TIAMAT – Interview mit Johan Edlund, September 1999

TIAMAT – Interview mit Johan Edlund, September 1999


Nachdem dieses Interview zuerst um 2 Wochen verschoben worden ist, gab sich der ja inzwischen in Deutschland wohnende, sehr charismatische und sehr nordländische Frontmann der Truppe, Johan Edlund, die Ehre.

Unterbrochen von Kirchengebimmel, Husten und Kindergeschrei gab Johan sehr langsam sprechend und ab und zu von einem Husten geschüttelt seine Meinung preis.

Euer neues Album „Skeleton Skeletron“ klingt ja doch ein wenig anders als die Vorgänger. Habt Ihr dieses mal etwas anders gemacht als bei den letzten Alben?

Hmmm…. Wir waren vielleicht etwas spontaner. Wir nahmen die Platte auf, wie wir es getan hätten als wir vor 10 Jahren angefangen haben, ernsthaft Musik zu machen. Wir benutzten das Studio, um den momentanen Sound der Band einzufangen, und nicht für wesentlich mehr, das ist ein grosser Unterschied zumindest zur letzten Platte, „A deeper kind of slumber“, bei der wir mehr experimentierten.

Wurde „A deeper kind…“ also völlig im Studio komponiert, war das nicht spontan?

Ja, es war vielleicht auch spontan, aber auf eine andere Art. Wir wussten nie, wie der Song, an dem wir gerade arbeiteten, am Schluss klingen würde, während wir dieses Mal mit fertigen Songs ins Studio gingen.

Was heisst eigentlich „Skeleton Skeletron“? Hat der Titel irgendeinen Bezug?

Nein, eigentlich nicht, er kam mir eines Tages in den Sinn und ich dachte, es klinge cool.

Er passt wahrscheinlich zum Album, einfach weil ich auch etwas spontanes für den Titel wollte, ohne zu viel über die Tiefe dahinter nachzudenken…

Du sagtest einmal in einem Interview, dass die Tracks auf der neuen Platte „urban music“ seien….

Was ich damit meinte, war, dass die Songs einerseits direkter sind und dass die Lyrics auch von anderen Leuten handeln und nicht nur von meiner persönlichen psychedelischen Traumwelt. Es ist mehr Hier und Jetzt, es geht um Beziehungen mit anderen Menschen.

Also sind die Lyrics wirklich anders als auf den früheren Werken?

Ja, im Sinn, dass sie einfacher und mehr geradeaus sind. Ich versuche nicht mehr, mich hinter komischen Worten und Sätzen zu verstecken.

Sind Deine Lyrics wichtig für Dich?

Sie sind mir sehr wichtig, ja. Sie stellen eine Möglichkeit dar, mir Dinge von der Seele zu schreiben, die sonst vielleicht zu sehr viel gefährlicheren Aktionen führen würden. Sie sind mein Weg, meine Gedanken rauszulassen.

Dann habe ich gleich eine Frage speziell zu einem Song namens „Lucy“. Was bedeuten die französischen Sätze am Ende des Songs?

Das ist ein altes Gedicht, dessen Namen ich vergessen habe. Es geht um einen Wolf und ein Schaf. Ich erinnere mich nicht mehr, wie es hiess… (Denkpause) Es ist ziemlich alt, ich glaube aus dem 17. Jahrhundert. Es ist ziemlich cool, denn es geht um einen Wolf, der ein Schaf beschuldigt, jemandem aus seiner Familie weh getan zu haben. Das Schaf sagt, „Nein, ich war es nicht, ich bin unschuldig.“ Der Wolf hat keinen Beweis für die Schuld des Schafs, aber er tötet es trotzdem, einfach weil er kann, weil er stärker ist. Ich fand, dass es eine gute Story ist.

Ich mag diese Samples.

Klingt gut… Gibt es eigentlich einen wirklichen Grund für Euren musikalischen Wandel?

Nun, wir haben uns immer wie eine Rock-Band gefühlt, egal, wie die aktuelle Platte geklungen hat. Im Innersten sind wir eine Rock-Band, wie es bei jeder Band ist, egal, ob sie Black Metal oder Pop spielt. Vielleicht ist es wirklicher für uns, so zu klingen wie wir uns fühlen. Wir haben das, was uns als Band vom Band-Sound distanziert hat, einfach weniger stark gemacht. Das brachte uns zu einer einfacheren Form der Songs, was auch sein Gutes hat, da wir den Leuten auch zeigen konnten, dass wir wirklich eine Band sind.

Du sprichst immer von „uns“ oder „wir“, ich dachte bisher immer, dass TIAMAT mit Johan Edlund gleichzusetzen ist.

So war es nie. Ich kämpfe effektiv gegen diese Meinung.

Ich habe das so in einem Magazin gelesen.

Die schreiben das gerne. Aber ich bin da gar nicht einverstanden. Wir waren immer eine Band, wir hatten manchen Line-Up-Wechsel, aber schlussendlich waren wir immer eine Band. Und das war mir wichtig.

Was passierte eigentlich mit Eurem Gitarristen Tomas?

Kurz bevor wir anfingen, die Platte aufzunehmen, rief ich ihn an, und er sagte, dass er wohl nicht mit daran arbeiten könnte. Er fand es sehr traurig, aber er wollte ein Haus kaufen und sich um seine Familie kümmern und so…

Ach so. Viel Glück dann an ihn!

Etwas was ich immer mit TIAMAT gleichgesetzt habe, war Eure Show, mit all den Lichtern und den projizierten Bildern. Werdet Ihr sowas in der Art wieder machen, oder werdet Ihr mehr eine normale Rock-Show zeigen?

Nein, wir werden wieder so etwas machen. Ich denke, dass die Leute das von uns erwarten, und wir wollen ihnen ja auch etwas bieten fürs Geld. Es wird wahrscheinlich schon etwas anders als die früheren Shows, aber ich weiss noch nicht genau, was wir machen werden… Wir müssen uns da auf jeden Fall auch weiterentwickeln.

Ich erinnere mich noch gut an Eure letzte Show, mit der Farbe im Gesicht und dem Schwarzlicht. Das war sehr cool!

Oh, danke. Wir mochten es auch, es war interessant, so etwas zu tun. Es war sehr cool, weil man sehr in die Show integriert war und sich als Teil der Show fühlte; dadurch, dass man sich bemalte, dank all der Dinge, die rund um einen passierten; Dazu spielten wir ziemlich „trippige“ Songs. Es war sehr interessant. Man vergass, dass es da draussen wirklich eine Welt gab, solange man auf der Bühne stand.

Was werdet ihr denn live für Songs spielen? Die älteren auch?

Wir werden sicher Songs von „Clouds“, „Wildhoney“, „A deeper Kind…“ und von der neuen Platte spielen, vielleicht auch noch älteres Material. Mein Plan ist es, die Songs zu spielen, welche die meisten Leute hören wollen. Im Nachhinein kann man immer sehen, welches die „Hauptsongs“ von einem Album sind, wie „The Sleeping Beauty“ von „Clouds“, das ist ein Song, den wir spielen müssen, die Leute erwarten es von uns. Von „A deeper Kind…” spielen wir zumindest „Cold Seed“, vielleicht auch noch mehr.

Werdet ihr die Arrangements der Songs wieder ändern, wie ihr das nach „A deeper Kind…“ gemacht habt? Ich kann mich an „The Sleeping Beauty“ in halber Geschwindigkeit erinnern.

Naja, das war etwas, was viele Leute gar nicht mochten. Das machten wir damals, in dieser Stimmung. Jetzt ist es anders, die Songs werden wieder anders klingen, vielleicht wieder näher am Original.

Gibt es einen Lieblingssong, oder einen Song, den Du am liebsten gar nicht mehr spielen würdest?

Nein, eigentlich nicht, ich mag sie alle. Der Song, den wir am meisten gespielt haben, war wahrscheinlich „The Sleeping Beauty“, aber wir spielen diesen Song immer noch sehr gerne.

Warum bist Du eigentlich vom schönen Schweden nach Dortmund gezogen?

Weil meine Freundin hier lebt. Das war der einzige gute Grund für diesen Wechsel, möchte ich sagen.

Was denkst Du eigentlich von der aktuellen Metal-Szene?

Ich weiss nicht. Ich gehöre nicht wirklich zu einer Szene. Ich meine, wir machen gute Musik, so gut wie wir können, wir kämpfen mit allen Mitteln, um gute Platten abzuliefern, wir fühlen uns nicht verwandt mit irgendwelchen Bands da draussen. Ich kenne viele Musiker persönlich und ich mag es, sie zu treffen oder mit ihnen Spass zu haben, aber ich fühle mich nicht verbunden mit bestimmten Bands, weil wir uns nicht Limitieren wollen.

Also hörst Du nicht viel Metal?

Gute Musik kann alles sein, von Black Metal bis vielleicht sogar Jazz, ich weiss nicht. Was auch immer.

Gut, dann möchte ich zu den Standardfragen kommen:

Was denkst Du von CD-ROM-Tracks auf normalen CDs oder dem Internet? Wichtig für Bands?

I finde es toll, vor allem für junge Bands, die so die Möglichkeit bekommen, ihre Musik in die Welt zu tragen. I think it’s killer! Ich bin selber ein “Netizen”.

Welche drei Scheiben hast Du Dir als letztes besorgt?

Die letzte war von Tom Waits. Hmmm… und das Everlast-Album. (Denkpause)

Ich kaufe nicht viele CDs… Ah, jetzt weiss ich’s. Kennst Du die Frau aus New York, die in den 80ern den Song „Oh Superman“ gemacht hat? Ich hab ihren Namen vergessen… Davor war es wahrscheinlich die letzte Platte von Massive Attack.

Wen würdest Du gerne mal treffen?

Jesus vielleicht. Wir hätten eine Menge zu besprechen.

Wo bist Du eigentlich? Ich höre immer Kinder im Hintergrund.

Ich habe das Fenster offen, und da unten ist ein Kindergarten. Ich hasse die kleinen. Und die Kirche, die hier nebenan steht, hasse ich auch. Die hat extrem laute Glocken. Ich wohne in einer nervenden Umgebung.

Es ist echt zu kotzen, dass diese Kirchenglocken immer noch erlaubt sind. Sie nerven die ganze Stadt. Irgendwer muss das beenden, irgendwann. Ich verstehe es nicht. Ich habe eine eigene Uhr. Ich verstehe nicht, warum die immer ein verdammtes Erdbeben machen müssen alle Stunde.

Gibt es eine Frage, die Du schon immer mal beantworten wolltest, die Dir aber nie jemand gestellt hat?

Wie oft ich meine Unterwäsche wechsle?

Okay, wie oft wechselst Du Deine Unterwäsche?

I have no comment on this, sir!