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NEUROSIS: An Undying Love For A Burning World

Tränen der Freude und Jubelschreie sind erlaubt und gern gesehen: NEUROSIS bieten mit „An Undying Love For A Burning World“ die Conclusio für ihre Karriere und schenken ihrem Publikum ein Album, das sich selbst Optimisten nicht in tausend Jahren erträumt haben dürften. Das ist mindestens das Comeback des Jahres.

Es beginnt mit einem Schrei, denn die wichtigsten Transformationen beginnen nun mal mit einem Schrei. Wie bei der Geburt: Die werdende Mutter schreit, und auch das Baby, sobald es das Licht der Welt erblickt. Denn der Schrei ist wichtig, damit das Kind lernt zu atmen. Der Schrei stimmt uns ein auf die transformative Kraft einer Initiation, der Schrei sammelt Energie und Stärke. Doch der Schrei erstickt auch oft. In der Kehle des Rezensenten an einem Tag voller schlechter Nachrichten, wenn plötzlich, in der Gemüseabteilung stehend, die Nachricht eintrifft, dass NEUROSIS wieder komplett sind, mit Aaron Turner, und dass sie gerade eben ihr dreizehntes Album „An Undying Love For A Burning World“ veröffentlicht haben. Dabei braucht es auch hier einen Schrei, einen des Jubels, einen der Erleichterung. Denn das ist ein Full-Circle-Moment, und dieser muss laut und aus vollem Herzen begrüßt werden.

NEUROSIS setzen ein klares Statement – das macht schon der Titel „An Undying Love For A Burning World“ deutlich.

So wie NEUROSIS ihre Wiedergeburt mit einem Schrei begrüßen. „We Are Torn Wide Open“, schreien sie als Kanon des Schmerzes heraus. STEVE VON TILL sprach über das Thema der Entfremdung bereits vor einem Jahr, jetzt greift er das Thema mit der gesamten Band auf. Und wie könnte es nicht schmerzen? Immerhin fand auch in der Band eine Entfremdung statt. Dass NEUROSIS sich von SCOTT KELLY trennten, diesem scheinbar integeren Mann in der integersten Band überhaupt, hinterließ eine klaffende Wunde, auch in den Herzen der Fans. NEUROSIS schienen aber bereits zuvor müde. „Honor Found In Decay“ konnte man sich noch Schönhören, „Fires Within Fires“ hingegen zeigte die Band nur noch als traurigen Schatten ihrer selbst. Ob es nun an Neumitglied Aaron Turner (ex-ISIS, SUMAC) liegt, oder daran, dass die NEUROSIS ihre Kräfte gesammelt und wieder ihre Essenz gefunden haben, sei dahin gestellt, aber „An Undying Love For A Burning World“ zeigt die Band mit gereifter Perspektive und der Energie von vor 30 Jahren.

Und sie schreien sich die Lunge aus dem Leib in den ersten 50 Sekunden des gut einstündigen Werks. Sie reißen damit ein Tor auf: „Mirror Deep“ startet gleich mit einem brachialen Riff, Industrial-Grooves, und ist an Heaviness kaum zu überbieten, mit Vocals, die klingen, als platze der Brustkorb. Keine zwei Minuten nach diesem Auftakt schnaufen NEUROSIS erstmalig durch, nur um dann einen Gang hochzuschalten und die Intensität in der zweiten Hälfte nochmalig zu steigern. Das Spiel mit Dynamik und Geschwindigkeit beherrschen NEUROSIS noch immer. Aaron Turner erweist sich hier als einzig logische Möglichkeit, die klaffende Lücke zu schließen, und wird es im Laufe des Albums immer wieder beweisen. „Mirror Deep“ ist indes ein kompakter, aber weit ausholender Song, der in weniger als sechs Minuten absolut vollständig wirkt. Daneben steht mit „Untethered“ noch ein kurzer Song auf „An Undying Love For A Burning World“, der ebenso vollständig klingt, sich ins Gesamtbild einfügt und dennoch mit einem kleinen Amp Rep-Noiserock-Anteil leicht heraussticht.

Aaron Turner ist der Perfect Fit für „An Undying Love For A Burning World“: NEUROSIS klingen so relevant wie zuletzt im Jahr 2004.

Insgesamt dominiert bei NEUROSIS aber wie üblich das große Panorama und das große Epos. Mindestens acht Minuten dauern die meisten Stücke auf dem Album, die zwischen Verzweiflung, Wut und einer zarten Hoffnung pendeln. Freilich, „An Undying Love For A Burning World“ zermalmt mit seinen kratzigen und krachenden Riffs die Subtilität, aber sie ist nicht totzukriegen. „First Red Rays“ startet mit einem Riff, das einen echten Aaron Turner-Moment hat und erst langsam, dann im Uptempo eine Gesangsperformance bietet, die früher ein feuchter Traum gewesen wäre: Turner und VON TILL ergänzen sich derart gut als brüllende Sänger, dass die Luft wegbleibt. Der leise Mittelteil atmet einen Hauch psychedelischen Friedens mit sich umgarnenden Gitarren und Synthesizern, bevor die Härte wieder überhandnimmt und ganz am Ende STEVE VON TILL stimmlich Trost spendet, trotz der Instrumente am Anschlag. Ähnlich gewaltig ist „Seething And Scattered“, dessen Beginn wie ein Schlag ins Gesicht wirkt und dessen verspielter Mittelteil in ein lautes Noise-Crescendo übergeht.

Auch die Rhythmussektion ist auf diesem Album mit vollem Herzen dabei. Dave Edwardson, der endlich auch wieder seine unnachahmlichen Growls der Band schenkt, groovt mit einem stellenweise gewaltig verzerrtem, dann wieder mit einem atmosphärischen Post Punk-Sound. Besonders ergreifend ist Jason Roeders Performance. Der Drummer, der zwischenzeitlich seinen Rückzug aus der Musikwelt erklärt hatte, ist durch die neue Banddynamik so beflügelt, dass seine kräftigen Rhythmen ihre eigene Erlösung bieten. Die Rhythmen erden die Musik, wie in „Blind“, das mit seinem getragenen Tempo ein wenig nach „The Last To Know“ von „Times Of Grace“ klingt, ist aber dank des atmosphärischen Mittelteils von Noah Landis deutlich vielschichtiger. Wie STEVE VON TILL hier voller Trauer singt und Aaron Turner parallel als Gegenstück brüllt, kann man nicht umhin, als hier einen der ergreifendsten Momente des Albums zu erkennen.

NEUROSIS balancieren Dissonanz und Dynamik exzellent aus: „An Undying Love For A Burning World“ beweist, dass die Band ihr Handwerk nach wie vor beherrscht.

„An Undying Love For A Burning World“ ist ein Alles-Oder-Nichts-Album, ein ultimativer Moment in der Subkultur zwischen Metal, Hardcore und Punk. Es geht um Verbindung, daraus, das Schweigen zu brechen, angesichts der Verbrechen gegen den Planeten. Und damit letztendlich auch gegen alle Spezies, die Menschheit eingeschlossen. Wie sich im Angesicht dieser großen Katastrophen NEUROSIS erheben und so direkt wie nie zuvor ihre Agenda kommunizieren, ist Statement genug. Dass dieser Auftritt so wirkmächtig ist, spricht für die große Lücke, die NEUROSIS in den letzten Jahren hinterließen, die weder CULT OF LUNA, noch AMENRA oder THE OCEAN zur Gänze schließen konnten. Somit sorgt dieses Album, diese wiedererstarkte Band für eine universelle Verbindung – und das kann gar nicht hoch genug angerechnet werden.

In den letzten beiden Songs fährt „An Undying Love For A Burning World“ dann die ganz großen Momente auf. „In The Waiting Hours“ startet dabei sehr leise, daraus bricht nach zweieinhalb Minuten aber das Riff heraus, das für Tage im Gedächtnis bleibt. Dieser Moment ist der vielleicht größte, den NEUROSIS in dieser Stunde bieten. Die Variationen, die daraus entstehen, sind gehaltvoll genug, um die zehn Minuten immer wieder aufwallen zu lassen, bis die Riffs an den Emotionen der Musiker brechen. Die Steigerung dessen ist „Last Light“, das innovativste der acht Stücke. Es beginnt rein elektronisch, mit einem nervösen Beat und Synthesizer-Drones, über die Aaron Turners Stimme in Hysterie abgleitet. Nach zweieinhalb Minuten erwächst daraus ein klassischer NEUROSIS-Song, der sich glazial und mit unbändiger Kraft über das Intro schiebt. In fünf Sätzen zwischen Verzweiflung, Wut und Hoffnung bewegt sich der Song in seinen siebzehn Minuten etwas fragmentarisch dem Ende des Albums entgegen. Und ja, er hätte gestrafft werden dürfen – „Last Light“ mit seinen prophetischen Lyrics ist aber als solches schon ein selbstbewusstes Statement; da darf es auch den großen Auftritt bekommen.

Mit „An Undying Love For A Burning World“ wird das Erbe bewahrt und die Geschichte fortgesetzt: NEUROSIS schenken ihren Fans einen Full Circle-Moment.

„An Undying Love For A Burning World“ ist einer der definitiven NEUROSIS-Momente, wie bereits „Enemy Of The Sun“, „Through Silver In Blood“, „Times Of Grace“ und „The Eye Of Every Storm“. Ein Album, das für sich steht, mehr als jedes andere zuvor, sich aber dennoch stimmig in die Diskografie der Band einfügt. Mit leichten Anpassungen, nicht nur geschuldet durch Aaron Turner, sondern auch durch ein leichtes Öffnen des eigenen Stils. Dazu gehört natürlich auch, dass der 2024 verstorbene Steve Albini als langjähriger Produzent ersetzt werden musste. KOWLOON WALLED CITY-Gitarrist Scott Evans ist als Toningenieur für Aufnahmen und Mix aber eine exzellente Wahl – sein Sound ist frisch und absolut voluminös; trotz der Heaviness ist jedes Detail zu erkennen. So maßgeblich Steve Albinis Produktionen auch waren, und so sehr Albinis Erbe bewahrt werden muss: Dieses Album klingt besser.

Dass NEUROSIS überhaupt wieder zurückgekehrt sind, zeugt von Ermächtigung. Und somit konnte dieses Album gar nicht schiefgehen, selbst wenn die Musik darauf völlig misslungen gewesen wäre. Dass NEUROSIS zehn Jahre nach ihrem bisher letzten Werk eines der besten Alben ihrer Karriere glücken würde, war noch vor zwei Wochen völlig undenkbar. So ist „An Undying Love For A Burning World“ ein Statement, ein stures Nicht-Aufgeben-Wollen angesichts dessen, auf das die Menschheit zuzusteuern scheint. Aber Aufgeben ist keine Option, nicht für Menschen mit dem Ethos von NEUROSIS, nicht für ihr Publikum, egal wie schwer die Wolken über dem Firmament hängen mögen. Denn es existiert noch Verbindung zwischen den Menschen, nicht zuletzt durch die Kraft der Musik. Dieser Urschrei namens „An Undying Love For A Burning World“ ist der lebende Beweis dafür.

VÖ: 20. März 2026 (digital) / 15. Mai 2026 (CD, LP, Tape)

Spielzeit: 63:30

Line-Up:
Jason Roeder – Drums
Aaron Turner – Guitar, Vocals
Steve Von Till – Guitar, Vocals
Dave Edwardson – Bass, Vocals
Noah Landis – Synths, Samples, Vocals

Label: Neurot Recordings

NEUROSIS „An Undying Love For A Burning World“ Tracklist:

1. We Are Torn Wide Open
2. Mirror Deep
3. First Red Rays
4. Blind
5. Seething And Scattered
6. Untethered
7. In The Waiting Hours
8. Last Light

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