LAKE OF TEARS: Ominous

Ihr sucht das schwärzeste Album des Jahres 2021? Okay, das ist früh entschieden: LAKE OF TEARS-Mastermind Daniel Brennare schüttet auf „Ominous“ eine ganze Wagenladung Teer über seine Hörer aus – und nimmt sie mit auf eine Reise zum Ende der Welt, wie er selbst sagt. Ein kosmischer Trip durch die Abgründe der menschlichen Seele. Und persönliche Krisenbewältigung.

Zehn lange Jahre hat es gedauert, bis Daniel Brennare, Mastermind und einzig verbliebenes Mitglied der schwedischen Gothic-Metal-Institution LAKE OF TEARS, den Nachfolger zu seinem letzten Album vorgelegt hat. Und, so kann man sagen: Es waren schwierige Jahre für ihn. Eine Leukämie-Diagnose, eine schwere Depression, Einsamkeit: Er sei immer introvertierter geworden, gehe nur noch selten raus, so verrät er aktuell dem „Legacy“-Magazin. Entsprechend ist auch das neue Album eines, auf dem die düsteren, melancholischen Momente überwiegen. “Emotionen, die mit jahrelanger Krankheit und Depression einhergehen, das ist der Motor dieser Scheibe”, so sagt er.

Doch für all jene, die sich nur vage erinnern können, blicken wir zurück: LAKE OF TEARS starteten in der Hochphase des Gothic Metal, als Bands wie PARADISE LOST und MY DYING BRIDE sich aufmachten, dank MTVs “Headbangers Ball” ein bisschen Stardom zu ergattern und große Festivals headlineten. Das sympathisch kauzige, leicht rumpelige “Greater Art” (1994) und “Headstones” (1995) gehören zu Klassikern des Genres. Der Sound: Dunkel, schwer, doomig. Doch schon auf den Folgealben begannen die Schweden, neue Wege einzuschlagen: auf in endlose Weiten, in Richtung Kosmos. Pink Floyd, der wabernde Psychedelic Rock der 70er, Stoner Rock, der Gothic der 80er: all das vermischte die Band plötzlich, vielleicht am gelungensten auf “Forever Autumn” von 1999. Das Ergebnis: eine neue Leichtigkeit in der Schwere. Dann zahlreiche Besetzungswechsel und eine zehnjährige Pause, bis schließlich Brennare als einziges Bandmitglied verblieben ist. Mit Hilfe zweier Gastmusiker hat er das aktuelle Album im Alleingang eingespielt.

Mit LAKE OF TEARS auf eine Reise zum Ende der Welt

Und nun die bange Frage: Was können LAKE OF TEARS im Jahr 2021? So viel sei verraten: noch immer ist Daniel Brennare im Kosmos unterwegs. Aber die Leichtigkeit ist hinüber. Er verarbeitet seine schwierige Lebensphase nicht etwa in tagebuchartigen Notizen, sondern in einer Art Science-Fiction-Story: ein Kosmonaut, allein auf der Reise zum Ende der Welt. Doch dort draußen, in den Weiten des Alls, ist es kalt, dunkel und lebensfeindlich. Da lauern auch Monster: im Zweifel die selbst erschaffenen. Eine Reise zum Nullpunkt, -270 Grad. Das alles ist keine leichte Kost: Schon jetzt bewirbt sich der bärtige Schwede damit für das düsterste Album des Jahres. Er rührt Teer an: mit wenigen Farbtupfern versehen.

Der Eröffnungs-Track „At The Destination“ ist ein flotter Gothic-Rocker: einer, wie er auch auf dem Wave-Gotic-Treffen in Leipzig laufen könnte, wenn es denn stattfinden würde. Auf der Tanzfläche tummeln sich die Schwarzgewandeten, die eine große Tüte Mehl über ihre Lederjacken gekippt haben, weil das FIELDS OF THE NEPHILIM auch so gemacht haben und man damit aussieht wie ein Colt-schwingender Cowboy aus einer anderen Galaxis. Die Referenzen sind klar erkennbar – David Bowie grüßt mit „Major Tom“ verloren aus seiner Raumkapsel, alle Verbindungen zur Erde sind abgebrochen, das Dunkel des Weltalls wartet. Einsamkeit, Verlorenheit. “Hello, is anyone there?” Nein, natürlich nicht: Man ist allein.

Das Ganze ist erstmal ungewohnt. Brennare mag nicht der virtuoseste Sänger sein, seine Stimme ist in diesem Song verzerrt und entfremdet: kein leichter Einstieg für die “alten” Fans. Aber sein dunkler Sprechgesang hat Charisma und Wiedererkennungswert, die Stimme gräbt sich ein, und: plötzlich fühlt man sich tatsächlich zurückerinnert an jene Zeit, als LAKE OF TEARS mit „The Chrimson Cosmos“ ihren kauzigen Gothic-Metal um eine Raumpatrouillen-Komponente erweitert haben: nur in Schwarz gefärbt. Pink Floyd, das waren auch nicht immer die Virtuosen, die kamen über die Stimmung. Beam me up, Scotty! Ach nein: Da ist ja niemand. Gegen Ende des Songs zeigt sich ein Element, das weitere Momente des Albums prägen wird: ein warmer Violinen-Klang, als Salbe auf die seelischen Wunden. Es lohnt sich, auf die Details zu achten.

Bitte eine Packung Taschentücher

Auch der zweite Song „In Wait and Worries“ macht es dann der Metal-Fangemeinde erstmal nicht leicht. Es fiebt und dröhnt zu Beginn, Störgeräusche aus dem All: Bis sich eine akustische Gitarrenharmonie herausschält, die ruhige und warme Stimme Brennares: „I’m waiting out here for the morning breeze/ The night has been long, it’s been hard to breathe“: Das Warten auf den neuen Morgen, die Luft zu schwer zum Atmen. Es entwickelt sich eine tottraurige Psychedelic-Ballade mit -zunächst- monotoner Melodie, die sich repetitiv eingräbt, auf die man sich erstmal einlassen muss. Die aber wirkt und sich zum Ende hin steigert: „Wo bist du jetzt, wenn ich dich am meisten brauche?“ Verdammt, es sollte Alben geben, bei denen die Plattenfirma für die Rezension eine Packung Taschentücher spendiert.

Der dritte Song „Lost in A Moment“ ist dann ein radikaler Bruch – ein majestätischer Monolith. Schwere Gitarren, die an Black Metal erinnern, ordentlich Distortion: Chöre aus dem Hintergrund, was für ein Pathos. Und plötzlich klingt der Sound drängender, es ist so etwas wie Aufbruchstimmung spürbar. „The night was young, the dream was strong/ Time was right, and night was without ending/ When morning came with the red horizon“, singt Brennare. War vereinzelt in Rezensionen zu lesen, dass er sich von seinen Metal-Roots entfernt hat? Vergesst es. Das hier ist verdammt heavy. Und erinnert sogar an den Doom von Bands wie SAINT VITUS. Oder ganz frühe MOONSPELL? Die Kuttenträger sollten versöhnt sein.

Mit “Omnius” vom Postrock zur Folk-Ballade

Der nächste Song „Ominous One“ ist einer der schnelleren Tracks auf dem Album. Auch hier hört man deutlich die Gothic-Rock und Post-Rock-Elemente heraus: Auch wenn der Song deutlich heavier ausfällt als der Opening Track. Das Raumschiff segelt über das Sternenmeer hinweg, wenn auch geradewegs in Richtung Weltende. Ebenfalls deutliche Gothic-Rock-Bezüge weist „One with the world“ auf, aber anders: Eine düstere Dark-Rock-Ballade mit doomigem Refrain, „The end is coming/ With every breath I’m taking in“, es ist zu kalt, um sich zu bewegen: ein langsames Erfrieren, während die Gitarren im Prächorus tatsächlich klagen, als hätten THE CURE und NEPHILIM im Studio Pate gestanden. Viel Hall und Overdrive, bis im hymnischen Refrain schwere Dark-Rock-Gitarren das nostalgische Feeling kaputtgrooven. Ein kleiner Hit? Vielleicht. Und noch immer wird hier gelitten, dass man Brennare am Liebsten in den Arm nehmen möchte: Wer einmal mit der Diagnose Leukämie konfrontiert wurde, wird wissen, wie es sich anfühlt: Wenn das Ende sehr nahe ist.

Es folgt das Instrumental „End of The World“, das nahtlos in den Vorgänger-Track übergeht: Hier fährt Brennare wieder für wenige Minuten mit der Urgewalt eines Asteroiden auf uns nieder, erneut harsche Gitarren zwischen Dark Rock und symphonischen Black Metal. Aber das Wüten ist nur von kurzer Dauer, denn der abschließende Track „Cosmic Sailor“ nimmt eine andere Richtung: ein dunkler Bass, eine Ballade, viel Psychedelic und 70s-Rock: tatsächlich ist hier so etwas wie Hoffnung spürbar. „Hey, ich atme immer noch/ und meine Wahrnehmung ist gewachsen“, singt Brennare. Die existentielle Krise als Chance? „Du trittst zurück/ verblasst/ während ich mich weiter bewege: durch den Morgen/ durch das Taggrau/ für den Abend/ hinein in den dunklen Raum.“ Es ist, als schließe sich ein dunkler Kreis: Aber das Ich ist nun gestärkt und weiß, dass es die schwere Prüfung bewältigen kann. Mehr Optimismus ist von Brennare nicht zu haben. Hoffen wir, dass das nächste Lebenszeichen nicht wieder zehn Jahre auf sich warten lässt: „Ominous“ ist das vielleicht reifste Album der Bandgeschichte. Wenn auch eines der schwierigsten.

Um wieder sicher zu landen, gibt es obendrein das delikate “In Gloom” als Bonustrack: ein schöner Folk-Track, Akustikgitarre und Geige, der – als ganz neue Facette – 60er-Jahre-Pomp mit Leonard Cohen vereint.

8 von 10 Punkten

Label: AFM Records

Release Date: 19. Februar 2021

LAKE OF TEARS “Omnious” Tracklist

1.At The Destination (Video bei YouTube)
2.In Wait And In Worries
3.Lost In A Moment
4.Ominous One
5.Ominous Too
6.One Without Dreams
7.The End Of This World
8.Cosmic Sailor
9.In Gloom