BURDEN OF LIFE: Der gute Stoff dazwischen

Die Regensburger von BURDEN OF LIFE haben in den vergangenen zehn Jahren eine erstaunliche Entwicklung hingelegt. Einst als pure Melodic Death Metal-Band im Fahrwasser von CHILDREN OF BODOM gegründet, hat sich das Quartett in immer progressivere Gefilde gewagt. Der vorläufige Höhepunkt: „The Makeshift Conqueror„, das seine Wurzeln nicht leugnet, aber dennoch musikalisch offen und stilistisch ungemein breitgefächert auftritt. Weil auch wir von dem kreativen Stilmix nur schwer loskommen, haben wir uns mit Sänger und Gitarrist Christian „Kötti“ Kötterl via Skype getroffen, um über musikalische Einflüsse, die Vergangenheit und natürlich das neue Album zu sprechen.

Hallo, Kötti, wie geht’s? Wie verbringt ihr momentan eure Tage in Zeiten des Social Distancing?

Gut, danke! Das ist bei uns ein bisschen unterschiedlich. Bei manchen geht es noch relativ normal weiter – wie bei mir. Andere Bandkollegen haben Bürojobs und können, soweit ich weiß, im Homeoffice arbeiten. Und bei manchen geht es auch in Richtung Kurzarbeit, weil sie in einer Firma angestellt sind, wo die Auftragslage zurückgeht und es nicht möglich ist, einfach am Computer zu arbeiten. Da sind wir alle ein wenig anders aufgestellt.

Was die Band betrifft: Proben können wir momentan ja auch nicht, insofern übt jeder ein bisschen zu Hause und spielt so vor sich hin.

Also ist es nicht so, dass man sich dann einfach online trifft und versucht, die Bandprobe ins Internet auszulagern…

Das haben wir noch nicht versucht, aber wir haben mittels Textnachrichten gemeinsam diskutiert, was wir jetzt unternehmen können. Ob wir in dieser Zeit z.B. irgendeine Art von Content machen können, aber da sind wir noch am überlegen. So wirklich aktiv tun können wir im Kollektiv eigentlich nichts – geht ja auch nicht.

Ihr musstest ja wegen der Corona-Pandemie auch die geplanten Shows absagen.

Das ist aus Sicht der Band wirklich super ärgerlich gewesen. Das Timing war sowas von blöd, weil wir ja am 13. März 2020 unser Album „The Makeshift Conqueror“ rausgebracht und drei Wochen vorher daheim in Regensburg eine Pre-Release-Show gespielt haben – das machen wir immer so. Die ist super gelaufen, wir haben echt gutes Feedback bekommen. Und dann war relativ bald danach klar, dass alles, was wir noch geplant hatten, erstmal ins Wasser fällt.

Wir haben das Glück im Unglück, dass keiner von uns finanziell von der Band abhängig ist. Deshalb trifft es uns nicht so krass wie viele andere. Aber es ist trotzdem ziemlich schade, weil wir auch die Befürchtung haben, dass das Momentum um das Album einschläft. Das Presse-Echo ist bis jetzt super gut, für uns das mit Abstand beste bislang.

Es ist sehr schade, dass wir jetzt nicht rauskönnen, um den Leuten das Album zu präsentieren. Wir müssen sehen, ob wir eben dieses Momentum, das wir jetzt haben, irgendwie über den Frühling und vermutlich auch den Sommer bis in die nächste Jahreswende retten können. So lange wird es dauern, bis wieder etwas einigermaßen regulär geht, vermute ich. Mal schauen, ob das Album so gut ist, dass es auch noch im Winter Interesse weckt. (lacht)

„Wir haben zum ersten Mal ein Album nicht am Stück aufgenommen, sondern in Blöcken.“

Derzeit gibst du ja immerhin schon fleißig Interviews. Habt ihr sonst auch noch etwas anderes vor? Manche Bands haben ja schon „Quarantäne“-Sessions veranstaltet oder einen Song übers Internet akustisch aufgeführt.

Genau, das sind natürlich alles Dinge, über die wir schon gesprochen haben: Etwa ob wir versuchen, manche Sachen aufzunehmen oder ob einer von uns nur auf der Akustikgitarre ein paar Songs spielt. Vielleicht haben wir auch altes Material, das wir verwenden können, um ein Video zusammenzuschneiden. Aber da haben wir noch nichts Spruchreifes – irgendetwas werden wir auf jeden Fall machen!

Ein Online-Konzert ist ja momentan in Bayern schwierig, ohne das Gesetz zu brechen.

(lacht) Ja, das geht momentan nicht so einfach. Und das Ganze aus vier verschiedenen Räumen zu machen, ist technisch für uns nicht möglich. Außerdem haben wir das neue Material noch nicht so gut drauf, dass wir das akustisch aus dem Nichts machen könnten. Von den Problemen mit der Latenz ganz zu schweigen…

Aber kommen wir zum Album „The Makeshift Conqueror“, das ihr im März veröffentlicht habt. Aufgenommen habt ihr im Abensberger Slash Zero Studio über den Zeitraum von zwei Monaten. Wie darf man sich das vorstellen? Hattet ihr Wochenend-Sessions gebucht oder immer wieder mehrere Tage?

Wir haben zum ersten Mal ein Album nicht am Stück aufgenommen, sondern – wie du sagtest – in Blöcken. Bei den letzten beiden Platten war es noch relativ einfach möglich, dass zumindest ich immer die ganze Zeit über im Studio anwesend war. Und damals haben wir das Material stets am Stück oder zumindest in zwei längeren Blöcken aufgenommen.

Ich bin ja als Mit-Produzent immer vor Ort, nur kann ich es mir mittlerweile logistisch auch nicht mehr leisten, mich drei oder vier Wochen komplett ins Studio zurückzuziehen. Das geht beruflich nicht mehr, weshalb das auch einer der Gründe war, diesmal beim Hubi (Hofmann, Produzent – Anm. d. Verf.) in Abensberg aufzunehmen. Abensberg ist zudem viel näher bei uns. Das Studio von Rolf (Munkes, Produzent von „In Cycles“ – Anm. d. Verf.) ist in der Nähe von Frankfurt, was für uns leider nicht mehr so einfach machbar ist. Der Hubi liegt dagegen quasi vor unserer Haustür, vielleicht 35km entfernt.

Wir haben dann in Blöcken aufgenommen: Matthias (Babl, Schlagzeug – Anm. d. Verf.) hat sich zuerst vier bis fünf Tage Zeit genommen, um die Drums einzustellen und aufzunehmen. Dann hatten wir zwischendurch eine Woche frei, dann wieder zwei bis drei Tage aufgenommen. Wir haben die Studiozeit also um unsere restlichen Leben herumgebaut. Insgesamt waren es dann ca. drei bis vier Wochen, die wir über diesen Zeitraum hinweg im Studio waren.

„Beim letzten Mal haben wir noch den Schwanz eingezogen“

„Wir haben mit dem Begriff ‚Progressive Metal‘ selbst immer gehadert, weil er etwas großkotzig klingt.“

Was sind denn rückblickend betrachtet die Vor- bzw. Nachteile, auf diese Weise zu arbeiten?

Der Vorteil war diesmal ganz klar die geografische Nähe. Ich weiß nicht, ob wir es überhaupt geschafft hätten, wenn wir alle Aufnahmen am Stück hätten machen müssen. Es wäre ein riesiger Aufwand gewesen, da wir unseren Alltag ja nicht mehr so einfach unterbrechen können wie früher.

Andererseits mochte ich die Situation beim Rolf (Munkes, Produzent von „In Cycles“ – Anm. d. Verf.) schon gerne, also dass man für drei bis vier Wochen aus dem anderen Leben einfach völlig herausgerissen und gezwungen war, sich voll auf die Aufnahmen zu konzentrieren. Jeden Tag von zehn Uhr bis zum Abend acht bis zehn Stunden nur an dem Album zu arbeiten – das war eine starke Fokussierung, die mir sehr gefallen hat.

Ich muss ja gestehen, dass ich eure Entwicklung über die letzte Dekade verpasst habe. Ich kenne das Debüt „Ashes of Existence” (2008) und die EP „In The Wake Of My Demise“ (2010), aber die beiden Alben danach habe ich nicht mitbekommen.

Der gute Stoff dazwischen. (lacht)

(lacht) Genau! Eines Tages lag dann eben “The Makeshift Conqueror“ auf meinem Schreibtisch und ich musste beim Lesen der Presseinfo erstmal schlucken – „Progressive Metal“ stand da. Klar, der eigene Geschmack entwickelt sich über die Jahre weiter, aber wart und seid ihr diesbezüglich stets auf einer Wellenlänge – ganz ohne große Diskussion?

Erstmal muss ich sagen, dass das für dich ja dann musikalisch mehr oder weniger ein Quantensprung ist. Wir haben aber mit dem Begriff „Progressive Metal“ selbst immer gehadert. Eigentlich wollten wir ihn bei der letzten Platte („In Cycles“, 2015 – Anm. d. Verf.) schon verwenden, haben uns aber nicht getraut, weil er – wie du schon angedeutet hast – etwas großkotzig klingt. Da muss schon echt was dahinterstecken, weshalb wir beim letzten Mal noch den Schwanz eingezogen haben. Diesmal haben wir allerdings gemerkt, dass unsere Entwicklung doch weit genug gegangen ist, um das zu rechtfertigen.

Wir hatten alle Vier zudem das Glück, dass wir immer recht im Einklang waren, obwohl wir nicht die komplett gleichen Bands hören. Aber der Konsens war stets, dass es ausgeflippter werden darf. Progressive Metal hat ja auch viele ungerade Takte wie 7/8 oder 11/4. Ich kann mich ganz konkret erinnern, als wir die EP „In The Wake Of My Demise“ (2010) aufgenommen haben. Da gibt es im ersten Song eine kurze 7/8-Tapping-Sektion – das war das erste Mal, dass wir so etwas verwendet haben. Ich habe das damals den anderen gezeigt und sie waren alle begeistert, dass solche Elemente super in unseren Sound reinpassten.

Ansonsten war die EP ja noch relativ geradlinig. Aber als wir dann drei Jahre später auf das nächste Album „The Vanity Syndrome“ (2013) zugegangen sind, habe ich nach diesem ersten Herantasten schnell gemerkt, dass die anderen in der Band auch Bock darauf haben und das auch cool finden. Wenn du dir die Platte Mal anhörst, wirst du deutlich merken, dass das Material schon sehr viel ausgeflippter war. Es waren aber einfach immer alle damit einverstanden. Natürlich haben wir die Entwicklung intern angesprochen, aber es gab nie einen Plan, wo wir uns etwa zusammengesetzt und beschlossen hätten, progressiver zu werden. Das ist einfach passiert.

Ich würde es auch nicht als einen Weg bezeichnen, der irgendwann nach links abgebogen ist. Unser Sound hat sich einfach in viele Richtungen aufgefächert.

„Das Thema ‚Line-Up‘ ist bei uns schon lange abgehakt.“

Ihr macht ja jetzt auch schon gute zehn Jahre unverändert in der gleichen Besetzung Musik.

Ja, so ungefähr. Wir haben zwischendurch einen Keyboarder verloren, aber es sind keine neuen Musiker dazugekommen oder ausgetauscht worden.

Das hilft dann sicherlich auch im Studio, wenn man diese Automatismen schon hat. Man kennt sich ja schon lange…

Genau, wir müssen nie jemand Neuem das Material beibringen oder etwa überlegen, wie das Zusammenspiel funktionieren könnte. Das Thema ‚Line-Up‘ ist bei uns schon so lange abgehakt, darüber müssen wir uns überhaupt nicht den Kopf zerbrechen. Das ist schon auch hilfreich.

Das glaube ich gerne und das merkt man auch. Nach meinem ersten Kontakt, war ich nach dem anfänglichen Schock doch positiv überrascht: Ich kann es – trotz meiner Lücke in der Diskografie – nicht einmal als Stilbruch bezeichnen, denn die typische Handschrift der Gitarren habe ich sofort wiedererkannt. Natürlich im Gesamtpaket deutlich anders – aber auch vertraut.

Besser können wir es uns eigentlich nicht wünschen.

Man merkt, wie sich der Sound entwickelt hat, will ich damit sagen. Und wenn wir uns das Artwork ansehen, lässt sich unter anderem der lateinische Schriftzug „ex umbra in solem“ – aus dem Schatten in die Sonne – ausmachen. Identitätsfindung scheint ein zentrales Thema auf „The Makeshift Conqueror“ zu sein, und wenn es nur das Umkrempeln des eigenen Lebens ist. Liege ich damit falsch?

Nein, gar nicht. Das würde ich absolut so unterschreiben. Es ist zwar kein Konzeptalbum in dem Sinn, aber als Überschrift würde ich diese Thematik auch nehmen. Die letzte Platte („In Cycles“, 2016 – Anm. d. Verf.) ist schon relativ lange her. Sie ist vor vier Jahren herausgekommen, was auch heißt, dass die Songtexte darauf noch älter sind – vielleicht jetzt fünf bis sechs Jahre. In der Zeit dazwischen ist bei mir einfach unheimlich viel passiert, auch was meine persönliche Entwicklung betrifft. Das hat sich in meinen Texten natürlich auch niedergeschlagen: Persönlichkeitsentwicklung, sich neu entdecken, sich wiederfinden und neu erfinden sind sehr zentrale Themen, die sich in mindestens der Hälfte der Songs widerspiegeln.

„The Makeshift Conqueror“ ist kein Konzeptalbum, hat aber einen roten Faden

Identitätsfindung ist ein zentrales Thema auf „The Makeshift Conqueror“. Das Artwork stammt von Ann-Kathrin Müller.

Dann hat sich die Frage, wie viel Autobiographie denn in „The Makeshift Conqueror“ steckt, schon erledigt. (beide lachen)

Aber es ist interessant, dass du erwähnst, die Platte sei kein Konzeptalbum. Ich finde nämlich schon, dass man in den Texten einen roten Faden finden kann. Das Album erzählt – an der Oberfläche – die Geschichte eines Künstlers, der im Ringen mit seinen Dämonen seine Muse verloren hat. Gleichzeitig lässt die Symbolik in den Texten aber viele Deutungsweisen zu: Kampf gegen Sucht oder eine destruktive Beziehung kommen da in den Sinn.

Dieses Thema über das Künstlerdasein ist nicht explizit in allen Songs vorhanden. Ich wurde darauf aber schon einmal angesprochen und habe dann geantwortet, das Album sei „latent konzeptuell angehaucht“. Es hat einen roten Faden und einen übergeordneten Ton bzw. eine bestimmte Farbe, die es zusammenhält.

Klar, wir müssen auch nicht alles, was jemand in dem Album findet, absichtlich reingesetzt haben. Man kann trotzdem Verknüpfungen finden und herstellen, die ich oder wir vielleicht gar nicht beabsichtigt hatten.

Natürlich gehören der erste und letzte Song mit dem gleichen Titel – Part 1 und Part 2 – zusammen. Und ich denke, auch „Geistesblitz“ und „Trust My Own Heart“ gehen in diese Richtung. Trotzdem würde ich sagen, dass es auch ein bis zwei Songs gibt, die – zumindest aus meiner Absicht heraus – gar nichts mit dem Thema zu tun haben.

Wenn die Stücke und Texte aber in einem bestimmten Zeitraum von derselben Gruppe oder Person entstehen, hat das Ganze hoffentlich von Haus aus schon eine gewisse Geschlossenheit oder einen bestimmten Vibe. Schließlich stammt alles aus einer Phase, in der derselbe Mensch dieselben Dinge durchlebt – und all das färbt auf irgendeine Weise auf die „Kunst“, also die Musik, ab. Hinzu kommt, dass es dieselben Musiker im selben Studio mit demselben Produzenten sind, weshalb man da hoffentlich schon grundlegend eine gewisse Kohärenz bekommt.

Musikalisch ist das Album enorm abwechslungsreich. Man hört einerseits die Melodeath-Wurzeln, aber an anderer Stelle geht es richtig ins Progressive. Kann man in der Single „Geistesblitz“ auch etwas TOOL oder DEVIN TOWNSEND raushören?

Ich denke, dass man DEVIN TOWNSEND heraushört, ja. Ich schätze ihn sehr, obwohl ich mich selbst noch nicht allzu intensiv mit seiner Diskografie auseinandergesetzt habe. Die anderen mögen ihn auch sehr gern, vor allem unser Gitarrist Michael (Schafberger – Anm. d. Verf.) ist ein Riesen-Fan.

Aber ich als Sänger finde ihn vor allem in dieser Rolle unglaublich. Er ist für mich einer der talentiertesten Sänger der Welt – nicht nur im Metal. Diese Melodramatik in seiner Stimme, die Melodieführung und diese Bögen, die er spannt, sind einfach klasse. Ich nehme mir immer wieder vor, mich noch näher mit ihm zu befassen. Aber ich bin jemand, der das richtig machen möchte, und seine Diskografie ist ein regelrechter Berg, weshalb ich schon Ehrfurcht davor habe.

Von TOOL kenne ich eine Handvoll Songs, aber persönlich habe ich mit ihnen nicht so viel beschäftigt wie die anderen in der Band. Was ich kenne, finde ich ganz cool, stecke in der Materie aber nicht sonderlich tief drin.

„Der Chor bestand komplett aus Freunden oder Bekannten, von denen wir wussten, dass sie gute Sänger sind.“

Bei DEVIN TOWNSEND kann ich nur zustimmen, vor allem die Variabilität in seiner Stimme… Er verwendet in seiner Musik ja auch immer wieder Chöre. Ihr habt u.a. in „Geistesblitz“ auch einen Chor auf dem Album. War es schwierig die Parts im Studio richtig hinzubekommen?

Bei den Aufnahmen zu „The Vanity Syndrome“ (2013) haben wir den Versuch gemacht, einen richtigen Chor aufzunehmen – das waren 40 oder 50 Leute. Ich hatte mich zuvor mit dem Chorleiter getroffen und ihm die Arrangements gegeben, damit sie das einstudieren konnten. Anschließend haben alle zusammen in der Gruppe die Chorparts aufgenommen. Das war schon sehr aufwendig. Man musste z.B. einen Raum finden, der groß genug ist. Außerdem waren es Leute, die mit dieser Art von Musik nicht so vertraut sind. Und dann muss es vor Ort einfach klappen, da gibt es keinen Spielraum. Ich finde immer noch, dass das Ergebnis gut klingt, aber es waren schwierige Arbeitsverhältnisse.

Deshalb haben wir bei der letzten Platte „In Cycles“ (2016) und jetzt bei „The Makeshift Conqueror“ insgesamt acht Leute inklusive unseres Bassisten (Karl-Arnold Boarwé – Anm. d. Verf.) in eine Kabine gesteckt, während ich das Ganze angeleitet habe. Der Chor hat zuvor nichts einstudiert, sondern hat Stück für Stück die Parts aufgenommen, die ich jeweils vorgesungen oder vorgespielt habe. Der Chor bestand komplett aus Freunden oder Bekannten, von denen wir wussten, dass sie gute Sänger sind. Wir mussten uns also nicht um die Grundlagen kümmern.

Damit das Ergebnis dann so fett klingt, reichen acht Leute natürlich nicht. Stattdessen lässt du dann die Leute zehnmal singen. Du nimmst beispielsweise erst die Hauptstimme in der unteren, mittleren, oberen Oktave auf – je nachdem, wer stimmlich wohin kommt. Dann macht man dasselbe mit der Zweitstimme und anschließend vielleicht nochmal mit ein wenig anderem ‚Feeling‘ in der Stimme, je nach Song etwa ein bisschen Richtung „Kirche“ oder „Stadion“.

Am Ende klatscht man alle Spuren übereinander und hat dann quasi 70 bis 90 Stimmen. Das Ganze klingt dann zwar nicht ganz so wie ein echter Chor – mit 90 verschiedenen Stimmfarben ist das Resultat schon noch ein anderes -, aber 9×8 Stimmfarben ist zum Schluss auch ganz ordentlich. Der Vorteil ist natürlich, dass es logistisch einfacher und finanziell günstiger ist. Ich würde das jederzeit wieder so machen.

„Wenn man Lateinphrasen verwendet, hört sich das sowieso episch an.“

BURDEN OF LIFE (v.l.): Michael Schafberger, Christian Kötterl, Karl-Arnold Bodarwé, Matthias Babl

Und es klingt ja trotzdem gut!

Ja, ich finde auch, dass es echt fett klingt. Gerade wenn man wie bei „Geistesblitz“ Lateinphrasen verwendet, hört sich das sowieso episch an. (lacht)

(lacht) Aber Latein hast du nicht studiert, oder?

Nein, nein. Mein Latinum habe ich in der Schule zwar noch erfolgreich mitgenommen und ich habe die lateinischen Phrasen auch tatsächlich selbst geschrieben aber ich musste sie trotzdem korrigieren lassen. (lacht) So etwas unkorrigiert auf eine Platte zu packen, traue ich mich nicht mehr.

Beim Auftakt von „Goddess Of The River“ ist die Rhythmusgitarre interessanterweise im Vergleich zur Leadgitarre etwas in den Vordergrund gemischt, was dem sonst typischen Melodeath-Riffing einen progressiv anmutenden Touch verpasst. Entsteht so eine Idee beim Mix oder war das schon vorher der Plan?

Das ist eher eine Sache des Mixes. Ich notiere die Songs immer in der „Guitar Pro“-Software aus, wobei ich weniger auf den Mix oder Lautstärke-Verhältnisse achte. Das ist sowieso nicht meine Stärke, weshalb wir im Studio jemanden wie den Hubi (Hofmann, Produzent – Anm. d. Verf.) brauchen, mit dem wir gut zusammenarbeiten. Das ist ja auch keine rein technische Arbeit, sondern eher technisch-kreativ: Man muss es einerseits handwerklich können, aber auch ein Ohr dafür haben. Und das ist dann so eine Sache, wo er eher das Gefühl dafür hat.

Meine Aufgabe ist dagegen der kreative Part. Ob wir aber z.B. die Lead-Gitarre lauter oder leiser machen, sind Entscheidungen, die den Bandkollegen tatsächlich wesentlich wichtiger sind. Solange ich alles irgendwie höre und weiß, welche Spuren wo sind, reicht mir das eigentlich. Deswegen schätze ich auch den Input der anderen diesbezüglich sehr, weil sie ein besseres Gespür dafür haben. Vor allem derjenige, der einen bestimmten Part gespielt hat, gibt dann oft gutes Feedback.

Wo ich aber eher meinen Finger drauflege, ist die Melodie, die einfach so stimmen muss, wie ich sie mir ausgedacht habe. Das ist mir persönlich wichtiger.

„An den Arrangements wird im Studio nichts mehr umgeschmissen – das ist zu viel Aufwand!“

Bist du in der Hinsicht ganz rigoros oder gibst du auch Mal nach, wenn ein spontaner Vorschlag kommt?

Wenig… (lacht) Die Songs sind eigentlich zu mindestens 95% fertig, wenn wir ins Studio gehen. Aber ein paar Dinge gibt es schon: Der Babl (Matthias – Anm. d. Verf.), unser Schlagzeuger, hat mit die meisten Freiheiten, weil er als Erster aufnimmt. Es soll eigentlich schon alles so sein, wie es geplant ist. Aber wenn etwa am Ende einer Phrase ein Fill ein bisschen anders ist und cool klingt, kann man unter Umständen die Rhythmik der Gitarre im Nachhinein noch anpassen. Oder die Frage, ob wir eine Melodie zweistimmig, mit mehr Banding oder mit Tapping spielen – das sind aber auch Dinge, über die sich die anderen in der Band schon vorher Gedanken machen und die wir auch diskutieren. Im Studio ändern sich also Kleinigkeiten, aber nicht viel.

Das kostet ja auch Zeit und Geld, wenn man im Studio anfängt, hier und da etwas zu ändern. An den Arrangements wird dann nichts mehr umgeschmissen – das ist zu viel Aufwand.

Das glaube ich! Bei „Goddess Of The River” und “Regression (Goddess’ Return)” ist die Melodic Death Metal-Vergangenheit am prominentesten zu hören. Beide Songs erwähnen im Titel diese Göttin und scheinen sich textlich auch mit der Vergangenheit zu befassen. Das kann kein Zufall sein, oder?

Nein, das ist kein Zufall! Durch den Titel ist die Verknüpfung der beiden Songs ja eh schon klar. Ich finde die Komponente ganz interessant, die du aufzeigst: Die Texte beziehen sich auf Vergangenes und die Musik greift auch eher zurück. Das war nicht unbedingt beabsichtigt, aber das ist natürlich eine Ebene, auf der man das interpretieren kann.

„Goddess Of The River“ ist der älteste Song auf dem Album. Er ist ein bisschen älter als die anderen und war vor ein paar Jahren auch schon Mal auf einem Sampler unseres Labels (Noizgate Records – Anm. d. Verf.). Das habe ich übrigens schon mehrfach in Reviews gelesen – und finde es persönlich ja auch -, dass dieser Song mit am deutlichsten in die Vergangenheit schielt. Was aber wahrscheinlich auch daran liegt, dass er älter ist als die anderen Stücke.

Zum zweiten Teil „Regression (Goddess‘ Return)“: Es gab textlich noch etwas zu erzählen und der Song hat sich ein bisschen in die Richtung des anderen gelehnt. Es gibt einige Komponenten, die bei beiden Songs zusammenpassen, weshalb es sich angeboten hat, den Text weiter zu verfassen.

„Schon wieder eine Videospiel-Melodie“

Als wir die Band damals angefangen haben, waren CHILDREN OF BODOM eine sehr klare Orientierungsgröße.

Ich habe in meiner Kritik erwähnt, dass mich die Keyboards in „Sealing Our Fate” an die Soundtracks der alten „Castlevania“ oder auch „Final Fantasy“-Spiele erinnern. Im Intermezzo hört man das besonders deutlich – war das tatsächlich ein Orientierungspunkt?

Es war wahrscheinlich kein bewusster Orientierungspunkt, aber ich habe es total abgefeiert, dass das da drinstand. Ich bin ein riesiger „Final Fantasy“- und „Castlevania“-Fan, aber wahrscheinlich von „Final Fantasy“ noch ein bisschen mehr.

Zu dem Cembalo, das Instrument darin, gibt es für mich zwei Bezüge. Zum einen ist das die „Castlevania“-Musik. Ich spiele Videospiele seit ich ein kleines Kind bin und das hört man immer wieder Mal durch. Die Bandkollegen sagen zu mir manchmal bei neuen Songs, das sei wieder eine „Videospiel-Melodie“, die ich geschrieben habe. Das ist irgendwo tief in meiner DNS verwurzelt.

Die andere Parallele, die ich immer sehe, sind die frühen CHILDREN OF BODOM-Platten, weil sie das Cembalo darauf auch viel verwendet haben. Als wir die Band damals angefangen haben, waren CHILDREN OF BODOM eine sehr klare Orientierungsgröße. Das war einfach ganz banales Nachahmen. Wir fanden das einfach cool und dachten uns: „Das machen wir auch!“ Auf unserem allerersten Demo gibt es schon solche Parts. Das war immer eine ganz klare Referenz, aber die „Castlevania“-Parallele gefällt mir sogar noch besser (lacht).

(lacht) Freut mich! Das Duett „Trust My Own Heart“ ist eine waschechte (Power)-Ballade, das auf dem Piano beginnt. Entsteht so ein Song direkt am Piano oder ist die Gitarre für dich trotzdem der Dreh- und Angelpunkt beim Songwriting?

Ich spiele nicht gut genug Piano, um so etwas am Klavier schreiben zu können. Manchmal schreibe ich solche Sachen sogar völlig ohne Instrument, sondern einfach nach Gehör. Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wie es bei dem Song genau war. Ich glaube, die erste Akkordfolge habe ich auf der Gitarre komponiert und dazu im Kopf eine Melodie gehört, die ich dann aufgeschrieben habe.

Wenn ich dann eine grundlegende Idee habe, brauche ich ab einem gewissen Punkt oft kein Instrument mehr. Dann kann ich das einfach nach Gehör aufschreiben und ausnotieren. Ich bin kein Pianist, kann aber schon nachvollziehen, was man auf dem Klavier spielen kann. Trotzdem habe ich Luisa (Funkenstein – Anm. d. Verf.), die das Instrument eingespielt hat, die Noten geschickt. Ich habe sie um Rückmeldung gebeten, falls meine Komposition für das Klavier nicht „idiomatisch“ sei, also sich komisch anfühlt zu spielen. Es hat aber dann eigentlich so gepasst.

„Unser Bassist hat in seiner Studienzeit viel Theater gespielt.“

Zu dem Song habt ihr auch ein Musikvideo gedreht – der andere ist „Geistesblitz“, bei dem ihr Unterstützung von Studierenden an der Uni Regensburg bekommen habt. Wie kam da der Kontakt zustande?

Wir haben keine Unterstützung in dem Sinn bekommen, sondern wir haben die Leute ganz banal engagiert. Ich glaube es ist sogar ein wenig billiger, wenn der Großteil noch Studierende sind. Genau weiß ich das gerade nicht.

Es war jedenfalls relativ kurzfristig und da hat der Kontakt zur Uni tatsächlich geholfen, weil unser Bassist Karl (Bodarwé – Anm. d. Verf.) in seiner Studienzeit viel Theater gespielt hat und mit den Theater-Leuten an der Uni sehr verbandelt ist. Und weil er bei all den Leuten in recht guter Gunst steht, war das für uns logistisch relativ einfach zu mieten.

Einer der Schauspieler ist auch der Techniker des Theaters. Er war also die ganze Zeit vor Ort und konnte die Technik bedienen. Es war nicht so, dass wir uns irgendwie fremd fühlen und uns an alles herantasten mussten, sondern unser Bassist Karl hatte eben eine direkte Verbindung dazu, was es für uns einfacher gemacht hat.

Bevor wir zum Schluss kommen, habe ich noch eine Frage. Welche fünf Alben kannst du uns aus aktuellem Anlass denn für die Quarantäne empfehlen?

Ich liebe solche Fragen! Ich muss das dann immer sehr pflichtbewusst beantworten. In letzter Zeit habe ich wieder viel AC/DC gehört. Das sind Kindheitshelden von mir, die ich immer wieder gerne auspacke. Als Erstes braucht man einen Klassiker, einen alten und vertrauten Freund: „Back in Black“ von AC/DC – die geht immer.

Dann nehme ich „Someday Tomorrow Maybe“ von LOLA MARSH. Das ist ein Duo aus Israel, die eher poppig-akustische Musik machen. Ich finde das supergeil, das ist dieses Jahr bislang mein absolutes Lieblingsalbum

Vor Kurzem habe ich „The Wall“ von PINK FLOYD für mich entdeckt, auch wegen der Konzepthaftigkeit und der Opulenz. Ich wollte mich mit dem Album schon lange beschäftigen und habe es jetzt endlich nachgeholt. Ich musste die Platte vier bis sechs Mal anhören, bis es endlich geklickt hat. Ich mag PINK FLOYD an sich schon, aber in „The Wall“ musste ich mich reinhören. Inzwischen finde ich es total super.

Eine Punkrock-Platte, die mir kürzlich ein Kumpel empfohlen hat, ist „Eternity In Your Arms“ von CREEPER. Eine englische Band, sehr melodramatisch und dick aufgesetzt, aber sehr geil.

Und damit ich nicht völlig meine „Credibility“ verliere, nehmen wir noch eine richtig fetzige Metal-Platte. Weil ich es vorher erwähnt habe: „Hatebreeder“ von CHILDREN OF BODOM – ein Melodeath-Klassiker, den ich auch heute noch supergeil finde.

Dann haben wir jetzt auch noch einiges zum Reinhören! Danke, Kötti, dass du dir die Zeit genommen hast! Die letzten Worte gehören Dir!

Ich danke dir für das Interesse, das Interview und natürlich das tolle Review. Ich hoffe, dass jeder, der dieses Interview liest, auch Mal die Platte und unsere Band auschecken wird – und uns über das nächste halbe bis dreiviertel Jahr nicht vergisst, um dann auch Mal auf einem Konzert vorbeizuschauen! Ansonsten findet man uns heute ja leicht: Einfach den Bandnamen googlen oder auf Facebook, Bandcamp, Spotify etc. nach uns suchen. Das würde uns sehr freuen!

Florian Schaffer
Genres: Black Metal, Death Metal, Melodic Death Metal, Metalcore, Post Metal, Progressive, Rock, Thrash Metal.