TIAMAT: Heute schon die Farbe gewechselt?

Der mit "Skeleton Skeletron" eingeläutete Stilwechsel hin zu rockigeren Klängen fand bei TIAMAT jüngst weiteren Ausdruck in Gestalt der aktuellen CD "Prey". TIAMAT-Hohepriester Johan Edlund meldete sich pünktlich wie die Maurer, um vampster gut aufgelegt und unerwartet auskunftsfreudig Rede und Antwort zu stehen.


Der mit “Skeleton Skeletron“ eingeläutete Stilwechsel hin zu rockigeren Klängen fand bei TIAMAT jüngst weiteren Ausdruck in Gestalt der aktuellen CD “Prey“. TIAMAT-Hohepriester Johan Edlund meldete sich pünktlich wie die Maurer, um vampster gut aufgelegt und unerwartet auskunftsfreudig Rede und Antwort zu stehen.

Derletzt hat euer Basser Anders Iwers die hohe Kunst des Songwritings als euer Hauptziel bezeichnet…wie nahe seid ihr eurem Ideal auf „Prey“ gekommen?

Das Wichtigste beim Songwriting ist, finde ich, so nahe wie nur irgend möglich an die Emotion heranzukommen, die man ausdrücken will. In der Hinsicht haben wir uns sehr weiterentwickelt. Wir sind inzwischen dem Kern dessen, was wir ausdrücken wollen, sehr nah. Das ist uns wichtiger als die stilistische Entwicklung.

Welche Emotionen sind auf „Prey“ denn vorherrschend?

Ich denke mal, dass Selbsttherapie wieder einmal im Zentrum unserer Musik steht, weshalb das Album für mich „A Deeper Kind of Slumber“ nicht unähnlich ist. Ich befasse mich mit den Schwierigkeiten und Unwägbarkeiten des Lebens, Fragen wie „Warum bin ich so deprimiert, wenn in meinem Leben doch eigentlich alles zum Besten steht? Warum verletze ich die Person, die ich doch eigentlich liebe?“ Existentielle Fragen über Leben und Tod, die Liebe und Religion. Sachen, auf die die Menschen keine einfachen Antworten finden können.

Wie weit kann Dir Musik dabei helfen, solche schwierigen Situationen im Leben zu bewältigen?

Wie Religion für einen Gläubigen ist Musik Opium für einen Musiker, glaube ich. Sie verschafft einem kurzfristig Erleichterung, aber gleichzeitig kann sie Dich auch noch tiefer runterziehen, weil man sich so rein vertieft und doch nie zu einem finalen Punkt kommt, sondern immer weiter nach neuen musikalischen Ausdrucksweisen sucht. Einen Song zu schreiben, kann für den Moment einem eine große Last abnehmen. Wenn ein Lied fertig ist, empfinde ich eine tiefe Befriedigung. Wenn ich es etwas später anhöre und mir die Texte noch mal durch den Kopf gehen lasse, merke ich oft, dass ich darin etwas über mich herausgefunden habe.

Kannst Du da ein Beispiel nennen? Gibt es einen Song, bei dem das ganz extrem der Fall war?

Ja, „Divided“ beispielsweise. Ich schreibe Lieder gerne sehr spontan. Statt verkrampft nach einem guten Song zu suchen, warte ich lieber auf den richtigen Moment. Das macht es für mich interessant, meine eigene Musik und meine eigenen Texte anzuhören. Ich muss für mich selbst viel an einer eigenen Interpretation meiner Songs arbeiten. „Divided“ berührte einige sehr empfindliche Themen für mich, z.B. wie viel ich bereit bin, zu opfern. Ich merkte daran, dass Teile von mir sich eben auch ein Familienleben wünschen. Heiraten, Kinder zeugen – das ganze Programm. Das ist etwas, auf was ich für das Privileg, in einer Rock´n´Roll-Band zu sein, zu touren und Alben aufzunehmen, komplett verzichtet habe.

Trotz dieser ernsten Themen erscheint mir die Musik auf „Prey“ entspannter als bislang…siehst Du das ähnlich?

Entspannter ja, aber immer noch dunkel und atmosphärisch. Ich habe mittlerweile eine relaxte Herangehensweise an die Musik, daher kann ich Dir da zustimmen. Ich lasse mich von den ernsten Themen nicht mehr bis ins Mark erschüttern.

Lass uns noch mal aufs Songwriting zu sprechen kommen. Über die Jahre hinweg scheint mir Vereinfachung eine Hauptentwicklung bei TIAMAT gewesen zu sein. Wie groß war da der Einfluss Deines LUCYFIRE-Albums mit seinen sehr simpel aufgebauten Songs?

Natürlich beeinflussen meine bisherigen Alben mich bei meiner Arbeit. Die von Dir angesprochene Entwicklung begann aber schon auf “Wildhoney“, wo wir Songs wie „A Pocket-Size Sun“ hatten, das auf gerade mal zwei verschiedenen Tönen aufgebaut war. Wie sich das genau ergab, weiß ich selbst nicht. Einige meiner Einflüsse sind Bands wie PINK FLOYD, die manchmal genau die gleiche Herangehensweise hatten.

Apropos PINK FLOYD, ist der Song „Prey“ mit seinem Uhrschlag eine kleine Hommage an „Time“?

Nein, das hat eher mit dem Text zu tun. Der Song fängt mit der Zeile „Time stands still with you“ [Die Zeit steht still mit Dir] an. Man hört dieses Schlagen der Standuhr, und die letzten Schläge sind verlangsamt, während am Ende des Songs die Geschwindigkeit der Schläge wieder zunimmt und die Uhr weitergeht. Die Idee dahinter ist also die, dass der Song quasi in einem zeitlosen Zustand stattfindet.

Neben einigen Konstanten in eurem Sound wie den PINK FLOYD-Einflüssen haben sich in den Details einige Änderungen bei euch vollzogen. Die Solos zum Beispiel klingen für mich auf „Prey“ rockiger und nicht mehr so melodiebezogen wie bislang.

Bei einem Solo ist wichtig, dass es zum Lied beiträgt. Bei unseren Gitarrensolos gibt es drei Varianten, denke ich: Erstens wäre da ich, wie ich versuche, so zu spielen wie David Gilmore von PINK FLOYD, dann Tomas, wie er sich als Heavy Metal-Gitarrero versucht, was er auch ursprünglich ist, und letztlich dann noch der Versuch, mit reinem Krach etwas auszudrücken, was uns sehr gefällt. Also mit Wahwah losrocken und ein Rocksolo spielen. Tomas mischt diese Elemente sehr gut, wie ich finde.

Der Vergleich mit PINK FLOYD war euch stets eine Ehre. In einem Interview mit Anders habe ich gelesen, dass ein Vergleich mit HIM euch sehr wütend macht. Passiert so ein Vergleich öfter oder hat er ihn einfach nur beleidigt?

Nein, das ist wohl nur Anders´ Problem, mir macht der Vergleich nichts aus. Um ehrlich zu sein, mag ich HIM sogar sehr. Was sie machen, machen sie sehr, sehr gut. Sie sind außerdem sehr nette Leute. Ich freue mich für sie über ihren Erfolg. Sie haben sehr dazu beigetragen, Bands wie uns Türen zu öffnen.

Ein Element bei TIAMAT, das mir schon immer gefallen hat, waren die kleinen versteckten Zitate früherer Alben. Auf „Cain“ meine ich, den Rhythmus von „Ancient Entity“ kurz mal zu vernehmen, und bei „The Return of the Son of Nothing“ hatten sich die Drumpatterns von „Whatever that Hurts“ eingeschmuggelt. Sind das bewusste Selbstzitate?

Mir sind diese kleinen Parts sehr wichtig. Ich freue mich auch sehr, wenn Leute auf sie stoßen. Mir macht so was viel Spaß. Bei anderen Bands gefielen mir solche Selbstzitate auch immer sehr. Hier kommen wieder die unvermeidlichen PINK FLOYD ins Spiel. Wir wollen dadurch schlicht ein paar typische Elemente von TIAMAT hervorheben, die speziell für uns sind. Es soll auch ein Anreiz für Fans sein, sich die Songs genau anzuhören und sich mit den Texten intensiv auseinander zu setzen, eine Belohnung.

Euch gehen also nicht einfach nur die Ideen aus, hehe?

Nein, ganz und gar nicht! Eher im Gegenteil. Mir macht es aber Spaß zu sehen, ob die Leute solche Parts entdecken und die Anspielungen verstehen. Man kann die Lyrics und Titel danach durchforsten…wer weiß, schickt alles, was ihr findet, auf einer Postkarte an Century Media, wer am meisten hat, gewinnt eine Reise nach Spanien oder so (lacht).

Das wäre doch mal was, hehe…Was mir hingegen nicht so behagt auf „Prey“, sind die weiblichen Vocals auf „Carry Your Cross and I´ll Carry Mine“. Hattet ihr da keine Manschetten, dass sie euch ziemlich in dieses ausgelutschte „Die Schöne und das Biest“-Klischee drängen, das ihr sonst immer so erfolgreich vermieden habt?

Da muss ich widersprechen, denn der Text ist ganz und gar nicht über Liebe, sondern über Religion und Egoismus. Das gefiel mir an der Idee. Die Lyrics enthalten viel Blasphemisches, was sich schön mit den harmonischen Vocals des Mädchens beißt. Sie und ich interagieren eben nicht wie in einer romantischen Liebesschnulze.

Wieso hält Dich Religion eigentlich so auf Trab? Dieses Thema zieht sich wie kein anderes als roter Faden durch fast alle TIAMAT-Alben…obwohl, eigentlich wirklich durch alle, oder? Gab es mal ein Album, auf dem Religion nicht groß zur Sprache kam?

Nein. Mich beschäftigt das Thema sehr. Religion lässt in mir viele Fragen aufkommen. Ich lese viel darüber, und mein Interesse nimmt immer mehr zu. Das soll nicht heißen, dass sich meine Position geändert hätte. Ich bin der christlichen Kirche gegenüber nach wie vor äußerst kritisch eingestellt. Aber ich habe angefangen, Glauben an sich mehr zu respektieren.

Bei „The Pentagram“ habt ihr hingegen ein Gedicht von Aleister Crowley vertont. Was war da die Intention?

Aleister Crowleys Schaffen war für mich die Grundlage für einige andere Stücke auf dem Album. Er verschaffte sich ebenfalls viel Wissen über alle Religionen und verschiedene Kulturen. Um diese Parallele ein wenig zu betonen, wollte ich dieses Gedicht als Text nehmen. Es ist auch ein sehr guter Einstieg in Crowleys Anschauungen, wie ich finde, sehr repräsentativ. Sein Orden hat uns die Erlaubnis gegeben, die muss man einholen. Das ist anders als bei Coverversionen von anderen Liedern.

Auf “Judas Christ“ gab es – wie sollte es anders sein – ebenfalls viele religiöse Anspielungen. Bei „The Return of the Son of Nothing“ meinte Anders, es sei über die Dummheit der Leute, auf die Rückkehr Jesus´ zu warten…

Warten an sich ist eine äußerst sinnlose Beschäftigung, eine Zeitverschwendung. Ich glaube aber, dass die Gesellschaft heute nicht wirklich auf einen neuen Messias wartet. Wir haben das andere Extrem. Unsere Generation wartet auf gar nichts mehr, was ebenfalls sehr hoffnungslos ist. Das ist ein Extrem, das mich sicher noch öfters zu Texten inspirieren wird.

Naja, aber dieser Verlust von Glauben ist doch sehr limitiert auf die westeuropäische Gesellschaft, oder?

Ja, das stimmt. Wenn es um Religion geht, kann ich ebenso wenig wie jeder andere mit Antworten aufwarten. Deshalb versuche ich auch, mehr über Religion zu erfahren. Was ich nicht akzeptieren kann, ist ein Alibiglaube, der quasi als Feigenblatt vor die eigene Person gehalten wird. Wenn man Katholik ist, sollte man es eben auch durchziehen und nicht ständig daran arbeiten, sich irgendwie aus dem Schlamassel herauszuwinden, indem man Sündenböcke für eigenes Fehlverhalten sucht.

Das Infoblatt bezeichnet Dich als Chamäleon…blöd gefragt: heute schon die Farbe gewechselt?

Naja, ich fühle mich nicht wie eins. Aber vielleicht sehe ich aus wie eins, so ohne Haare, komische Haut, große Augen, seltsame Muster auf meinem Rücken…die Farbe wechseln kann ich aber nicht.

Und das Verlangen, mit Deiner Zunge Fliegen zu fangen, hält sich auch in Grenzen, hehe?

Dafür wäre meine Zunge auch zu kurz. Ich müsste mich also erst mal sehr nah ranschleichen, und ich bezweifle, dass mir das gelingt, ohne das Viech zu verjagen.

Dann schätze ich mal, dass die Beute [engl. prey], auf die Ihr euch im Titel bezieht, etwas anderes als Insekten ist?

Schon, aber ich habe selbst keine alleingültige Interpretation des Titels, weshalb ich das jedem Hörer selbst überlassen will, sich sein eigenes Bild dazu zu machen. Die Symbolik ist eben die des Gejagten und des Jägers. Das kann sich auf vieles beziehen, jeder kann auch in beide Rollen schlüpfen.


Auf eurer Homepage fanden sich einige nette Anekdoten. Zum einen hieß es dort, ihr wärt von einer Rockergang aus eurem Proberaum vertrieben worden…

Das war nur eine harmlose Begebenheit. Wir probten in einem Bikerclub, der an dem Abend aus Versehen doppelt gebucht war. Wir wollten proben, und die Rockergang wollte Fußball schauen. Also bat uns der Besitzer, die Jungs erst schauen zu lassen und dann Krach zu machen.

Außerdem stand dort noch, dass Du Aufnahmecredits für Hintergrundgesang bei einem schwedischen One-Hit-Wonder namens CLAUDIA hast. Was zur Hölle steckt da dahinter?

Ach je, das war ein Freundschaftsdienst für den Typen, der inzwischen bei den REDNEX der Boss ist, Produzent, Songschreiber und so. Er war ein guter Freund von uns, ging zusammen mit uns auf die Schule. Er nahm einige Anläufe, kommerziellen Erfolg zu haben, ging da immer sehr konzeptionell ran. Er haute immer erst mal eine Single raus, und wenn die kein Hit wurde, fing er das nächste Projekt an. CLAUDIA war sein letzter Versuch, bevor er mit den REDNEX mit dieser Masche Erfolg hatte, und der floppte total.

Tja, dann müsste ich Dich da noch auf das seltsame KISS-Outfit eures Ersatzgitarristen auf dem letztjährigen Summer Breeze ansprechen. Was dachte er sich denn dabei, als Ace Frehley auf die Bühne zu kommen, wenn Songs wie „Whatever that Hurts“ auf dem Programm standen?

Des Rätsels Lösung ist, dass er in Schweden in einer KISS-Coverband spielt. Sie sind dort ziemlich berühmt. Er war zu dem Zeitpunkt neu bei ihnen eingestiegen und hatte sein Outfit direkt vor dem Auftritt bekommen. Wir zwangen ihn dazu, es gleich auf der Bühne auszuprobieren.

Kannst Du verstehen, dass einige Leute das nicht so lustig fanden, da für sie TIAMAT weniger eine Rock´n´Roll-Band ist, sondern eine ernste, tiefgründige Band?

Natürlich. Aber die entsprechenden Songs haben wir ja auch gespielt. Wir wollen uns aber ebenso zugestehen, mal spontan zu sein und nicht alles so verbissen zu sehen.

Hat diese Einstellung auch was damit zu tun, dass Du mittlerweile in Deutschland lebst? War der Kulturschock sehr groß für Dich?

Nicht besonders. Es war ja auch kein plötzlicher Zusammenstoß, sondern etwas, was sich über einen gewissen Zeitraum vollzogen hat. Mit Century Media hatten wir schon lange vorher ein deutsches Label, wir verbrachten hier schon viel Zeit bei Aufnahmen und auf Tour. Das wurde immer mehr, so dass ich irgendwann dachte, dass ich meinen Kram gleich ganz rüberbringen und hierher ziehen könnte. Der einzige Wandel hat sich bei meinem Bild über Schweden vollzogen. Mir wurde klar, dass ich vorher sehr naiv war. Für mich war alles in Schweden kritiklos gut. Probleme nahm ich nicht war. Jetzt habe ich meine Wahrnehmung dahingehend stark verändert.

Gibt es da besondere Ereignisse, woran Du diese Wahrnehmung festmachen kannst?

Mir fällt eben auf, dass wir Schweden sehr verwöhnt sind. Vieles ist dort selbstverständlich, und die Leute beschweren sich über andere Länder. Wenn ich jetzt die anderen treffe, die ja noch dort leben, kann es schon mal eine hitzige Diskussion geben, weil ich nun Deutschland in vielen Belangen in Schutz nehmen muss. Es ist nicht so einfach, wie sie es sich manchmal machen.

Der Umzug hat also Deinen Horizont erweitert?

Ja, auf alle Fälle. Es ist immer eine Bereicherung, Menschen und Kulturen aus anderen Ländern kennen zu lernen. Das öffnet die eigene Person gegenüber Neuem und nimmt einem die Angst davor.

Interviewlayout: Andonis Dragassias (exhorder)