NEAL MORSE: Testimony

NEAL MORSE: Testimony

Mengenlehre für Progrocker:

SPOCK`S BEARD – NEAL MORSE = Feel Euphoria

NEAL MORSE – SPOCK`S BEARD + Gott = Testimony

Das neue Doppelalbum von Neal Morse müsste eigentlich Snow II heißen. Denn alles klingt wie seinerzeit bei SPOCK´S BEARD. Die einzelnen Stücke sind etwas weniger opulent, und die Strukturen sind über weite Strecken weniger verworren. Aber diese Entwicklung zeichnete sich auf Snow bereits ab.

Es gibt wohldosierte Progeinschübe, Morse-typische Rocknummern, sanfte Balladen und eine Menge anderer Klänge. Wie schon auf Snow erschlägt die schiere Masse an Musik den Hörer anfangs förmlich. Glücklicherweise hat Morse seine Glaubensgeschichte in fünf Teile gegliedert, deren Länge zwischen 10 und 40 Minuten schwankt.

Die ersten neun Stücke bilden für sich genommen schon fast ein gesamtes Album. Jeder Ton, jede Note, alles klingt wie SPOCK`S BEARD. Das Fehlen von Ryo Okumotos abgefahrener Orgelarbeit und die Präsenz von Double-Bassdrums sind Feinheiten, die lediglich Kenner bemerken werden. Dass Mike Portnoy (DREAM THEATER) für das Schlagzeug verantwortlich ist, fällt dabei weniger ins Gewicht, als man annehmen könnte. Im Mittelpunkt von Testimony steht nämlich unangefochten Neal Morse. Und Gott.

Zwei Stunden lang erzählt ersterer, wie er zu letzterem fand. Eingefleischte SPOCK`S BEARD-Fans dürfen sich also doppelt freuen. Sie bekommen nicht nur das zweite Album in einem Jahr, sondern gleich noch die Autobiographie von Neal Morse dazu. Das bedeutet leider auch, dass wie schon bei Snow es keine perfiden Texte der Marke Thoughts oder Gibberish mehr gibt.

In diesem Bereich bleibt eben zu hoffen, dass Morse in Zukunft vermehrt geistliche Texte vertont. Denn zu Zeilen wie Ich will meinen Feinden nachjagen und sie ergreifen und nicht umkehren, bis ich sie umgebracht habe (Psalm 13, 38) würde meines Erachtens eine musikalische Umsetzung im Stil des BEARD-Hammers Into Fire hervorragend passen.

Bis dahin bietet aber Testimony gute Unterhaltung. Im Gegensatz zu Snow gibt es wieder vermehrt Passagen, die mich rückhaltlos begeistern können wie zum Beispiel im zweiten Teil The Promise (Hier werden Erinnerungen an Senor Valasco`s Mystic Voodoo Love Dance wach!), Somber Days (v.a. das JETHRO TULL-lastige Ende) und Long Story (anfangs mit einer herrlich dichten Atmosphäre).

Und während SPOCK`S BEARD auf ihrem Debüt The Light noch ausschließlich Longtracks hatten (die man auf Testimony vergeblich sucht), gab es auf den folgenden Alben vermehrt radiofreundliche Rocksongs wie Waste Away, June und Skin. Auf Testimony befindet sich nun mit Sing it high der bislang eingängigste Hit, der trotz (oder wegen?!) einer heftigen Country-Schlagseite klar zu den Höhepunkten der zweiten Albumhälfte zählt.

Gegen Ende wird die Grundstimmung immer fröhlicher, bis schließlich das glückliche Ende erreicht ist. Oh Lord My God würde dabei auf alle Fälle eine gute Single abgeben, was man von den meisten anderen Stücken nicht behaupten kann, da doch viele einen eher überleitenden oder episodenhaften Charakter haben bzw. einfach zu proggig ausgefallen sind.

Fazit: Ein Klassiker ist Testimony nicht geworden. Aber wer Snow mochte und TRANSATLANTIC hinterhertrauert, kommt an dem Album wohl nicht vorbei.

Anspieltipps: Oh Lord My God, In The Middle und Oh, to Feel Him, da sie die unterschiedlichen Aspekte des Albums sehr gut einfangen.

Veröffentlichungstermin: 22.09.2003

Spielzeit: 123:34 Min.

Line-Up:
Neal Morse: Gesang, Keyboards, Gitarre

Mike Portnoy: Schlagzeug

Kerry Livgren: Gitarre

Eric Brenton: Geige, Flöte

u.v.a.m.
Label: Inside Out

Homepage: http://www.nealmorse.com

Tracklist:
Part 1

1. The Land of Beginning Again

2. Overture No. 1

3. California Nights

4. Colder in the Sun

5. Sleeping Jesus

6. Interlude

7. The Prince of the Power of the Air

8. The Promise

9. Wasted Life

Part 2

10. Overture No. 2

11. Break of Day

12. Power in the Air

13. Somber Days

14. Long Story

15. It´s All I Can Do

Part 3

16. Transformation

17. Ready To Try

18. Sing it high

Part 4

19. Moving in my Heart

20. I Am Willing

21. In The Middle

22. The Storm Before the Calm

23. Oh, to Feel Him

24. God´s Theme

Part 5

25. Overture No. 3

26. Rejoice

27. Oh Lord My God

28. God´s Theme 2

29. The Land of Beginning Again

Jutze
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