TOMBS: Game Over für die Menschheit

"Path Of Totality", das zweite Album der New Yorker TOMBS, ist ein brachiales, aber doch gefühlvolles Album, das genau dort ansetzt, wo vor zwei Jahren das Debütalbum "Winter Hours" aufhörte. TOMBS befinden sich auf einer Reise durch die Extreme der Underground-Musik, haben Hardcore mit der Muttermilch aufgesogen, lassen aber heute fast ausschließlich eine dreckige, bittere Melange aus Black Metal, Shoegaze, Post Hardcore und Sludge erkennen. Einen Monat nach der Veröffentlichung von "Path Of Totality" gehen die Musiker um Mike Hill zusammen mit THE SECRET auf Europatour. Wir treffen einen auskunftsfreudigen, entspannten und freundlichen Mike Hill vor dem Konzert in München und plaudern über das neue Album, Verschwörungstheorien und das Ende der Industrialisierung.

Path Of Totality, das zweite Album der New Yorker TOMBS, ist ein brachiales, aber doch gefühlvolles Album, das genau dort ansetzt, wo vor zwei Jahren das Debütalbum Winter Hours aufhörte. TOMBS befinden sich auf einer Reise durch die Extreme der Underground-Musik, haben Hardcore mit der Muttermilch aufgesogen, lassen aber heute fast ausschließlich eine dreckige, bittere Melange aus Black Metal, Shoegaze, Post Hardcore und Sludge erkennen. Einen Monat nach der Veröffentlichung von Path Of Totality gehen die Musiker um Mike Hill zusammen mit THE SECRET auf Europatour. Wir treffen einen auskunftsfreudigen, entspannten und freundlichen Mike Hill vor dem Konzert in München und plaudern über das neue Album, Verschwörungstheorien und das Ende der Industrialisierung.

Hallo Mike, ich hoffe, eure Tour ging gestern gut los.

Ja, der erste Tag der Tour war großartig. Wir spielten gestern in Arese, das liegt etwas außerhalb von Mailand. Neben THE SECRET waren auch BLACK BREATH mit dabei.

Was erwartest du von den kommenden vier Wochen?

Wir waren fast zwei Jahre nicht in Europa, daher hoffen wir, dass einige Leute kommen werden, und dass ihnen unser Set gefällt. Sie sollten Path Of Totality kennen, denn unsere Auftritte werden nur aus Songs von diesem Album bestehen. Ich hoffe auch, dass wir ein paar alte Freunde wiedersehen werden und viele neue Leute kennen lernen werden. Wir werden in jedem Fall täglich ein schönes, hartes Set hinlegen.

Das klingt gut! Nun aber herzlichen Glückwunsch zu eurem zweiten Album Path Of Totality , das so klingt, als hättet ihr das vollendet, was auf Winter Hours begonnen wurde.

Ich würde nicht sagen, dass wir etwas vollendet haben, es fühlt sich mehr an, als hätten wir das zweite Kapitel aufgeschlagen. Mit jeder Veröffentlichung kommen wir näher an unser Ziel heran. Es gibt noch immer genügend Möglichkeiten zu wachsen.

Die Musik beinhaltet viele Black Metal-Versatzstücke, ist aber verwurzelt im Hardcore, auch wenn das nicht mehr wirklich zu hören ist.

Die meisten meiner früheren Erfahrungen mit Bands fanden in der Hardcore-Szene statt. In den letzten beiden Dekaden hat sich viel in dieser Szene verändert, und ich habe einfach nichts mehr gemeinsam mit den Konzepten, die einige Leute in der Hardcore-Szene entwickelten. TOMBS würden sich nicht als Hardcore-Band bezeichnen, aber auf einem persönlichen Level haben wir die Ethik dieser Szene immer noch verinnerlicht: so viel wie möglich selbst zu übernehmen, so viel Kontrolle zu haben wie möglich, und verantwortlich für die Lyrics zu sein, für das, was man ausdrücken will und dazu zu stehen. Wir spielen mit vielen Metalbands, auf vielen Metal-Touren, da haben die meisten Musiker einen anderen Background. Aber ich versuche den meinen nicht zu vergessen.

Es erscheint daraus eine neue Szene zu wachsen, mit TOMBS, THE SECRET, TRAP THEM und vielen mehr, die im Hardcore verwurzelt sind, aber heute musikalisch deutlich näher am Metal sind. Ist Metal für Musiker einfach interessanter?

Die Ironie an Metal vs. Hardcore ist, dass die Metal-Szene musikalisch offener ist, als die Hardcore-Szene. Das war aber nicht immer so, Hardcore war für viele Menschen ein Weg, sich individuell zu entfalten. Aber im Laufe der Zeit verschlossen sich die Geister der Menschen und es gab verschiedene Stile und Trends, was die Szene verunsicherte. Im Metal kann man sich bis zu einem gewissen Grad besser ausdrücken, dort ist man für neue Ideen offener. Eine Band wie GODFLESH existiert in der Metalszene ebenso wie WOLVES IN THE THRONE ROOM, EXODUS oder MUNICIPAL WASTE.

In eurer Musik ist auch etwas Post Metal, im Stil der alten ISIS, enthalten.

Die Leute verwenden diesen Begriff auf viele verschiedene Arten, wenn du das mit ISIS in Verbindung bringst, verstehe ich das aber vollkommen.

Sludge ist auch etwas drin.

Naja, wir spielen ja nicht wirklich langsame Musik. Es gibt langsame Stellen, aber das ist auch nur teilweise Sludge. Aber größeren Einfluss als dieses Genre hatten auf TOMBS THE BIRTHDAY PARTY, NICK CAVE AND THE BAD SEEDS, FIELDS OF THE NEPHILIM, BAUHAUS, JOY und sogar THE CURE. Und sogar FRONT 242 beeinflussen uns auf gewisse Art und Weise.

Bis auf FRONT 242 wird das ja auch nicht selten Shoegaze genannt.

Ich weiß nicht, ob sich MY BLOODY VALENTINE selbst als Shoegaze-Band bezeichnet hätten. SLOWDIVE, RIDE, CHAPTERHOUSE und auch COCTEAU TWINS waren alle sehr unterschiedlich, sie setzten nur jede Menge Reverb ein und spielten etwas langsamer. Es ist ziemlich schwierig, all das zu verbinden.

TOMBS ist jedoch eine Konsequenz aus all diesen Einflüssen.

Ja, diese Band ist eben ein Aggregat. Unser Drummer Andrew steht auf Death Metal, Black Metal und Grindcore. Ich schreibe hauptsächlich die Songs und Andrew vervollständigt das Bild mit seinem Schlagzeugspiel. Die Einflüsse von uns beiden sorgen dafür, dass sich das Material eben so und nicht anders entwickelt.

 TOMBS
Die Ironie an Metal vs. Hardcore ist, dass die Metal-Szene musikalisch offener ist, als die Hardcore-Szene. Die Zeiten haben sich geändert, findet Mike Hill (links).

Interessant ist, dass sich im europäischen Black Metal eine Szene bildet, die ähnliche Einflüsse wie ihr habt, wenn ich zum Beispiel an ALCEST denke. Aber dennoch ist das, was rauskommt, etwas ganz anderes, da ihr eher die dreckige Seite des Ganzen zeigt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihr euch mit diesen Bands verbunden fühlt.

Nein, das tun wir auch wirklich nicht. Bei uns geht es eher dunkel und aggressiv zu, aber ich finde ALCEST und AMESOEURS auch wirklich gut. Ich finde da eher eine Verbindung von TOMBS zu einer anderen US-amerikanischen Band, nämlich LEVIATHAN. Die kommt aus derselben Richtung, vereint dieselbe Art von Melodien, aber es klingt viel dunkler als diese französischen Bands.

Was ich auf Path Of Totality wirklich mag ist, wie diese sogenannten Shoegaze-Momente mit Black Metal verbunden werden, wie in Black Heaven oder Silent World. Es ist auf dem Album eine starke melancholische Seite enthalten – siehst du dich selbst als melancholische Person?

Ich würde mich eher als Denker bezeichnen, als jemanden, der mit einer dunklen Linse die Welt um sich herum betrachtet. Ich würde mich selbst nicht als melancholisch bezeichnen, da es viel Freude in meinem Leben gibt. Aber wenn ich die Welt betrachte, werde ich oft etwas pessimistisch, da sehe ich dann alles von einem etwas apokalyptischen Blickwinkel aus. So wie wir immer näher an unseren finanziellen und ökologischen Ruin zusteuern, ist das auch kein Wunder. (bitteres Lachen)

Das ist ein guter Punkt – mit welchen Gefühlen hast du die USA verlassen?

Naja, der Dollar wird immer weniger wert und es ist, auch im Hinblick auf das, was in Norwegen passierte, schwierig nicht das zu glauben, was diese ganzen Verschwörungstheoretiker sagen. Diese sagen nämlich, dass uns all jene Vorkommnisse auf einen bestimmten Punkt zutreiben, der die Weltordnung umstürzen wird. Es fühlt sich so an, als wären die Dinge auf einen bestimmten Endpunkt hin gestaltet. Das hört sich jetzt paranoid an, aber so wie diese Ereignisse auftreten ist es schwierig, sie wirklich zu ignorieren. Die Medien spielen darin auch eine große Rolle. In Oslo dachten durch die Berichterstattung alle doch zuerst an einen Al Kaida-Anschlag, und nicht an einen Rechtsradikalen. Das passierte ja zur Urlaubszeit, da waren kaum Leute im Gebäude.

Das war ja nur ein Ablenkungsmanöver für das Massaker auf der Insel.

Genau. Und es kommt mir so vor, als würden viele Informationen zurück gehalten werden. Aber zurück zu den USA: es ist wirklich schwierig zu sagen, wohin es gehen wird. Einiges geht noch gut, aber viele Menschen haben keine Arbeit, sind verzweifelt, und haben keine Ahnung, wo es hingehen wird. Hier tauchen auch wieder Verschwörungstheorien für die kommenden Wahlen auf, wo die Republikaner durch ihre Blockierungsstrategie dafür sorgen wollen, wieder ins Weiße Haus zu gelangen. Naja, bei all diesen Verschwörungen und der Paranoia in der letzten Zeit, sind viele Menschen besorgt. Ich bin ganz froh, aus den Staaten etwas weg zu sein.

Das glaube ich gerne! Aber zurück zu Path Of Totality, das wie ich finde, ein recht langes Album für diese Musikrichtung ist. Dank der Dynamik zieht sich aber nichts hin. Geht ohne Dynamik nichts?

Davon bin ich überzeugt. Ich wollte, dass die Hörer komplett mitbekommen, für was die Band TOMBS steht, sie sollen die ganze Bandbreite erfahren. Das Album dauert knapp eine Stunde, aber darauf hatten wir es ursprünglich gar nicht ausgelegt. Die Songs entfalteten eine sehr abwechslungsreiche Natur, so dass wir das ganze geschriebene Material auf Path Of Totality packten. Es ist gut, sich zwischen den Extremen zu bewegen, wir konnten die intensive, aggressive Seite ebenso wie die introspektive, stille Seite ausleben. Das macht Path Of Totality für mich zu einem ziemlich befriedigenden Album.

Für mich ist euer Zweitwerk eines der wenigen Alben, die sowohl am Stück Sinn machen, als auch, wenn man nur einzelne Lieder hört. Es ist sehr selten, dass Alben auf beide Weise funktionieren.

Ja, das ist wahr. Auch meine Lieblingsalben kann ich nicht immer am Stück hören, da suche ich mir hier und da meine Lieblingssongs aus. Bei uns kommt es aber daher, dass wir so viel live spielen, und einige der Stücke schon einige Zeit in unserem Liveset enthalten sind. Daher klingt das Album wie ein großes Stück, wie eine Liveperformance.

Habt ihr das Album auch live im Studio aufgenommen?

Nein, definitiv nicht. Live spielen und im Studio aufzunehmen sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Das Schlagzeug wurde live eingespielt, aber die Gitarren, der Bass und der Gesang wurden danach einzeln aufgenommen. Ich bin kein Fan davon, ins Studio zu gehen, und die Musik live einzuspielen. Wäre ich in einer anderen Band als TOMBS, die einen anderen Stil spielt, würde mir das vielleicht schon zusagen. Aber bei uns braucht es etwas mehr Präzision, damit nichts verwischt.

Immerhin klingt Path Of Totality nach einer Livescheibe, sehr authentisch.

Das ist gut!

Ich war nur von der Wahl eures Produzenten überrascht. John Congleton passt eher zu Bands wie BARONESS. Und wegen seiner Produktion klingt es teilweise auch etwas dumpf.

Ich bin ziemlich zufrieden mit dem Ergebnis. John und ich trafen uns zum ersten Mal vor ein paar Jahren, als wir mit ISIS tourten und in Dallas spielten. Es war ein Zufall, dass BARONESS genau damals Blue Record aufnahmen. Wir unterhielten uns gut, und blieben lose in Kontakt. Als das Album von BARONESS dann heraus kam, das meiner Meinung nach fantastisch klingt, war klar, dass wir mit ihm arbeiten wollten. Wir nahmen dann Vorproduktionen auf und schickten diese zu John und diskutierten unsere Ideen.

Wie lange habt ihr eigentlich aufgenommen?

Das waren ungefähr zehn Tage, inklusive dem Mix.

Das ist ziemlich schnell, wenn ich bedenke, wie viel Material ihr zu bearbeiten hattet.

Ja, das ist für uns völlig adäquat.

 TOMBS
Ich lebe an einem Gewässer namens Newtown Creek, das komplett verunreinigt ist, nichts darin lebt mehr. Das ist der Beweis: es ist keine Erfolgsgeschichte, die die Menschheit wir hier zu erzählen hat. Zivilisationskritik made in New York City.

Eure Besetzung ist seit einigen Jahren fest, macht sich das auch anhand des Songwritings bemerkbar? In der Form, dass du gewisse Ideen nicht zurückhalten musst, weil du nicht weißt, ob die anderen diese ausführen können?

Da liegt viel an Andrew. Als er TOMBS bei trat, eröffnete sich uns eine ganze Palette an neuen Möglichkeiten, die unser ehemaliger Schlagzeuger nicht ausführen konnte. Schon auf technischen Level ist er ein sehr vielseitiger Drummer, und er öffnete einigen Ideen, die auf dem Album gelandet sind – die Türen, die ohne ihn verschlossen geblieben wären. Auch sein Einsatz bei den Proben und der generellen Zusammenarbeit – zwei der Schlüsselfaktoren – ist schön. Es gibt Musiker, die sagen, immer Proben zu wollen, dann aber kein Interesse an Abenden zu haben, an denen man sich drei oder vier Stunden einsperrt und arbeitet. Dafür ist Andrew aber immer zu haben.

Wie sieht es mit Carson Daniel James aus, kann er sich auch kreativ bei TOMBS entfalten?

Naja, er schreibt seine Basslinien. Die Musik stammt hauptsächlich von mir und Andrew, Carson kommt dann dazu und vervollständigt das Gesamtbild.

Der Gesang stammt komplett von dir, richtig?

Genau.

Mir gefällt der Einsatz des Gesangs sehr gut, wie abwechslungsreich er arrangiert wurde, mit diesem unheimlichen Geheule über dem Black Metal-Teil bei Cold Dark Eyes. Das alles ist aber schwierig zu dritt umzusetzen. Seid ihr live noch als Trio unterwegs?

Wir haben das Album als Trio aufgenommen, aber auf Tour haben wir seit einiger Zeit einen zweiten Gitarristen dabei, das klappt live bisher sehr gut. Ob wir künftig auch im Studio zu viert sein werden, oder ob es bei uns dreien bleiben wird, ist noch nicht sicher. Letztes Jahr auf einer Tour hatten wir einen anderen Livegitarristen dabei, was sehr gut klang. Dieser hat jetzt allerdings keine Zeit mehr, jetzt haben wir einen anderen Freund dabei. Das Set wirkt jetzt mächtiger, die Overdubs kommen besser raus, es klingt einfach nach mehr.

Wichtig an TOMBS ist für mich auch die visuelle Seite. Das Cover ist ziemlich geheimnisvoll, die Tierkreiszeichen auf der CD, die Shirts sehen immer recht okkult aus, und so weiter.

Die Symbole auf dem Artwork sind nicht nur Tierkreiszeichen, sondern auch Erdzeichen, darauf ziele ich auch mehr ab. Die Sternzeichen sind eher diese Aleister Crowley-Geschichten, die ich zwar interessant zum Lesen finde, aber an die ich nicht glaube. Es geht hier mehr um die Verbindung mit der Erde, daran glaube ich. In unserer industriellen Gesellschaft kamen wir immer weiter weg von der Verbindung mit dem Planeten Erde, diese Jäger und Sammler-Mentalität ist uns längst verloren gegangen. Es war damals den Menschen bewusst, dass die Pflanzen und Tiere wichtig für das Überleben waren. Aber es gibt eine neue Bewegung der Menschen, die sich dafür interessieren wollen, denen es wichtig ist zu wissen, was sie in ihre Körper aufnehmen, auch im Hinblick auf dessen spirituelle Essenz. In den letzten Jahren ist mir das auch sehr wichtig geworden. Es geht darum, gute und positive Dinge in den Körper aufzunehmen und in eine positive Energie umzuwandeln.

Weißt du, ich glaube weder an Satan, noch an Gott oder an Religionen. Ich glaube, dass Religionen eher eine impressionistische Schilderung natürlicher Phänomene sind. Einige der in den religiösen Schriften beschriebenen Charaktere waren einst einfach nur Menschen, die sich im Laufe der Geschichte in Ikonen verwandelten. Daran gibt es nichts Magisches, es ist einfach eine Legende. Die meisten jüdisch-christlichen und islamischen Religionen haben die Aufgabe, die Menschen zu dominieren und ihnen aufzuzeigen, was sie tun sollen. Es ist interessant, dass es in all diesen Religionen keinen wirklichen weiblichen Gegenpart zu den männlichen Gottheiten gibt. In den alten heidnischen Religionen gab es immer sowohl die weibliche als auch die männliche Seite. Viele dieser Religionen sind eine Geißel unseres Planeten. Diese ganzen derzeitigen männlichen Egotrips der Regierenden aus Kirche und Staat sind nur dazu da, die Menschen passiv zu halten, es darf sich keine Spiritualität aufbauen. Die persönliche Idee hinter dieser Band handelt davon, derartige Ideen mit den Hörern zu kommunizieren. Diese Gesellschaft, in der wir mit ihren ganzen Systemen leben, ist eine Abstraktion, die uns davon abhält zu wachsen, uns zu entfalten.

Ich fürchte, ich bin etwas abgeschweift, wir sprachen ja über die visuelle Seite der Band.

Ja, aber das bringt uns zu den Texten. Ich denke, dass hier ein übergreifendes Thema die Kraft der Natur ist.

 TOMBS
Es ist schwierig nicht das zu glauben, was diese ganzen Verschwörungstheoretiker sagen. Das aktuelle Weltgeschehen verunsichert sogar aufgeklärte Geister.

Genau.

Ich denke, dass Winter Hours weniger abstrakt war und eher soziale Themen zur Auswahl hatte.

Ja, Winter Hours war eher wörtlich zu nehmen, Path Of Totality ist eher esoterisch, wenn man es so nennen will. Auch wenn die Menschheit nicht überleben wird, der Planet Erde wird weiter existieren. Silent World handelt davon, wie der Mensch sich selbst so modifiziert, dass er sich selbst zerstört, oder eben die Umwelt so manipuliert, dass diese ihn zerstört. Und danach wird es einen neuen Fehler geben – das ist eine Verbindung mit dem Maya-Kalender. Aber ich glaube nicht an 2012, denn es lässt sich darüber streiten, ob irgendjemand die Sprache der Maya überhaupt richtig übersetzen konnte. An das, was ich aber glaube: dass es gewisse Fehler auf der Welt gibt, die immer wieder ausgemerzt werden. Vielleicht kommen wir dadurch nicht zum Ende der Menschheit, aber zumindest zum Ende der Industrialisierung. Vielleicht werden wir dadurch wieder zurückkehren müssen, zu dem, was wir vorher waren. Natürlich kann auch plötzlich ein anderer interstellarer Körper auf Kollisionskurs gehen, und dann kann in zwanzig Jahren Game Over für uns sein. Es wird geglaubt, dass dies schon mal auf unserem Planeten passierte, und es gibt auch Theorien, dass dies schon einmal auf dem Mars passierte, der vielleicht schon mal eine Atmosphäre und ein Ökosystem hatte.

Du schreibst mit wenigen Worten recht viele Dinge. So dass es offen für jegliche Interpretation ist.

David Lynch ist mein absolutes Vorbild, aber ich will garantiert nicht behaupten, dass meine Texte auch nur annähernd mit seinen Filmen mithalten können. Sein Eintauchen in die Gefühle und seine intuitiv entwickelten Handlungen werden zu Geschichten, erlauben aber dem Zuschauer, den Inhalt des Films durch die eigenen Filter zu sehen und eine eigene Erfahrung daraus zu ziehen. Ich will auch eine Geschichte erzählen, um meine Punkte darzulegen, aber ich will jedem erlauben, sich daraus etwas für sich selbst heraus zu ziehen und eine Relevanz zum eigenen Leben aufzubauen. Das will ich versuchen, vielleicht habe ich manchmal Erfolg darin, aber ich wachse noch mit der Aufgabe des Textens.

Ich finde es ziemlich interessant, dass du in Brooklyn lebst und solche Dinge über die Industrialisierung als Fehler sagst.

Ja, die Industrialisierung ist definitiv ein Fehler. Aber Städte sind Teil der Natur. Ameisen leben auch in Städten. Es ist wie bei Affen, die verschiedene Früchte zur Ernährung ausprobieren – wenn sie diese auswürgen, entscheiden sie sich einfach dafür, sie nicht mehr zu essen. Genauso ist es mit dem Lebensstil der Industrialisierung. Hier haben die Menschen etwas ausprobiert, das für sie nicht passt. Das ist nicht nachhaltig. Alle Vorteile, die wir haben, gehen auf Kosten von etwas anderem. Das bemerkt man vor allem an einem Ort wie New York City, alles ist von andauerndem Mangel gezeichnet. Die Menschen haben nicht genügend Geld, um über die Runden zu kommen, Millionen von Megawatt an Elektrizität werden verschwendet, um Schilder zu beleuchten. Ich lebe an einem Gewässer namens Newtown Creek, das komplett verunreinigt ist, nichts darin lebt mehr. Das ist der Beweis: es ist keine Erfolgsgeschichte, die wir hier zu erzählen haben.

WOLVES IN THE THRONE ROOM sind da das genaue Gegenteil, mit ihrem Lebensstil in den Wäldern, als Selbstversorger.

Ich bin davon überzeugt, dass mehr in diesem Stil passieren muss, aber ganz allgemein. Der Regierung gehört nicht die Sonne, ihr gehört nicht der Wind. Wir müssen eben die Kraft aus nachhaltigen Dingen ziehen. Es sollte auch mehr Farmen geben, die darauf zurückgreifen, dass jeder genau das selbst herstellt, was er als Mensch wirklich braucht.

Ich habe gehört, dass du eine Zeitlang eher als Karrieremensch gelebt hast, wenn man das so sagen kann.

Ja, das stimmt. Es war ein langsamer Prozess über die Jahre hinweg. Ich habe die Musik immer mehr als die Karriere angesehen, vor allem als spirituelle Karriere. Ich habe inzwischen eine gute Balance gefunden, eine ausreichende Summe Geld zum Leben zu verdienen und gleichzeitig verfügbar zu sein, um immer wieder auf Tour zu gehen. Da kommen wir wieder auf die Jäger und Sammler-Mentalität: mein Leben zu Hause ist bestimmt von freiberuflicher Arbeit. Ich versuche das immer weiter auszuarbeiten, um stets genügend Zeit für die Musik zu haben.

Das bedeutet also, die Zukunft von TOMBS ist gesichert.

Ja, auf jeden Fall. Nach dieser Tour werden wir uns eine kleine Auszeit gönnen, da wir in letzter Zeit sehr beschäftigt waren. Dann werden wir uns auf kommende Dinge vorbereiten, die im Winter oder Anfang 2012 folgen werden.


Promofotos: (c) Jason Hellman / Livefoto: (c) Christoph Ziegltrum