THEATRE OF TRAGEDY: Livs Tourtagebuch

THEATRE OF TRAGEDYs diesjährige Tour führte die Band nicht nur durch die gewöhnlichen mitteleuropäischen Gefilde, sondern auch in rockmusikalisch exotische Regionen wie den Nahen Osten, Mexiko und Russland. Frontfrau Liv Kristine Espenaes berichtet exklusiv für vampster von diesen ungewöhnlichen Konzertreisen. In weiteren Rollen: Pools auf Hoteldächern, "verzierte" Ladas und mein Freund, der Wodka.

THEATRE OF TRAGEDYs diesjährige Tour führte die Band nicht nur durch die gewöhnlichen mitteleuropäischen Gefilde, sondern auch in rockmusikalisch exotische Regionen wie den Nahen Osten, Mexiko und Russland. Frontfrau Liv Kristine Espenaes berichtet exklusiv für vampster von diesen ungewöhnlichen Konzertreisen. In weiteren Rollen: Pools auf Hoteldächern, “verzierte” Ladas und mein Freund, der Wodka…

Beirut

Beirut here we come! Als ich in den Flieger am Stuttgarter Flughafen stieg, habe ich mir noch einmal überlegt, ob ich mir vor dem Flug in den islamischen Libanon nicht doch ein schwarzes Kopftuch hätte besorgen sollen. Während meiner Zwischenlandung in Athen rief mich aber unser Sänger Raymond an, und bestätigte, dass er bis jetzt noch kein einziges Kopftuch gesehen hätte. Er und die anderen waren schon früher aus Norwegen nach Beirut geflogen. Daraufhin rief ich erstmal meine Eltern an, die sich etwas Sorgen gemacht hatten, und leitete diese Nachricht weiter. Seit längerer Zeit herrscht außerdem Frieden im Libanon, mal von der einen oder anderen Ausnahme (z.B. Wache haltende Soldaten vor dem örtlichen McDonald´s) abgesehen. Ich kam um vier Uhr morgens in Beirut an. Kein Mensch fragte mich am Flughafen was, wohin oder warum, etwas, das mich ein wenig überrascht hat, war aber gut so. Schnell durch die Passkontrolle und raus in die Empfangshalle, und was sah ich da? Tatsächlich kein einziges Kopftuch! Ich wurde dann von unserem netten Fahrer abgeholt und ins Hotel gebracht, wo die Jungs auf mich warteten. Zum Schlafen kam ich in dieser Nacht gar nicht mehr, da der Ausblick meines Hotelzimmers absolut traumhaft war. Also entschied ich mich dafür, um halb sieben schwimmen zu gehen. Der Pool lag direkt auf dem Dach des Hotels, und man hatte so das Gefühl, als würde man über die Kante schwimmen. Aber Achtung: Ins Wasser springen war nicht erlaubt. Man könnte erstens mit etwas zu viel Schwung über die Kante fliegen, und zweitens, wo bleibt denn das ganze Wasser, wenn jeder so herumplanscht… Wir verbrachten fast den ganzen Tag am Pool in 40 Grad Hitze, bis Raymond, weil er rot wie ein Hummer geworden war, den Vorschlag machte, lieber essen zu gehen. Eins kann ich seither bestätigen: Das libanesische Essen ist fantastisch, auch für die Leute, die nur grünes Zeug essen.

Stadtbesichtigung war als nächstes angesagt. Beirut besteht einerseits aus Ruinen und anderseits aus gläsernen, modernen Gebäuden. An jeder Straßenecke sitzt ein Opa und raucht Hubbly-bubbly – es senkt sich ein Schleier von Apfeltabakrauch über die Stadt, was die Stimmung in der Fußgängerzone richtig gemütlich, aber auch eigenartig macht. Wir besuchten anschließend das Virgin-Gebäude für unsere Autogrammsession und machten einige Interviews. So viele freundliche Leute an einem Ort habe ich selten erlebt. Am Abend wurden wir in ein traditionelles libanesisches Restaurant eingeladen, aber etwa ab Mitternacht schlief ich wegen meinem „Jetlag“ ein und kann mich nur an irgendwelche Bauchtänzerinnen erinnern, die nicht mal unseren Keyboarder Lorentz, der immer noch Single ist, begeistern konnten.

Am nächsten Tag lief dasselbe Programm am Pool ab. Der einzige Unterschied: Raymond war mit Sonnenschutzfaktor 50 eingecremt. Am Abend hatten wir es ziemlich eilig, um rechtzeitig zur Show zu kommen. Der chaotische Verkehr und die ungeschriebenen Verkehrsregeln ließen es einfach nicht zu, dass wir pünktlich da sein konnten. Während der Fahrt, sprich mindestens eine Dreiviertelstunde lang, schluckte Raymond eine Flasche Wodka (ja, dieser blöde Verkehr), und so passierte es, dass er, während er auf der Bühne stand, nicht mehr wusste, in welchem Teil der Welt er sich befand und was er dort zu erledigen hatte. Also zeigte er mir nach dem siebten Lied den Stinkefinger, da er mich mit einem unserer Gitarristen verwechselt hatte (Sein Kommentar danach: „Vegard, warst Du das?“). Das Publikum war erste Klasse, bunt gemischt mit alten und neuen Fans. Sogar Tanz der Schatten haben sie mitgesungen, auf Deutsch!!! Wir wollten gar nicht von der Bühne – die Stimmung, der Meeresblick, der warme Wind, und vor allem der Gedanke, dass wir in dem Moment auf Ruinen standen, wo der Krieg angefangen und aufgehört hatte – das alles hat uns sehr berührt.

London

Leider war es aber schon früh am nächsten Morgen vorbei mit dem Zauber, und als wir im regnerischen London landeten, war es nur unsere Rothaut Raymond, der uns an die Sonne erinnerte. In meinem Hotelzimmer gab es zumindest einen Wasserkocher, sonst war das leider kein Vergleich zu dem unglaublichen Luxus in Beirut. Also gingen wir erst mal einkaufen und schauten anschließend im lokalen Pub Fußball-WM (Schweden-England) zusammen mit S.P.O.C.K., unseren freundlichen Kollegen aus Schweden (richtig fies haben die Engländer bei deren Kommentaren geguckt…). Das Konzert und das Publikum war auch kein Vergleich zu dem, was zwei Tage vorher los gewesen war, aber es hat Spaß gemacht, insbesondere den Raymond nüchtern auf der Bühne zu beobachten. Es war für uns das erste Konzert in Großbritannien. Die Leute tanzten nur zu den neuen Liedern von unseren zwei letzten Platten. Eine andere Sache, die mir aufgefallen war, sind die bunten Haarverlängerungen. Jeder, der keine hatte, war einfach out. So etwas, danach ist man immer klüger. Backstage war es sehr gemütlich, landestypisch mit Kuchen und Tee in allen Varianten. Und vor allem traf ich meinen alten Freund Nick (PARADISE LOST) endlich mal wieder. Am nächsten Tag drehten wir eine Runde im London Eye, schauten uns das Parlament an und flogen anschließend nach Hause. Bye-bye England.

Moskau

Kurze Pause. Schnell Fußball-WM gucken. Wäsche waschen. Dann ging es nach Moskau. Die Stadt war noch regnerischer als London, und das mitten im Sommer! Schnell ins Hotel, einschlafen schon um 21.00 Uhr (Fernseher war kaputt), morgens im Chlor baden (Raymond war danach zumindest seine Hautschuppen vom Sonnenbrand los…) und zum Venue fahren. Komfort gab es dort nicht viel, aber sowohl der Veranstalter als auch die freundliche Cateringdame haben einiges dazu getan, um für eine gute Stimmung vor der Show zu sorgen. Das Konzert war vom selben Charakter wie im Libanon. Es war richtig schön zu sehen, wie die Leute sich gefreut haben. Es wurde mir klar, dass ein Ticket für russische Verhältnisse dort sehr teuer ist, da Hunderte von Leuten draußen standen und hofften, dass sie irgendwie reinkommen konnten. Ich habe vier Mädels kennen gelernt, die mich beim Frühstück (das aus Speck und einem komischen Brei bestand – Hilfe, ich bin doch Vegetarier!) am nächsten Tag erwischt hatten und die ganze Nacht mit der Metro herumgefahren sind, um irgendwie an uns herankommen zu können. Ich habe noch erfahren, dass meine Jungs die Nacht in einem bizarren MC-Club verbracht hatten – wahrscheinlich in einem Swimmingpool voller Wodka. Raymond wurde etwas angeheitert in einem alten 80er-Jahre-Lada zum Hotel gebracht. Die ganze rechte Seite des Autos war vor lauter Essensreste nicht mehr zu erkennen, und eine funktionsfähige Kupplung hatte es sowieso nicht mehr. Mit 60 km/h durch Moskau zu fahren, und das im ersten Gang, muss einfach DAS Erlebnis gewesen sein. Wir riefen Raymond um neun Uhr in der Frühe an und erzählten ihm, dass irgendein Typ namens Ivan vor dem Hotel stehe, der Kohle für das Abwaschen seinem Lada kassieren wolle. So entkam Raymond seinem Rausch ziemlich schnell, und wir waren nach großem Gelächter bereit, die graue Stadt zu verlassen. Übrigens, falls jemand sich gewundert hat, dass ich auf Sightseeing verzichtet hab´ – den Roten Platz habe ich schon vor vier Jahren betreten, als ich mit meinem Alex bei einem Spiel vom VfB Stuttgart in Moskau war.

Mexico City

Ein paar Wochen später saßen wir wieder im Flieger, und zwar auf dem langen Weg nach Mexiko City. Die Vegetarier (sprich ich) hatten die Wahl zwischen Fleisch oder Fisch, also aßen wir Erdnüsse aus knitterigen Silbertüten in Lufthansaliliputgröße. Und der „Spaß“ dauerte zwölf Stunden. Wir waren froh, als wir am Flughafen von den Veranstaltern Carlos und Sandra abgeholt und ins Hotel gebracht wurden. Ich wechselte mein Hotelzimmer, da ich ein ruhiges Zimmer wollte, aber das konnte ich einfach vergessen. Ruhe gibt es nämlich keine in Mexiko City. Es ist nur laut und gefährlich. Unglaublich aber, dass das ganze Equipment im unversehrten Zustand angekommen war. Am Showtag hatten wir einiges zu tun, aber nur Aufgaben, die uns Spaß machen. Einige Interviews wurden viel zu lang, einzig aus dem Grund, dass die Leute so freundlich zu uns waren und viel zu erzählen hatten. Ich konnte außerdem mein Schulspanisch wieder ein wenig auffrischen. Das Konzert, ähnlich wie in Beirut und in Moskau, werde ich nie vergessen, und die Leute, die wir kennen gelernt haben, natürlich auch nicht. Raymond wird aber wahrscheinlich das Problem haben, sich an gewisse Dinge erinnern zu können. Es war sein siebenundzwanzigster Geburtstag, den er mit seinem Freund namens Mr. Wodka feierte. Wir erzählten ihm gleich als Erstes am nächsten Tag, dass wir den Verdacht hatten, er sei wegen einem Vorfall am Abend davor zum anderen Ufer gewechselt („Mensch, Raymond, Du weißt, Du kannst uns alles erzählen!“). Da war er gelinde gesagt überrascht. Dann aßen wir noch einmal richtig viel Tortilla, bevor wir die Stadt der hellgrünen VW-Käfer verließen. Zwölf Stunden später und zurück am Frankfurter Flughafen hatte komischerweise keiner Hunger – Montezumas Rache begann, Opfer zu fordern – und zwar bis zu vierzehn Tage lang. Der einzige, der davon verschont wurde, war Raymond, da der Wodka die gefährlichen Darmbakterien getötet habe. Also weiß ich zumindest bis zum nächsten Mal Bescheid, wie ich mich vor solchen Dingen schützen KÖNNTE. Der nächste Mexiko-Abstecher ist nämlich in absehbarer Zeit, da ich ATROCITY auf ihrer Minitour dort begleiten werde.

Das war es von meiner Seite aus. Bis zum nächsten Mal!

Viele liebe Grüße,

Liv Kristine

www.theatreoftragedy.com