KARMAKANIC: Es zählt nur die Musik

KARMAKANIC: Es zählt nur die Musik

Jonas Reingold ist Bassist. Zu seinen unzähligen Projekten gehören auch THE FLOWER KINGS und KARMAKANIC, bei denen er Initiator und kreativer Kopf zugleich ist. Letztere haben Anfang Juni mit Wheel Of Life ein Progressive Rock Album erster Güteklasse abgeliefert. Trotzdem ist es der auskunftsfreudige Musiker gewohnt, im Hintergrund zu stehen. Sei es als Bassist auf der Bühne oder mit dem progressiven Rock hinter den progressiven Metallern. Was ist es, was ihn trotzdem jeden Tag ins Studio und auf fünf Platten alleine in diesem Jahr treibt? Es ist die eigene Überzeugung und die Liebe zur Musik. Musik aus dem Herzen ist sein Leben.

Lass uns mit der Geschichte von KARMAKANIC beginnen. Wie bist du mit den Musikern in Kontakt gekommen? Warum hast du dich für sie entschieden?

Um mit Goran Edman zu beginnen: Ich hab mit ihm bereits 1999 ein Soloalbum namens Universe aufgenommen. Damals bin ich zum ersten Mal mit ihm in Kontakt gekommen und ich mochte seine Stimme sehr. Er ist ein wahrlich professioneller Typ. Deshalb habe ich angefangen mehr Aufnahmen mit ihm zu machen. Krister Jonsson, der Gitarrist, ist ein alter Freund von mir. Wir gingen in die gleiche Schule, und er lebte ungefähr 15 Jahre in meiner Heimatstadt. Er ist wirklich ein Freund von mir und wir haben mehrmals im Monat Kontakt. Deshalb war es für mich eine logische Entscheidung ihn mit in die Band zu bringen, da er auch ein fantastischer Musiker ist. Und dann haben wir da noch Zoltan Czorsz, der ja auch Schlagzeuger bei THE FLOWER KINGS ist. Man kann in meiner Gegend einfach keinen besseren Schlagzeuger als ihn finden, deshalb ist es eine logische Entscheidung mit ihm zu arbeiten. Das ist der Kern von KARMAKANIC.

Du hast die erste KARMAKANIC-Scheibe Entering The Spectra komplett alleine geschrieben. Hat sich das bezüglich Wheel Of Life geändert? Kannst du uns etwas mehr über den Entstehungsprozess sagen?


Das lag viel daran, dass Entering The Spectra ein Konzeptalbum war. In Wheel Of Life stehen die Songs für sich. Es ist in den Texten allerdings ein Konzept enthalten. Meine Frau und ich haben die Texte geschrieben. Wir haben zusammen gearbeitet, und so hat das Album einen roten Faden. Es ist keine Geschichte. Wir behandeln einfach nur dasselbe Thema in fast jedem Song. Es geht darum, wie alles auf dieser Welt zusammenhängt. Zum Beispiel, wenn hier in Schweden etwas passiert, wirst du das Ergebnis davon ein paar Jahre später in den USA sehen können. Es ist wie ein Domino-Spiel. Alles hängt miteinander zusammen, und darum dreht sich diese CD. Das ist der Hauptunterschied im Entstehungsprozess. Dieses mal musste ich mich allerdings der Herausforderung stellen, die komplette CD in kürzerer Zeit zu schreiben. Das erste Album war ursprünglich gar nicht dazu bestimmt überhaupt aufgenommen und veröffentlicht zu werden. Ich hatte einfach ein paar Demos aufgenommen und gedacht: Hey das klingt gut. Dieses mal wusste ich, dass ich einen Plattenvertrag habe und wer auf der CD spielen wird. Ich habe Wheel Of Life innerhalb von drei bis fünf Monaten geschrieben und in sechs bis sieben Monaten aufgenommen. Dass ich am Stück arbeiten konnte, war wirklich besser dieses mal. Der Sound und die Musik sind dieses mal einfach einheitlicher.

Im Info wird KARMAKANIC als symphonischer progressiver Rock bezeichnet. Der Track Wheel Of Life erinnert mich etwas an Musicals wie Grease. Ist das, was gemeint war?

Ich denke, das Lied Wheel Of Life ist wie ein Blick in die 70er. Einfach die Art, wie wir Akustikgitarren und Flöten eingearbeitet haben. Es ist tatsächlich mehr ein Blick zurück. Ich hatte an nichts wirklich Spezielles gedacht, als ich das geschrieben habe. Es hat keine tiefere Bedeutung.

Lass uns mal über Do You Tango?” sprechen. Wie seid ihr auf die Idee gekommen ein Tango Thema umzusetzen? Oder hat dir der Tango einfach nur in der Tanzschule gefallen?

Es ist eigentlich ein bizarrer Witz. In einem Teil des Songs haben wir einen 7/16 Takt, der sehr schwierig zu spielen ist. Es ist unmöglich das nach Gefühl zu spielen. Es ist sehr akademisch komplex und das geht nur über den Kopf. Sicher ist, dass es unmöglich ist, dazu Tango zu tanzen. Das ist der Witz an der Sache, mit der computerartigen Stimme, die einen dazu auffordert zu tanzen. Der Computer hat keine Ahnung von dem Gefühl eines Tangos. Es ist also mehr ein ironischer bizarrer Witz. Ich bin darauf gekommen, als wir unseren Mac programmiert haben. Wir haben da ein Programm drauf namens Maxbeats drauf. Es hört sich so bizarr an. Es ist ein Sample einer Frauenstimme. Aber man kann sofort sagen, dass es ein Computer ist, weil es so unnatürlich klingt. Sie hat überhaupt keine Emotionen. Ich hab das auch auf dem aktuellen PRINCE-Album gehört. Also habe ich das eigentlich von ihm geklaut. Aber wir sind nicht zu vergleichen. Er ist in einer anderen Welt. Also kann ich von ihm klauen.

Kannst du uns noch etwas mehr über den Aufnahmeprozess sagen? Waren noch externe Leute beteiligt, oder hat die Band alles alleine gemacht?

Ich bin ja quasi der Bandleader, und so treffe ich alle wichtigen Entscheidungen. Aber ich habe immer ein offenes Ohr und versuche auch die anderen Jungs mit ein zu beziehen. Ich mache zum Beispiel den finalen Mix von einem Song, sende ihn den anderen Bandmitgliedern, dass sie sich das ganze anhören können und Vorschläge machen können. Zum Beispiel schicke ich das dann an Zoltan und er sagt: Och ne, wir sollten mehr Schlagzeug im Mix haben, was irgendwie bei all meinen Mixes der Fall sein sollte. Aber ich schaue mir das dann an und eventuell hat er Recht und dann gehe ich wieder ins Studio und mache das noch mal oder mache die Snare etwas lauter. Wenn man mit anderen Leuten zusammenarbeitet ist es immer wichtig, den anderen auch zuzuhören, denn das sind alles Profis und sie haben eine Menge großartiger Ideen. Die wissen wirklich, was sie tun. Es ist eine Kombination aus allem. So sollte das bestenfalls sein.

Ist KARMAKANIC immer noch ein Projekt, oder entwickelt sich das ganze schon langsam Richtung Hauptband? Es sind ja einige Leute dabei, die in anderen wichtigen Bands spielen, wie du bei den FLOWER KINGS.

Hoffentlich wird die Sache weitergehen, weil ich einfach denke, dass es eine großartige Band ist mit großartigen Musikern und einem großartigem Sänger, und ich denke, dass Wheel Of Life wirklich ein gutes Album geworden ist. Deshalb werde ich versuchen, es am Leben zu erhalten. Ich nehme auch schon einige kleine Demos für das dritte Album auf. Wir haben im Vergleich zum ersten Album schon einen großen Schritt gemacht und ich hoffe, dass uns das auch beim nächsten Album gelingt. Ich werde mit der Band dieses Jahr auch noch auf Tour gehen. Hoffentlich wird es ein dauerhaftes Projekt.

Karmakanic
Als Bassist interessiert mich natürlich deine Philosophie hinter deinem Spiel. Es gibt ja viele Bassisten, deren Philosophie ist spiele wenig, aber den richtigen Ton zum richtigen Zeitpunkt. Ich denke da zum Beispiel an TONY LEVIN. Was ist deine Philosophie?

Ich versuche eigentlich nur Musik zu erschaffen. Manchmal spiele ich sehr wenig, manchmal auch sehr viel. Ich denke, dass es wirklich vom Modus des Songs abhängt. Man muss die Musik immer an erster Stelle betrachten. Wenn man Bassist ist, dann ist man einfach ein Backup-Typ mit der Chance, sich auch melodisch auszudrücken wie zum Beispiel Paul McCartney. Ich versuche ein dienlicher Typ zu sein. Gleichzeitig versuche ich so melodisch wie möglich zu sein und nicht einfach nur den Grundton des Akkords zu spielen. Würde ich eine Whitney Houston-Ballade spielen, dann würde ich niemals so abgefahren spielen wie in Do You Tango?. Der Song muss an erster Stelle stehen. Die Musik entscheidet, wie ich spiele.

Für Bassisten ist das ja manchmal auch ein Dilemma. Sie stehen auch auf der Bühne oft im Hintergrund und bekommen recht wenig Aufmerksamkeit. Hast du manchmal das Gefühl, dass du zu wenig Aufmerksamkeit dafür bekommst, was du tust?

Am Anfang ärgert man sich über solche Sachen schon. Aber mittlerweile habe ich fast 50 CDs gemacht, 2800 Gigs gespielt und bin seit etwa 1989 Profi. Jetzt denke ich nicht mehr darüber nach, wer was tut und wer der Hauptcharakter ist oder wer die Autogramme schreibt. Es ist einfach nicht mehr interessant über solche Dinge nachzudenken. Es geht für mich jetzt nur noch um die Musik. Es regt mich nicht mehr auf. Wenn ich nur eine ein einzelne Note auf einem Konzert spiele und sei es ein G – boouh, dann ist das in Ordnung, auch wenn ich nicht ein einziges Autogramm schreiben werde und meinen Namen dabei überhaupt nicht ins Gespräch bringe. Es ist nicht mehr interessant. Ich habe schon so viel gemacht, da habe ich nichts mehr zu beweisen.

Was sind deine Einflüsse als Bassist? Was hat dich letztendlich dazu bewogen Bass zu spielen?

Ich habe viel Jaco Pastorius gehört, als ich so um die 15 Jahre alt war. Er ist derjenige, der die Tür aufgemacht hat und wir sind alle einfach nur hindurch gelaufen. Viel Respekt geht an Jaco Pastorius, weil er ein Typ ist, der das Bassspiel revolutionierte mit den ganzen fretless Sachen und so weiter. Ich höre viel Rock. Paul McCartney ist ein großartiger Bassist. Und Billy Sheehan ist ebenfalls großartig – auch Tom Kennedy und Stanley Clark und die ganzen Jazz-Bassisten wie Paul Chambers. Es gibt tausende gute Bassisten und ich versuche so viele wie möglich zu hören.

Beeinflusst deine Arbeit mit KARMAKANIC die Arbeit mit THE FLOWER KINGS in irgendeiner Art und Weise? Gibt es da auch Probleme?

In Sachen Zeit kaum. FLOWER KINGS ist mein Hauptprojekt. Es ist die größte Band. Sie verkauft am meisten Platten. Aber ich versuche meine Freizeit um FLOWER KINGS herum zu nutzen. Wenn wir mit den FLOWER KINGS nicht touren oder aufnehmen, dann versuche ich KARMAKANIC-Sachen aufzunehmen. Ich versuche das Problem zu umgehen. Das eigentliche Problem ist, dass KARMAKANIC ungefähr 15.000 Alben verkauft. Was soll ich da tun? Es wäre ein angenehmes Problem, darüber nachzudenken. Ich versuche einfach, so lange wie es geht diese beiden Projekte zu verbinden.

Karmakanic

Es ist nicht so einfach mit progressivem Rock Erfolg zu haben. Vor allem, wenn es sich dabei tatsächlich nicht um progressiven Metal handelt, der ja viel mehr Aufmerksamkeit bekommt. Welche Leute hören denn tatsächlich Progressive Rock, wenn du mal durch die Reihen auf deinen Konzerten schaust?

Ich denke, wir spielen vor allem vor älterem Publikum – so um die 30 Jahre aufwärts. Aber wir versuchen dankbar zu sein, auch wenn keine Mädels auf unseren Konzerten sind. Es sind meistens Männer, aber sie kaufen die Tickets und sie verdienen eine gute Show. Wir versuchen immer unser bestes zu geben. Ich denke da nicht großartig drüber nach. Natürlich zieht Progressive Metal mehr Leute an. DREAM THEATER verkauft rund 500.000 Platten. Sie sind offensichtlich eine große Band. Die Musik muss in deinem Herzen sein. Du kannst nicht einfach so ein Album produzieren. Ich würde niemals etwas tun, was ich nicht mag. Ich mache das jetzt viele Jahre und bin zu dem Schluss gekommen, dass es einfach mein Ding ist. Ich würde nie ein Album machen, an dem mein Herz nicht hängt. Man darf nicht über die Plattenverkäufe nachdenken, sondern über die Musik. Ich mache so gute Alben, wie ich kann und wenn sie 500 Leute kaufen, dann ist das genauso OK, wie wenn sie 500.000 Leute kaufen. Der einzige Unterschied wäre, dass ich in einem größeren Hause wohnen würde und ein tolleres Auto hätte. Die Musik wird sich nicht ändern, der Rest um die Musik würde sich ändern. Das wichtigste ist auf dein Herz zu hören und das zu tun, was du wirklich magst.

Zur Zeit wird alles, was ein bisschen längere Songs und ein paar Breaks hat, als progressiv beschrieben. Denkst du, dass das Wort progressiv mittlerweile missbraucht wird?

Ich denke, dass progressiv ein Sammelwort für vieles ist. Ich würde dem nicht zu viel Bedeutung geben, was es wirklich heißt und wie die Leute irgendwas benennen. Ich versuche einfach nur gute Musik zu machen, ob das jetzt Jazz, Heavy Metal oder ob es Progressive Rock ist. Ist es FRANK ZAPPA oder GENESIS? Mich interessiert es nicht wirklich. Die Musik ist alles, was zählt. Ich versuch nicht meine Musik zu benennen. Ich versuche einfach nur gute Musik zu machen. Das nächste Mal wird das vielleicht in einer klassischen Oper enden mit KARMAKANIC. Wahrscheinlich nicht, aber man weiß es einfach nicht. Man muss der Musik einfach offen gegenüberstehen. Wenn du dann irgendwas wie einen 80er Synthesizer im Paket hast, dann ist das OK – solange es gute Musik ist. Das ist das Wichtigste.

Du hast dieses Jahr schon fünf Alben eingespielt, wenn ich das richtig gezählt habe auf deiner Homepage.

Ja, das ist wahrscheinlich richtig mit den fünf Alben. Ich zähle das gar nicht.

Du scheinst ein echter Workaholic zu sein und das Jahr ist noch nicht vorbei. Wir haben ja gerade mal Halbzeit…

Ich bin einfach in einer glücklichen Situation. Ich wache morgens auf und muss nicht zu irgendeinem Job in einer Fabrik oder so was. Ich gehe einfach runter in mein Studio, und das ist eine wirklich tolle Perspektive für mich. Einfach in den Tag zu gehen, indem ich ein Album höre. Ich bin so glücklich und deshalb ist es kein Problem für mich so viel zu arbeiten. Es ist mein Leben. Ich betrachte das eigentlich nicht als meine Arbeit. Das ist das, was ich in meinem Leben tun soll. Egal ob ich arbeite oder nicht. Ich soll Musik machen. Es ist wie eine Stimme von irgendwo her, die mich dazu auffordert, Musik zu machen. Ich denke, dass ich einfach keine Wahl habe als Musik zu machen. Ich will auch nicht Fernsehen schauen oder in Pubs gehen und mich betrinken. Ich will einfach mit Musik zu tun haben. Es ist keine Arbeit, es ist mein Leben.

Das war es auch schon. Hast du noch irgendwelche letzten Worte an unsere Leser?

Seid einfach offen gegenüber guter Musik. Versucht einfach mal eine CD zu hören, die ihr normalerweise nicht kaufen würdet. Ihr müsst auf euer Gefühl hören – das könnte gut sein und euch neue Perspektiven schaffen. Kauft nicht immer progressive, kauft nicht immer Heavy Metal. Versucht offen zu sein – kauft alles. Eine neue Welt wird sich eröffnen.

Fotos: Reingold Music
Layout und digitale Manipulation: doomster