LAKE OF TEARS: Ohne Plan und Ziel

LAKE OF TEARS: Ohne Plan und Ziel

LAKE OF TEARS haben mit „Black Brick Road“ ein wirklich starkes Comeback-Album abgeliefert, nachdem man die Band schon fast abgeschrieben hatte. Einige Stunden vor ihrem Auftritt beim diesjährigen Summerbreeze stellten sie sich unseren Fragen. Dabei erwies sich leider nicht nur das mehr oder weniger gebrochene Englisch des sympathischen, aber auch schüchtern wirkenden Trios, das durch Sessiongitarrist Magnus Sahlgren verstärkt wurde, als kommunikationshemmend, auch das laute Hintergrundrauschen im Pressezelt, gegen das Daniel Brennare und Drummer Johan Oudhuis anzukämpfen hatten, während Mikael Larsson und Magnus Sahlgren interessiert zuhörten, war ein Störfaktor.

Gratulation, „Black Brick Road“ ist ein wirklich starkes Comeback-Album. Als „The Neonai“ erschien, habt ihr da gedacht, dass ihr jemals wieder ins Musikgeschäft zurückkehren würdet?

Daniel: Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was wir damals gedacht haben.

„The Neonai“ war doch ein Album, dass ihr machen musstet, um euren Vertrag zu erfüllen. Ihr habt euch damals aber sehr enttäuscht über das Musikgeschäft geäußert.

Daniel: Ja. Ich meine, wir hatten keinen Plan, irgendetwas zu tun, wir wollten nur dieses eine Album fertig stellen, um aus dem Vertrag herauszukommen und dann einfach mal sehen, was passiert.

War es wichtig für euch, diese Pause einzulegen, um wieder richtig auftanken zu können?

Daniel: Ja, ich glaube, das war sehr gut, denn nun haben wir wieder eine positiveres Gefühl gegenüber dem Musizieren, es fühlt sich wieder sehr gut an, was gegen Ende der Black Mark-Zeit nicht mehr der Fall war.

Sind die Ziele, die ihr heutzutage mit LAKE OF TEARS habt andere als zu der Zeit bei Black Mark?

Daniel: Ich weiß nicht, ob wir irgendwelche anderen Ziele haben, weil wir nicht so viel über Ziele nachgedacht haben, als wir angefangen haben. Und nun haben wir auch wieder angefangen zu spielen, weil uns danach war. Natürlich kann es auch eine Art von Ziel sein, an Orten wie diesem spielen zu können, ein bisschen Spaß zu haben und etwas Bier zu trinken.

Ich fragte danach, weil ich, als „A Crimson Cosmos“ herauskam, den Eindruck hatte, dass ihr kurz vor dem Durchbruch wart. Und ins nächste Album, „Forever Autumn„, schienen Black Mark dann seltsamerweise nicht viel Engergie gesteckt zu haben.

Daniel: Ja, das war auch unser Eindruck. Irgendwie fing ab diesem Zeitpunkt an, bergab zu gehen. Ich weiß nicht warum. Ich glaube, wir haben mehr verkauft, aber alles ging bergab, und sie wollten nichts mehr tun. Wir hatten einige gute Touren geplant nach dem „Forever Autumn“-Album, die, so denke ich, für die Band eine Menge bedeutet hätten, aber wir haben dafür keinen Support oder sonst was bekommen. Ziemlich seltsam.

War „A Crimson Cosmos“ also euer bestverkauftes Album bis zu dem Zeitpunkt?

Daniel: Ich weiß es nicht wirklich. Wir wissen nicht, welches das meist verkaufte Album ist, da wir keine Zahlen bekommen haben. Das ist auch eine der Dinge, warum wir es vorziehen, nicht bei Black Mark zu sein. Wir haben aus Japan und aus der ganzen Welt gehört, dass wir dort viel verkauft hätten, aber da war eine Null in den Zahlen.

Okay, dann lass uns mal das neue Album beleuchten. Das erste, was mir aufgefallen ist, ist, dass das Albumcover sich von den sehr farbenfrohen Artworks von „A Crimson Cosmos“ und „The Neonai“ sehr unterscheidet, welche schon ein bisschen wie die Cover eines Kinderbuches aussahen, und nun ist alles grau und schaut sehr ernst aus. Was war der Grund dafür?

Johan: Wir wollten bewusst eine Abgrenzung von der Black Mark-Phase vornehmen, außerdem waren wir mit dem ersten Cover, das wir bekamen, nicht wirklich zufrieden. Dies war dann die Alternative.

Das Cover von Black Brick Road
Das Cover von ‚Black Brick Road‘

Wurde es denn auch wieder von Kristian Wåhlin erstellt?

Daniel: Nein nein, diesmal war es Björn, der auch unsere Website macht. Aber wie Johan bereits gesagt hat, wollten wir wirklich mit Black Mark brechen, besonders nachdem wir von dieser Compilation-CD gehört haben, die sie jetzt veröffentlicht haben.

Johan: Gefällt dir das Cover?

Ich mag es. Es ist sehr anders. Das letzte war wohl auch etwas zu farbenfroh.

Daniel: Ja, vielleicht. Wir werden sehen, vielleicht wird das Cover beim nächsten Album wieder etwas farbiger, es wird einfach davon abhängen, was sich für uns zu dem Zeitpunkt richtig anfühlt.

Leider habe ich die Texte noch nicht. Aber der Songtitel „The Greymen“ klingt interessant. Der Ausdruck wird ja häufig für Aliens benutzt. Worum aber geht es in dem Song?

Daniel: Texte sind immer so schwierig zu erklären, sie können über alles sein. Ich denke, bei Songtexten geht es darum, die Welt um sich herum wahrzunehmen. Um auf „The Greymen“ zu sprechen zu kommen, wir alle sind ziemlich unglücklich mit dieser normalen Arbeitsmentalität der westlichen Zivilisation. In dieser grauen Welt gefangen zu sein, macht die Leute zu „greymen“.

Bei den Texten habt ihr euch also durch euren Alltag inspirieren lassen.

Daniel: Ja, aber es ist nicht jeder einzelne Tag inspirierend, und nicht alle Dinge sind inspirierend. Es können allerdings solch unterschiedliche Dinge sein. An einem Tag kann es eine Entenmutter mit ihren Jungen sein, die einen auf irgendeine Weise inspiriert…

Johan: Möglicherweise kann das alltägliche Leben derart uninspirierend sein, dass es wieder inspirierend wird.

In „Rainy Day Away“ habt ihr ja ein kurzes Zitat von „Boogie Bubble“ eingebaut. Hat der Bezug zu diesem alten Song eine tiefere Bedeutung?

Daniel: Mikael, was war die Idee dahinter, diesen Song zu zitieren?

Mikael:

Daniel: Nun, ich glaube, es hat da einfach reingepasst, es gibt da keine tiefere Bedeutung.

Es ist also eigentlich nur eine Art von Insider-Witz, ähnlich wie die Fliegenpilzhüte, die ihr bei euren letzten Auftritten getragen habt.

Daniel: Ja, könnte sein. Ich meine, „A Crimson Cosmos“ ist auch ein Teil unseres Lebens.

Was die Fliegenpilzhüte angeht, so fanden ja viele Leute, die nicht so sehr mit euch vertraut sind, dass ihr damit ziemlich bescheuert ausseht. Auf der anderen Seite ist es für echte Fans ein netter Hook, denke ich.

Daniel: Ja, aber selbst wenn wir diese Hüte nicht tragen würden, glaube ich, dass viele Leute denken werden, dass wir ziemlich bescheuert aussehen (lacht).

Auf dem neuen Album gibt es auch wieder weiblichen Gesang. Aber diesmal stammt er nicht Jennie Tebler. Warum?

Daniel: Nun, zunächst wollten wir wir sie haben, weil wir ihre Stimme kennen, aber es gab da einige Probleme, einige zeitliche Schwierigkeiten während der Aufnahmesessions, also haben wir es mit einer anderen Sängerin probiert.

Und wer war das?

Daniel: Ihr Name ist Stina. Wir kannten sie vorher gar nicht, und wir kennen sie auch jetzt nicht. Wir sind durch den Produzenten im Studio mit ihr in Kontakt gekommen.

War es wichtig für euch, eine Sängerin zu bekommen, die sich stimmlich nicht allzu sehr von Jennie unterscheidet?

Daniel: Meinst du, sie klingen ähnlich? Ich denke, Stinas Stimme unterscheidet sich recht stark von Jennies.

Du hast euren Produzenten erwähnt. Wie groß war eigentlich sein Einfluss auf die Songs? Zum Beispiel die Hammondorgel und die Keyboards, waren das alles Ideen des Produzenten, oder hattet ihr die schon alle im Kopf, als ihr die Stücke geschrieben und geprobt habt?

Daniel: Es ist eine Mischung, würde ich sagen. Aber die Keyboards waren nicht unbedingt die Idee des Produzenten, es waren schon unsere Ideen, aber wir hatten sie nicht vollständig ausgearbeitet, als wir ins Studio gingen. Wenn wir einen Song haben, dann gibt es da immer noch offene Stellen, man kann sie mit Dingen ausschmücken und entwickeln.

Also habt ihr zum Beispiel eine Idee: „Dort brauchen wir noch ein Keyboard, aber ich ich weiß nicht, was das Keyboard genau spielen soll…“

Lake Of Tears 2004
LAKE OF TEARS v.l.n.r: Johan Oudhuis (Drums), Mikael Larsson (Bass), Daniel Brennare (Gesang und Gitarre)

Daniel: Ja richtig, wir wussten es nicht genau. Und ich denke, das ist auch eine Gefahr, wenn man ganz genau weiß, was man aufgenommen haben möchte, bevor man ins Studio geht. Man hat dann nicht mehr die Möglichkeit, soviel herumzuspielen. Und ich finde, herumzuspielen und zu experimentieren ist eine witzige Sache, wenn man ein Album aufnimmt.

Ich finde, dass all eure Alben sich immer zumindest ein bisschen von ihrem jeweiligen Vorgänger unterscheiden. Hat das auch damit zu tun, dass ihr immer einen anderen Produzenten hattet? Ihr habt, glaube ich, nur auf zwei Alben mit dem gleichen Produzenten gearbeitet.

Daniel: Und das war vielleicht eine schlechte Wahl, glaube ich.

Weil es ein schlechter Produzent war, oder weil es der gleiche Produzent war?

Daniel: Weil es der gleiche Produzent war. Und natürlich waren da auch viele Begleitumstände während dieser Aufnahmen, aber ich denke, es wäre besser gewesen, es mit jemand anderem aufzunehmen, um andere Ideen zu bekommen. Ich meine, der Produzent ist, wie ich es sehe, derjenige, der sich um all den technischen Kram kümmert, gibt aber dennoch viel Input zu den einzelnen Songs.

Okay, dann habe ich jetzt noch eine echt blöde Frage: Was mögt ihr so sehr an verstimmten Gitarren? Da ist dieses Intro von „Sister Sinister“, und einen ähnlichen Effekt habt ihr beim Outro von „A Crimson Cosmos“ ja auch schon gehabt.

Daniel: Nun, vielleicht… ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Ich meine, es ist nicht direkt eine Entscheidung, verstimmt zu spielen.

Aber sind die Gitarren in den von mir erwähnten Passagen denn wirklich verstimmt, oder habt ihr da nur nachträglich einen Effekt drüber gelegt, der es so erscheinen lässt?

Daniel: Nein nein, die sind schon wirklich verstimmt, einige Akkorde sind nicht in der richtigen Stimmung.

Ich finde, das klingt ziemlich cool.

Daniel: Ja, ich meine, das ist die Sache mit dem Herumspielen. Du kannst eine Gitarre nehmen, und sie kann vielleicht verstimmt sein, wenn du sie in die Hand nimmst. Und dann fängst du an zu spielen, und es fühlt sich irgendwie gut an, diesen Part so zu haben, so dass man ihn dann einfach so lässt.

In „Sister Sinister“ glaube ich sogar einige 60er-Einflüsse herauszuhören bei den Gitarren. Hat sich euer privater Musikgeschmack ebenso stark gewandelt wie die Musik, die ihr als LAKE OF TEARS seit dem ersten Album veröffentlicht habt?

Daniel: Ja, ich denke schon. Was meint ihr?

Johan: Es gab da einige Phasen, wo wir mehr PINK FLOYD und solche Art von Musik hörten, und dann drei Jahre später mehr elektronische Musik. Aber ich weiß nicht, ob es nun bei diesem Album irgendeinen besonderen Stil gibt.

Ich finde, ihr habt eine konstante Entwicklung durchgemacht vom Gothic Doom ganz zu Anfang zu immer mehr rockorientierter Musik.

Daniel: Ja, ich weiß nicht. Wenn du es sagst, muss es so sein. Aber ich denke, dieses Album wurde gemacht mit Einflüssen, die wir schon in uns hatten aber nie verwendet haben, wir benutzen also jetzt mehr von dem Zeug, das wir schon seit vielen Jahren mit uns herumgetragen haben, als wir fünf Jahre alt waren und uns all die alten Sachen angehört haben.

Glaubt ihr, dass der harte Kern eurer Fans noch immer derselbe ist wie am Anfang, dass die Leute also eure musikalische Veränderung mitgemacht haben?

Daniel: Ich glaube, es gibt schon einige neue Leute, aber dass auch viele unserer alten Fans uns treu geblieben sind, zumindest der Kern, denn wir bekommen recht viele E-mails von Fans, die schon von Anfang an dabei waren.

Es soll ja sogar Leute geben, die sagen, euer erstes Album sei das beste.

Daniel: Wir haben das auch schon gehört, aber wir können das nicht glauben.

Der Grund dürfte da wohl eher eine Art von emotionaler Bindung sein als die Musik als solches.

Daniel: Ja, natürlich. Ich glaube, das ist die Hauptsache, wenn man ein Album mag, das man sich vor vielen Jahr sehr oft angehört hat, dann hat man dazu eine Art von Verbindung aufgebaut.

Auf eurem neuen Album taucht Lily Anne gar nicht mehr auf. Aber wer ist sie eigentlich?

Daniel: Sie ist eine Hexe.

Ist sie nur eine Metapher?

Daniel: Ja, das ist sie, sie ist eine Metapher. Nun, ich glaube, Lily Anne ist nun völlig verschwunden, sie braucht in den Texten nicht mehr aufzutauchen…