POWERWOLF, DRAGONFORCE, WARKINGS: Konzertbericht – Zenith, München – 12.11.2022

Zum ersten Mal seit drei Jahren können POWERWOLF wieder ihre “Wolfsnächte” feiern. Dass es nach den Entbehrungen der letzten Monate eine ganze Menge nachzuholen gibt, merken wir nicht nur am hochkarätigen Support aus DRAGONFORCE und WARKINGS, sondern vor allem an der Feierlaune des ausverkauften Münchner Zeniths.

Wer denkt nicht gerne an die guten alten Zeiten zurück? Wir meinen dabei nicht einmal die Jahre vor der Pandemie, sondern wollen noch weiter in die Vergangenheit reisen. Zu unseren Kindheitstagen, wo ein Höhepunkt unseres alljährlichen Italienurlaubs – zumindest, bis wir dort irgendwann die zahlreichen Spielhallen entdeckt haben – sicherlich das breitgefächerte Animationsprogramm des hiesigen Campingplatzes war. Gemeinsam wurde vor der Strandbühne im Sonnenschein getanzt, gelacht und geklatscht, als wäre man eine große Familie.

Allein deshalb ist schon der Gedanke herzerwärmend, dass es vergleichbare Angebote auch im Erwachsenenalter noch geben soll. Nun gut, statt sonniger Strandbühne müssen wir im frostigen Herbst mit einer kühlen Industriehalle vorliebnehmen und statt Badehose lautet der Dresscode Schwarz+X, wenn POWERWOLF zu ihren traditionellen Wolfsnächten laden. Dabei sein dürfen trotzdem alle – sofern sie denn ein Ticket ergattern konnten, denn das Münchner Zenith ist an diesem Abend ausverkauft, wie die hunderte Meter lange Schlange vor den Toren eindrucksvoll vor Augen führt.

Verwunderlich ist das nicht, schließlich ist die Lokalität eine der kleineren Hallen, welche die Power Metal-Band auf dieser Tour in Deutschland ansteuert. Dass man den Schritt in die große Olympiahalle diesmal noch nicht wagen wollte, ist angesichts der gebeutelten Kulturlandschaft verständlich. Schade ist es dennoch, denn das Zenith ist eine undankbare Location: Nicht etwa, weil man die Parkgebühr mittlerweile auf ganze 7,-€ erhöht hat, sondern weil Sicht und Akustik der langen Halle gerade bei ausverkauften Shows oft schwierig sind. Wir suchen uns also erfahrungsgemäß erstmal einen Platz in der Nähe des Mischpults, um das hochkarätig besetzte Vorprogramm aus DRAGONFORCE sowie WARKINGS zu genießen.

WARKINGS

Um 20 vor sieben ist die Lokalität bereits gut gefüllt, als eine bärtige Gestalt in lederner Schürze mit Laterne und Schmiedehammer die Bühne entert. Es ist niemand geringerer als der griechische Gott Hephaistos, wie wir später erfahren sollen, der die letzten Banner ausrollt und die Meute zu seinen Füßen noch einmal ordentlich anstachelt, bevor sich WARKINGS ins Getümmel stürzen. Zugegeben, den Ablauf der bevorstehenden Schlacht kennen wir bereits vom diesjährigen SUMMER BREEZE OPEN AIR, unserer Motivation tut dies allerdings keinen Abbruch.

Das liegt keineswegs ausschließlich an Sänger Tribune, welcher uns schon in „The Last Battle“ mit seiner charismatischen Stimme um den Finger wickelt, sondern gleichsam am Feuereifer, mit dem die vier Musiker bei der Sache sind. Die eingängigen und oft hymnischen Songs laden zum Mitmachen ein, während The Crusader an der Gitarre durch seine Posen zunächst die Blicke auf sich zieht. Dass WARKINGS darüber hinaus noch ein Ass im Ärmel haben, ist mittlerweile kein großes Geheimnis mehr, aber doch eine willkommene Ergänzung im Heavy / Power Metal-Sound des Quartetts: Schon zum zweiten Track „Spartacus“ stürmt Sängerin Morgana die Bretter, um Frontmann Tribune mit harschen Vocals und betörendem Klargesang unter die Arme zu greifen.

WARKINGS ziehen in kurzer Zeit (fast) alle Münchner auf ihre Seite

Das klassische Beauty-and-the-Beast-Konzept stellt die Band also kurzerhand auf den Kopf, bringt damit aber die Halle schnell auf ihre Seite. Ganz München reckt auf einmal die Fäuste und klatscht anschließend im Takt. Ganz München? Na gut, nicht ganz: Ein einzelner Herr zu unserer Rechten verfolgt währenddessen lieber das Samstagabend-Spiel des FC Bayern auf dem Smartphone.

Man kann es nicht allen Recht machen, aber den meisten: Die Stimmung im Zenith ist gut, neues wie älteres Material wird gleichermaßen wohlwollend aufgenommen, auch wenn das Schlagzeug etwas leise abgemischt ist und die Gitarre im Gegenzug recht dominant auftritt. Derweil gibt es vom brandneuen Album „Morgana“ (2022) mit der Lead-Single „Monsters“ nur einen und zugleich ausgerechnet den schwächsten Track. Dafür brüllen die Zuschauer in „Fight“ den Titel geradezu leidenschaftlich mit, bevor nach dem Hit „Sparta“ in „Gladiator“ einmal mehr erfolgreich das WARKINGS-Banner inmitten der Menge errichtet wird. Die Münchner sind nach 40 kurzweiligen Minuten offensichtlich zufrieden – und da der FC Bayern, das verrät uns ein kurzer Blick nach rechts, überdies mit einem 1:0 in die Pause geht, dürften zu diesem Zeitpunkt tatsächlich und ausnahmslos alle Besucher wunschlos glücklich sein.

WARKINGS Setlist – ca. 40 Minuten

1. The Last Battle
2. Spartacus
3. Maximus
4. Monsters
5. Fight
6. Hephaistos
7. Sparta
8. Gladiator

Fotogalerie: WARKINGS

DRAGONFORCE

Rund anderthalb Dekaden sind mittlerweile seit „Guitar Hero III“ und dem damit verbundenen Durchbruch dank „Through The Fire And The Flames“ vergangen. Eine verdammt lange Zeit, in der DRAGONFORCE nach einigen wilden und vollkommen unberechenbaren Tagen genug Raum hatten, ihre eigene Identität auszuformulieren. Das Ergebnis sehen wir nun in Form von zwei übergroßen Spielhallenmaschinen sowie den beiden LED-Wänden links und rechts des Drum-Risers. Während erstere im Folgenden Szenen alter Spieleklassiker wie „Outrun“ oder „Hang On“ zeigen und darüber hinaus als erklimmbare Podeste fungieren, mimen die Videotafeln alte CRT-Bildschirme, auf denen verschiedene 3D-Animationen abgespielt werden.

Diese Nerd-Kultur haben DRAGONFORCE anno 2022 voll und ganz in sich aufgesogen, was ihnen vielleicht nicht den vorbehaltlosen Massenappeal garantieren mag, dafür aber ganz gut ins Konzept des fantastischen und wieselflinken Power Metals passt. Dabei beginnt die Band mit „Highway To Oblivion“ erst gemächlich, um dann unvermittelt Gas zu geben. Die Epik kommt dabei ebenfalls nicht zu kurz, indem die Briten mittels “Three Hammers” eine echte Rarität nachlegen. Dort darf im hymnischen Refrain mitgehüpft werden, bis dann mit dem plötzlich anziehenden Tempo doch noch die Chance auf den ersten Circle Pit des Abends besteht.

DRAGONFORCE sind sich selbst für ein Celine-Dion-Cover nicht zu schade

So gut die Skyrim-Hymne „The Last Dragonborn“ live funktionieren mag, sind DRAGONFORCE doch eigentlich für das genaue Gegenteil bekannt: Mit Klassikern wie dem furiosen „Fury Of The Storm“ stillt die Gruppe schließlich auch diesen Durst, indem das Gitarrenduo Sam Totman und Herman Li ein Frickelsolo ans nächste hängt. Sänger Marc Hudson ist zu diesem Zeitpunkt nach einem leicht wackligen Konzertbeginn ebenfalls in seinem Element angekommen und gibt sich selbst in den höchsten Regionen keine Blöße.

Zumindest, soweit wir das beurteilen können: Dass uns bei DRAGONFORCE bis heute kleinere Restzweifel bleiben, ob wir nun die Leistung der Band oder zumindest in Auszügen des mitlaufenden Backing Tracks bewerten, hat sich das Gespann angesichts mehrfach dokumentierter Vorfälle in der Vergangenheit selbst zuzuschreiben. Doch wie dem auch sei, der bayerischen Landeshauptstadt ist das herzlich egal, als sie sich zum Celine-Dion-Cover „My Heart Will Go On“ in den Circle Pit stürzt. Wir genießen dagegen lieber den das unverwüstliche „Through The Fire And The Flames“, das DRAGONFORCE zum Abschluss zwischen Funken versprühenden Sparkler-Effekten routiniert, aber gebührend zelebrieren – da lässt ob der zur Schau gestellten Fingerfertigkeit sogar der FC-Bayern-Fan neben uns das Smartphone kommentarlos in der Hosentasche verschwinden.

DRAGONFORCE Setlist – ca. 45 Minuten

1. Highway To Oblivion
2. Three Hammers
3. Fury Of The Storm
4. The Last Dragonborn
5. My Heart Will Go On
6. Cry Thunder
7. Through The Fire And The Flames

Fotogalerie: DRAGONFORCE

POWERWOLF

Dass wir im Anschluss fast 40 Minuten auf den Headliner warten müssen, hat durchaus seine Gründe: Den langen Changeover entschädigen POWERWOLF mit einem imposanten mehrstöckigen Bühnenaufbau, der von allerlei Requisiten und Sidedrops eingerahmt wird, während im Hintergrund eine riesige LED-Tafel die einzelnen Songs durch animierte Grafiken thematisch passend untermalt. Dabei beginnt die Show für uns zunächst mit einem kleinen Déjà-Vu. Nachdem sich das Burgtor auf der Videotafel geöffnet hat, schreiten die fünf Musiker von einem Fackelzug begleitet aus dem Hintergrund nach vorne – exakt so, wie es PARKWAY DRIVE vor rund zwei Monaten auf ihrer „Darker Still“-Tour getan haben.

Ob hier nun jemand abgekupfert hat oder ein Zufall vorliegt, gerät jedoch schnell zur Nebensächlichkeit, als POWERWOLF mit „Faster Than The Flame“ das Zenith zum Auftakt in ein Flammenmeer verwandeln. Die opulenten Showelemente der Power-Metal-Formation sind auch auf den diesjährigen Wolfsnächsten ein integraler Bestandteil der „Metal-Messe“, wobei neben Quantität auch Originalität gefragt ist. Mal schwingt Keyboarder Falk eine Funken sprühende Flaggenstange, dann wird zu „Amen And Attack“ eine Orgel auf die Bühne gekarrt, aus deren Pfeifen die Flammen schießen. Mit derartigen Schauwerten sorgt man natürlich für offene Münder, weshalb jeder Song von der begeisterungsfähigen Menge geradezu euphorisch aufgenommen wird.

POWERWOLF-Sänger Attila Dorn führt mit Humor durch den Abend und die zahlreichen Rituale

Dabei machen es sich POWERWOLF eigentlich recht einfach, indem sich die Saarländer vorwiegend auf bewährte Klassiker und erprobte Hits verlassen. Zusätzlich gibt es eine Handvoll neuer Songs sowie die einzige Quasi-Rarität „Cardinal Sin“ – Fans der ersten beiden Alben gehen derweil komplett leer aus. Im Gegenzug servieren die Wölfe einen Hit nach dem anderen, weshalb schon zum zweiten Track „Incense & Iron“ enthusiastisch mitgesprungen wird, bevor Frontmann Attila Dorn in Live-Klassikern à la „Armata Strigoi“ und Demons Are A Girls Best Friend“ die Stimmbänder der Münchner auf die Probe stellt.

Der Sänger ist heute überhaupt bei ausgezeichneter Laune, indem er mit Humor sowie einem steten Lächeln auf den Lippen durch den Abend und die zahlreichen Rituale führt. So “entweiht” Dorn die Spielstätte zu Beginn des Auftritts – als hätte er gewusst, dass sich hier rund zwei Wochen vorher AMARANTHE die Ehre gaben – feierlich “von jeglicher Pop-Musik”, während er kleinere technische Unzulänglichkeiten mit ein paar süffisanten Randbemerkungen überspielt. Tatsächlich muss der Sänger ob des anhaltenden Schneefalls nach „Where The Wild Wolves Have Gone“ erst die „Setliste freischippen“, bevor es weitergehen kann.

Weniger als 100% scheinen POWERWOLF während der Wolfsnächte nicht zu akzeptieren

Keine Frage, POWERWOLF sind nach der langen Live-Pause hochmotiviert und grundsympathisch: Keyboarder Falk stürmt in jeder freien Sekunde über die Bretter, lässt sich zwischendurch gar zu einem Tänzchen mit Sänger Atilla hinreißen und feuert darüber hinaus die Zuschauerschaft zu immer neuen Hochleistungen an. Weniger als 100% scheint es in der alten Industriehalle heute nicht zu geben, wenn selbst die einstudierten Choreografien irgendwie authentisch wirken. Ob sich die beiden Greywolf-„Brüder“ an den Gitarren zum Songfinale auf der Treppe versammeln oder der Frontmann für das „Stossgebet“ vor einem hell leuchtenden Kreuz Platz nimmt, dem Quintett nehmen wir seinen Einsatz immer glaubhaft ab.

Das sorgt für eine gewisse Wohlfühlatmosphäre im Zenith, auch weil POWERWOLF dieses Gemeinschaftsgefühl durch ihr ausgiebiges Animationsprogramm bis zum Äußersten und vielleicht noch ein wenig darüber hinaus exerzieren. Problematisch sind dabei weniger die Aufforderungen zum Mitklatschen oder -springen wie in „Blood For Blood (Faoladh)“, sondern die zahlreichen, oft minutenlangen Ansagen zwischen den einzelnen Stücken. Gerade in der ersten Hälfte des Konzerts nehmen die permanenten Unterbrechungen der Show etwas Elan, während altbekannte Melodien zum wiederholten Mal einstudiert und dem Publikum alle Nase lang laute Zustimmung entlockt werden soll.

Häufige Unterbrechungen zwischen den Songs und ein redseliger Attila Dorn nehmen dem Konzert ein wenig den Schwung

Obgleich die Feierlaune in der Halle dadurch keineswegs abkühlt, übertreibt es der redselige Atilla Dorn im Laufe des Abends nicht nur mit der mehrminütigen Ankündigung des stimmungsvollen Abschlusstracks „Let There Be Night“: Am Ende stehen 75 Minuten Musik nicht weniger als einer halben Stunde Publikumsdialog gegenüber. Immerhin stimmt der Zugabenblock mit dem feurigen „Sanctified By Dynamite“ und den beliebten Evergreens „We Drink Your Blood“ sowie „Werewolves Of Armenia“ versöhnlich.

Bevor in diesem nochmal die ganze Stimmgewalt des Zeniths gefragt ist, wird in Erstgenanntem ein letztes Mal ausgelassen getanzt, wobei im hinteren Bereich gar eine Polonaise durch die Reihen zieht. Ein Glück, dass sich diese Choreografie den Blicken Atilla Dorns entzieht, hatte der Rudelführer doch – wir erinnern uns – keine anderthalb Stunden zuvor mit einem Augenzwinkern jeglicher Begleiterscheinung unmetallischer Musik den Segen verwehrt.

POWERWOLF wissen, wie man eine Menge zum Kochen bringt

Andererseits ist ein bierseliger Fan-Zug wie dieser bester Beleg für die ausgelassene Atmosphäre, welche das Zenith bis zur letzten Minute der Wolfsnacht erfüllt. Deshalb haben POWERWOLF am Ende des Tages auch gar nicht so Unrecht, wenn sie die gemeinsame „Metal-Messe“ gleichzeitig als Aufnahmeritual betrachten. Man sei nun wie ein Rudel, eine Familie, lässt uns eine dankbare Band wissen, woraufhin knapp 6.000 Kehlen in ekstatische Zustimmung verfallen.

Klar, POWERWOLF wissen, wie man eine Menge zum Kochen bringt. Und das eben gänzlich ohne Strandbühne, Sonnenschein oder Urlaubsflair, wie es in unseren Kindheitstagen auf dem Campingplatz der Fall war, sondern mit Einsatz, Spektakel, einem umfangreichen Animationsprogramm, das man auch im Erwachsenenalter noch ungeniert abspulen darf, und lediglich einem zu hohen Redeanteil zwischen den musikalischen Beiträgen. Obwohl wir letztlich diesen einen Makel nicht komplett unter den Teppich kehren können, verstehen wir am Ende dieses Abends nun endlich, weshalb das Konzept der Wolfsnächte über viele Jahre hinweg zur festen Institution in der deutschen Metal-Landschaft geworden ist: POWERWOLF schaffen mit ihrer “heiligen Metal-Messe” einen abendlichen Entertainment-Kosmos, in dem sich wirklich alle aufgenommen fühlen dürfen.

POWERWOLF Setlist – ca. 105 Minuten

1. Faster Than The Flames
2. Incense & Iron
3. Cardinal Sin
4. Amen And Attack
5. Dancing With The Dead
6. Armata Strigoi
7. Beast Of Gevaudan
8. Stossgebet
9. Demons Are a Girls Best Friend
10. Fire And Forgive
11. Where The Wild Wolves Have Gone
12. Sainted By The Storm
13. Army Of The Night
14. Blood For Blood (Faloadh)
15. Let There Be Night
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16. Sanctified With Dynamite
17. We Drink Your Blood
18. Werewolves Of Armenia

Fotogalerie: POWERWOLF

Fotos: Tatjana Braun (https://www.instagram.com/tbraun_photography/)