LEE DORRIAN: Anarcho Punk statt Midlifecrisis!

Lee Dorrian huldigt mit SEPTIC TANK den Idolen seiner Jugend. Im Interview erklärt der 50-Jährige, warum früher eben doch alles besser war, warum er von Bands mehr gelernt hat als in der Schule und was ihn an der Selfie-Generation so anwidert.

Mit „Rotting Civilisation“ zelebrieren SEPTIC TANK die generelle Gleichgültigkeit gegenüber Weiterentwicklung, progressiven Strukturen und elaborierten Songs. Stattdessen gibt’s einen wüsten Hardcore-Punk-Mix, der herzerwärmend altmodisch aus den Boxen rumpelt. Ist es einfach wieder an der Zeit für altmodischen Krawall und etwas Anarchie? Lee Dorrian, Sänger bei SEPTIC TANK, CATHEDRAL-Mastermind, WITH THE DEAD-Sänger, früheres NAPALM DEATH-Mitglied und Labelboss bei Rise Above Records, will sich in dieser Frage nicht auf ein Genre festlegen: „Es gibt viel Musik, die schlicht zeitlos ist. Hardrock, Rock ’n‘ Roll, Folk – es geht nicht um den Stil, sondern um das Gefühl, die Emotionen, die Musik transportiert. Und da liegt die Gefahr! Viele Bands tappen heute in eine Falle: moderne Technik – sie versuchen alles immer besser, immer größer zu machen – immer mehr so genannte Verbesserungen. Dabei geht das Gefühl, der Instinkt für das Echte und Ehrliche verloren. Dieser ganze Technik-Kram lenkt vom Wesentlichen ab.

„Bands haben mir mehr beigebracht als Lehrer“

Wut hält offenbar jung – dieses Foto ist 14 Jahre alt: Lee Dorrian mit CATHEDRAL live beim Wacken Open Air 2004 (Foto: vampster)

Ehrliche Musik hat für Lee Dorrian auch immer eine Message: „Es ist eine ganze Weile her, dass ich ein wütender Teenager war – und ich war immer politisch aktiv. Ich habe viel von Bands gelernt, nicht nur über Musik, sondern über das Leben – tatsächlich waren einige Bands lehrreicher für mich als meine Schulzeit! CRASS, ICONS OF FILTH und ANTISECT hatten einen großen Einfluss auf mich. Sie sind mehr als Bands für mich – sie sind bewundernswerte Menschen, die eine wichtige Botschaft rüberbringen: Wenn du die Gesellschaft ändern willst, musst du bei dir selbst anfangen.

Man muss erkennen, wo man überall einer Gehirnwäsche ausgesetzt ist, zum Beispiel auch in den Schulen. Diese Bands interessieren sich für das, was in der Welt passiert. Dank dieser Bands habe ich gelernt, Dinge auch mal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

„Anderssein bringt dir ’ne Menge Ärger“

Wenn du 14 oder 15 bist und Anarcho-Punk hörst, bringt dich das auf einen guten Weg: einen eigenen Weg, abseits des Mainstreams, mit eigenen Überlegungen und Gedanken. Manchmal macht das dein Leben viel komplizierter, denn du erkennst Missstände, die andere nicht mal sehen – oder nicht sehen wollen! Es kann dir auch eine Menge Ärger bringen, etwas abseits der Gesellschaft zu stehen. Es kann eine Bürde sein.

„In mir steckt noch immer ein Anarcho-Punk!“

Ignoranz kann das Leben einfacher machen, im englischen Sprachraum gibt es das Sprichwort „Ignorance is a bliss“ (Unwissenheit ist ein Segen) – Lee Dorrian stimmt dem zu: „Ja, das stimmt – aber es ist auch verdammt öde, wenn man vor allem die Augen verschließt. Und damit komme ich zu SEPTIC TANK. Diese Musik und der Anarcho-Punk-Lifestyle bedeuteten mir als Teenager so viel – ich habe dank ihr einen guten Start in ein eigenes, selbstbestimmtes Leben gehabt. Die eigentliche Idee zu SEPTIC TANK ist für mich nichts neues und zieht sich durch mein ganzes Leben: Mit offenen Augen neue Wege gehen, musikalisch, aber auch ganz allgemein gesehen. Und natürlich steckt noch viel Anarcho-Punk in mir, er hat schließlich meine Jugend geprägt.“

BLACK SABBATH sind schuld, dass es SEPTIC TANK gibt

SEPTIC TANK: Gaz Jennings (Gitarre), Scott Carlson (Bass), Jaime Gomez Arellano (Drums), Lee Dorrian (Gesang) (Foto: Rise Above Records)

Der Grund, warum der 50-Jährige diese Seite gerade jetzt, 35 Jahre später, wieder auslebt, ist simpel: „Jetzt habe ich die Gelegenheit dazu! Unser Bassist Scott Carlson lebt in Los Angeles. Als wir vor vielen, vielen Jahren mit SEPTIC TANK begonnen haben, lebte er in Chicago. Er hatte sein Leben, ich hatte mein Leben – Mitte der Neunziger haben wir wieder zusammengefunden, als er wieder zu CATHEDRAL kam. Er gehörte ja zur Besetzung der Anfangstage der Band. Wir haben dann immer wieder über SEPTIC TANK gesprochen, hatten es aber nicht eilig, etwas aufzunehmen. Als Scott im Februar 2017 nach England kam, um sich die angeblich letzte BLACK SABBATH-Show in Birmingham anzusehen, wurde die Sache konkret. Wir haben dann innerhalb von fünf Tagen das Album aufgenommen. Die Hälfte der Songs entstand komplett im Studio, die andere Hälfte waren Einzelteile, die wir bei den Aufnahmen zusammengefügt haben. Klingt ziemlich old-school, nicht wahr? Auf der anderen Seite: Was ist schon old-school? Wir kennen es nicht anders! Wir wollten auch nicht bewusst ein 80er-Jahre-Punk-Hardcore-Album aufnehmen – das Album klingt danach, weil wir nichts anderes kennen.

„Es ist mir eine Ehre, mit Bands aus meiner Jugend zu arbeiten“

Rise Above wurde von Lee Dorrian 1989 gegründet – ursürünglich als HardcorePunk-Label (Foto: Rise Above Records)

Lee Dorrians Label Rise Above Records hat jetzt mit ANTISECT und AXEGRINDER zwei Bands aus den frühen Tagen des Crustpunks unter Vertrag. Er erzählt, wie es dazu kam und wie es sich anfühlt, die Platten seiner Jugendidole zu veröffentlichen: „Pete Lyons von ANTISECT ist ein guter Freund von mir. Ich habe ihn mehrfach ermutigt, wieder etwas aufzunehmen. Er sagte immer nein – doch irgendwann hat es doch geklappt. In der Zwischenzeit hatten ANTISECT eine Menge Probleme miteinander und mit dem Business, das scheint jetzt alles geklärt zu sein. Was man auch über ihre neue Platte und die neue Ausrichtung der Band denken mag, sie sind noch immer ANTISECT und sie haben ihre Prinzipien. Auf mich hatten sie riesig großen Einfluss, sie sind aggressiv wie DISCHARGE, gleichzeitig haben sie einen künstlerischen Anspruch. Ihr aktuelles Album „The Rising Of The Light“  hat viel vom ersten Album  „In Darkness There is No Choice“ und ist gleichzeitig ziemlich experimentell, mit vielen verschiedenen Stimmungen – alles ziemlich ausgearbeitet. Auch Details wie die Linernotes und die Texte sind durchdacht – ich gehöre ja zu den Leuten, die sowas tatsächlich lesen! Ich mag nicht nur die Musik von ANTISECT, ich schätze auch, dass sie etwas zu sagen haben – und was sie zu sagen haben! Und da ich seit 30 Jahren mein Label RISE ABOVE RECORDS habe und in der Lage war, das Album zu veröffentlichen, stand es außer Frage es nicht zu tun! Es ist mir eine Ehre. Und so ist es auch mit AXEGRINDER. Wenn man bedenkt, wie lange sie weg waren, ist es erstaunlich wie wütend und intensiv „Satori“ geworden ist. Offenbar geht es AXEGRINDER wie mir: Da ist etwas in uns, das nicht weichen will, das nicht schwächer wird und das irgendwann einfach nochmals ausbricht. Es steckt in deinem Blut. Wenn du die Mitachtziger erlebt hast und dabei warst, als man die Welt verändern wollte – all die Demos, die Kundgebungen, die Krawalle, der Glauben an eine anarchistische Welt, dann lässt dich das nicht mehr los. Und auch hier war die Gelegenheit da: Wir sind Freunde, sie haben ein Album fertig, ich habe ein Label, sie vertrauen mir – wir wären blöd, es nicht zusammen zu tun.

„Rise Above ist noch immer ein Underground-Label“

Gegründet hat Lee Dorrian sein Label 1989, die Grundidee ist aber bis heute die selbe: „Es hat sich viel verändert seit den Achtzigern, Rise Above hat inzwischen einen weltweiten Vertrieb – aber wir sind noch immer ein Underground-Label. Anders als zum Beispiel Peaceville. Das Label gehört ja nicht mehr dem Gründer Hammy (Paul Halmshaw), sondern anderen Leuten, die eben den Markennamen benutzen. Das ist bei Rise Above anders. Ich lasse Bands alle Freiheiten, und auch wenn ich mit dem Sound einer Platte oder einem Cover nicht zufrieden bin – ich sehe es nicht als meine Aufgabe, daran dann etwas zu ändern. Die Bands müssen schon selber wissen, was sie tun.

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„Rotting Civilisation“ wurde im April 2018 veröffentlicht. Ein weiteres Album ist in Arbeit. (Abb.: Rise Above Records)

Zurück zum aktuellen Album: Ziemlich undergroundig, old school und punkig ist auch das Artwork von „Rotting Civilisation“. Die Platte sollte ursprünglich ein anderes Cover haben – die Zeichnung eines britischen Polizisten mit Hakenkreuz am Helm, der ein Meeser an die Kehle eines Mannes setzt, ist dann aber ins Innere des Booklets gerutscht. „Ich kann mir kein Photoshop-Cover für SEPTC TANK vorstellen, es muss old school sein. Ich vermisse die handgemalten und gezeichneten Artworks, das Organische, Lebendige bei vielen dieser computergenerierten Kunstwerke. Normalerweise gibt es bei Rise Above-Releases keine verschiedenen Artworks, wir machen nur immer Die Hard-Vinyl-Editionen mit vielen Extras für Die-Hard-Fans. Bei SEPTIC TANK war es anders: Wir wollten den Bobby mit Hakenkreuz-Helm eigentlich auf dem Cover haben, unser Vertrieb sagte uns aber, dass es damit ganz sicher Probleme geben wird. Die Platte käme mit diesem Cover nicht in die Läden. Deshalb gibt es ausnahmsweise eine spezielle Mailorder-Edition mit dem alternativen Cover. Es gibt außerdem noch ein anderes Sammlerstück: 20 Fehldrucke. Das komplette Artwork ist ziemlich detailliert, es gibt es viel zu entdecken. So kenne und liebe ich Albumcover, du kaufst eine Platte und schaust erstmal eine Weile das Cover an und lässt dich davon in eine bestimmte Stimmung bringen. Geht natürlich nur, wenn das Cover groß genug ist – auf dem Smartphone ist das schwierig.

Das Motto der Selfie-Generation: Ich, ich, ich!

Das Booklet von „Rotting Civilisation“ (Abb.: Rise Above Records)

Im Booklet ist ein Bild, das eine Gestalt mit Smartphone beim Selfie-Knipsen zeigt, während hinter ihr quasi die Welt untergeht. Nach dem G20-Gipfel in Hamburg 2017 lief ein Pressefoto durch die Medien, das einen Hipstertypen mit iPhone zeigte, der sich vor dem brennenden Schanzenviertel ablichtete – Lee Dorrian geht es aber nicht um dieses Foto. „Oh, diese Ähnlichkeit ist Zufall. Mir geht’s grundsätzlich um diese verdammte Selfie-Generation. Mädels mit Duckface, die glauben, das würde irgendjemanden beeindrucken. Ich tu mir sehr schwer mit dieser Selbstliebe, dieser Besessenheit mit sich selbst – vor lauter Selfies bekommen Menschen gar nicht mehr mit, was um sie herum passiert. Sie sind in ihrer eigenen kleinen Welt verloren, ohne Liebe, ohne Ideale. Heute zählt nur noch Ich, Ich, Ich. Viele haben jegliches Mitgefühl, jede Empathie verloren weil sie sich nur noch auf sich selbst und ein idealisiertes Bild von sich selbst konzentrieren. Auf dem Booklet zeigt die Person mit dem Smartphone übrigens ihr wahres Gesicht, und das ist nicht schön oder cool, wie sie selbst vielleicht glaubt. Es ist eine richtig hässliche Fratze! Ich glaube, dass dieser schreckliche Egoismus schon lange existiert – aber erst mit den sozialen Medien wird er so richtig sichtbar. Menschen verlieren sich auf Facebook und Co. Ich würde sie am liebsten schütteln und sie anschreien: Geh raus, da wartet die Welt auf dich!“

Soziale Medien nutzt Lee Dorrian trotzdem, unter anderem auch Instagram. Dort zeigt er aktuelle und alte Fotos, (darunter gibt’s ein paar echte Highlights!), teilt seine Meinung über verschiedene, neue vegane Lebensmittel und veröffentlichte auch ein Posting, mit dem „Rotting Civilisation“ dem verstorbenen Barry Stern (DEBRIS INC., er starb am 1. April 2005)  gewidmet wurde. „Barry Sternwar der Original-Drummer von SEPTIC TANK. ich kenne Barry seit den frühen 90ern, als er mit TROUBLE durch England tourte – wir sind damals Freunde geworden. Er lebte wie Scott in Chicago – und als CATHEDRAL einen Live-Drummer suchten, kam er zur Band und spielte ein paar Shows mit uns. Ich wusste, dass er auch bei der Hardcore-Thrash-Band ZOETROPE spielte, hatte aber keine Ahnung dass er obendrein ein riesiger Old School Hardcore-Fan war. Wir haben dann eine Show in Stoke-On-Trent mit CATHEDRAL gespielt. Ich weiß nicht mehr, ob es seine oder meine Idee war, dass wir ein DISCHARGE-Cover spielen – DISCHARGE sind aus Stoke-On-Trent. Wir haben dann vier DISCHARGE-Songs gespielt – das hat so viel Spaß gemacht, dass wir sie am Ende jeder Show dieser Tour gespielt haben. Dann kam dann die Idee auf, ein paar eigene Songs in dieser Art zu schreiben. So entstanden SEPTIC TANK. Er war Teil der Band – und wir haben vergessen, ihn in den Linernote zu erwähnen. Deshalb haben wir ihm hinterher das ganze Album gewidmet. Beim nächsten Album werden wir gleich an ihn denken!

Es wird weitere SEPTIC TANK-Alben geben (CATHREDRAL haben auch noch was Unveröffentlichtes gefunden!)

Auf Nachfrage bestätigt Lee Dorrion, dass es schon neue Songs gäbe. „Ich habe schon ein paar Songs fertig! Keine Ahnung, wann wir dazu kommen, etwas aufzunehmen. Schließlich habe ich ja noch WITH THE DEAD, mit denen ich auch ein neues Album machen will. Und wir haben noch einen CATHEDRAL-Song mit rund 30 Minuten Spielzeit entdeckt, der nie veröffentlicht wurde. Der muss auch noch fertig gemacht werden.

Bei so vielen Projekten gerät auch mal was durcheinander, gibt Lee Dorrian zu: „Ich habe zum Beispiel eine neue Idee für WITH THE DEAD Gaz (Jennings, Gitarrist bei SEPTIC DEATH) vorgespielt – und im gleichen Moment festgestellt, dass er ja gar nicht in dieser Band ist! Wir waren so lange bei CATHEDRAL zusammen, es geschah aus Gewohnheit vor einem Gig in Finnland. Er schaute mich ganz entgeistert an und frage, wovon zum Teufel ich sprechen würde.“

Die SEPTIC TANK-EP „The Slaughter“ erschien 2013 – knapp 20 Jahre nach der Bandgründung 1994 (Abb.: Rise Above Records)

„Rotting Civilisation“ klingt fokussierter als „The Slaughter“. Das Album kommt eher auf den Punkt, ist mehr Punk und tut mehr weh. Wie klingt das nächste? „The Slaughter“ klang sehr simpel, sehr roh – das Album entstand an einem Nachmittag, Songwriting und Aufnahme. „Rotting Civilisation“ ist wahrscheinlich etwas konzentrierter, wir haben die Ideen zu den Songs viel länger mit uns herumgetragen. Sie sind gereift. Jetzt wird’s komplizierter, denn es lauern ein paar Fallen: Man ist versucht, Neues komplexer, technischer und aufwändiger zu machen – und verliert dabei vielleicht das Ursprüngliche. Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht verleiten lassen, uns zu weit von der Grundidee zu entfernen. Es gibt ein paar Ideen, einige davon klingen wie Rotting Civilisation, ein paar sind aber vielleicht schon zu komplex. Es ist ein schmaler Grad, auf dem wir balancieren. Nicht dass am Ende 12minütige, epische Metal-Songs rauskommen – das wäre ja auch irgendwie wie in den Achtzigern!

„Ich quälte mich tierisch bei NAPALM DEATH UND CATHEDRAL“

Die Songs für WITH THE DEADs letztes Album „Love With The Dead“ hat der Brite in einem Rutsch geschrieben, auch die SEPTIC TANK-Texte entstanden in kurzer Zeit und wurden hinterher nicht mehr verändert. Diese Arbeitsweise ist neu: “ Bei CATHEDRAL und NAPALM DEATH war es immer eine tierische Qual für mich, Texte zu schreiben. Es hat immer unendlich lange gedauert – ich wollte jede Zeile perfekt haben. Ein Teufelskreis: Beim nächsten Album wird’s dann noch viel komplizierter, denn es soll ja noch besser werden. Es besteht die Gefahr, dass irgendwann dein Hirn explodiert. Ich habe irgendwann festgestellt, dass es auch anders geht. Das letzte CATHEDRAL-Album „The Last Spire“, die FROM THE DEAD-Platten und auch die SEPTIC TANK-Songs waren viel schneller fertig. Keine Ahnung, ob ich das jetzt so weitermachen kann – oder ob ich mich dann eines Tages einfach nur wiederhole. Ich habe jetzt immer Zettel und Stift dabei, um sofort alles aufschreiben zu können. Ich trage noch so viel in mir. Ich hoffe, ich kann es auch rauslassen. Es gibt immer etwas, dass einen anpisst. Ich würde auch gerne mal einen Song über etwas Schönes zu schreiben, Aber schau dich um: Es passiert nicht viel Gutes!

„Motörhead waren Punks. CELTIC FROST auch“

Lee Dorrians erste Platte: Er ist auf der B-Seite von NAPALM DEATHs „Scum“ zu hören – das Album kam 1987 raus und wurde quasi von zwei unterschiedlichen Bands eingespielt

Bei allem Punk steckt doch ein wenig Metal in SEPTIC TANK – „Death Vase“ beispielsweise erinnert schon ziemlich an CELTIC FROST. „Stimmt. Aber du wirst nichts von IRON MAIDEN oder ein VAN HALEN-Gitarrensolo bei SEPTIC TANK hören. Es geht mehr um die Underground-Bands von damals wie POSSESSED und ihr Album „7 Churches“, die HELLHAMMER-Demos, DEATH-Demos oder CELTIC FROSTs „Morbid Tales“. 1986 und 87 kamen dann die Thrash-Hardcore-Sachen dazu. Und MOTÖRHEAD natürlich – die waren für mich eh immer Punks. Übrigens auch die frühen CELTIC FROST oder HELLHAMMER-Sachen! Sie hatten diese Einfachheit in den Riffs, das ist für mich eher Punk als Metal.

Der Song „Rotten Empire“ erinnert an SLAYERs „Show no Mercy“. „Oh, ja, das Album hat mich damals geflasht – Scott ist auch großer Fan! Man erkennt schon, was uns beeinflusst hat. Die Texte sind aber zu 100 Prozent von uns – das kann man nicht kopieren, sie müssen aus deinem tiefsten Inneren kommen. Musikalische Parallelen gibt es, aber ich hoffe, dass uns die Text und unsere Herangehensweise von Copycats unterscheiden!“

„So vieles macht mich so wütend!“

Zumal die Texte durchaus aktuell sind – und mit „Social Media Whore“ ein Thema aufgegreifen, das man in den 80ern nicht kannte. „Nun, man könnte auch Texte über Kriege und Bombenabwürfe schreiben – wie es DISCHARGE damals getan haben und Hunderte von Bands bis heute tun. Aber ich mag es mehr, mich mit den Dingen zu befassen, die mich aktuell beschäftigen als in Klischees zu denken. Facebook ist großartig, ich mag es und nutze es, bin in dutzenden Gruppen und kommuniziere viel darüber. Aber: Wenn Leute nur noch für ihren Facebook-Account leben und dort eine Scheinwelt aufbauen, finde ich das abstoßend. Ich will Leuten nicht vorschreiben, wie sie zu leben haben – aber ich kann auch nicht aus meiner Haut, wenn ich mich über etwas ärgere. Meine Wut muss raus. Dazu habe ich meine Songs. Ich bin auch nicht perfekt, bin kein Vorbild. Aber ich gehe mit offenen Augen durch die Welt und entdecke dabei viel, was mich wütend macht. “

Anarchopunk statt Midlifecrisis

Seit 1994 geistern SEPTIC TANK durch die Welt, einen handfesten Beweis ihrer tatsächlichen Existenz gab’s aber erst vor rund fünf Jahren: 2013 erschein die EP „The Slaughter“ und die Band um CATHEDRAL- und REPULSION-Musiker gab ein Konzert in London. (Foto: Rise Above Records)

Die Wut auch live mal rauszulassen ist verlockend – bislang scheiterte es an fehlenden Konzertangeboten: „Wir würden sofort live spielen, wenn uns jemand eine Tour anbietet. Bislang gab’s aber nur ein Angebot für Japan. Im Oktober spielen wir dort. London wäre näher, aber wir spielen in Tokio! Ich würde sehr gerne live spielen – obwohl ich mir früher nie hätte vorstellen können, dass ich mit 50 auf einer Bühne stehen werde und HardcorePunk-Songs zocke! Wir werden allerdings nicht sechs Monate mit einem Van durch die Welt touren. Es bringt ja nichts, SEPTIC TANK als Studioprojekt fortzuführen und in zehn Jahren ein weiteres Album rauszubringen und dann live zu spielen. Dann bin ich 60 – und ich kann mir echt nicht vorstellen, dann noch auf der Bühne mit diesen Songs zu stehen!“

Moderne Aufnahmetechnik macht Bands faul

Seit den Achtzigern hat sich die Arbeit im Studio sehr verändert – nicht immer zum Positiven, meint Lee Dorrian. „Die alten NAPALM DEATH-Alben haben wir in ganz kurzer Zeit aufgenommen. „Scum“, also die B-Seite, auf der ich zu hören bin, entstand an einen Nachmittag. Ich hatte nicht mal eine Probe. Mick zerrte mich ins Studio und ich sang vom Textblatt. So war das damals. „From Enslavement to Obliteration“ hat auch nur ein paar Tage in Anspruch genommen – wir haben viel geprobt, bevor wir ins Studio sind. Heute sind die Bands fauler geworden. Sie vertrauen darauf, dass es die Studiotechnik richten wird, wenn sie zu wenig geprobt haben oder Ideen nicht zu Ende gedacht haben. Damals gab es eine Chance – und nur eine. Heute kann man so viel rumspielen und korrigieren… das ist nicht unbedingt besser. Mit CATHRDRAL hatten wir ein größeres Budget als NAPALM DEATH – so hatten wir auch zwei Wochen im Studio. Fokussiert waren wir trotzdem. Tja, und dann wurden die Studios größer, die Produzenten bekannter, das zweite Album „The Ethereal Mirror“ haben wir 1993 mit dem amerikanischen Produzenten David Bianco für das Majorlabel Columbia Records aufgenommen – wir sind von einem Extrem ins andere geschlittert. Danach wollten wir alles wieder etwas einfacher halten, haben aber trotzdem immer einige Wochen für ein Album gebraucht.“

Die Digitalisierung raubt der Kunst die Seele

Cathedral-The-Last-Spire

„Heute ist die digitale Aufnahmetechnik weiter fortgeschritten. Wenn man es Fortschritt nennen mag, ich empfinde es eher als das Gegenteil! Es hat offenbar die Mentalität vieler Band verändert – früher hat man Konzerte gespielt, ohne dafür bezahlt zu werden. Heute geht es einigen eher darum, möglichst viele Likes einzusammeln, anstatt eigenständige Musik zu schreiben. Klar, man kann alles nachbearbeiten, aber das raubt die Seele. Man kann es vielleicht mit der Fotografie vergleichen. Auf einem bearbeiteten Bild sieht man besser aus, aber es ist eben nicht mehr original und originär. Man kann im Studio heute vieles gerade rücken und über Lautstärke oder Effekte versuchen, Aggression reinzubringen – ich glaube aber, dass es nicht funktioniert. Schade, dass sich heute offenbar aber viele Bands darauf verlassen. Ich mag es lieber, wenn eine Band nicht perfekt ist und ihr eigenes Ding macht anstatt krampfhaft versucht, das nächste große, perfekte Ding zu sein. Für uns war es ganz einfach den SEPTIC TANK-Sound zu finden. Drummer Jaime Gomez Arellano ist ja auch ein bekannter Produzent, er hat das letzte CATHRDRAL-Album „The Last Spire“ aufgenommen – wir kennen uns und lernen uns ständig besser kennen. Er weiß, was ich haben will! Einen rohen, fiesen Sound – ohne Effekte und Nachbesserungen. Das macht die Zusammenarbeit einfach. Im Nachhinein betrachtet haben CATHEDRAL bei einigen Album zu viel Technik bei den Aufnahmen verwendet, das raubt den Songs etwas von ihrer Intensität.“

andrea
Kümmere mich seit 1999 um Reviews, Interviews und den größten Teil der *Verwaltung*, Telefon-Dienst, Beschwerdestelle, Versandabteilung, Ansprechpartner für alles, Redaktionskonferenz-Köchin...