ANVIL: Sei der Autor deines eigenen Schicksals!

ANVIL: Sei der Autor deines eigenen Schicksals!

An einem brütend heißen Tag Anfang August gaben ANVIL sich im Kölner Underground die Ehre. Nach dem starken neuen Album Hope In Hell war die Vorfreude auf eine ANVIL-Show groß und ich nutzte die Gelegenheit, den beiden Bandgründern und Freunden Lips und Robb vor dem Konzert ein paar Fragen zu stellen.

Hey! Wie geht es euch?

Gut, uns geht es gut.

Danke für euer neues Album Hope In Hell, das mir wirklich sehr gut gefällt. Ich fand This Is Thirteen ganz gut und habe Juggernaut Of Justice leider bisher nicht gehört (was ich auf dem Konzert umgehend geändert habe – Anm. d. Verf.), aber das neue Album hat mich echt umgehauen.

Robb: Wunderbar!

Hope In Hell ist jetzt ein paar Monate auf dem Markt. Wie sind die Reaktionen der Fans und der Presse?

Robb: Großartig, absolut großartig! Wir haben gerade angefangen zu touren und es läuft absolut fantastisch. Bad Ass Rock´n´Roll all the way! Wir haben jetzt vier Shows in England gespielt und die liefen alle super.

Ihr spielt jetzt auch in größeren Läden als vorher, oder?

Robb: Ja und nein. Wir spielen in vielen ähnlichen oder denselben Läden wie vorher. Wir spielen in großen Läden, in kleinen Läden…

Lips: Ganz ehrlich? Es interessiert mich einen Scheiß, wo wir spielen, solange wir einfach nur spielen. Das ist mein Ernst. Ich liebe es zu spielen, ich liebe es aufzutreten. Das Problem sind Leute mit einer negativen Einstellung, die denken, dass deine Band scheiße ist, weil wenn du in irgendeinem Rattenloch spielst.

Robb: Oder wenn die Läden nur halb voll sind, dann heißt es, ihr schlagt euch nicht gut. Die verstehen nicht, worum es geht. Es ist alles gut. Wir haben die Möglichkeit, so viele Konzerte zu spielen wie wir können, es ist also egal, ob die Läden groß oder klein sind. Wenn die Leute wissen, dass wir spielen, kommen sie auch. Es hängt alles von der Promotion ab. Wenn die Promotion scheiße ist, dann kommen die Leute nicht.

Lips: Es ist eine schlechte Einstellung, sich darüber zu ärgern, wenn man in einem miesen Laden spielen muss. Der heutige Auftritt ist so wichtig wie der gestrige und der Auftritt davor. Jeder Abend und jede Person ist wichtig. Wenn fünf Leute zum Konzert kommen, dann sind das die fünf wichtigsten Leute im Raum. Und sie werden dieses Konzert mit der Erinnerung an deinen Auftritt verlassen und diese Erinnerung ihr Leben lang behalten. Du solltest also einen guten Eindruck hinterlassen.

Das ist wahr, denn die kommen wieder, wenn die Show gut war.

Lips: Sie kommen wieder. Und nicht nur das. Sie erinnern sich daran, dass da nur vier andere Leute im Publikum waren und die Band so richtig gerockt und die Leute umgehauen hat. Das ist es, was die Leute hören wollen, was wir alle hören wollen: Dass die Band, die wir hören und lieben, ihre Sache mit Leidenschaft durchzieht und dass sie es liebt zu spielen, egal für wen und egal für wie viele Leute. Das ist der Schlüssel, das ist der richtige Weg. Schau mal, wie wichtig unser Auftritt im Marquee-Club 1982 in London war. Da gingen vielleicht 300 Leute rein. Wenn ich die Einstellung gehabt hätte, nicht im Marquee zu spielen, weil ich ja auf großen Festivals wie Donnington auftrete, hätte ich Sacha (Gervasi, Regisseur von The Story Of Anvil) niemals getroffen. Weißt du was ich meine? Alles zählt!

ANVIL:

Und du erzählst keinem Fan, der zu deiner Umkleide kommt, dass er sich verpissen soll. Du lädst ihn ein und redest mit ihm, wenn er reden will. Sei nett, du weißt nicht, wen du triffst. Jeder ist wichtig, alles ist relevant. Das ist die Einstellung, die du haben muss, sonst wirst du es zu nichts bringen. Das glaube ich wirklich!

Da bin ich absolut deiner Meinung, aber diese Einstellung hat nicht jeder.

Und das ist der Unterschied. Es gibt einige Bands, die erzählen, dass unsere Geschichte genau so ist wie ihre. Ach ja? Deine Geschichte? Und wieso ist Sacha dann nicht in deine Umkleide gekommen? Oder jemand ähnliches. Verstehst du, was ich meine? Ein großer Teil unseres Erfolges liegt darin begründet, wer wir sind. Das ist genauso wichtig, wenn nicht noch wichtiger als die Musik. Deine Einstellung ist wichtig. Du bist ein Arschloch? Dann ist die Chance groß, dass die Leute deine Band nicht mögen.

Ich mag den Rock´n´Roll-Vibe, den das Album versprüht. Es ist total anders als beispielsweise Plugged In Permanent, welche wohl eine eurer härtesten Scheiben war.

Lips: Das lag daran, dass wir zum damaligen Zeitpunkt unserer Karriere – als wir Plugged In Permanent aufnahmen – den Rock´n´Roll völlig aufgegeben hatten. Jetzt sind wir wieder da angekommen, wo wir angefangen haben.

Robb: Ja, wir haben wieder den Weg zu dem gefunden, was wir wirklich immer waren. Wir haben wieder gefunden, wofür ANVIL stehen. Wir sind wieder wir selbst. Daher war es einfach, dieses Album zu schreiben.

Ihr wart also ziemlich angepisst, als ihr Plugged In Permanent geschrieben habt?

Lips: Eine Menge Leute waren damals sehr enttäuscht von dem Album.

Robb: Das lag daran, dass wir nicht nach uns selbst klangen, sondern nach PANTERA oder SLAYER.

Das Album hat ein paar gute Songs, es klingt aber total anders als dass, was ihr jetzt macht.

Ja, absolut.

Hat der Albumtitel Hope In Hell eine tiefere Bedeutung oder war es einfach nur so, dass ihr einen cool klingenden Albumtitel mit drei Wörtern brauchtet?

Lips: Nein, nein, nein, da haben wir uns eine Menge Gedanken zu gemacht. Alles was wir tun ist bis aufs kleinste Detail durchdacht.

Robb: Der Song selber hat eine Message, und zwar eine positive.

Na klar, es geht um Hoffnung.

Robb: Genau! Den Hass loszuwerden und Liebe zu finden. Das ist ziemlich positiv.

Lips: Und wir meinen damit nicht unbedingt jemanden zu finden, in den man sich verliebt, sondern einfach die Dinge im Leben zu tun, die du liebst und die Dinge loszuwerden, die du hasst. Denn die Dinge, die du hasst, machen dein Leben zur Hölle – werde sie los! Du magst deinen Job nicht? Kündige! Such dir einen Job, den du magst. Dann ist es nicht mehr die Hölle. Es ist nicht zu spät, sei der Autor deines eigenen Schicksals! Ende der Geschichte.

Ja, einfach das machen, was man gerne tut.

Lips: Genau! Stell dir vor, jeder würde nur das tun, was er gerne macht. In was für einer Welt würden wir dann leben? Du würdest in einem Restaurant nicht vom Kellner unfreundlich bedient werden. Wie kann ich Ihnen helfen? Schön Sie zu sehen! – wäre das nicht toll, wenn jeder seinen Job gerne machen würde? Würde das die Welt nicht zu einem besseren Ort machen?

ANVIL:

Through With You scheint von einer Person zu handeln, die euch sehr enttäuscht hat. Was ist die Geschichte dahinter?

Ich denke das ist etwas, zu dem jeder einen Bezug hat. Jeder hat jemanden, der ihn mal verarscht hat oder etwas gesagt hat, aber etwas völlig anderes meinte. Von Leuten im Stich gelassen zu werden, die dir etwas bedeutet haben. Heraus zu finden, dass du ihnen nichts bedeutet hast. Es geht um niemand speziellen.

Robb: Nein, das ist eher ein generelles Thema.

Lips: Er könnte von meiner Ex-Frau handeln oder von meiner Ex-Freundin, mit der ich zusammen war, bevor ich geheiratet habe, er könnte auch von Glenn (Glenn Five, Ex-Bassist – Anm. d. Verf.) handeln. Keine Ahnung, ich habe mich einfach danach gefühlt, diesen Text zu schreiben.

Der Text von Flying behandelt Orte, an denen ANVIL schon aufgetreten sind. Von Tour-Müdigkeit seid ihr also weit entfernt?

Lips: Dabei fühle ich mich am lebendigsten, dann hat das Leben eine Bedeutung. Das ist das finden der Liebe, verstehst du? Wir tun was wir leben, das ist großartig! Das ist es, den Traum zu leben.

Robb: Die Fans wollen uns sehen und wir wollen für sie spielen. Wie könnte man das nicht wollen? Ich verstehe Musiker nicht, die keinen Bock haben, auf Tour zu gehen. Warum sind die dann im Musikgeschäft? Du musst für dein Publikum rocken! Wir lieben es!

Lips: Wir lieben es, die Fans zu sehen, uns mit ihnen zu treffen. Wir sind selber Fans!

Was waren denn die letzten Alben oder Konzerte, die euch als Fan umgehauen haben?

Robb: Richtig umgehauen? ULI JON ROTH habe ich vor kurzem live gesehen, und das war echt beeindrucken. Das hat mich echt um den Verstand gebracht!

Lips: Und MICHAEL SCHENKER!

Robb: Ja, MICHAEL SCHENKER auch. Aber ULI JON ROTH hat mich echt umgehauen. Er ist einer der letzten wirklich einzigartigen Gitarristen.

Lips: Der Kerl ist noch ein echter Hippie, das kann man in seiner Musik spüren.

Ihr habt drei digitale Singles für Hope In Hell auf Itunes veröffentlicht. Denkt ihr, dass so etwas für eine Band wie euch Sinn macht und dass ihr damit neue Leute erreicht?

Robb: Ich denke schon. Wir werden in eine paar Wochen auch noch ein paar Videos für Bad Ass Rock´n´Roll und Eat Your Words drehen.

Dreht ihr die hier in Deutschland?

Eine deutsche Firma wird das ganze durchführen, aber wir drehen in Schweden. Wir werden wohl irgendwas auf einem Feld oder in einer Lagerhalle drehen.

Aaaah, der klassische Metal-Videoclip.

Robb: Ja genau, das werden wir machen. Aber um auf deine Frage zurück zu kommen: Ich denke, du kannst immer neue Leute erreichen. Wir erreichen immer neue Fans. Wir waren gerade in Großbritannien und die Hälfe des Publikums bestand aus Leuten, die uns zum ersten Mal live gesehen haben.

Euer langjähriger Bassist Glenn Five hat die Band letztes Jahr nach sechzehn Jahren in der Band verlassen. Warum habt ihr euch getrennt?

Lips: Er hatte Erwartungen, die sich nicht erfüllt haben. Das war´s. Ich weiß nicht, was er erwartet hat, aber was immer es war, es ist nicht passiert.

Robb: Er hatte einfach unrealistische Erwartungen. Es ist eine ziemlich komplizierte Sache, aber das ist auch alles, was wir dazu sagen können.

Ich frage mich nur, was er für Erwartungen gehabt hat, nachdem er 16 Jahre bei ANVIL gespielt hat, und die Band jetzt stärker und erfolgreicher als je zuvor ist als in seiner Zeit bei ANVIL.

Robb: Es hat keinen Sinn gemacht.

Lips: Es macht immer noch keinen Sinn, aber weißt du was? Wenn es für ihn Sinn macht, dann alles Gute für ihn! Es ist nicht an mir, darüber zu urteilen. Ich wünsche ihm viel Glück bei was auch immer er macht und das ist alles. Er wollte nicht mehr weitermachen. Frag ihn, ich habe keine Ahnung. Das ist nur unsere Meinung.

Robb: Wir können auch nicht über alles in dieser Hinsicht reden.

ANVIL:

Das ist ok. Wo habt ihr euren neuen Bassisten gefunden?

Sal ist ein alter Freund, ich kenne ihn schon seit 1982. Vor einer Weile kam er zu einem Konzert von uns in New York. Und ein paar Monate später habe ich Ihn gefragt, ob er als Ersatz einspringen möchte. Wir haben dann eine US Tour mit ihm gemacht und es fühlte sich an, als wäre er schon immer in der Band gewesen. Als wir dann das neue Album aufnehmen wollten, haben wir ihn gefragt, ob er einsteigen möchte. Und es fühlt sich jetzt so an, als wäre er schon seit Jahren in der Band.

Ist Italiano sein echter Nachname?

Lips: Ja, das ist sein echter Name. Die Frage stellt irgendwie jeder.

The Story Of Anvil hat der Band einen großen Schub gegeben. Hat es euch überrascht, wie gut der Film angekommen ist?

Robb: Letztendlich hat das ganze Ding unsere, oder auf jeden Fall meine Erwartungen deutlich übertroffen. Das läuft uns immer noch nach, es hört einfach nicht auf. Es kommen immer noch Leute auf uns zu, die den Film gesehen und uns dadurch entdeckt haben.

Lips: Der Film wird immer noch im landesweiten Fernsehen gezeigt. In den USA läuft er heute Nacht auf VH1. Immer mehr Leute sehen den Film. Der Film lief sechs Monate im Kino, was für eine Dokumentation sehr ungewöhnlich ist.

Robb: Der Film wurde von über 100 Millionen Leuten weltweit gesehen. Es hört einfach nicht auf!

Wow! Wenn nur 1% dieser Leute ein
ANVIL-Album kaufen würde, dann währt ihr reich!

Robb: Dann wäre ich so glücklich wie noch nie in meinem Leben. Der Film ist einfach tolle Promotion und hat auch eine Welle losgetreten. Jede Band macht inzwischen einen verdammten Film. Ich habe heute erst gelesen, dass ACCEPT einen Film machen.

Ich versuche gerade, meine Freunde dazu zu bringen, sich den Film anzusehen. Ich denke, dass man sich den Film auch sehr gut ansehen kann, wenn man kein Metalhead ist.

Lips: Die meisten Leute, die den Film gesehen haben sind keine Metalheads. Alle möglichen Leute haben den Film gesehen, vom Müllmann bis zum Millionär. Beide haben denselben Film gesehen, aber beide sind keine Metalheads sondern Filmfans, ganz normale Leute. Die gehen nicht aus dem Film und kaufen danach ein ANVIL-Album.

Na ja, einige vielleicht schon.

Lips: Klar, aber das macht nur ein kleiner Teil dieser Leute. Wen dieser Film aber erreicht hat sind die jungen Leute, die vielleicht keinen Metal, sondern aktuelle Rock-Musik hören. Dann sehen sie diesen Film, und plötzlich finden sie Metal cool, weil sie uns in diesem Film gesehen haben und uns cool fanden. Und dann kommen sie zu unseren Konzerten und kaufen unsere CDs. Die hätten sonst niemals eine CD oder ein Shirt gekauft. Es kommen teilweise komplette Familien zu unseren Konzerten. Mütter, Väter, Großväter… Ehrlich! Leute in ihren Sechzigern.

Robb: Ich habe mir heute die Kirche hier angesehen, kennst du die? (Robb meint wohl den Kölner Dom, Anm. d. Verf.) Und plötzlich spricht mich dieser Typ an Heilige Scheiße! Robb Reiner! Was machst du denn hier?. Die Leute erkennen uns, das passiert überall.

Lips: Wir gehen irgendwo hin und die Leute rufen Hey, dass sind ANVIL!. Das ist verrückt!

Robb: Das ist mehr, als ich in meinem Leben erwartet habe.

Hier meldet sich der Promoter, dass die Zeit knapp wird und ich noch eine letzte Frage habe, wodurch einige geplante Fragen leider über die Klinge springen mussten.

Seid ihr inzwischen eigentlich erfolgreich genug, um eure normalen Jobs nicht mehr machen zu müssen seit der Film erschienen ist?

Eigentlich schon seit kurz davor, denn zu der Zeit, als der Film raus kam, waren wir auf Film-Festivals auf der ganzen Welt unterwegs.

Ok, vielen Dank für eure Zeit!

Danke für deine Unterstützung!

 

 

Fotos (c) SPV/Steamhammer
Live-Fotos (c) Daniel Orth / vampster.com

agony&ecstasy
Seit 2005 bei vampster und hauptsächlich für CD Reviews zuständig. Genres: Power, Speed und Thrash Metal, Epic Metal, Death Metal, Heavy Rock, Doom Metal, Black Metal.