AYREON: The Human Equation

Mit "The Human Equation" liefert Arjen Lucassen ein Glanzstück progressiver Musik ab. Zugleich sein bisher abwechlsungsreichstes und stimmigstes Album.

Die vorab veröffentlichte Single ließ bereits vermuten, dass Arjen Lucassen mit The Human Equation etwas wirklich Großes gelungen ist. Nachdem er seine letzte Rockoper in Form von zwei stilistisch klar getrennten CDs veröffentlichte, erscheint The Human Equation, wie schon das grandiose Into The Electric Castle, als Doppel-CD und vereinigt dabei sämtliche Elemente des typischen AYREON-Sounds, anstatt zu trennen, was zusammengehört. Dabei ist dem Holländer das Kunststück geglückt, bei sämtlichen vertretenen Stilen neue Extreme auszuloten und dennoch ein sehr homogen wirkendes Gesamtwerk erschaffen zu haben. So sind die Folkelemente auf diesem Album noch folkiger als auf vergangenen Alben, verschiedenste Flöten (darunter auch eine Panflöte), Mandolinen sowie Geigen und Cellos erzeugen eine Klangwelt, die man in der Form noch nicht von AYREON kannte. Auf der anderen Seite ist auch die 70er-Prog- und Symphonic-Schlagseite noch stärker ausgeprägt in Form von genialen Synthesizer-Soli (teilweise von prominenten Gastmusikern eingespielt), majestätischen oder auch spacigen Keyboards und niemals im Bombast ausufernden Chören, und die Metalelemente sind teilweise noch um einiges härter ausgefallen als auf bisherigen AYREON-Alben. Letzteres dürfte unter anderem daran liegen, dass Arjen Lucassen die siebensaitige Gitarre für sich entdeckt hat, wodurch die Metalgitarren ordentlich schieben und zusammen mit dem produktionstechnisch besser als bisher eingefangenen Powerdrumming von Ed Warby ordentlich Druck machen. Aufgrund der sehr gelungenen, fließenden Übergänge klingt das Ganze trotz der starken Kontraste niemals wie Stückwerk.

Wie man es von den bisherigen Alben gewohnt ist, ist The Human Equation voll gepackt mit unzähligen Details, so dass man auch nach langer Zeit immer noch neue Feinheiten entdeckt und das konzentrierte Hören mit einem Kopfhörer eine wahre Freude ist.

Was The Human Equation aber wirklich zu einem herausragenden Album macht, ist die Tatsache, dass Lucassen auch beim Gesang einen Schritt zurück zu Into The Electric Castle gemacht hat. War auf den beiden The Universal Migrator-Scheiben noch jeder Song einem Sänger zugeordnet, so wurde nun wieder die Dialogform gewählt, wodurch viel mehr Dynamik und Spannung entsteht. Textlich handelt es sich zum ersten Mal nicht um eine Fantasy- oder Science Fiction-Story, sondern es wird die Geschichte eines im Koma liegenden Karrieremenschen erzählt, der sich nun zum ersten Mal wirklich seinen Emotionen stellt. Die verschiedenen Emotionen und Teile seiner Persönlichkeit werden durch unterschiedliche Sänger repräsentiert. Wenn etwa Eric Clayton als Vernunft und Magnus Ekwall als Stolz einen Streit austragen und James LaBrie als das Ich dann letztendlich entscheiden muss, auf welchen Teil seiner Persönlichkeit er hören soll, hätte dieser innere Kampf nicht packender umgesetzt werden können. Selbiges gilt für jeden der vertretenen Sänger und Sängerinnen, die allesamt nicht nur technisch über jeden Zweifel erhaben sind, sondern auch wirklich die von ihnen repräsentierten Emotionen perfekt auszudrücken verstehen. Neben Eric Clayton können dabei DEVIN TOWNSEND als Wut, Mikael Akerfeldt als Angst (sowohl mit cleanen als auch mit Death Metal-Vocals vertreten) und Heather Findlay als Liebe besonders überzeugen. Die große Überraschung stellt aber die Mexikanerin Marcela Bovio dar, die die Ehefrau des Hauptcharakters verkörpert und von Arjen durch einen Aufruf auf seiner Website entdeckt wurde.

The Human Equation vereint die Trademarks aller bisherigen AYREON-Alben zu einem homogenen Ganzen, fügt dem einige neue Elemente hinzu und steckt musikalisch und textlich voller Emotionen, entkleidet vom Fantasy- und Science Fiction-Mantel, der dies in der Vergangenheit etwas verschleierte. Damit ist das Album, das als Doppel-CD im Jewel-Case, als Special Edition im Klappdeckelschuber mit Bonus-DVD sowie als limitierte Deluxe Edition im Buchformat mit 36-Seiten Booklet und Bonus-DVD erscheint, nicht nur für AYREON-Fans ein Pflichtkauf, sondern die Referenz in Sachen Rockoper, an der sich alle anderen messen lassen müssen und zudem für jeden offenen, toleranten Musikliebhaber eine echte Fundgrube.

Veröffentlichungstermin: 24.05.2004

Spielzeit: 102:08 Min.

Line-Up:
Singers:

James LaBrie as Me

Marcela Bovio as Wife

Arjen Lucassen as Best Friend

Mike Baker as Father

Mikael Akerfeldt as Fear

Eric Clayton as Reason

Heather Findlay as Love

Irene Jansen as Passion

Magnus Ekwall as Pride

Devon Graves as Agony

Devin Townsend as Rage

Ed Warby – Drums

Arjen Lucassen – all electric and acoustic guitars, bass guitars, mandoline, lap steele guitar, keyboards, synthesizers, Hammond

Ed Warby – all drums and percussion

Acoustic instruments:

Robert Baba – all violins

Marieke van der Heyden – all cellos

John McManus – low flute and whistle

Jeroen Goossens – flute, alto-flute, bass flute, panpipes, descant and treble recorder, didgeridoo, bassoon

Additional keyboards and solos:

Joost van den Broek

Martin Orford

Ken Hensley

Oliver Wakeman

Produziert von Arjen Lucassen
Label: InsideOut Music

Hompage: http://www.ayreon.com

Tracklist:
CD 1:

1. Day one: Vigil

2. Day two: Isolation

3. Day three: Pain

4. Day four: Mystery

5. Day five: Voices

6. Day six: childhood

7. Day seven: Hope

8. Day eight: School

9. Day nine: Playground

10. Day ten: Memories

11. Day eleven: Love

CD 2:

1. Day twelve: Trauma

2. Day thirteen: Sign

3. Day fourteen: Pride

4. Day fifteen: Betrayal

5. Day sixteen: Loser

6. Day seventeen: Accident?

7. Day eighteen: Realization

8. Day nineteen: Disclosure

9. Day twenty: Confrontation