THY ROW: Unchained

Die Finnen THY ROW schütteln auf ihrem Debüt bissig groovenden Heavy Rock aus der Lederjacke, der mit gutem Gesang und melodieverliebten Gitarren punkten kann. Immer wieder verneigt man sich bei aller Catchyness in Richtung Power Metal: Fans der PRETTY MAIDS sollten das mal dringend anchecken.

Es gibt Promo-Zettel von Plattenfirmen, die lassen einen komplett ratlos zurück. So auch jener, den das – mir bisher unbekannte – Label Rockshots Records für das Debüt der Finnen THY ROW mit auf die Reise geschickt hat. „Für Fans der SCORPIONS, von MEGADETH und QUEEN“, heißt es da sehr unbescheiden, und man denkt sich: wie zur Hölle soll DAS denn klingen? Und ist das nicht ein bisschen hochgestapelt? Um es gleich vorweg zu nehmen: Das passt nicht, wirklich überhaupt nicht. Und natürlich bürdet man der Band damit Erwartungen auf, die sie schwerlich erfüllen kann. Was schade ist, denn man hat hier schon ein kleines Juwel am Start.

Nein, die Musik weist in eine andere Richtung: PRETTY MAIDS. Wir haben es hier mit jener Spielart des europäischen Hard Rock zu tun, der weniger bluesig tönt, sondern mit einschmeichelnden Melodien daher kommt. Der auch metallische Härten nicht scheut, sich gern mal in Richtung Power Metal verbeugt. Mit harmonieverliebten Leads und catchy Refrains, die manchmal hart an der Kitschgrenze vorbeischrammen. Aber so muskulös und spielfreudig vorgetragen, dass man auch locker dazu – sofern vorhanden – das Haupthaar kreisen lassen kann. Das alles spielen die fünf Finnen, ich werfe meine drei Groschen ins Phrasenschwein, so kompetent, dass man hier kein Debüt vermutet, sondern alte Hasen im Geschäft.

THY ROW: Europäische Catchyness trifft Heavyness

Zurück zum Promo-Zettel: THY ROW wurden 2017 gegründet, und bereits mit ihrer ersten EP „The Round“ konnten sie ordentlich Lorbeeren einheimsen. 110.000 Streams bei Spotify, so heißt es stolz im Pressetext, aber was noch bemerkenswerter ist: anschließend eine Tour mit BEYOND THE BLACK (jaja, schon gut) und den sehr geschätzten Tränentreibern SWALLOW THE SUN in Japan. Das ist ein guter Hinweis, schätzen doch die Japaner sehr diesen melodischen Hard Rock und Metal, zu dem man ganz wunderbar schwelgen und mitgrölen kann. Die wollen diese Lollipopness, die schreiben HARMONIE groß und doppeltgroß: BLIND GUARDIAN und GAMMA RAY.

Das liefern indirekt – wenn auch anders – THY ROW. Die Songs sind überwiegend einfach gehalten, sie sind verdammt eingängig. Was aber überhaupt kein Problem ist. Weil erstens die Melodien meist funktionieren und sich einprägen. Ein Punkt, wo viele zeitgenössische Hard-Rock-Bands scheitern. Weil es zweitens genug Raffinesse gibt, dass die Songs eben doch mehr sind als Lollipop. Die Songs grooven hart. Da sind Breaks, da sind melodische Lead-Gitarren, da sind gekonnte Soli und kleine Details, die die Nummern interessant machen. Und da sind Musiker, die talentiert sind, die was können. Das Zusammenspiel aus Lead- und Rhythmus-Gitarre funktioniert sehr gut. Immer wieder schälen sich melodische Soli aus den Songs, die mehr sind als Gegniedel. Atmosphärisch, stimmungsvoll. Die einen Mehrwert bieten.

Und da ist vor allem auch die Stimme. Ja sorry: Der Vergleich mit MEGADETH funktioniert schon deshalb nicht (Sorry, Dave!), weil Frontmann Mikael Salo einer der besseren seines Fachs ist. Eine raues und voluminöses Organ, vielseitig und markant. Er beherrscht die Screams und Höhen (es gibt da sogar kleine DIO-Momente), er beherrscht das Schmachtende in den ruhigen Passagen. Er kann, wenn es erforderlich ist, auch rotzig klingen, fast sleazig. Er singt variabel. Als Referenz bringt er einen vorherigen Job bei den Symphonic-Metallern EVERFROST mit. Sagte mir nichts, ich habe mal kurz reingehört: Die Band ist deutlich schwächer als das vorliegende Material. Es sei denn, Ihr steht auf Keyboards im Helene-Fischer-Stil und Hobbits-Geschunkel. Eher weniger zu empfehlen. Das hier ist sehr viel besser.

Bärenstarker Beginn: die ersten drei Songs rocken ordentlich

Nein: THY ROW machen keine Gefangenen. Bereits der Opener „Road Goes On“ ist ein bärenstärker Einstieg: ein muskulöser Hard-Rock-Song im mittleren Tempo, der sich verschiedener anderer Einflüsse bedient. Tatsächlich klingt hier ein wenig PRETTY MAIDS in den rockigeren Momenten durch. Und da müssen wir noch einmal auf die Gitarren zu sprechen kommen. Während die Melodien schon stark im europäischen Hard Rock und Metal verwurzelt sind, bieten sie mehr als nur gewohnte Kost. Harmonien, Baby, Harmonien!

Ich verwette einen Kasten Bier darauf, dass die Gitarren sogar ein wenig – wenn sie nicht traditionell grooven – Göteborg-Death-Metal-Flair verströmen. Das alles klammheimlich, quasi nebenbei: als Bestandteil einer eingängigen Rock-Nummer. Und natürlich schließt sich hier ein Kreis, denn auch die Göteborg-Bands haben sich ordentlich am klassischen Metal bedient: im Zweifel den doppelläufigen Leads von THIN LIZZY und IRON MAIDEN.

Auch der zweite Song „The Round“ hält das Level hoch. Bereits von der EP bekannt und im Grunde ein kleiner Underground-Hit (110.000 Klicks), steigt er ebenfalls mit melodischen Leads ein, um sich in einen souveränen Hard-Rock-Song mit ordentlich Härte zu verwandeln. Der Refrain fällt ein wenig ab: Aber ist immer noch gut genug, um die Zielgruppe mitzunehmen. PRETTY-MAIDS-Harmonien und klassischer Hard Rock treffen auf skandinavische Melodieverliebtheit. Kann was.

Und dann Song Numero drei: „Unchained“. Hier klingt die Band vielleicht am Traditionellsten. Ein Riff wie aus den tiefsten Tiefen der 80er Jahre, stampfender Beat: ACCEPT wären stolz darauf. Eingängiger Refrain. Manchmal fast in den Untiefen von AOR-Rock fischend. Wer aktuelle Vergleiche will: ähnlich haben das die Kanadier von STRIKER auf ihrem letzten Album kultiviert. Metalkutte trifft Aerobic-Stirnband.

Ziemlich geil ist auch die abschließende Cover-Version von X-JAPAN, eine 1982 gegründete Metal-Band aus dem Reich der aufgehenden Sonne, die wesentlich den Visual Kei-Style mitbegründet haben. Ihr wisst schon: Schul-Uniformen, androgynes Auftreten und ganz viel Schminke. Und die man kennen sollte, weil sie eben wegweisend waren. Die Nummer kommt als astreiner Speed-Metal-Song daher, teils in japanisch gesungen. Kann man anbiedernd finden, weil auf die Zielgruppe zugeschnitten, macht aber definitiv Laune. Und beweist nochmal die Wandelfähigkeit der Band. Das macht halt leider Spaß. „Embrace the Sound“, singen THY ROW: in diesem Fall gerne.

Und nein, das Album hält nicht durchgängig das hohe Niveau. „Horizons“ ist im Grunde auch eine gute Nummer: wieder diese harmonischen Gitarren, wieder breitbeinig rockend. Kann auch was, aber im Refrain werden die kitschigsten Momente von HELLOWEEN und Co. wachgerufen. Leider ein Hit, ja. Aber manchmal zu viel der Catchyness.

Fly high, touch the sky

Um kurz auf die Texte einzugehen: Hier gibt es durchaus auch ernste, persönliche Themen. Wenn nicht unbedingt auf Nobelpreis-Niveau. Man bewegt sich in endlosen Kreisen, man durchlebt schlaflose Nächte, man kollabiert und planiert (?) anschließend seine Wunden. Man weint seine letzten Tränen. Ja, ich habe das Textblatt nicht vorliegen. Aber, um auf den Song zurückzukommen: Im Refrain fliegt man dann doch über den Himmel, wo das Herz und die Träume wohnen, man blickt auf die Welt hinunter. Und alles ist nice. Okay. Da lösen sich die Konflikte dann allzu schnell in helloweenscher Happiness auf. Auch wenn man das sogar wieder als Qualität der Band herausstellen könnte: Erdiger Hard Rock trifft auf schwelgerischen Pomp der Marke HELLOWEEN, SONATA ARCTICA oder STRATOVARIUS.

Das bewusst modern tönende „Hidebound“ (mit Sprechgesang!) ist gar komplett ein Fall für die SKIP-Taste: nicht, weil dieser Song modern tönt. Sondern, weil das andere Bands weit besser beherrschen. Da hat man sich irgendwie vertan.

Macht nichts. Das Album besitzt genug gute Momente, dass Freunde des Hard Rock und melodischen Power-Metal europäischer Prägung hier zugreifen dürfen. Und auch im letzten Drittel des Albums gibt es noch Highlights. „The Downfall“, Part 2 und 3 (Teil einer Triologie): kompetent groovende, satte Power-Metal-Nummern. Wieder mit catchy Refrains und guten Soli. Wieder wundert man sich, dass dies hier von einer jungen Band auf ihrem Debüt dargeboten wird. Und ja: als PRETTY-MAIDS-Fan verströme ich hier schon kleine Freudentränen. Ob Hard Rock, ob europäischer Metal, ob egal was: Das Album wird einen Platz auf meiner Jogging-Playlist finden. Und ist eben ein echter Geheimtipp: Wert, angecheckt zu werden. Ja: Das hier ist geil.

Veröffentlichungstermin: 24.09.2021

Label: Rockshots Records

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THY ROW Digital Stream and Download

Line-up:

Mikael Salo – Vocals
Jussi Laulainen – Guitar
Ville Vase – Guitar
Juho Jokimies – Bass
Teemu “Snake” Laitinen – Drums

THY ROW “Unchained” Tracklist

1. Road Goes On (Video bei YouTube)
2. The Round (ft. Teemu Mäntysaari)
3. Unchained
4. Horizons (Video bei YouTube)
5. Hidebound (ft. Ben Varon & Ilja Jalkanen)
6. Just Fine
7. Down On My Knees (ft. Ben Varon)
8. The Downfall, Part 1: Killing All Inside
9. The Downfall, Part 2: Beyond Reason
10. The Downfall, Part 3: Fragments Of Memory (Video bei YouTube)
11. Blue Blood (X Japan Cover) *Japanese Bonus Track