ANATHEMA: Der Wunsch zu fliehen

Man kann wirklich nicht gerade behaupten, daß ANATHEMA vom Glück verfolgt sind. Die Jungs aus Liverpool sind nicht nur eine der unterbewertetsten Bands auf diesem Planeten, sondern hatten vor kurzem auch noch einen weiteren Besetzungswechsel zu verkraften, als ihr Bassist seinen Ausstieg bekannt gab. Dies und noch vieles mehr hier im Interview!

Man kann wirklich nicht gerade behaupten, daß ANATHEMA vom Glück verfolgt sind. Die Jungs aus Liverpool sind nicht nur eine der unterbewertetsten Bands auf diesem Planeten, sondern hatten vor kurzem auch noch einen weiteren Besetzungswechsel zu verkraften, als ihr Bassist seinen Ausstieg bekannt gab. Und nun kam noch ein weiterer Punkt hinzu: schlechtes Timing. Daniel Cavanagh und Les Smith von ANATHEMA weilten vom 30. bis zum 31. August in Deutschland, und wären sie nur einen Tag später in München gewesen, hätten sie ins Olympiastadion gehen können, um Zeuge zu werden, wie die deutsche Nationalmannschaft vom englischen Team in Grund und Boden gespielt wurde, vor allem dank der Liverpooler Spieler Owen und Heskey. Zu dumm, daß bei Plattenfirmen nur selten an Wochenenden gearbeitet wird.

Sei´s drum, wir trafen sie im Kölner Büro ihres Labels, wo sie immer noch mit den Folgen der Nacht zuvor zu kämpfen hatten, uns aber dennoch allerlei Interessantes über das Erwachsenwerden, das Austreiben der inneren Dämonen und positivere Stimmungen erzählten.

Euer Bassist Dave Pybus verließ die Band nur ein paar Wochen vor eurem geplanten Auftritt beim Euro Rock-Festival – wie kam es dazu, und wieso kehrte er ANATHEMA so plötzlich den Rücken zu?

LES: Naja, das ging schon eine Weile. Dave gab unsere Musik, unser Stil nicht mehr so viel, er wollte lieber was in Richtung Metal machen, weshalb er ausstieg. Ich finde nur, er hätte wenn schon uns verlassen sollen, bevor wir die Arbeit am neuen Album begannen und nicht erst danach, denn wie alle andere verbrachten wir ungefähr vier bis fünf Monate im Studio, während Dave gerade mal vier bis fünf Tage dort war. Sein Interesse war also augenscheinlich schon vorher erloschen.

Er hatte also keinen Anteil am Songwriting?

LES: Nein, diesmal nicht. Auf Judgement schon, aber nicht auf der neuen CD. Er hat natürlich mit uns geprobt, aber sein Engagement ließ schon zu wünscchen übrig, bevor wir am neuen Album zu arbeiten begannen. Er meinte, es wäre nicht sein Ding, nicht sein Stil, ihm gefiel es nicht besonders. Nun ist er eben auf Tour mit CRADLE OF FILTH (lacht). Ganz schön bizarr, der Musikeraustausch zwischen CRADLE und ANATHEMA.

Und als nächstes steigt er bei MY DYING BRIDE ein?

LES: (lacht) Ja, wahrscheinlich. Wir werden alle ANATHEMA verlassen und bei MY DYING BRIDE einsteigen.

Vielleicht schließt ihr euch einfach alle zu einer großen Band zusammen, hehe…

LES: Ja, vielleicht ist das die Lösung. CRADLE OF MY DYING ANATHEMA! (lacht)

Jedenfalls kam sein Ausstieg direkt vor euren Festivalgigs!

LES: Ja, wir hatten ein paar Auftritte anstehen und fragten ihn deshalb: Wirst du die Gigs mitspielen, Dave? – Nein. – O.k., dann müssen wir uns was überlegen. Letztlich holten wir George, einen befreundeten Gitarristen aus Liverpool, als Ersatz, und er lernte unser Set in einer Woche. Er war brilliant. Ich glaube, das waren die besten Shows, die wir je gegeben haben, z.B. das Festival in Budapest vor zwei Wochen. Das war ein großartiger Gig für uns, einer der besten Auftritte in unserer Bandgeschichte. Es passiert selten, daß wirklich jeder in der Band mit einer Show vollauf zufrieden ist. Normal läuft das so ab, daß Danny meint: Oh, Mann, das war geil! und Vinnie darauf: Nein, es war scheiße! und John: Nee, es war schon ganz o.k… So in der Art halt. Diesmal waren wir uns aber einig, daß diese Show großartig war. Sie hat uns total Auftrieb gegeben.

War George denn sehr nervös bei seinen ersten Auftritten mit euch?

LES: (lacht) Er war wirklich sehr, sehr nervös. Er hatte sowas noch nie erlebt zuvor, mit so vielen Zuschauern. Er zitterte am ganzen Leib, bevor er auf die Bühne ging, und war total runter mit den Nerven, aber er machte seine Sache wirklich gut.

Habt ihr ihn als vollwertiges Mitglied in die Band aufgenommen?

LES: Nein, ich glaube nicht, daß er das will. Ihm kommt das alles noch immer ein bißchen komisch vor. Ich kann das mir gut vorstellen. Er wurde da einfach so reingeworfen, plötzlich kamen Leute zu ihm und baten ihn um Autogramme… das hat ihn wirklich mitgenommen. (lacht) Vielleicht ändert sich das noch, aber ich denke mal nicht, daß er fest einsteigen wird. Im Moment ist der Posten des Bassisten offen, wir hatten aber noch nicht viel Zeit, über die Sache nachzudenken. Wir waren damit beschäftigt, Gigs klarzumachen und so. Wir werden dem Thema wohl in den nächsten Wochen mehr Aufmerksamkeit widmen. Die Namen von ein paar Leuten fielen schon, wir werden sie anchecken.

Aber die anstehenden Gigs wird er noch spielen?

LES: Ja, wir touren eine Woche in Holland und Belgien, wo er mit von der Partie sein wird. Er meinte, er würde uns solange aushelfen, bis wir jemanden gefunden haben. Lieb von Dir, George, danke! (lacht)

Wie war denn der Auftritt mit PORCUPINE TREE im Shepherds Bush Empire vor ein paar Monaten?

LES: Sie sind ein bißchen PINK FLOYD-lastig. Ich finde sie spitze. Ich kannte sie schon von einer Band, in der ich vor einigen Jahren war. Der Auftritt war gut, es war der erste Auftritt für uns nach fast einem Jahr Livepause. Er tat gut nach der Zeit im Studio. Die Band brauchte sowas. Unser letzter Gig lag schon so lange zurück, was wirklich ein seltsames Gefühl war, da meiner Meinung nach unsere Liveperformance unsere größte Stärke ist. Da wird unsere Musik zum Leben erweckt, und es war komisch, das so lange vermissen zu müssen. Es war wirklich wichtig für uns, daß wir rauskamen, um vielleicht wieder ein Stück weit in die Realität zurückzufinden. Es war cool.

Du bist nun ein festes Mitglied und du hast auch schon mit ANATHEMA bei Eternity zusammengearbeitet…

LES: Ja, und ich toure mit ihnen schon seit den The Silent Enigma-Zeiten, wir sind schon seit Jahren befreundet. Inzwischen bin ich voll eingestiegen, aber schon zu Eternity habe ich einiges beigetragen, was allerdings aufgrund von Managementbullshit und so nicht auf der CD vermerkt wurde. Anfangs fragte Vinnie mich: Hör mal, wir haben ein paar Auftritte anstehen, kannst du aushelfen? und ich meinte: Klar kann ich. Dann hörte ich einige Ideen für die neuen Songs, die mir unheimlich gut gefielen, so daß ich letztlich ziemlich in die Produktion involviert wurde. Wir haben viel mit Vorproduktion gearbeitet. Das komplette Material wurde zunächste auf meinem Computer digital aufgenommen. Ich fand, daß die Songs sehr reif und wirklich gut klingen, und nachdem ich ja CRADLE verlassen hatte, wollte ich dabei sein.

Wie kam es, daß ihr diesmal Nick Griffith als Produzenten ausgewählt habt?

LES: Anfangs wollten wir keinen Produzenten von außen haben, sondern alles selbst in die Hand nehmen. Aber unsere Plattenfirma meinte: Hört mal, wir haben da Kontakt mit diesem Typen, er hat mit Roger Waters und PINK FLOYD zusammengearbeitet. woraufhin wir sagten: O.k., mit dem wären wir einverstanden. Wir waren gerade in Liverpool an der Vorproduktion und er kam hoch für ein paar Tage. Wir kamen wirklich gut klar mit ihm, so daß wir mit ihm arbeiten wollten. Und es war wunderbar, absolut faszinierend.

Glaubt ihr, daß es für ihn leichter war als für alle andere, die Gesamtatmosphäre des Albums einzufangen?

LES: Er lieferte großartige Arbeit ab. Besonders aus Vinnie hat er einige wirklich starken Leistungen rausgekitzelt, aber auch aus dem Rest von uns. Es herrschte eine wundervolle Atmosphäre, und er versteht natürlich was von seinem Job. (lacht) Weißt Du, wenn er mit Roger Waters und PINK FLOYD zusammengearbeitet hat, sollte es auch für uns reichen.

Auf eurer Website habt ihr verlauten lassen, daß es eine schwere Zeit für euch war, in der ihr die Songs geschrieben und aufgenommen habt…

LES: Das ist es immer. Sowas geschieht nicht einfach so, man ist viel weg von der Familie, es gibt viele Diskussionen über dies und jenes. Es war eine lange, stressige Zeit, aber so läuft es nunmal. Wahrscheinlich haben wir´s dennoch besser als viele andere, aber alles gewinnt an Intensivität, wenn man so viel Zeit zusammen in einem kleinen Raum verbringt. Manchmal heizt sich die Atmosphäre da unnötig auf und du willst nur noch weg, kannst aber nicht. Aber es war o.k. im großen und ganzen.

Bruce Dickinson sagte derletzt in einem Interview, daß jedes Mal, wenn er ein Album veröffentlicht, ein Teil von ihm sterbe, weil es bis dahin etwas eigenes war, die eigene Vision, der eigene Traum, und dann wird es veröffentlicht und wird zu einer Nummer in einem Plattenladen; man gibt etwas bis dahin Privates weg an andere Leute. Könnt ihr euch mit dieser Äußerung identifizieren?

LES: Absolut. Das stimmt, das ist eine passende Analogie. Es ist ein reinigender Prozeß. Wer immer etwas künstlerisch oder speziell musikalisch Tiefgehendes in Angriff nimmt, muß da durch. Es wäre langweilig, auf Nummer Sicher zu gehen und etwas ohne Tiefe hervorzubringen. Man fängt an, diesen Prozeß zu brauchen, beginnt von vorne und merkt, daß man auf´s Neue da durch muß.

Wo seht ihr die Hauptunterschiede zwischen dem neuen Album und den vorherigen ANATHEMA-Alben wie beispielsweise Alternative 4 und Judgement?

LES: Ich denke, daß das Songwriting reifer geworden ist, ebenso das, was jeder Einzelne dazu beiträgt. Alternative 4 ging hauptsächlich auf Duncans und Dans Konto, während Judgement bereits ein wenig von allen beinhaltete. Das neue Album nun ist von uns als Einheit geschrieben worden. Es ist reifer, alles läuft irgendwie besser. Alternative 4 und Judgement sind für mich großartige Alben, aber die neue Scheibe ist ein weiterer Schritt nach vorne, und die nächste wird hoffentlich nochmals ein bißchen besser werden. Die aktuelle CD ist auch nicht mehr Metal, sondern eher klassische Rockmusik in meinen Ohren, wobei es aber immer noch nach ANATHEMA klingt.

Noch abwechslungsreicher, aber auch entspannter als z.B. Alternative 4 und Judgement, finde ich. Würdet ihr dem zustimmen, und wenn ja, wie kam es zu dieser Entwicklung?

LES: Ich stimme dir da auf jeden Fall zu. Jeder in der Band wollte in diese Richtung, da keiner von uns besonders glücklich damit war, stets als Metal-Band bezeichnet zu werden, weil wir das schlichtweg nicht sind. Wir verleugnen zwar nicht unsere Wurzeln, sind der Limitierung aber entwachsen. Jeder bewegt sich weiter, auch wenn diese Einflüsse aus der Ecke nach wie vor vorhanden sind. Wir versuchen nur, aus der Schublade ANATHEMA, das ist ´ne Metal-Band rauszukommen. Wir sind eine Band. Das ist alles. Eine Band mit einer großen Spannweite, was den Stil angeht. Wir möchten so viele Leute wie möglich mit unserer Musik erreichen und einfach nur als Band wahrgenommen werden. Nicht als Metal-Band, nicht als Rock-Band, nichts davon, einfach nur als eine Band.

Es ist nur traurig, daß ihr eigentlich schon seit der Veröffentlichung von The Silent Enigma stets mit PINK FLOYD und RADIOHEAD verglichen werdet.

LES: Schon, aber fast alle Bands werden mit irgendwelchen anderen verglichen.

Aber geht einem das nicht ein Stück weit auf die Nerven?

LES: Nur, wenn es ständig geschieht. PINK FLOYD bekommen wir immer wieder als Vergleich zu hören, und nun hat es ein wenig gewechselt zu RADIOHEAD. Es ist halt so, daß in jedem Interview, das wir geben, diese Namen fallen. Aber andererseits: Wenn man schon mit anderen verglichen wird – PINK FLOYD, RADIOHEAD, THE BEATLES – da kann man sich wohl kaum beschweren. Das paßt dann schon (lacht). Es könnte schlimmer sein. Man könnte uns mit SIGUE SIGUE SPUTNIK und BOY GEORGE vergleichen (lacht).

Wie kam es, daß Danny den Gesang in dem Stück Barriers übernommen hat?

LES: Nun, für Danny ist es ein sehr persönlicher Song, der er selbst singen wollte, und Vinnie fühlte sich nicht wirklich wohl dabei, einen derart persönlichen Text zu singen. Danny hat eine gute Stimme, also hat er´s übernommen. Der Song veränderte sich dadurch ganz schön. Es ist so, daß jeder in der Band Songs schreiben kann, jeder kann singen… wir wollen die Fähigkeiten von jedem von uns mehr einsetzen. Live werden wir mehr Backgroundgesänge verwenden, vor allem Danny und ich. Und auf der nächsten Platte haben wir vor, jeden von uns einen Teil singen zu lassen. So ist das nunmal bei uns in der Band: John spielt beim Songwriting auch Gitarre, ich kann ebenso mit der Gitarre umgehen, und Danny kann auch Keyboards spielen. Wir wollen, daß jeder mal alles macht, da so jeder von uns alles mögliche beitragen kann.

Bei Temporary Peace kommen am Ende zunächst diese esoterischen Klänge, die mich an diese Chillout-CDs erinnern, die man in diesen esoterischen Bücherläden kaufen kann, dann erklingt Murmeln und jemand, der What about dogs, what about cats, what about chicken? schreit. Was hat es damit auf sich? Wart ihr vollständig betrunken, als ihr das aufgenommen habt???

LES: (lacht) Das war witzig. Dieses Gebrabbel über Hunde, Katzen und Hühner, das ist alles John im Studio, beide Stimmen. Es war urkomisch, wir haben uns über ihn halbtot gelacht. Der Rest entstand, indem John mit einem Mini Disc-Recorder spazieren ging und dabei Selbstgespräche führte. Es klingt, als wäre er am Strand langgelaufen. Da dachten wir uns, das als einen Gag einzubauen. Nach dem eigentlichen Ende von Temporary Peace ist das Album für uns eigentlich beendet, wir hatten aber noch was übrig und dachten uns, daß wir da was drauftun sollten. Also kommt fünf Minuten Pause, bevor John da quasi am Strand entlanggeht und quasselt. Es ist für Leute, deren Muttersprache nicht Englisch ist, vermutlich ein bißchen schwer zu verstehen, was er so von sich gibt, aber es ist ein wenig so wie in den Texten, wo es um ein abartiges Hirn geht. Der Part amüsierte uns, er brachte uns zum Lachen, und deshalb landete er auf dem Album.

Das Coverbild wurde von Travis Smith angefertigt, auf eurer Website ist allerdings zu lesen, daß Vinnie sich um´s Artwork gekümmert hat, und im Info heißt es, daß es die Idee der ganzen Band war…

Les: (lacht) Nun, das war witzig. Ursprünglich stammte die Idee zu dem Konzept von mir. Vinnie und ich saßen während der Aufnahmen in einem Pub und wußten, daß wir uns so langsam um das Artwork kümmern mußten, hatten aber keine Idee. Dann meinte ich: Wie wäre es damit? So ein Geschäftsmann, am Strand, und nur die Spur der Kleider ins Meer. Diese Leute verschwinden, begehen aber nicht wirklich Selbstmord. Sie wollen nur den Anschein erwecken, um nochmal von Neuem anzufangen. Und warum nicht so? Daraufhin kam Vinnie mit was an, dann ich wieder und letztlich warfen wir alle in der Band unsere Ideen auf einen Haufen. Ursprünglich war es also meine Idee, die dann aber alle aufgriffen. Vinnie hielt Rücksprache mit Travis deshalb und er brachte neue Dinge hinein oder rearrangierte manche Sachen. Die Idee wurde aber von der Band ausgearbeitet.

Im Info ist zu lesen, daß der Titel als Symbol für eine Wiedergeburt steht nach einem vorgetäuschten Selbstmord – um die Waffen, die Pillen und die anderen Sachen zu entdecken, muß man aber schon genau hinschauen…

LES: Als wir die ersten Entwürfe sahen, wußten wir, daß es funktionieren wird, da wir etwas für ANATHEMA völlig Untypisches haben wollten, etwas, das vorgefaßten Vorstellungen von uns widersprach. Und wir mochten dieses Artwork, es gefällt uns sehr. Es prägt sich gut ein. Und wenn man dann genauer hinsieht, bemerkt man die Suizidelemente. Aber nachdem man sich die Songs angehört hat und noch genauer hinsieht, entdeckt man den Typen im Rückspiegel und fragt sich, ob es wirklich ein Selbstmord war.

Trotzdem kommt ja doch das Thema Selbstmord auf dadurch. (In diesem Moment kommt Danny, der vorher ein anderes Interview geben mußte, ins Zimmer.)

LES: Ja, wir bringen es zur Sprache, aber letzten Endes begehen nur sehr, sehr wenige Leute wirklich Selbstmord. Jeder kennt allerdings das Gefühl, das dahin führt, zusammen mit dem Wunsch, nochmal neu beginnen zu können ohne den Ballast der Vergangenheit, und darum ging es uns dabei eigentlich. Ich kann nachvollziehen, daß die Leute zunächst den Selbstmord sehen, aber wenn man genauer hinsieht, merkt man, daß es nicht darum geht. Was das Cover so passend macht, ist, daß jeder in einem gewissen Moment dieses Gefühl nachvollziehen kann, weg zu wollen und neu anfangen, jemand anders sein. Zugleich paßt es zur Band, da wir uns musikalisch auf gewisse Weise neu erfunden haben. Wir sind nicht, was ihr von uns denkt und erwartet. Daher erschien es uns so treffend.

Aber der Titel ist A Fine Day To Exit.

LES: (lacht) Ja.

DANNY: Stimmt, das kann dich ein wenig in die Irre führen. Das macht uns aber nichts aus.

LES: Wir wollten etwas, das sinnig ist, anstatt einen Albumtitel zu haben, der nichts mit dem Coverartwork zu tun hat. Wenn die Leute drüber reden… cool. Wenn es die Leute zum Nachdenken bringt, hat es seinen Zweck erfüllt.

Sich selbst mit dem Thema Selbstmord auseinanderzusetzen, das machen viele Leute doch sicher auch, um von der Idee Abstand zu gewinnen, indem sie darüber nachdenken, damit umzugehen lernen…

LES: Ja, die eigenen Dämonen austreiben statt ihnen freie Bahn zu gewähren. Das ist auch das, was man in einer Band oft macht. Als Musiker versuchst du, alles aus dir rauszuholen. Glücklicherweise haben wir eine Möglichkeit, das zu tun, vielen Leuten bleibt das versagt. Den meisten gelingt es nicht, die Dämonen rauszulassen in ihrem normalen Leben.

Viele Musiker sagen, daß es ihnen leichter fällt, negative Gefühle mit anderen Leuten zu teilen…

DANNY: Es klingt halt irgendwie auch cooler, wenn du über sowas schreibst. Es mag gar nicht mal so tiefgründig sein, aber es klingt cool. PINK FLOYD war z.B. gut, weil sie sich mit wirklich finsteren Themen auseinandersetzten.

LES: Fröhliche Songs, ich weiß nicht – traurige Riffs geben dir mehr musikalischen Spielraum. Und ein fröhlicher Text paßt einfach nicht zu einem düsteren Song.

Wenn man sich Happy Metal oder Schwanzrockbands anhört, hört man einen Song, und nichts bleibt davon…

DANNY: Ja, da mangelt es an Tiefe.

LES: Genau, es geht letztlich um gar nichts in solchen Songs, sie sind bedeutungslos.

DANNY: (singt) You never, never act the way you should, and I like it! (das ist wohl POISONs Talk Dirty To Me – Anm. d. Verf.)

LES: (lacht) Wirklich frei von jeglichem Sinn!

Wir können von dem Track also eine Coverversion auf eurem nächsten Album erwarten (lacht)?

DANNY: Jawoll, mit Geigen… und wir werden es rückwärts spielen!!! (Gelächter)

Es war mal die Rede von einem neuen Album im nächsten Jahr mit Akustikversionen alter Songs…

DANNY: Wir haben uns da noch nicht entschieden, da ja Peaceville die beiden Resonance-Alben rausbringt.

LES: Vor ein paar Monaten war das mal im Gespräch. Wir haben das schon lange vor, sowas wie akustische Unpluggedversionen zu machen. Doch dann standen die beiden zurückblickenden Best-of-Alben auf Peaceville an, weshalb es die falsche Zeit für sowas wäre, sonst käme einfach zu viel auf einmal von uns auf den Markt.

DANNY: Mir wäre es lieber, die Peaceville-Alben würden nicht rauskommen, so daß wir das Akustikzeugs in Angriff nehmen könnten, denn ich würde das gerne ausprobieren.

LES: Vielleicht beginnen wir damit, einige Versionen auf meinem Computer aufzunehmen, da wir ja die digitale Ausrüstung dafür haben. So können wir in der Zwischenzeit dran arbeiten und es irgendwann in der Zukunft veröffentlichen.

Von Fragile Dreams habt ihr bereits eine Akustikversion gespielt auf dem Euro Rock-Festival…

DANNY: Stimmt, das ist eine gute Version, mir gefällt sie besser als das Original.

LES: Manchmal spielen wir bei einem Auftritt beide Versionen, während dem eigentlichen Set die reguläre und am Schluß, wie in Budapest, diese Chillout-Version, bei der dort alle im Publikum mitgesungen haben. Das war Magie, absolut wundervoll.

DANNY: Es hatte was von Robbie Williams, wenn das Publikum so mitsingt (lacht). Fehlten nur noch die Feuerzeuge. Ich bevorzuge diese Version jedenfalls. Persönlich finde ich sie um Längen besser als die Rockversion.

LES: Ich mag beide sehr.

In den Texten findet man diesmal ein breites Spektrum an Gedanken zum Leben, zum Scheitern von Hoffnung und zu Desillusion, zu Stärke und zum Gefühl, verloren zu sein, zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft… würdet ihr sagen, daß ihr hier auch eine reifere Herangehensweise an den Tag legt?

DANNY: Auf alle Fälle, von meinem Standpunkt aus zumindest.

LES: Bevor wir mit dem Schreiben begannen, und jeder von uns wollte weg von der grenzenlosen Traurigkeit und hin zu etwas, das aussagekräftiger ist.

DANNY: Die Texte sind realitätsbezogener geworden.

LES: Wir bringen unsere ganz eigenen Gedanken ein und was aus ihnen geworden ist, statt uns vorzugeben: Hey, laß uns zu diesem Thema einen Song schreiben.

DANNY: Die Lieder an sich sind nicht wichtig, sondern das, was mit ihnen ausgedrückt wird. Das ist zumindest für uns das Wichtigste. Da stecken unsere Gedanken, unser Leben, unsere Beziehungen und all das drin. Die Songs an sich sind einfach nur Songs, mehr nicht.

Judgement zeigte von dir eine sehr persönliche Seite, du hast viel von dir auf dem Album preisgegeben – wie fühlst du dich dabei, derart persönliche Dinge mit anderen Leuten zu teilen, die, wenn sie die Texte lesen, erfahren, wie du über gewisse Dinge denkst, was du fühlst, z.B. bezüglich Beziehungen?

DANNY: Ja, irgendwie verrückt, nicht? Ich hab´ darüber aber weniger nachgedacht, als viele Leute glauben. Auf Tour merke ich es halt, wenn ich mit Fans in Kontakt komme, aber davon abgesehen widme ich dem nicht allzuviel Aufmerksamkeit. Es ist aber schon manchmal seltsam und jagt mir ein bißchen Angst ein, wenn ich daran denke, daß ich jedem mitgeteilt habe, wie ich mich fühle. Ich muß da vorsichtig sein, da ich niemand bin, der so etwas auf eine mysteriöse, versteckte Art und Weise mitteilen kann, sondern einer, der alles einfach direkt rausläßt: Verdammt, meine Mutter ist tot, ich bin total am Ende. Das ist die einzige Möglichkeit für mich, das rauszulassen. Wobei der Punkt jedoch nicht ist, Songs drüber zu schreiben und sich ansonsten völlig zu verschließen. Man muß die Probleme lösen, die in den Songs auftreten. Was bringt es, wenn ich rumsitze, einen Song drüber schreibe, wie großartig meine Freundin ist, wenn ich ihr das ansonsten nicht zeige. Am wichtigsten ist das Leben, das hinter den Songs steht.

Was beim Durchlesen eurer Kommentare zu den Songs auf eurer Homepage auffällt, ist der Widerspruch zwischen der Selbsterkenntnis und sich dem stellen, wer man ist und was man getan hat einerseits und andererseits dem Wunsch, von all dem zu fliehen…

LES: Jeder verspürt doch manchmal den Wunsch zu fliehen, oder? Ich denke, das ist ein weitverbreitetes Gefühl in jedem von uns. Jeder baut mal Mist oder bereut manches, was geschehen ist, das ist eine sehr verbreitete menschliche Erfahrung: Ich will hier raus und noch mal neu anfangen. Letztlich ist das Eskapismus, alles, was dazu gehört, das Trinken, die Drogen und der Neubeginn. Auf der Bühne zu stehen ist auch nichts anderes, es ist gewissermaßen nicht real.

Ist Eskapismus nicht wichtig manchmal, um mit manchem fertigzuwerden?

LES: Natürlich ist es das.

DANNY: Solange man sich nicht zu sehr darauf stützt, sicher.

LES: Es ist wie ein Druckventil, das man gelegentlich öffnen muß, um nicht verrückt zu werden. Man muß dem niederschmetternden Druck alltäglicher Depression gelegentlich entkommen können, und wenn es nur mal für eine Stunde ist, die die Monotonie des Alltags unterbricht, das kann schon genügen, um wieder von neuem den Druck auszuhalten.

DANNY: Man kann sich selbst auch nichts vormachen, das ist ebenfalls wichtig. Und was die Texte angeht: Sie behandeln doch nichts anderes als grundlegende psychologische Themen, oder? Kümmere dich um die Leute um dich herum, lüge dir nicht selbst was in die Tasche, setze dich mit dem Leben auseinander. Versuche, aus dir einen besseren Menschen zu machen, im Grunde geht es um nichts anderes.

Wie groß war eigentlich euer Anteil an den bereits erwähnten Best-Of-Alben Resonance 1 & 2?

DANNY: Wir wählten lediglich die Songs dafür aus, mehr nicht.

LES: Und Vinnie kümmerte sich um´s Artwork. Es stammt zwar von Travis, aber Vinnie wählte aus, welches genommen wird. Die CDs wren so eine Aktion Marke Schaut, das und das ist geplant, die Band hat die Wahl, daran mitzuwirken oder eben nicht. Veröffentlicht werden die CDs so oder so, also wollten wir wenigstens unseren Einfluß, was das Artwork und die Songauswahl angeht, geltend machen. Wäre die Entscheidung bei uns gelegen, hätte wohl keiner in der Band diese Releases befürwortet, aber die Entscheidung lag bei der Plattenfirma, nicht bei uns. Also wollten wir wenigstens Schadensbegrenzung üben. Hätte das Label die Songs ausgewählt, wäre das sicherlich grauenvoll geworden.

DANNY: Hammy von Peaceville will einfach ein bißchen Geld damit verdienen, das ist alles.

LES: Das Problem dabei ist, daß wir ja wie gesagt mit dem neuen Album die Voreingenommenheit mancher Leute gegenüber der Band mindern wollten, und das letzte, was in dem Moment passend wäre, ist eine Retrospektive…

DANNY: Stimmt, wir hätten darauf verzichten können.

LES: Aber uns blieb keine Wahl.

Findet ihr, daß er mit dem Release wenigstens bis nächstes Jahr oder so hätte warten können?

DANNY: Ja, er hätte wenigstens etwas Zeit zwischen der Veröffentlichung unseres neuen Albums und den Best-Of-CDs verstreichen lassen können.

Denkt ihr, daß das einen Einfluß auf die Verkäufe von A Fine Day To Exit haben könnte?

DANNY: Nein, das glaube ich nicht.

LES: Höchstens minimal, weil einige Leute verwirrt waren und dachten, daß Resonance unser neues Album wäre.

Interview: Claudia Feldmann / INVADER

Übersetzung: Rachendrachen