DEFEATER: Letters Home

Hardcore aus einer ganz anderen Liga: DEFEATER überrumpeln auch das skeptische Publikum mit einem leidenschaftlichen, schmerzhaften Album.

In DEFEATERs Haut möchte ich nun wirklich nicht stecken. Schon mit dem zweiten Album Empty Days & Sleepless Nights haben sie einen großen Teil der Hardcore-Szene in ehrfürchtiges Erstaunen versetzt. Danach blieb die Frage, wie man denn das alles übertreffen könnte. Dazu kommt diese suspekte Spendenaktion seitens der Band für Veteranen aus den Afghanistan- und Irak-Kriegen, die Europäer wohl anders auffassen – es war gar von Nationalismus die Rede – als US-Amerikaner. Im Empfinden von DEFEATER ist das Nachsorge für Kriegsopfer und Teil des Antikriegsempfindens der Band. Wie dem auch sei, der Himmel über der Welt von DEFEATER und deren Geschichten ist ein wenig getrübt. Da hilft nur die Flucht nach vorne, wenig überraschend also, dass Letters Home DEFEATERs härtestes Album sein soll.

Und schon nach dem ersten Durchlauf fragen wir uns, ob DEFEATER ihr Debüt Travels vergessen haben. Das ist nämlich deutlich schneller und ärger als Letters Home. Dennoch geht es in die Vollen, vom Anfang bis zum Ende des Albums. DEFEATER beweisen erneut, dass sie brachiale, emotionale Songs schreiben können. Letters Home strotzt geradezu vor mitreißenden Stücken: Angefangen von Bastards, No Shame und No Faith bis hin zu Rabbit Foot präsentieren sie sich als impulsive Band, die ihre Songs unter Kontrolle hat, die mit Dynamik umzugehen weiß, die aber auch mehr bietet als nur schnell zündende Nummern. Ihr merkt schon, auch wenn Letters Home nicht gerade unter dem besten Stern stand, es packt schnell zu, es überrumpelt den Hörer und lässt ihn schnell wissen, warum DEFEATER eine der ganz großen neuen Hardcore-Bands sind.

Vielleicht ist das Mitgefühl gegenüber Veteranen auch nur den eigenen Großvätern geschuldet. Letters Home lehnt sich wieder an das fiktive, dramatische Konzept der beiden ersten Alben an, nimmt aber durch die Behandlung der Geschichte der Großväter von Derek Archambault eine Sonderstellung innerhalb des Bandkonzepts ein. Das spiegelt sich auch musikalisch wieder. Obwohl es unter diesen zehn Songs mindestens acht Hits gibt, ist der Gesamteindruck von Letters Home ein sehr kompakter. Das Album wirkt geschlossen und ist wie ein Wettrennen durch die Zeit, mit den Taten der Vergangenheit als Verfolger. Und wie bei einem Läufer, der seine Kraft nicht zu koordinieren weiß, sprinten DEFEATER anfangs so schnell es geht los, ab der Albummitte werden sie langsamer. Und hier taucht dann wieder die Dramatik auf, die Empty Days & Sleepless Nights so schön werden ließ, No Saviour beispielsweise klingt nach dem puren Flehen um Vergebung.

Als Realist konnte man natürlich nicht erwarten, dass Letters Home seinen übermächtigen Vorgänger aussticht, und so ist es auch nicht gekommen. Und trotzdem sind DEFEATER anno 2013 enorm stark, man möchte fast dazu sagen: Überraschenderweise. Die Riffs gehen unter die Haut, bei Derek Archambaults Geschrei rumort es in der Magengegend, die Songs sind mit Liebe zum Detail arrangiert und unter der Wut und Verzweiflung finden sich viele Ebenen, die erkundet werden können. Jay Maas weiß außerdem genau, dass ein erdiger Sound mit dem nötigen Maß an Transparenz und einer gesunden Portion Heaviness am besten zu seiner Band passt. Da wird es auf einmal nebensächlich, dass es eventuell kulturelle Differenzen gibt, dass auf dem Cover die Packung einer Zigarettenmarke abgebildet ist – ist das billiges Product Placement, oder was? – und dass es in Sachen musikalischer Entwicklung keinen Schritt nach vorne geht. Letters Home ist nicht zuletzt durch seine narrative Struktur ein Album das, genau wie seine Vorgänger, in der Hardcore-Szene in einer ganz eigenen Liga spielt.

Veröffentlichungstermin: 19. Juli 2013

Spielzeit: 34:42 Min.

Line-Up:
Derek Archaumbault – Vocals
Jay Maas – Guitar
Jake Woodruff – Guitar
Mike Poulin – Bass
Joe Longobardi – Drums

Produziert von Jay Maas
Label: Bridge Nine Records

Homepage: https://www.facebook.com/defeaterband/

Mehr im Netz: https://twitter.com/Defeater

Tracklist:
1. Bastards
2. No Shame
3. Hopeless Again
4. Blood In My Eyes
5. No Relief
6. No Faith
7. Dead Set
8. No Saviour
9. Rabbit Foot
10. Bled Out