Part II)