NEAL MORSE: Sola Scriptura

NEAL MORSE: Sola Scriptura

Neal Morse hat sein Talent für packende Progrock-Epen wiedergefunden! Sola Scriptura gehört zum Härtesten und Düstersten, was der 46-Jährige in seiner Karriere abgeliefert hat; und zum Besten! Natürlich findet man auf der CD immer noch viele typische Elemente und auch eine ganze Reihe Selbstzitationen. Doch dieses Mal ist es Morse gelungen, packende Spannungsbogen zu erschaffen, die die Einzelteile zu einem schlüssigen Gesamtwerk verbinden. Wie schon in der Vergangenheit bedient sich Morse immer wieder Vers-Refrain-Schemata, so dass die überlangen Tracks streng genommen zusammengestückelte Lieder darstellen. Das war schon bei SPOCK´S BEARD so und funktioniert auf Sola Scriptura besser denn je. Denn die Übergänge und Zwischenteile sind nicht bloßes Beiwerk, sondern bilden die Würze des Albums. Schon die ausführliche Eröffnungssequenz zeigt deutlich, dass komplexe Musik nicht zwingenderweise schwer verdaulich sein muss. Harte Gitarren und wuchtiges Drumming bestimmen das Bild und erschaffen eine spannungsreiche Atmosphäre. Zugleich gibt es zahlreiche Details wie die Schlagzeugbreaks, die von einer fesselnden Orgelmelodie umspielt werden. Hier zeigt sich auch schon der Segen des Albums, der für dieses Review ein Fluch ist: Auf Sola Scriptura passiert so viel, dass ich stundenlang davon schwärmen könnte. Alleine der 26-minütige Opener The Door ist ein wahrer Schatz an genialen Melodieeinfällen und ergreifenden Stimmungen, an dessen Ende Meistergitarrist Paul Gilbert (RACER X, ex-MR. BIG) ein atemberaubendes Solo beisteuert. Auch die anderen Stücke wissen mit starken Ideen zu begeistern.

Klangen frühere Ausflüge in härtere Gefilde wie Author Of Confusion (auf One) noch orientierungslos und dissonant, passt anno 2007 jede Note ins Bild. Einzelne Motive ziehen sich durch das ganze Album, weshalb es durchgängig eine besondere Atmosphäre ausstrahlt. Das dürfte nicht zuletzt auch daran liegen, dass die Texte sich mit dem Glaube und Wirken von Martin Luther beschäftigen. Es handelt sich dabei erwartungsgemäß nicht um eine Geschichtsstunde. Vielmehr steht der persönliche theologische Aspekt im Mittelpunkt. Passend dazu endet The Conclusion mit Implikationen für die heutige Zeit. Das Thema harmoniert erstaunlich gut mit der Musik, die zwar nicht direkt mittelalterlich klingt, aber doch von einem Hauch der Vergangenheit umschwebt wird. Besonders deutlich wird die Sache beim Refrain von Long Night´s Journey, der sehr nach Long Time Suffering (vom Snow-Album) klingt, in diesem Kontext aber eine ganz andere Stimmung besitzt.

Bei einer Gesamtspielzeit von 76 Minuten ist es wenig verwunderlich, dass sich ein paar wenige Längen wie der eindimensionale Anfang von The Conflict eingeschlichen haben. Unterm Strich bleibt aber weit mehr als eine Stunde großartiger Progressive Rock. Die ruhigen Momente wissen zu bewegen, während an anderer Stelle Konflikte durch die Musik geradezu greifbar werden. Der Gesang von Morse ist noch einen Tick tiefer als früher, so dass ein Lied wie Heaven In My Heart reifer und voller klingt als einst SPOCK´S BEARD-Balladen der Marke The Distance To The Sun.

Neal Morse ist es jedenfalls gelungen, an alte Glanztaten (Stichwort V) anzuknüpfen. Da ich offen gesagt nicht damit gerechnet habe, ist Sola Scriptura eine umso positivere Überraschung, die alles bietet, was das Progrock-Herz begehrt: versiertes Schlagzeugspiel, virtuose Keyboardpassagen, geschmackvolle Streichereinwürfe, krumme Takte, komplexe Arrangements, spannende Harmonien und eine ordentliche Portion Spielfreude.

Veröffentlichungstermin: 23.02.2007

Spielzeit: 76:00 Min.

Line-Up:
Neal Morse: Gesang, Keyboard, Gitarre
Randy George: Bass
Mike Portnoy: Schlagzeug

Produziert von Neal Morse
Label: Inside Out Music

Homepage: http://www.nealmorse.com

Tracklist:
1. The Door
i. Introduction
ii. In The Name Of God
iii. All I Ask For
iv. Mercy For Sale
v. Keep Silent
vi. Upon The Door

2. The Conflict
i. Do You Know My Name?
ii. Party To The Lie
iii. Underground
iv. Two Down, One To Go
v. The Vineyard
vi. Already Home

3. Heaven In My Heart

4. The Conclusion
i. Randy´s Jam
ii. Long Night´s Journey
iii. Re-Introduction
iv. Come Out Of Her
v. Clothed With The Sun
vi. In Clothing…

Jutze
.