THE NEAL MORSE BAND: The Great Adventure – Live in der Hamburger Markthalle am 04.04.2019

THE NEAL MORSE BAND: The Great Adventure – Live in der Hamburger Markthalle am 04.04.2019

Da freut man sich auf seinen Becher Kartoffeln bei CUP N´ GO, aber der ist ja beim LOGO um die Ecke. Und was findet man auf dem Weg zur Reisebank im Bahnhof? Einen Stand mit den leckeren Kartoffelbechern! Der Tag kann nur gut werden! Keine Ahnung, ob Neal die bei seinen Shows mit seiner NEAL MORSE BAND, TRANSATLANTIC, FLYING COLORS, SPOCK´S BEARD oder der Präsentation seines letzten Soloalbums in Hamburg auch schon entdeckt hat. Aber der Prog-Rocker ist nicht hier, um über leckeres Fastfood zu reden, sondern um sein aktuelles Doppel-Album „The Great Adventure“ live zu präsentieren. Und das ist alles andere als musikalisches Fastfood, wie man es heute ja zu oft vorgeballert bekommt. Hier ist Gourmet-Programm angesagt. Das wissen wohl doch viele, denn die Markthalle ist proppenvoll. Der Altersschnitt liegt eher höher angesiedelt, aber auch ein paar Jungmetaller tummeln sich aufgeregt in den Reihen. Es hat sich doch rumgesprochen, dass hier heute ein charismatischer Musiker mit seinen Kollegen für Stimmung sorgen wird. Eine Vorband ist natürlich nicht angesagt, wenn die Hauptband ein 3-Stunden-Programm geplant hat. Witzig auch der ratlose Mann, der den Fotopass an Anke aushändigt. Das mit dem üblichen „erste drei Songs“ klappt halt bei NEAL MORSE nicht. „Ne viertel Stunde oder so, man weiß da nie, wann die Songs zu Ende sind“.

THE NEAL MORSE BAND live ist Gourmet-Programm von charismatischer Musikern

Das bestätigt sich auch sofort, als MORSE zum sphärischen Auftakt allein die Bühne betritt und zart seine Stimme erhebt. Die schlechte Nachricht: seine Hose ist kaputt! Aber das soll wohl die Zerrissenheit des besungenen Charakters symbolisieren. Im Laufe der Show präsentiert er verschiedene Outfits, als optisches Sinnbild zur Story halt. Das war es aber auch schon mit den schlechten Nachrichten, ansonsten ist heute Abend Begeisterung bis Gänsehaut angesagt. Als der Rest der Band die Bühne betritt ist Jubel angesagt, am lautesten wohl bei Meisterdrummer Mike Portnoy (Ex-DREAM THEATER, WINERY DOGS, SONS OF APOLLO). So beginnt die musikalische Abfahrt mit der explosiven „Overture“, erste Melodien brennen sich ein, die uns den ganzen Abend begleiten werden. Auch der catchy Refrain vom heavy daherkommenden „Welcome To The World“ setzt sich sofort wieder unabwendbar fest, wie bereits nach jedem Anhören des Doppelalbums. Natürlich bleiben Augen und Ohren erst mal beim Bandkopf, der sich mal hinterm Keyboard, später mit der Gitarre oder einfach mit seinem Kopfmikro umherwandernd als fesselnder Geschichtenerzähler zeigt. Ein bisschen schmunzeln muss man bei Basser Randy George (AJALON). Er wirkt etwas, als hätte man ihn vom Sofa geholt und in ein hübsches buntes Outfit gesteckt. Viel bewegen wird er sich heute nicht. Das übernimmt er lieber mit den Fingern, selbst von der anderen Bühnenseite macht es Spaß, ihm bei seinen Bassläufen zuzuschauen und zuzuhören.

Tolle Musiker präsentieren das tolle Album „The Great Adventure“

Dann erhebt Tastenmann Bill Hubauer bei „A Momentary Change“ seine soulige Stimme und es ist Gänsehaut angesagt. Die geht in jede Ecke des Herzens, wird unterstützt von einem schönen, FLOYDigen Solo von Eric Gilette (THE SWON BROTHERS). Der Bandkopf selbst schiebt hier und da mal ein bluesiges Solo ein, wer hier aber der Held an der Gitarre ist, Gilette lässt keinen Zweifel aufkommen. Bei „Dark Melody“ zieht er dann voll ab, was für ein fantastischer Gitarrist! Sehen auch die Jungs neben mir so. Auf ihrem Album – vielleicht reichen sie noch nach, wie ihre Band heißt – hat Eric wohl einige Gitarren eingespielt. Sie bejubeln ihn und feiern ihn mit einem Thanx-Plakat, der konzentriert spielende Musiker schenkt ihnen ein kurzes Lächeln. Ansonsten wirkt er in sich gekehrt und liefert ein perfektes Gitarrenspiel, das aber nie zu perfekt klingt, sondern den Zuhörer voll gefangen nimmt. Singt er neben den Backings dann bei „I Got To Run“ mit tollem Stimmklang die Leadvocals, dann mag man ihn einfach nur umarmen. Im Wechsel mit MORSE und Hubauer gibt es eine Vollbedienung an Emotionen.

Was soll man zu Mike Portnoy sagen? Sein ganz eigenes Drumming ist heute nicht mehr wirklich überraschend, aber weiterhin schlichtweg faszinierend. Hier und da singt er mit, nicht immer schön, aber immer mit Leidenschaft. Ihm zuzuschauen macht eh Spaß, er macht gern mal den Clown. Und muss damit leben, dass ihn die Kollegen auslachen, weil ihm beim Rumwedeln ein Stick wegfliegt. Die Band ist durchweg sympathisch, und zeigt sich trotz der Persönlichkeiten mit starker Bühnenpräsenz als geeinte Band und nicht als begleitende Musiker des Herrn Morse. In diesem Team vereint mit den starken Doppelalben „The Similitude Of A Dream“ und eben das heute präsentierte „The Great Adventure“ ist man halt merklich zusammengewachsen. Zumal letzteres ja ein reines Studioalbum ist und erst dort in Zusammenarbeit entstanden ist. Das hört man hier live durchgehend. Was man hingegen nicht hört ist, dass der Bandkopf und Mike während der Tour derbe krank waren, was Portoy letztendlich gar einen Besuch im Krankenhaus bescherte. Eine kleine Pause brauchen Band und Publikum trotzdem. So beendet wie auf dem Album das wieder von Hubauer eindringlich gesungene „Beyond The Borders“ das erste Kapitel. Die Band verlässt die Bühne, die Halle leert sich kurz etwas, eine Nase Luft oder ein Getränk holen wäre nötig. Sofern man nicht seinen Platz vorne an der Bühne verteidigen will, um der Band weiterhin richtig zuschauen zu können. Dass sich während der Show immer mal ein Security-Mensch durch die kleine Aussparung zum Fotograben drückt, nervt anfangs. Aber man gewöhnt sich aneinander, läuft irgendwann reibungslos.

Nach kurzer Pause liefern NEAL MORSE und seine Kollegen weiter ab

„Overture 2“ ertönt, es geht weiter, die Band kommt zurück. Und gibt wieder alles, nachdenklich zart, spinnig, fordernd, heavy, der Geschichte folgend. MORSE zeigt sich im schrägsten Outfit des Abends mit Flickenmantel und Megahut, freakig, albern, nimmt sich selbst nicht so ernst passend zum fröhlichen Song „Vanity Fair“. Basser Randy George hatte offensichtlich eine erholsame Minipause, er grinst und bewegt sich, kommt gar mal auf unsere Seite der Bühne! In der zweiten Hälfte gewinnt auch die Leinwand immer mehr Raum. Im ersten Teil mit passenden, toll integrierten Bildern die Story begleitend, fällt es – sicher gewollt – immer schwerer, die Musiker im Auge zu behalten. Die Bilder werden gefühlt größer, ausdrucksstärker, intensiver. Eine fantastische Umsetzung, welche die Musiker ebenso fantastisch mit den Songs begleiten. Wenn das Publikum mal länger jubelt kann es auch mal eilig werden, weiterzuspielen, damit alles zusammen passt. Es macht eh Spaß, von da vorne rechts mal den Blick übers Publikum wandern zu lassen. Überall je nach Klangbild begeisterte, gutgelaunte, aber halt auch mal traurige Gesichter. Das Publikum durchlebt sichtbar wie auch die Musiker auf der Bühne die Geschichte. Diese bezieht sich ja wie schon beim Vorgänger-Konzeptalbum „The Similitude Of A Dream“ auf „The Pilgrims Progress“, einem Klassiker der christlichen Literatur.

Das Publikum durchlebt wie auch die Musiker die Geschichte

MORSE erzählt seine Geschichte weiter, Hubauer sorgt begleitend bei „Child Of Wonder“, Gilette bei „The Great Despair“ mit tollem Gesang für wohlige Gänsehaut. Der liefert zudem auch nochmal ein faszinierendes Solo. Auf dem Album macht sich zum Ende hin etwas das Gefühl breit, es reicht jetzt, weil bestimmte Themen immer wieder kehren und alles sich in die Länge zieht. Hier live kriegt dies eine ganz andere Dramatik. Man freut sich über die wiederkehrenden Melodien wie auf einen vertrauten Freund. „A Love That Never Dies“ kommt theatral, ergreifend, eine große, positiv kitschige Melodie, toller Satzgesang, fantastische Leads von Eric Gilette. Dann schaut man rüber zu Randy George, es fließen Tränen! Dann schaut man hoch zu Bill Hubauer, auch dort fließen Tränen. Dann wird die Stimme von NEAL MORSE zum ersten Mal überhaupt etwas wackelig. Er sieht seinen Basser und lässt es auch laufen. Mike Portnoy ist zu weit weg, er bleibt da sicher nicht unberührt. Eric Gilette spielt so konzentriert, hat er es mitbekommen? Das Publikum ja, auch vor der Bühne fließen überall Tränen. Nicht leicht, sich nicht mitziehen zu lassen, die fette Gänsehaut kühlt etwas runter. Jetzt spürt man körperlich, dass die Band ihre Musik und ihre erzählte Geschichte lebt und fühlt, und dies auf ihre Fans übertragen kann. Zumindest jetzt stehen hier nicht mehr Band und Publikum, alles ist eins! Was für ein Finale, was für ein großer Showdown dieser Story! Sichtbar gerührt auch von der Reaktion des Publikums und glücklich, so souverän durch die Show gekommen zu sein, verlässt die Band unter lautem Jubel die Bühne.

Als Zuschauer weiß man, dass man heute etwas ganz großes von großen Musikern erlebt hat

Die zeigen abermals Größe und kehren zurück für die Zugabe. Obwohl einigen ganz klar anzusehen ist, dass sie durch und erschöpft sind, gibt es nochmals eine Vollbedienung. Vom „Testimony„-Album bis zum vorletzten gibt es chronologisch je einen Song. Die zeigt, wie man sich vom eher kraftvollen Prog Metal immer mehr zum jetzigen Sound bewegt hat. Der Security-Mann entschuldigt sich mit einem Grinsen, dass er noch ein letztes Mal durchdrängeln muss. Das Publikum hat Spaß, die weiterhin fantastisch spielenden Musiker auch. Obwohl die Erschöpfung immer offensichtlicher wird, da stützt man sich schon mal merklich lange auf dem Keyboard ab. Nachvollziehbar, auch der Zugabenblock geht fast eine Stunde. „The Land Of Beginning Again“, „Reunion“ von „One„, „The Temple of the Living God“ von „?“, „The Conflict“ von „Sola Scriptura„, „Leviathan“ von „Lifeline„, „It’s For You“ von „Testimony 2„, „Momentum“ von gleichnamigen Album und „The Call“ von „The Great Experiment“. Was andere Bands als ganzes Set verbraten würden, gibt es hier bei THE NEAL MORSE BAND mal eben als Zugabe. Wenn dann „Broken Sky / Long Day (Reprise)“ ertönt vom letzten Doppelalbum „The Similitude Of A Dream„, dann weiß man, dass hier Schluss ist und dass es genau so richtig ist. Öffnete doch dieser Schlusstrack die Pforten für die Fortführung auf „The Great Adventure“ mit „Let the great adventure now begin…“. Das singen alle mit, man lässt die Band abermals unter großem Jubel und Applaus gehen. Ein fantastischer Abend mit einer tollen Band!

Fotos: Anke Braun/vampster.com/Gallery 
           Frank Hellweg/vampster.com/Bericht

Frank Hellweg
Frank (“WOSFrank”) ist seit 2002 bei vampster und alt genug, um all die spannenden Bands live gesehen zu haben, als die selber noch jung und wild waren! Er kümmert sich um Reviews, News und andere Artikel sowie um interne Hintergrundarbeit. Lieblingsbands: TROUBLE, CANDLEMASS, BLACK SABBATH, SWALLOW THE SUN. Genres: Doom, Stoner, Classic/Retro/Hard Rock, US/Power Metal, Southern/Blues Rock, Psychedelic/Progressive Rock, Singer/Songwriter.