SWANS: Newly Sentient Being

Eine Lektion in Ekstase: „Newly Sentient Being“ dokumentiert den Abschluss der SWANS-Big Sound-Ära.

Andrei Arsenjewitsch Tarkowski wird folgendes Zitat zugeschrieben: „Wenn die normale Länge einer Einstellung erhöht wird, langweilt man sich, aber wenn man sie immer verlängert, weckt es das Interesse, und wenn man sie noch weiter verlängert, entsteht eine neue Qualität, eine besondere Intensität der Aufmerksamkeit.“ Ob Michael Gira davon weiß, ist nicht bekannt, aber ganz tief in ihm drin scheint sich dieses Axiom gefestigt zu haben. Wer mit SWANS in den vergangenen 15 Jahren Kontakt hatte, wird mit dieser unglaublichen Epik in Berührung gekommen sein. Diese Hingabe an Musik und Klang hat sogar schon zu Romanen inspiriert. „Newly Sentient Being“ schließt nun diese gewaltige Ära ab: als authentischer Mitschnitt vom letzten Konzert in Berlin.

Die fünf Songs erstrecken sich über zwei Stunden und 40 Minuten und selbst der SWANS-erfahrene Verfasser hat nicht mit diesen Dimensionen gerechnet. Denn die Konzerte, dieses Klangbad ad infinitum, in das die Formation ihr Publikum wirft, lässt die Zeit vollkommen vergessen. Es hätte auch nur eine Stunde sein können, nicht mal die Beine werden schwer vor der Bühne. Natürlich will man keine Schwäche zeigen vor Michael Gira, der die 70 mittlerweile überschritten hat. Und hier sind wir bei der Ekstase: SWANS ziehen einen hinein in die Tiefe der Kompositionen, die so ausufernd, so übergroß sind, dass die Musiker*innen als Individuen dahinter zurückstehen. Gira selbst führt die Band an, aber alles verschwimmt zwischen Riffs, Sounds, Harmonien, Grooves und Gesängen.

Ein gewaltiges Klangbild: Die Hingabe der SWANS an die Musik von „Newly Sentiment Being“ ist beinahe religiös.

Schon das neue, fast 40-minütige Lied „The End Of Forgetting“ ist ein einziger Triumph: erst ein zeremonieller Post Rock-Start, es wird noisy in der Mitte, zerfasert dann. Gira performt wie ein Prediger im Rausch, nach 24 Minuten wird es leise und intim im Singer-Songwriter-Stil und gleitet von da zur Ära „White Light From The Mouth Of Infinity“ hin zu einem großen, epischen und verflucht lauten Finale – das ist schlicht atemberaubend. „The Merge“ ist dann doppelt so lang wie die Albumversion und bringt es ebenso auf fast 40 Minuten. Ein ausgiebiges Intro aus Bass und Drums, treibend und groovy mit Tremologitarren, aus denen Berge an Sounds entstehen. Nach 15 Minuten wird das Stück leise und bedrohlich und entlädt sich zwischendurch immer wieder, bis hin zum langsamen, recht atmosphärischen Ende.

Keine 14 Minuten dauert „Paradise Is Mine“ und wird so zu einem kompakten Song. Wie die Albumversion schichtet das Stück mehr und mehr Instrumente aufeinander. Der Groove ist dabei gerade in der Liveversion unwiderstehlich. Hier zeigt sich sehr deutlich, wie gut eingespielt SWANS sind und wie sie sich gegenseitig ergänzen und die Bälle zuspielen. Ähnlich zwischen minimalistischer Komposition und großer Orchestrierung sitzt auch das abschließende „The End Of Regretting“, ein lang gezogenes Outro einerseits, eine Meditation andererseits, aber dann doch etwas müde. Kein Wunder: Zuvor steht das spektakuläre Titelstück des Livealbums „Newly Sentient Being“, das in über 53 Minuten im Prinzip die Intensität des ersten Songs potenziert. Eine Zeremonie, die ansetzt, wo das brillante „The End Of Forgetting“ aufhörte. Gewaltige Post Rock- und Noise Rock-Berge, repetitiv bis zur Selbstauslöschung, ein selbst für die Verhältnisse von SWANS ausufernder Mittelteil mit einem ekstatischen Prediger-Gira sorgen für Gänsehaut und Euphorie, beim Publikum in Berlin wie zu Hause, und selbstredend auch bei der Band.

SWANS sind eine exzellent eingespielte Liveband und harmonieren auf „Newly Sentient Being“ besser als auf den letzten Studioalben.

Dieses Livealbum funktioniert, denn es zieht die Hörenden mit hinein in den Kosmos dieser Band, die in den vergangenen 15 Jahren die unfassbar laute Repetition als Tranceerzeugendes Element perfektioniert hat. „Newly Sentient Being“ ist das vierte Livealbum dieser Ära und vermutlich das ultimative, denn es schließt dieses Kapitel der SWANS deutlich befriedigender ab, als es mit den letzten drei Studioalben „leaving meaning.“, „The Beggar“ und „Birthing“ der Fall war. Egal, was die Zukunft für die SWANS brinegn mag, „Newly Sentient Being“ ist der krönende Abschluss für die Big Sound-Ära einer einmaligen Band, und zeigt, dass der künstlerische Geist Tarkowskis weiterlebt. Eine echte Lektion in Ekstase.

VÖ: 2. Oktober 2026

Spielzeit: 2:40:24

Line-Up:
Michael Gira
Kristof Hahn
Dana Schechter
Larry Mullins
Phil Puleo
Christopher Pravdica
Norman Westberg

Label: Mute

SWANS „Newly Sentient Being“ Tracklist:

1. The End Of Forgetting
2. The Merge
3. Paradise Is Mine
4. Newly Sentient Being
5. The End Of Regretting

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