DORNENREICH: Hexenwind

Nach langer Stille braust endlich der Hexenwind über die Hörerschaft und hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck.

Über viereinhalb Jahre war es still um DORNENREICH. Im Oktober 2001 ging die Meldung eines neuartigen, archaischen Side-Projektes namens HEXENWIND durch den Blätterwald, im Februar 2005 stand dann fest, dass dies nicht mehr Projektname, sondern Albumtitel des aktuellen Werkes des österreichischen Ausnahmeduos werden würde. Nun ist Hexenwind erschienen, trägt auf den Schultern überschwer die Last des brillianten Vorgängerwerkes Her von welken Nächten und scheint schon nach wenigen Minuten unter dieser Last zusammenzubrechen. Oder doch nicht?

Bereits die Entwicklung von Sideprojektname zu Albumtitel ließ sich als Omen auf neue Impulse im Schaffen DORNENREICHs interpretieren. In der Tat klingt Hexenwind anders, ja so anders, dass überzeugten Anhängern der schwarzmetallischen Ära der Österreicher wohl die Tränen kommen und sie verzweifelt das Mein Flügelschlag-Demotape hervorkramen, um ihren Schmerz zu betäuben. In ein gutes Produktionsgewand gehüllt schwelgen Eviga und Valnes in ihren neuen Klangwelten, welche sich vor allem durch die Omnipräsenz akustischer und cleaner Gitarrensounds definieren. Anders als bei den meisten anderen Bands werden diese unverzerrten Gitarren nicht als Bestreiter kleiner Intermezzi eingesetzt, sondern frech den wenigen verzerrten Klängen vor die Nase hin plaziert. Dadurch entwickeln DORNENREICH eine Art akustisches Paradox: die unverzerrten Gitarren sind lauter als die bösen, metallischen, verzerrten, welche auf Hexenwind in den Hintergrund verbannt werden. An dieser ungewohnten Dominanz der cleanen Saiteninstrumente dürften sich die Geister am ehesten scheiden, auch nach mehreren Hördurchläufen scheint unklar, ob dies nun als radikaler, innovativer Geniestreich oder als störender Beigeschmack des Werkes fungiert.

Die neue Dominanzverteilung im Saitensegment zieht sich durch das gesamte, leider eher kurz ausgefallene Hexenwind. Ungewohnt für DORNENREICH ist die frappante Parallele zu DISSECTION in einem Riff im sonst gelungenen Der Hexe flammend´ Blick, zumal man die Österreicher in der Vergangenheit stets als eher musikalisch autark wahrnehmen durfte. Ansonsten fällt die Gemütlichkeit auf, welche Hexenwind innewohnt. Simple, akustische Riffs werden gerne wiederholt, der Songaufbau wirkt beinahe schmerzlich zähflüssig – DORNENREICH lassen sich hörbar Zeit mit ihren Spannungsbogen, wer hetzt, hat bereits verloren (selbst wenn der Ausspruch eile dich frei in Zu Träumen wecke sich, wer kann etwas anderes impliziert). In Evigas poetischen Vocals herrscht noch immer das alte Charisma, auch wenn er sich primär flüsternd und einlullend zu Wort meldet. Wirkliche Anspieltipps zu geben fällt entsprechend schwer, das abschließende Zu Träumen wecke sich, wer kann bietet sich an, da es den verzerrten Gitarren wieder etwas mehr Spielraum gibt und sich mit seinen Melodien in den Gehörgängen festsetzt.

Insgesamt hinterlässt Hexenwind vor allem eines: einen zwiespältigen Eindruck. DORNENREICH sind ruhiger geworden, die schwarzmetallische Raubeinigkeit ist verschwunden – nichtsdestotrotz ist die Eigenständigkeit geblieben. Denn trotz den neu entdeckten Klängen kann es sich bei Hexenwind nur um DORNENREICH handeln, wenngleich ihr neues Gewand manch einen alten Fan abschrecken wird, während es andere in bizarrer Art und Weise magisch anzieht.

Veröffentlichungstermin: 18.11.2005

Spielzeit: 43:00 Min.

Line-Up:
Eviga: Vocals, Instrumente

Valnes: Instrumente

Michael Stein: Drums

Label: Prophecy

Homepage: http://www.dornenreich.com

Email: dornenreich@prophecyproductions.de

Tracklist:
1. Von der Quelle

2. Der Hexe flammend` Blick

3. Der Hexe nächtlich` Ritt

4. Aus längst verhalltem Lied

5. Zu Träumen wecke sich, wer kann