NEAL MORSE: Testimony 2

NEAL MORSE: Testimony 2

NEAL MORSE verliert sich auf Testimony 2 in Selbstzitaten. Obwohl sporadisch ergreifende Melodien (The Truth Will Set You Free) aufhorchen lassen, gleicht das Anhören des Albums einer Ausdauerübung. Wie bei einem musikalischen Flickenteppich gibt es allerlei Prog-Rock-Episoden, deren Aneinanderreihung willkürlicher kaum hätte ausfallen können. Begann Lifeline noch mit einer schlüssigen, mehrmütigen Steigerung, wird man auf Testimony 2 mitten ins Geschehen geworfen und muss sehen, wo man bleibt. Gerade wenn sich Energie aufgestaut hat, gibt es zahme Balladenklänge. Wenn einmal dramatische Harmonien Spannung erzeugen, fahren ihnen auch bald schon disharmonische Breaks in die Parade. Dazwischen sind die typischen Song-Fragmente platziert, die jeweils eine Strophe-Refrain-Wiederholung lang ohne Taktwechsel auskommen. Bei SPOCK`S BEARD wäre eine Nummer wie Chance Of A Lifetime ein Füller gewesen – auf Testimony 2 ist es einer der wenigen Songs, die aufhorchen lassen, weil die Puzzleteile hier recht gut zusammenpassen (mal abgesehen von dem Saxophon-Einsatz).

Textlich lässt Morse die Hörerschaft einmal mehr an seiner Biographie teilhaben. Hauptdarsteller ist dabei der liebe Gott (der echte, wahre – ihr wisst schon), der Morse immer mit offenen Armen empfangen und seiner Tochter das Leben gerettet hat. Dabei bleibt wenig Raum für eingängige Textzeilen, die gut ins Ohr gehen. In einer Nebenrolle treten SPOCK`S BEARD auf – sowohl in den Texten, als auch persönlich beim Satzgesang in Time Changer. Leider heißt auch hier das Fazit, dass Morse diese Vielstimmigkeit bei Stücken wie Gibberish oder Thoughts (Part II) einst um Längen beeindruckender hinbekommen hat.

Wem kompetente Instrumentenbedienung alleine schon Glücksgefühle beschert, der findet auf Testimony 2 freilich allerlei subtile und offensichtliche Kunststücke. Wenn Gastgitarrist Paul Bielatowicz bei It`s For You ekstatisch übers Griffbrett sweept, klingt das durchaus faszinierend. Doch das ist kein Alleinstellungsmerkmal, zumal immer wieder in epischer Breite die Macht und Liebe Gottes in getragenen Passagen zelebriert wird. So endent das knapp 80-minütige Werk dann schließlich auch ohne Paukenschlag, sondern mit der vagen Aussicht auf Testimony 3.

Eindringliche Spannungsbogen wie zuletzt bei So Many Roads sucht man vergeblich. Auch auf kompakte Rocknummern mit Hitpotential, wie der erste Testimony-Teil einige enthielt (Oh Lord My God, Sing It High), kann man lange warten. Wer NEAL MORSE in besserer Form hören möchte, ist mit The Whirlwind von TRANSATLANTIC besser bedient. Und wer zeitgemäßen, fesselnden Prog Rock mag, der seine Wurzeln nicht verleugnet, sollte – sodenn noch nicht geschehen – umgehend Bekanntschaft mit dem X-Album von SPOCK`S BEARD schließen, die zeigen, dass überlange Alben durchaus über die gesamte Laufzeit fesseln können.

Die drei Stücke auf der zweiten CD wirken zwar weniger zerfahren, ändern aber nichts an dem ernüchternden Fazit. Die flache Poprock-Nummer Absolute Beginner ist klassisches eindimensionales Bonustrack-Material. Der ausschweifende Schluss von Supernatural weckt Erinnerungen an die SPOCK`S BEARD-Nummer June. Das kann man als Stiltreue ansehen. Ich finde jedoch, es reicht, wenn man das (bessere) Original besitzt. Bei Seeds Of Gold kommen schließlich Freunde von TRANSATLANTIC auf ihre Kosten, klingt das 25-minütige Epos doch stark nach den ausladenden Kompositionen von SMPTe und Bride Across Forever. Nach einer überlangen Einleitung wird ein normales Liedschema angedeutet, bevor ein eher sperriger Folgeteil Gesang und instrumentale Eskapaden miteinander konfrontiert. Ständig werden krumme Takte eingestreut, ohne dass der allgemeine Fluss dadurch gestört wird. Schließlich kumuliert das Crescendo in ein Schlagzeug-Break. Dann schaltet Morse zwei Gänge zurück und die Musik tastet sich behutsamer vorwärts. Im Mittelteil erzeugen Akustikgitarren eine besinnliche Stimmung und die warme Stimme von Morse entfaltet sich, während die restlichen Instrumente langsam wieder einsetzen. Ein paar Überleitungen hätte man sich gut sparen können. Aber immerhin steht der Spannungsaufbau im Vordergrund und es gibt keine uninspirierten Umbrüche. Nach einer längeren Soloeinlage beschließt ein versöhnliches Finale den Reigen. Morse kann bei Seeds Of Gold seine Stärken ausspielen, selbst wenn er kompositorisch nicht ganz zu Hochform aufläuft. Das beste Stück wurde also bis zum Schluss aufgehoben, wobei selbst hier der fade Beigeschmack von Fortsetzungen bleibt, die nicht mit den Originalen mithalten können.

Veröffentlichungstermin: 20.05.2011

Spielzeit: 115:09 Min.

Line-Up:

Neal Morse: Gesang, Keyboard, Gitarre
Randy George: Bass
Mike Portnoy: Schlagzeug

Label: Inside Out

Homepage: http://www.nealmorse.com
MySpace: http://www.myspace.com/nealmorse

Tracklist:

CD 1:
Part Six:
– Mercy Street
– Overture No. 4
– Time Changer
– Jayda
Part Seven:
– Nighttime Collectors
– Time Has Come Today
– Jesus` Blood
– The Truth Will Set You Free
Part Eight:
– Chance Of A Lifetime
– Jesus Bring Me Home
– Road Dog Blues
– It`s For You
– Crossing Over / Mercy Street Reprise

CD 2:
Absolute Beginner
Supernatural
Seeds of Gold

Jutze
.