BLIND GUARDIAN, ASTRAL DOORS: Stuttgart, Messe Congresscentrum B, 09.09.2006

Ein schönes Konzert!

Eigentlich hat sich seit dem letzten BLIND GUARDIAN-Gastspiel in Stuttgart vor vier Jahren wenig geändert. Natürlich sitzt nicht mehr Thomen Stauch hinterm Schlagzeug und das aktuelle Album heißt heuer A Twist In The Myth. Aber ansonsten muss man die Unterschiede mit der Lupe suchen.

ASTRAL
Ausnahmesänger Patrik Johansson (ASTRAL DOORS) lieferte scheinbar mühelos eine erstklassige Leistung ab!

Bereits bei der Saalöffnung um 19 Uhr herrschte reger Andrang. Als ASTRAL DOORS um Punkt 20 Uhr loslegten, war die (laut AD-Homepage ausverkaufte) Halle bereits ordentlich gefüllt. Die Schweden boten 40 Minuten lang einen Querschnitt durch ihre bisherigen Alben. Musikalisch wie optisch stand dabei Sänger Patrik Johansson im Mittelpunkt. Eine solche Stimme hört man nicht alle Tage, selbst wenn man Roadie bei DIO ist. Bedauerlicherweise ist das Songmaterial zu gesichtslos und zu sehr in den 70ern verwurzelt. Stücke wie London Caves und Time To Rock ernteten zwar Applaus, ließen jedoch außergewöhnliche Hooklines vermissen. Selbst der wuchtige Titelsong des Evil Is Forever-Albums schien für die meisten Anwesenden zu altbacken zu klingen. Während besonders Gitarrist Joachim Nordlund und Bassist Mika Itäranta spielfreudig rockten, wirkte Tastenmann Joakim Roberg fehl am Platz, da man ihn lediglich bei diversen Intros richtig hörte. Insgesamt lieferten ASTRAL DOORS also eine solide Leistung ab, die allerdings nur bedingt zu dem passte, was noch kommen sollte. Immerhin nutzten einige Leute den flotten Rausschmeißer Cloudbreaker schließlich zur Lockerung der Nackenmuskulatur, ehe die Saallichter wieder angingen.

Nach 40 Minuten Umbaupause betraten BLIND GUARDIAN die dekorationsfreie Bühne und legten nach dem War Of Wrath-Intro mit Into The Storm los. In den vorderen Reihen war die Stimmung vom ersten Ton an euphorisch. Bei den Refrains wurde lauthals mitgesungen, während die Headbanger bei den härteren Passagen von Liedern wie Born In A Mourning Hall und The Script For My Requiem auf ihre Kosten kamen. Die Band spielte erfreulich wenig neues Material und konzentrierte sich stattdessen auf Lieder von Imaginations From The Other Side und Nightfall In Middle-Earth. Große Überraschungen gab es folglich keine, zumal als einziger Oldie einmal mehr Valhalla zum Zuge kam. Hier erreichte die Stimmung ihren ersten Höhepunkt. Minutenlang sangen schätzungsweise 3000 Münder im Chor weiter, bevor die Krefelder mit Time Stands Still (At The Iron Hill) einen weiteren Hammersong auspackten.

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Hansi Kürsch (BLIND GUARDIAN) hatte mit der Umsetzung der Gesangslinien bisweilen Probleme, was das Publikum jedoch wenig störte.

Hansi Kürsch agierte souveräner als in der Vergangenheit, auch wenn sein Aktionsradius immer noch relativ klein ist. Gesanglich kämpfte er einen nahezu aussichtslosen Kampf gegen die mächtigen Albumvorlagen. Immer wieder wurde er vom stimmgewaltigen Publikum gerettet. Bei höheren Zwischenteilen musste er jedoch kapitulieren und entweder tiefer oder gar nicht singen. Dass der Hintergrundgesang seiner Mitmusiker kaum hörbar war, machte die Sache nur noch schlimmer.

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Andre Olbrich (BLIND GUARDIAN) war mit der Leadgitarre beschäftigt und nutzte die weitläufige Bühne nur selten.

Bei einzelnen Songs wurden Albumcover, Animationen und Videos auf die Leinwand hinter der Bühne projiziert. Das ist von der Idee her interessant und sicherlich ungefährlicher als Pyros. Über weite Strecken fehlten den leuchtstarken Motiven leider die Abwechslung. Außerdem frage ich mich, was ein Hubschrauber bei The Script For My Requiem verloren hat. Die künstliche Messehallenatmosphäre dämpfte die Stimmung von Zeit zu Zeit ebenfalls. Da die Mehrzahl der Leute jedoch wegen der Musik gekommen waren, fielen all diese Aspekte kaum ins Gewicht. So feierten die Fans Lieder wie Lord Of The Rings und Lost In The Twilight Hall ab und hatten einfach eine gute Zeit. Die hatten auch Gitarrist Marcus Siepen und Gastbassist Oliver Holzwarth (SIEGES EVEN), die den Auftritt und den frenetischen Jubel sichtlich genossen. Auf der gegenüberliegenden Bühnenhälfte war weniger los. Hier konzentrierte sich Gitarrist Andre Olbrich auf die komplexen Melodielinien, während hinter ihm Gastkeyboarder Michael Schüren die personifizierte Unauffälligkeit darstellte.

Mit Fly und This Will Never End gab es im regulären Programm lediglich zwei neue Nummern. Die Resonanz darauf war ordentlich, obwohl sie sich musikalische deutlich vom restlichen Material unterschieden. Die Aussicht, dass bei zukünftigen BLIND GUARDIAN-Auftritten vermehrt diese modernen Statements das Bild bestimmen werden, ließ mich das Konzert noch mehr genießen. Als einzigen Song von A Night At The Opera kündigte Hansi Kürsch nach knapp 75 Minuten zu meiner großen Freude And Then There Was Silence an. Auch hier wurde es vorrübergehend etwas ruhiger im Publikum. Spätestens beim mächtigen Refrain wurde aber wieder mitgesungen und gegen Ende gab es kein Halten mehr. Wie schon auf der DVD wurden die letzten zwei Minuten weggelassen, was dem Applaus jedoch keinen Abbruch tat.

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BLIND GUARDIAN-Gitarrist Marcus Siepen präsentierte sich gewohnt agil und übernahm bei nahezu allen Liedern den Hintergrundgesang.

Als erste Zugabe gab es mit Another Stranger Me ein weiteres Indiz dafür, dass BLIND GUARDIAN ihre besten Songwriting-Tage hinter sich haben. Die Liveumsetzung der Nummer war natürlich wesentlich unproblematischer als die von And Then There Was Silence. Aber das Fehlen von Melodie und Geschwindigkeit – zwei der wesentlichen BLIND GUARDIAN-Merkmale in der Vergangenheit – ist ein enormes Manko, das auch das professionell inszenierte Video im Hintergrund nicht ausgleichen kann. Das anschließende Imaginations From The Other Side hatten zu diesem Zeitpunkt wenige Leute erwartet. Es wurde dennoch begeistert aufgenommen. Die beiden Songs, auf die alle insgeheim gewartet haben, gab es erst im zweiten Zugabenblock: The Bard´s Song: In The Forest und Mirror Mirror. Hier übernahm das Stuttgarter Publikum den Gesang und feierte ein großes Fest. Hansi Kürsch attestierte nach dem ersten Lied eine weitere Steigerung gegenüber dem Konzert 2002 und bemerkte lapidar: Was bleibt mir auch anderes übrig?

Mirror Mirror enthielt ein letztes Mal alles, was die Fans an BLIND GUARDIAN lieben – und nahezu alles, was den neuen Songs fehlt. Am Ende gab es noch einmal lang anhaltenden Applaus, den sich die Band wirklich verdient hatte. Denn trotz der gesanglichen Probleme war das Konzert nicht zuletzt aufgrund der Songauswahl absolut gelungen. Man brauchte nur die richtige Erwartungshaltung und die nötige Hemmungslosigkeit, wenn es darum geht, auch ohne jegliches Gesangstalent aus voller Kehle Nightfall zu singen.

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Die Setlist von BLIND GUARDIAN.