DEFEATER und CARPATHIAN am 5. März 2011 in der Kranhalle, München

Ein friedliches Moshfest in der ausverkauften Münchner Kranhalle.

Fast wundert es mich, dass DEFEATER nicht von der Kranhalle nach nebenan ins größere Hansa 39 verlegt wurden – ist ja eh alles Feierwerk-Gelände. Und tatsächlich, jeder will DEFEATER sehen, sie sind so heiß und feurig wie meine Lieblings-Habanero-Sauce, und das obwohl ihr zweites Album Empty Days & Sleepless Nights erst in den kommenden Tagen erscheinen wird. Schön, dass die Münchener Hardcore-Crowd das auch so sieht und dafür brav die Texte auswendig lernt, am Samstagabend hierher tigert und mitbrüllt, was das Zeug hält. Ja, auch die Kids erkennen, dass diese Band gut ist und überraschen mich positiv. Ein gesittetes Hardcore-Konzert ist das noch lange nicht, aber trotz der überaus reifen musikalischen Verzweiflung wird in der vollgestopften Kranhalle ein freundliches Mosh-Fest zelebriert.

 CARPATHIAN
Brachial, sympathisch und mit einem JOY DIVISION-Cover im Gepack: CARPATHIAN aus Melbourne.

Die lokale Support-Band fällt für mich aus Interviewgründen aus, laut der Stimmen anderer Besucher scheine ich nicht viel verpasst zu haben. Gut, dass ich rechtzeitig zu CARPATHIAN zurück bin, die mit ihrem erfrischend trendfreien New School-Hardcore eine brachiale Hasswalze auffahren, die so manchen Kollegen die Schamesröte ins Gesicht schießen lässt. Die Energie der australischen Band fordert die Stagediver heraus, die im Sekundentakt von der Bühne fliegen. Überhaupt überraschen CARPATHIAN auch Neulinge überaus positiv und ziehen alle Sympathien auf ihre Seite. Obwohl die Musiker recht grimmig aussehen und auch ebensolche Musik spielen, erweist sich gerade Sänger Martin Kirby als freundlicher Zeitgenosse, der sich auch nicht daran stört, wenn der eine oder andere Stagediver ihn im Laufe des Gefechts einfach umrennt und nette, bodenständige Ansagen parat hat. Gute dreißig Minuten dauert diese brachiale Hardcore-Eruption, die höchstens etwas durch den in letzter Zeit stets suboptimalen Kranhallen-Sound gemindert wird. Von der neuen, sauguten EP Wanderlust gibt es alle Songs zu hören, sogar das originelle, sehr gelungene JOY DIVISION-Cover Shadowplay, das als Zugabe für eine kleine Überraschung sorgt. Vor allem überrascht allerdings auch die Tatsache, dass der Großteil der Hardcore-Jugend in München eher verhalten reagiert, als Sänger Martin die Frage stellt, wer denn eigentlich JOY DIVISION kennt. Aber nach dieser Mosh-Walze sind solche Gedanken eher nebensächlich.

 DEFEATER
Tritt auch unplugged in den Allerwertesten: DEFEATER-Sänger Derek Archambault.

Um Punkt dreiundzwanzig Uhr steht ein Fünftel des Headliners auf der Bühne, nämlich Sänger Derek Archambault, der mit einer Westerngitarre um den Hals das brandneue Akustikstück I Don´t Mind anstimmt. Das Publikum ist gleich in zweierlei Hinsicht überrascht, denn nur die wenigsten kennen dieses Lied bereits und dann auch noch nur Akustikgitarre und Cleangesang. Dass hier gleich ein Stagediver quasi als Unfall, begleitet vom lautstarken Gelächter einiger Anwesenden, von der Bühne segelt ist irgendwie ärgerlich. In mir wächst die Befürchtung, dass sich DEFEATER nach dieser Einlage der Zuschauer denken: Na gut, wenn die uns nicht ernst nehmen, gehen wir halt heim. Aber alle Sorgen sind unbegründet, mit The Red, White And Blues schalten sich auch die restlichen Musiker ins Geschehen ein, und sogleich flippt ein großer Teil der gut 250 Münchner aus. Es geht nicht so beherzt und wild zu, wie bei CARPATHIAN, aber dennoch reiht sich ein Stagediver an den Nächsten und im Pit mischen nicht nur die großen Jungs, sondern auch die kleinen Mädels mit.

 DEFEATER
Trotz Stagediver und Circle-Pits im Akkord ist die Verletzungsgefahr gering – das Münchner Publikum mosht vorbildlich.

Die Songauswahl von DEFEATER beschränkt sich größtenteils auf die früheren Songs der Band, auf die EP Lost Ground und das Debütalbum Travels, die schnellen, punkigen Nummern werden dabei aber leider nicht beachtet. Hits ziehen die Bostoner aber zu genüge aus dem Ärmel, The Bite And Sting, Blessed Burden, Everything Went Quiet und das abschließende Cowardice werden durch kleine Ruhephasen, in denen Gitarrist Jay und Schlagzeuger Andy etwas improvisieren, eingeleitet und entfalten dadurch eine noch viel brachialere Kraft. Mit dem neuen Bandhit Dear Father und dem düsteren, atmosphärischem Empty Glass vom sagenhaften brandneuen Album Empty Days & Sleepless Nights gibt es wenigstens ein paar neue Songs zu hören. Die Band agiert zwar, mit Ausnahme von Sänger Derek, in Sachen Bewegung etwas zurückhaltend, dafür wird das Set sauber und glasklar, bei ordentlichem Sound gespielt. Nach fünfunddreißig Minuten, die sich eher wie fünfzehn Minuten anfühlen, ist das Set vorbei, als Zugabe gibt es aber noch Home Ain´t Never Home von Lost Ground und Prophet In Plain Clothes, dessen zweite, rein akustische Hälfte zu fehlen scheint. Schließlich kehrt Derek, wieder mit Westerngitarre um den Hals, zurück, und spielt das Stück rein unplugged zu Ende und brüllt den Text unverstärkt ins Publikum. Die Münchner müssen sich zusammenreißen um nicht laut mitzuklatschen, da sonst nichts mehr zu hören ist, aber diese abschließende Performance hat noch viel mehr Power und rockt noch gewaltiger als der Rest des Sets.

Um viertel vor zwölf ist auch den letzten anwesenden Zweiflern klar, warum DEFEATER kein Hype, sondern viel mehr eine Hoffnung für den Hardcore sind und ihm ein neues Gesicht und eine neue Ernsthaftigkeit geben und dabei enorm viel Spaß machen. Mehr noch und deutlich verdienter als HAVE HEART, belegen die fünf Bostoner die diese Position. Eben die beste Möglichkeit, sich an einem Samstagabend ordentlich weichklopfen zu lassen.

Setlist DEFEATER:

I Don´t Mind
The Red, White And Blues
Dear Father
The Bite And Sting
Blessed Burden
Empty Glass
Everything Went Quiet
A Wound And A Scar
Cowardice

Home Ain´t Never Home
Prophet In Plain Clothes

Fotos: (c) Florian Schneider