SURTURS LOHE: Blutnelken am Falkenstein

Klassisch inspiriert und episch – Thüringens SURTURS LOHE überzeugen 2021 mit ihrem fünften Album “Wielandstahl” und entführen in die lokale Sagenwelt. Surtr, der Feuerriese aus dem Bandnamen, und Wieland, der Schmied aus dem Albumtitel, der notgedrungen das Feuer für sein Handwerk braucht – SURTURS LOHE achten musikalisch und textlich auf ein stimmiges Ganzes. Zeit also, in Thüringen auf Spurensuche zu gehen. 

Ihr habt im September 2021 euer fünftes Album “Wielandstahl” veröffentlicht. Was war bis anhin die Reaktion, die euch am meisten überrascht hat?

Für uns war es etwas ganz Besonderes, dass “Wielandstahl” endlich das Licht der Welt erblicken konnte. Wir hatten das Album ja schon fast ein Jahr im Köcher. Am meisten überrascht hat uns, dass wir unheimlich viel positive Resonanz aus dem Ausland bekommen haben. Es melden sich Fans aus Italien, Spanien, Frankreich oder gar Südamerika. Das macht uns unheimlich stolz. So ein Gefühl kann man durch nichts auf der Welt ersetzen. Da bekommen wir Zuschriften, die wirklich sehr enthusiastisch sind. Da möchte man sich am liebsten gleich wieder auf den Hosenboden setzen, um sich mit neuen Songs bei diesen Fans zu bedanken.  

Songdienlicher Gesang

Ich finde die Integration von weiblichem Gesang auf “Wielandstahl” sehr gelungen. Welche Musik mit Sängerinnen hat euch am ehesten auf eurem Weg inspiriert? Könnt ihr z.B. mit klassischen Opern etwas anfangen?

Klassische Musik, Renaissancemusik oder Alte Musik war schon immer eine wichtige Größe im musikalischen Schaffen SURTURS LOHEs. Unsere Sängerin Alraun hat auch eine klassische Musikausbildung. Nichts desto trotz gründen unsere Haupteinflüsse dahingehend nicht aus der Klassik. Bands wie THE 3RD AND THE MORTAL, STORM und TUMULUS sind da exemplarisch zu nennen. KARI RUESLÅTTEN oder auch LOREENA McKENNIT waren unter anderem wichtige Vorbilder für uns. Alrauns Gesang variiert auch sehr zwischen klassisch angehauchtem Gesang und folkloristischem Stil. Je nachdem, wie es songdienlich ist. 

Welche thüringische Sage hat euch als Kind am meisten beeindruckt und warum? Habt ihr diese Eindrücke schon in die Musik von SURTURS LOHE einfließen lassen? 

Da kann ich jetzt nur für mich sprechen. In der Tat haben wir sogar einen Franken in der Band. Aber der südthüringer und der fränkische Sagenschatz sind sich nicht so unähnlich. Meine Eltern haben mir als Kind schon viele Sagen erzählt. Auch die über Frau Holle, die „Hulda“. Dazu gibt es gar eine Sagenvariante aus meiner Heimatstadt Meiningen, in welcher die Göttin das lasterhafte und faule Volk mit einem schweren Hagelschlag bestraft und damit der Stadt die ganze Weinernte zunichte macht. 

Deine Frage finde ich verblüffend, da ich erst jüngst mir das Thüringer Sagenbuch von Ludwig Bechstein zur Hand genommen habe…und ich finde es enorm inspirierend! Indirekt haben diese alten Geschichten immer irgendeinen Einfluss auf unser kreatives Schaffen. Wir sind nun einmal damit aufgewachsen und haben unsere Fantasie auch gerne mal am Abend beflügelt. Auch modernere Erzählformen von Sagen und Märchen, wie zum Beispiel gut gemachte Horrorfilme, liegen bei uns hoch im Kurs.  

Im Thüringer Wald…

Ja, das sind in dem Fall ja gleich mehrere Schatztruhen voller Inspiration. Thüringens Landschaft besticht ja durch die vielen schönen Wälder. Welche Wanderungen – bei denen man sich genüsslich “Wielandstahl” anhören kann – kannst du empfehlen in Thüringen? Gibt es bestimmte Burgen, die einen Ausflug wert sind?  

Das wäre jetzt der Moment, an dem ich anfangen könnte, ein Buch zu schreiben. Ich sage immer: „Wenn ich nicht im Thüringer Wald wohnen würde, dann müsste ich dorthin ziehen. Für “Wielandstahl” braucht man finstere, geheimnisvolle Pfade, dunkle Höhlen, die man durchschreiten kann, silberne Bäche und anmutige Höhen. Ein Ensemble dieser Art findet man zum Beispiel um die Ortschaft Tambach-Dietharz. Hier kann man vom Hülloch startend durch den Schmalwassergrund zum Falkenstein laufen und über die alte Tambacher Straße in Richtung Oberhof und wieder zurück. Burgen sind auf dieser Runde leider keine zu sehen. 

Die Raubritterfeste auf dem Falkenstein

Allerdings gibt es eine alte Sage von einer Raubritterfeste auf dem Falkenstein. Der alte Raubritter, der in früher Zeit diese Burg bewohnte, hielt täglich Ausschau nach Handelskolonen, die auf der alten Tambacher Straße am Falkenstein vorbei zogen. So ging es zu, dass der alte Ritter die Händler um ein Wegegeld erleichterte. Wer nicht zahlen konnte oder wollte, die verschleppte der Arge auf seine Burg und warf sie die 100 Meter hohe Felswand hinab. Dort, wo die Körper aufprallten, so sagt man, entwuchsen dem Boden Blutnelken. Und in der Tat, wachsen auch noch  heut am Falkenstein noch viele dieser Blumen.

“Wielandstahl” ist in erster Linie dem Schmiedehandwerk und dem Kunstschmied Alfred Habermann gewidmet.

Was war eure größte Inspirationsquelle für “Wielandstahl”? Unterscheidet sie sich von Inspirationsquellen für eure vorherigen Alben? 

Die Inspirationsquellen, aus denen wir musikalisch schöpfen, sind beinahe unverändert. Uns inspiriert vor allem das, was uns umgibt. Das mag mit Sicherheit die grandiose Gegend sein, aber auch einfach die verschiedensten Kanäle von Kunst und Kultur, die wir bedienen. Insgesamt fällt auf, dass “Wielandstahl” unser bisher härtestes und facettenreichstes Album geworden ist. Woher das rührt? Ich hab keine Ahnung. Es hat sich einfach richtig angefühlt, diese Musik zu schreiben.

Gegen die Verkitschung

In der lyrischen Inspiration ist, so denke ich, die größte Unterscheidung zu den Vorgänger-Alben zu finden. So behandelt “Wielandstahl” konzeptionell die Wielandsage. Das lyrisch kunstreich umzusetzen, war ein ziemliches Wagnis. Man trägt ja die Verantwortung, eine alt hergebrachte Sage so zu interpretieren, dass eine gewisse Wertigkeit aus den Texten gezogen werden kann. Die Gefahr derlei Themen zu “verkitschen” besteht durchaus. Das Album ist in erster Linie dem Schmiedehandwerk und dem Kunstschmied Alfred Habermann gewidmet. Er war der Grund dafür, dass ich mich überhaupt mit der Wielandsage zu beschäftigen begann.  

Ihr habt ja für “Seelenheim” damals via EINHEIT PRODUKTIONEN ein Boxset rausgebracht. Habt ihr solche Pläne auch für “Wielandstahl”? Denkt ihr, dass solche Sammlerobjekte für Bands wichtiger werden, weil immer mehr Fans die “normalen” Alben digital anhören und so weniger “normale” CDs kaufen? 

Eine Box für das neue Album ist aktuell nicht in Planung. Uns war es diesmal wichtig, den Markt nicht mit X Versionen von ein und demselben zu überschwemmen. Es gibt genau zwei physische Versionen von “Wielandstahl“: CD und LP. Diese Musikträger sind dafür sehr wertig. So haben wir für CD und LP einen edlen Schuber designen lassen und dazu gibt ein 24-Seitiges Booklet mit Linernotes. Das Vinyl ist der absolute Wahnsinn geworden und wird jeden Sammler in Verzückung versetzen. Das ist ein massives Teil! Ich denke, dass was zählen sollte, ist die Qualität auf und um den Tonträger, was man den Fans und Zuhörern anbietet. Und die wenigsten (so glaube ich jedenfalls) sammeln bunten Schnickschnack.

Ich brauche die Haptik! 

Das stimmt indes. Das reine Gegenteil zum Sammeln scheint ja Spotify zu sein. Wie steht ihr zu Spotify? Ist es als Band eher Fluch oder Segen? 

Das ist der Lauf der Dinge und nichts ist so stetig wie die Veränderung. Man muss sich damit arrangieren. Alles andere ist Unsinn. Große Bands profitieren davon, bei kleineren bleibt nichts hängen. Wir sind auch auf diesen Kanälen vertreten. Man glaubt es kaum, dass es Menschen gibt, die sich mit bloßen Musikdateien zufrieden geben, aber das sind gar nicht so wenige. Für mich wäre das nichts. Ich brauch die Haptik!

2021 naht sich dem Ende zu – welche Alben sind in diesem Jahr ganz oben für dich? 

Für mich gibt es definitiv zwei Favoriten im Jahr 2021: DOLD VORDE ENS NAVN “Mörkere” und EMPYRIUM “Über den Sternen”. Das sind mit Abstand die Platten, die sich bisher auf unserem Plattenteller am häufigsten gedreht haben.

Die Hoffnung auf Konzerte

Und wie sehen die Zukunftspläne von SURTURS LOHE für 2022 aus? 

Auch wir werden so weitermachen wie immer. Wir werden uns mit dem Komponieren beschäftigen, tolle Inspirationsquellen auf uns wirken lassen, unsere Gedanken und Gefühle in die Musik legen und in der Hoffnung ein paar wenige Konzerte spielen zu könne, regelmäßig den Proberaum aufsuchen.

Fotos: Label