RORCAL: Das CERN hat Schuld

RORCAL: Das CERN hat Schuld

Mit ihrem Geniestreich Monochrome haben die grimmigen Genfer Doomer RORCAL ein ungewöhnliches und episches Stück geschaffen, zwischen bösem Sludge und melancholischem Doom, zwischen avantgardistischem Jazz und zerbrechlichen atmosphärischen Stellen. Das fünfunddreißigminütige Stück sprengt alle Genregrenzen nicht nur in musikalischer, sondern auch in konzeptueller Hinsicht. Wer die Puzzleteile hinter Monochrome richtig zusammensetzt, erhält zu diesem Song auch noch eine visuelle Komponente. Gitarrist JP gibt Auskunft über dieses Mysterium, sowie einen Überblick über die restlichen 2008 erschienenen Veröffentlichungen von RORCAL und einen kurzen Ausblick auf einen heißen Herbst.

 

RORCAL existieren seit dem Jahr 2006 – wo ihr vorher dem Doom gehuldigt habt, habe ich bisher noch nicht herausgefunden.

Das liegt daran, dass wir vor der Gründung von RORCAL nicht besonders viel im Bereich Doom gemacht haben. Jeder von uns spielte in Bands mit anderen Ausrichtungen, wie zum Beispiel Punk und Grindcore.

Letztes Jahr hattet ihr drei Veröffentlichungen zu vermelden. Am forderndsten und interessantesten ist das fünfunddreißigminütige Stück Monochrome, auf dem ihr mit den Gastmusikern Alex Müller, Sydney Pham und Michael Borcard zusammen gearbeitet habt. Wie kam der Kontakt zustande?

Wir kennen sie alle seit langer Zeit und gerade Michael und Alex sind sehr aktive Musiker in der Genfer Musikszene. Sydney hingegen ist eine Freundin von mir. Sie hat nie aktiv in einer Band gespielt, daher war diese Zusammenarbeit auch etwas ganz Neues für sie.

Ist die Genfer Musikszene so, wie ich sie mir vorstelle? Klein und mit vielen Freundschaften, jeder kennt jeden?

Ja, hier kennt sich so ziemlich jeder. Und ich glaube, das ist auch eine große Motivation für uns. Als Nachbar von unglaublichen Bands wie KNUT, SHORA, IMPURE WILHELMINA und LILIUM SOVA wird man automatisch inspiriert, musikalisch und menschlich so weit wie möglich zu gehen.

Monochrome klingt wie ein typischer RORCAL-Song, der mit den Fähigkeiten eurer Kollaborationspartner auf dieses neue Level gehoben wurde. Habt ihr das Lied wie eine typische RORCAL-Nummer geschrieben und dazu Saxophon, Synthesizer und Sydneys Gesang addiert, oder waren alle an der kompletten Entstehung beteiligt?

Es war keine kollaborative Entstehung von Anfang an. Die ursprüngliche Idee bestand darin eine Basis zu errichten, auf derer unsere Gastmusiker ihre Vision des Songs darbieten konnten. Sie haben Monochrome eher vervollständigt, als dass sie dieses Stück nur erweitert haben.

Die Basis von Monochrome klingt, als wäre sie das Ergebnis einer einzigen Songwriting-Session. Es klingt sehr organisch und folgt einer klaren Linie.

Wir haben im Herbst 2006 angefangen die Basis von Monochrome zu schreiben. Im Winter des selben Jahres haben wir das Stück fertig gestellt und aufgenommen. Danach folgte die Zusammenarbeit mit den anderen Musikern. Wir gaben jedem von ihnen den Basistrack und baten sie das zu tun, was sie für den Song als das Beste erachteten. Erst kam das Saxophon von Michael, dann folgte Sydney mit ihrem Gesang und abschließend gab Alex dem Ganzen mit seinen Synthesizern eine völlig neue Dimension und Tiefe. All diese Arbeit und der dazugehörige Film nahmen mehr als ein Jahr in Anspruch um geschrieben, aufgenommen und fertig gestellt zu werden.

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Wir mussten genau 92 km/h fahren um im Zeitplan zu bleiben. Videodreh mal anders.

Monochrome beginnt sehr ruhig, die Band RORCAL tritt selbst erst nach acht Minuten auf, davor klingt das Stück wie ein Spaziergang durch eine seltsame, tote Stadt. War es eine bewusste Entscheidung nicht gleich brutal loszulegen, sondern dem Song Zeit zu geben, sich zu entfalten?

Wir haben nicht erwartet, dass Monochrome schlussendlich so klingen würde, wie es geworden ist. Alex hat seine Stellen eingespielt und es dauerte, bis es sich entsprechend entwickelt hat. Und das auch war das großartige an dieser Kollaboration: Wir haben den Song durch andere neuentdeckt.

Dieses Stück drückt auch ein recht urbanes Gefühl aus, verloren in einer großen Stadt, trüb und schwarzweiß. War das der Grund, diesen Track Monochrome zu nennen?

Einerseits ja. Wir hatten den Namen Monochrome bereits im Kopf, bevor wir anfingen den Song zu schreiben. Das war das Konzept, auf dem wir das Projekt von der Musik und den Texten hin zu dem Film entwickelten.

Ich höre Einflüsse von Bands wie MY DYING BRIDE, BURIED AT SEA und sogar BETHLEHEM heraus. Haben diese Künstler euch wirklich beeinflusst, oder war das nur ein Zufall?

Teilweise ist das sicherlich nur ein Zufall. Wir sind auf jeden Fall von anderen Bands beeinflusst, aber da gibt es so viele, dass es schwierig ist, nur ein paar zu nennen.

Ein weiterer wichtiger Teil an Monochrome ist der dazugehörige One-Shot-Film von Laurent Caupelin. Dieser Film sieht sehr ruhig und sanft aus, ist aber sehr mysteriös. Was wollte er mit diesen bizarren Bildern ausdrücken?

Da verhielt es sich ein wenig, wie mit unseren Gastmusikern. Wir fragten Laurent, was er sah, als er den Song hörte. Nachdem er sich das Stück sehr oft angehört und wirklich Zugang dazu gefunden hatte, kam er auf die Idee des One-Shot-Films, da es die Idee eines Albums mit nur einem Song gut repräsentiert. Kein Zwischenstopp, kein Schnitt. Danach kam die Idee, dass etwas, oder jemand durch die verschiedenen Atmosphären des Songs leitet. Daher kommen die Personen, deren Perspektiven durch den ganzen Film hindurch wechseln.

Also war die Musik zuerst da, und nicht der Film. Ich kann mir nämlich gar nicht vorstellen, wie man ein One-Shot-Video entwift, dass exakt zu Monochrome passt.

Natürlich wurde der Song zuerst geschrieben. Es war eben die Herausforderung, dass alle Sequenzen des Songs passend umgesetzt werden. Und das hat auch wirklich Spaß am Filmen gemacht. Alles musste präzise getimt werden, wie der Teil im Auto, bei dem wir genau 92 Stundenkilometer fahren mussten, um im Zeitplan zu bleiben, und so weiter. Darum bezeichnen wir das auch eher als Performance, denn als einen normalen Kurzfilm.

Dieser Teil des Projekts ist auf jeden Fall ziemlich versteckt. Die CD ist komplett nackt, unbedarfte Hörer erhalten die CD, ohne überhaupt zu wissen, wer das überhaupt gemacht hat. Dann noch das versteckte Menü auf eurer Website zu finden und den Code einzugeben ist erst der nächste Schritt. Habt ihr Spaß daran, diese Geheimnisse so zu entlüften?

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Wir haben den Song durch andere neuentdeckt. Monochrome wurde vervollständigt, nicht erweitert.

Wir wollten eben den Hörer miteinbeziehen. Es hat uns interessiert, ob die Hörer neugierig genug sind um zu suchen und alle Facetten des Monochrome-Projektes zu entdecken. Es hat schon ein wenig geklappt, aber ich bin mir nicht sicher, ob jeder Hörer diese Seite auf unserer Homepage gefunden hat. Die Reviews und Interviews helfen aber diese Information zu verbreiten.

Außerdem kam 2008 eine Zusammenarbeit von RORCAL und KEHLVIN heraus. Wie wurde das epische Ascension ins Leben gerufen?

Wir haben KEHLVIN vor ein paar Jahren kennen gelernt und sind mit ihnen gut befreundet. Deshalb hatten wir Lust, gemeinsame Sache zu machen und eine Split zu veröffentlichen, woraus schließlich die Idee geboren wurde, den einen Song Ascension mit allen zehn Musikern zu schreiben. Wir haben den kompletten Song in vier Tagen im Proberaum von KEHLVIN geschrieben und aufgenommen. Danach wurde das Ergebnis von Julien Fehlmann gemischt und gemastert.

Diesen Song habt ihr auch letztes Jahr gemeinsam dargeboten. Wie war es, als Big-Band auf der Bühne zu stehen?

Ja, das war die RORCALKEHLVIN-Big-Band! Ich glaube, wir haben es nur viermal mit allen zusammen gespielt, und es war völlig verrückt. Im Internet gibt es ein Video, wo wir Ascension an einem sehr kleinen Ort spielen. Wir konnten nur die beiden Drumkits auf die Bühne stellen, so dass die vier Gitarren, zwei Bässe und zwei Sänger vor der Bühne stehen mussten. Aber das war die beste Show, die wir zehn zusammen gespielt haben.

Zu guter letzt wurde 2008 auch euer Debütalbum Myrra Mordvynn Maraaya veröffentlicht, ein episches Album voller brutaler Sludge-Power und Momenten seltsamer Schönheit des Post Hardcore und Doom. Wie lange habt ihr an diesem Album gearbeitet?

Es dauerte zwischen den ganzen Konzerten circa sechs Monate, bis es fertig gestellt wurde. Wir haben es in zwei Wochen im Winter 2007 und 2008 mit unserem alten Freund Stephan Kroung im Wood Studio aufgenommen. Das war unsere erste Studioerfahrung als RORCAL, da alles, was wir zuvor aufgenommen haben, in unserem Proberaum passierte.

Es ist beeindruckend, wie monolithisch Myrra Mordvynn Maraaya zu Beginn klingt und dann mehr und mehr von seiner Schönheit offenbart.

Das ist gut möglich. Es kann an der Geschichte liegen, auf der das Album basiert. Wir haben aber noch mehr zu bieten als Myrra Mordvynn Maraaya, denn das nur ist unser erstes Kapitel.

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Der Hörer soll miteinbezogen werden. Geheimnisse entdecken á la David Lynch mit Monochrome.

Was ist die Story hinter Myrra Mordvynn Maraaya? Album- und Songtitel, sowie das Artwork lassen mich irgendwie an Precambrian von THE OCEAN denken.

Diese Geschichte handelt von einer natürlich imaginären Welt, die vor langer Zeit existierte. Wir haben eine Story geschrieben, die uns einen Leitfaden bot um alle Atmosphären durch das Album hindurch zu entwickeln. Diese Geschichte ist deutlich anders als Precambrian, da Myrra Mordvynn Maraaya völlige Fiktion ist. Das Konzept dahinter war eine Geschichte zu schreiben, inspiriert von echten Legenden unterschiedlicher Länder, die uns erzählt, wie unsere Welt erschaffen wurde. Myrra, Mordvynn und Maraaya sind die drei Wale im Zentrum der Geschichte.

RORCAL existieren seit 2006, seitdem habt ihr eine beeindruckende Menge an ungewöhnlichem Material veröffentlicht und arbeitet bereits an eurem zweiten vollem Album. Kommt diese Kreativität aus dem Wasser des Genfer Sees?

Nein, da ist eher das CERN dran Schuld, neben dem wir leben. Dort werden verrückte Experimente durchgeführt, die elektromagnetische Impulse freisetzen und unsere Gehirne modifizieren. Aber ernsthaft, es ist so, dass wir viele Ideen haben und immer mit einem Konzept arbeiten, ein Thema, auf dem wir unsere Musik entwickeln. Außerdem haben wir die nötige Ausrüstung im Proberaum, so dass wir jederzeit aufnehmen können, wenn wir es wollen. Entsprechend haben wir also auch keine finanziellen Probleme, die bei einem Studioaufenthalt schnell aufkommen können.

Habt ihr schon ein paar Hinweise, was uns bei eurem zweiten Album erwarten wird?

Das Album wird Heliogabalus heißen und wir werden den Untergang des gleichnamigen römischen Kaisers vertonen. Über sein Leben zu lesen, wird dir bereits ein paar Hinweise über die Atmosphäre geben, die wir erzeugen werden: Dunkel, heavy und brennend.

Bilder: (c) RORCAL

Captain Chaos
Ehemann, Vater, Musikenthusiast, Plattensammler, Trauerbegleiter, Logistiker, Autor, Wandergeselle