CANNIBAL CORPSE, DYING FETUS, EVOCATION, OBSCURA: CH-Pratteln, Z-7: 04.10.2009

Von Schwedentod über Melodien zu Gefrickel und alles tötenden Kannibalen – ein Abend für Death Metaller…
 

Da fährt man zeitig von zu Hause los, um gemütlich nach Pratteln cruisen zu können und der erste Stau macht das Vorhaben gnadenlos zunichte. Woher die vielen Autos kommen, fragt man sich gar nicht – offenbar scheinen sich alle Sonntagsfahrer gegen uns verschworen zu haben. Nun denn, man drücke halt das Gaspedal etwas mehr durch als gewohnt, um pünktlich anzukommen.

Erstaunlich groß ist die Menschenmenge in und um die Halle herum auf jeden Fall, obwohl der Abend noch jung ist. Der Fotopass ist schnell gefasst und auch die Security meint beim Beäugen des Rucksackinhaltes nur Photoapparat!. So weit so gut. In der Halle selber entspannte Stimmung und die angenehme Lautstärke der Hintergrundmusik – merke: alte IRON MAIDEN und METALLICA-Songs sind eine gute Wahl – lässt auch einen gemütlichen Schwatz mit den Kumpels zu. Der Merch-Stand lohnt sich ebenfalls, zumal man von einer großen Auswahl bei moderaten Preisen profitieren kann.

OBSCURA

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Steffen in seinem Element – OBSCURA

Pünktlich um halb acht beschallt OBSCURAs Intro die Halle, woraufhin mit dem Opener Anticosmic Overload losgefrickelt wird. Bereits von der ersten Minute an wird, jedoch nur in der ersten Reihe, heftig mitgebangt und somit scheint der Start in den Abend gelungen. Fronter Steffen Kummerer hält sich im Gegensatz zum letzten Auftritt in der Schweiz vor knapp zwei Monaten im Zürcher Werk 21 an etwas kurze und ausschließlich englische Ansagen, was der Publikumsnähe nicht gerade förderlich ist.

Was zudem auffällt ist, dass an diesem Abend bei OBSCURA die dicken Saiten von Jacob Schmidt (DEFEATED SANITY) anstelle von Jeroen Paul Thessling gezupft werden, da letzterer offenbar aus terminlichen Gründen bei der Tour nicht dabei sein kann. Jakob liefert einen guten Job ab, und dass der Bass-Sound nur von einem nicht-fretless Fünfsaiter erzeugt wird, fällt nicht wirklich auf – leider vor allem aufgrund des etwas dünnen Sounds aus den Boxen. Gerade die frickligen Riffs gehen daher ebenfalls im leicht verwaschenen Gitarrensound unter. Gitarrist Christian Muenzner zieht trotzdem wiedermal die Blicke vom Sechssaiter-Nachwuchs auf sich und zelebriert seine Leads gekonnt in der üblichen Präzision.

Gespielt werden nur Songs der neuen Platte Cosmogenesis und somit folgen dem Opener schön der Reihe nach Choir Of Spirits, Universe Momentum, Incarnated, Desolate Spheres und zum Abschluss Centric Flow, inklusive dessen melodischem Abgang, der natürlich auch live sehr schön zur Geltung kommt. Nach dreißig Minuten ist Schluss und die Band wird von einer bereits beachtlichen Anzahl Fans würdevoll verabschiedet.

EVOCATION

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EVOCATIONs Tjompe mit abgesägtem (Mic-)Ständer

Im Anschluss geht es etwas gemächlicher und deutlich schwedisch (inklusive Akzent) zu und her. Kaum schreiten die Mannen von EVOCATION zu ihrem Intro In the reign of Chaos auf die Bühne, steigen sie mit den Gitarren in das langsame, zweistimmig gespielte Intro ein. Kurz darauf kommt Sänger Thomas Tjompe Josefsson hinzu und man legt mit Silence Sleep von der aktuellen Scheibe Dead Calm Chaos los, gefolgt von Angel of Torment von derselben Platte.

Musikalisch erwähnt wird auch das Vorgängeralbum mit Veils Were Blown und Feed the Fire, wobei dazwischen noch Dust zum Zug kommt. Pech hat an diesem Abend Bassist Martin Tore Toresson, der etwas mit der Technik zu kämpfen hat und einige Male nicht zu hören ist. Die eher gemächlichen und dazu sehr melodiösen Midtempo-Songs zeigen ihre Wirkung und es ist mehr Bewegung in der halbvollen Halle spürbar. Trotz tiefgestimmten Saiten ist der Sound ordentlich abgemischt, so dass die oft zweistimmigen, zuckersüßen Gitarrenläufe nicht in einem Brei untergehen. EVOCATION beenden ihr Set mit Razored to the Bone und werden daraufhin von einer Menge Schweden-Melo-Death-Fans frenetisch bejubelt.

DYING FETUS

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Grimmiges Geblaste von hinten (Trey Williams – DYING FETUS)

Die gemütliche Umbaupausenstimmung verschwindet schlagartig, als DYING FETUS-Drummer Trey Williams mit dem Linecheck seiner Trigger beginnt und sogleich alles niederklickt… Aua! Nun ja, es ist Zeit für eine ordentliche Portion sterbender Föten und bald daraufhin geht in der Halle das Licht aus.

DYING FETUS – seit letztem Jahr nur noch zu Dritt unterwegs – legen mit Homicidal Retribution souverän los und heizen den Fans tüchtig ein. Die Bühne scheint fast etwas leer, da Basser Sean Beasley und Gitarrist John Gallagher recht weit voneinander entfernt die Stellung vor ihren Mikros bezogen haben. Dem Sound ist dies egal, denn dieser bolzt kräftig genug aus der PA und treibt die Menge entsprechend an. Treys Trigger fallen jedoch etwas gar dominant aus – den Leuten gefällts dennoch.

 

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 Die Gewinner des Abends: DYING FETUS (John Gallagher)

Nach dem Opener gehts weiter mit Your Treachery Will Die With You vom neuesten Werk Descend into Depravity. Danach kehren die Jungs zu ihren alten Zeiten zurück und dreschen Grotesque Impalement, Intentional Manslaughter und Justifiable Homicide auf gewohnt präzise Art in die Meute. Zwischen den Songs wird meist ein Intermezzo gespielt (etwa Ausschnitte von ABIGAIL MEADs Leonard vom Film Full Metal Jacket) und sorgen so für eine entsprechend düstere Stimmung.

Mit One Shot, One Kill kommen DYING FETUS der Gegenwart wieder näher, bleiben jedoch nur kurz mit dem neuen Shepherd`s Commandment da, um gleich wieder zu Pissing in the Mainstream und Kill Your Mother / Rape Your Dog zurückzukehren. Ein Blick in die Menschenmenge bestätigt die wuchtige Performance der Band, denn vor allem bei langsamen Parts scheinen fast alle Köpfe in die eine oder andere Richtung zu wippen – vor der Bühne entwickelt sich daraus sogar einige Male ein Circle Pit. Aber alles Gute hat auch sein Ende. Nach dem Ausklingen von Praise the Lord (Opium of the Masses) hat die Menge noch nicht genug und Zugabe-Rufe werden laut – leider erfolglos. Aber trotzdem ist die Pulsrate der Anwesenden deutlich höher und die Meute ist bereit für den Headliner des Abends.

CANNIBAL CORPSE

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Kannibalistische Soundwand (Pat O`Brien)

Die Vorfreude macht sich auch bemerkbar, als die ganze Halle plötzlich laut wird nur um das Hochziehen des großen CANNIBAL CORPSE-Backdrops zu zelebrieren. Um zwanzig nach zehn gehen die Jungs aus Tampa in grünblau schimmerndem Licht an ihre Arbeit und stimmen den Titeltrack ihres neuen Albums Evisceration Plague an. Die Begrüßung durch die Fans fällt entsprechend heftig aus.

Soundmäßig gerät das Ganze leider etwas zu matschig und teilweise ist es schwierig, die Riffs aus der Betonmaschine zu extrahieren. Herr Corpsegrinder lässt einmal mehr wieder die Matte kreisen, um kurz darauf an der Stelle festgefroren und mit Haaren übersät den Duden menschlicher Eingeweide grunzend zu zitieren. Von der Performance her gibt es nicht viel Neues zu sehen. Auch die Songs sind schon mal besser ausgewählt worden, selbst wenn die Setliste die gesamte Geschichte von CANNIBAL CORPSE umfasst. Unter anderem werden Songs gespielt wie Shatter Their Bones, I cum blood, The Time To Kill Is Now, Sentenced To Burn, Disfigured, Pit Of Zombies, und Vomit the soul – auf Kracher wie Stripped, Raped and Strangled wartet man jedoch leider vergebens.

 

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George Corpsegrinder Fisher in gewohnter Pose

Herr Fisher fordert von der bereits bebenden Meute mehrmals den Moshpit (etwa bei Make them suffer), widmet den üblichen Klassiker Fucked with a Knife sowie auch Priests of Sodom (O-Ton: `dedicated to all the sluts`) an die Damen im Hause. Dass die Maggots-Rufe bei A Skull Full of Maggots laut ausfallen, ist ebenfalls keine Überraschung. Die alternden Herren scheinen einen hohen Bedarf an Wasser zu haben, denn sie wenden sich nach fast jedem Song ab, um nachzutanken. Etwas mühsam – ja, störend empfinden die Leute diese recht langen Pausen zwischen den Songs schon und so fliegt sogar einmal ein gefüllter Wasserbecher Richtung Bühne.

Nach fast anderthalb Stunden ist es dann soweit und das unsterbliche Hammer Smashed Face wird zur Krönung angesagt. Viel Worte braucht es hier nicht, um die Reaktion darauf zu beschreiben: Mosh!. Um möglichst rasch mit der Karre von Pratteln wegzukommen, ohne ein Knäuel von Metalfans vor oder sogar auf der Kühlerhaube zu haben, heisst die Devise nun: Raus, solange der letzte Ton nicht gespielt worden ist. So geht ein weiterer CANNIBAL CORPSE-Gig zu Ende, der zwar länger als derjenige damals im Februar war, jedoch qualitätsmäßig eher im durchschnittlichen Bereich lag. Die Gewinner des Abends heissen somit eher DYING FETUS als CANNIBAL CORPSE

Live-Review, Photos und Titelgraphik: Andreas Zappi Szabó

Layout: Arlette Huguenin D.