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BORKNAGAR: True North

Eigentlich hinterlässt der Ausstieg mehrerer hochtalentierter Musiker tiefe Spuren in einem Bandgefüge. Als nach Gitarrist Jens Ryland auch noch Drummer Baard Kolstad (LEPROUS) und Sänger Vintersorg innerhalb von zwei Jahren den Hut nahmen, war in manchem Fanherz sicherlich Eiszeit angesagt. Und BORKNAGAR selbst? Die nutzen den frei gewordenen Kreativraum dafür, ihre Ideen neu zu ordnen und so schlüssig ineinanderzufügen, als hätte es in knapp zweieinhalb Dekaden Bandgeschichte nicht einen einzigen Besetzungswechsel gegeben.

Mit Bassist I.C.S. Vortex als neuem Hauptvokalisten erschaffen die Norweger mit „True North“ ein Album, das in seiner eigentlich geradlinigen Vision nichts anderes als spektakulär ist. Die Black Metal-Wurzeln lassen uns BORKNAGAR immer noch spüren, wenn hier und da plötzlich Blast Beats und frostige Screams durch das sonst so erhabene Klanggewebe brechen. Es sind vereinzelte Spitzen, die uns aber manchmal unerwartet treffen und „Thunderous“ sowie „Lights“ ein harsches Element verleihen.

BORKNAGAR sind sowohl Meister der Gegensätze als auch der Harmonie

Den teils eisigen Rhythmusgitarren stehen ein warmer Bass und der wunderbar miteinander harmonierende Gesang von I.C.S. Vortex sowie Keyboarder Lars Nedland gegenüber, die uns nicht selten einen wohlig-kalten Schauer über den Rücken jagen. BORKNAGAR sind auf „True North“ sowohl Meister der Harmonie als auch der Gegensätze, indem sie in „The Fire That Burns“ cleanen Gitarren schwarzmetallische Riffwände entgegensetzen oder schneidende Screams in sonoren Klargesang fließen lassen.

Dass das Herz BORKNAGARs in erster Linie der Musik selbst gehört, erkennen wir schnell am weltoffenen Ansatz dieses Albums, das sich vor keiner Idee zu verschließen scheint. Zieren „Thunderous“ durch die Violine stellenweise noch folkloristische Klangfarben, schenken die Norweger in der mitreißenden Ballade „Wild Father’s Heart“ bald darauf dem Wehmut ein Sprachrohr. In diesen Momenten geht „True North“ tief unter die Haut, nur um sich von dort umgehend wieder frei zu schneiden: „Mount Rapture“ fällt in das bewährte Spiel der Kontraste zurück, bevor die Nummer alsbald ein abruptes Ende findet.

“True North” zeigt uns, wie schön der hohe Norden sein kann

Die Hammond-Orgel im Intro veredelte zuvor schon den treibenden Übersong „Up North“, wo BORKNAGAR dank I.C.S. Vortex‘ unwiderstehlicher Gesangshook losgelöst und vollkommen kitschbefreit Mal eben den Power Metal neu definieren. Es ist einer dieser Momente, wo sich die Dinge für die Nordeuropäer geradezu schicksalhaft ineinanderfügen: Das Gefühl nach Hause zu kommen mischt sich mit der Sehnsucht nach fernen Landen zu einer Hymne majestätischen Ausmaßes.

Dass nach dieser Berg- und Talfahrt „True North“ mit „Voices“ einen fast schon meditativen Schlusspunkt findet, ist für BORKNAGAR und ihren ureigenen Progressive Metal im Jahr 2019 geradezu bezeichnend. Der stoische Gesang Nedlands bringt uns nach knapp einer Stunde in fast ritueller Art und Weise ans Ende unserer Reise, wo schließlich das letzte Stückchen Eis in unserer Brust wegschmilzt. So schön kann der hohe Norden sein.

Veröffentlichungstermin: 27.9.2019

Spielzeit: 59:06

Line-Up:

I.C.S. Vortex – Vocals, Bass
Øystein G. Brun – Gitarre
Jostein Thomassen – Gitarre
Lars A. Nedland – Keyboards, Vocals
Bjørn Dugstad Rønnow – Drums, Percussion

Produziert von BORKNAGAR und Jens Bogren (Mix)

Label: Century Media

Homepage: https://www.borknagar.com/
Facebook: https://www.facebook.com/borknagarofficial/

BORKNAGAR “True North” Tracklist

1. Thunderous
2. Up North (Video bei YouTube)
3. The Fire That Burns (Video bei YouTube)
4. Lights
5. Wild Father’s Heart
6. Mount Rapture
7. Into The White
8. Tidal
9. Voices (Video bei YouTube)