NEUROSIS: The Eye of Every Storm

NEUROSIS: The Eye of Every Storm

Was soll man über ein Stück Musik sagen, das einem jegliche Luft zum Atmen abschnürt, einem keine Gelegenheit zum Atmen lässt, einen in tiefe Abgründe fallen lässt um ihn wenige Zentimeter vor dem Boden wieder aufzufangen? Wie soll man das nicht Greifbare beschreiben? Ja, NEUROSIS, die Meister des stilvollen Weltuntergang und seit jeher Visionäre, schicken sich erneut an um zu zeigen, dass sie es schlicht und ergreifend am besten verstehen, Musik jenseits gängiger Kriterien abzuliefern.

The Eye of Every Storm ist ein Zeugnis der Reife dieser Band. Während schier undurchdringliche Monolithen wie Enemy of the Sun oder Through Silver in Blood einem das Rückenmark zerquetschen, wirken weniger ungestüme Meisterwerke wie Times of Grace und A Sun that Never Sets wie ein langsamer Reifeprozess. Die Musiker, inzwischen Familienväter, legen Wert auf Melodien, einen Ausgleich von Negativ und Positiv, merken, dass in der Ruhe viel Kraft liegt, vielleicht mehr als in nihilistischen Noise-Attacken im Stil von Eye oder Raze the Stray. Diese manischen Ausbrüche sind entgültig Geschichte, NEUROSIS sind erwachsen geworden.

Von The Eye of Every Storm geht abermals große spirituelle Kraft aus, man kann dieses Album unmöglich nebenbei hören, muss sich konzentrieren und öffnen. Die riesigen Soundwände erscheinen in Surround, aus jeder Ecke kommen Effekte, wahnwitzige Samples und mächtige Gitarren türmen sich, doch so dezent, dass man es nur sehr selten als heftig auffasst. In Bridges beispielsweise wird man vom Refrain erschlagen, der nur mit Gesang und einem verzerrten Gitarrenriff auskommt. Solche argen Kontraste gibt es im laufe der 70 Minuten nicht selten, dennoch überwiegt die Ruhe deutlich. Die lauten Teile wirken dadurch nur noch besser und das für NEUROSIS typische Armageddon kommt dadurch ebenso gut zur Geltung wie auf den alten Scheiben – nur anders.

Jeder Song auf dem mittlerweile achten vollem Album der Band drückt perfekt aus, was NEUROSIS immer versucht haben zu erreichen: Nach neuen Ausdrucksformen zu suchen und dennoch sich selbst treu zu bleiben. Das predigen viele Bands, aber nur (und damit meine ich AUSSCHLIESSLICH) NEUROSIS schaffen dies. Das liegt einerseits daran, dass sie sich nie irgendwelchen Zwängen unterwarfen und dass man die bandtypische Ehrlichkeit, die seit eh und je besteht immer noch raushört. Diese kreative Einheit basiert auf fünf Musikern, die in den vielen Jahren zusammenwuchsen und nun untrennbar sind.

Den Biss haben NEUROSIS nicht verloren. Die ersten Töne des Albums gehören dem Song Burn, der Anfangs melodisch und sehr heavy, danach subtil und psychedelisch ist, um am Schluss mit einem noisigen Ausbruch den Hörer zu verstören. So funktioniert das gesamte Album, geht nur von Song zu Song tiefer. Wer nach dem Titelsong meint, es ginge nicht mehr intensiver und intimer, der muss sich durch Left to Wander kämpfen, in dem zum ersten Mal seit Jahren wieder Tribal-Beats anstehen, über die zu allem Überfluss noch sehr noisige Synthis gelegt werden. Doch danach wird der Song wunderschön. Gleiches gilt für Songs wie das mehr als monumentale Bridges, das wunderbare Instrumental Shelter und No River to Take Me Home.

Deutliche Verbesserungen gibt es bei Scott Kelly´s und Steve von Till´s Gesang zu hören, die vielen Nebenprojekte haben sich deutlich bemerkbar gemacht. Die beiden Sänger klingen reifer, sicherer. Tom Waits war dabei vielleicht ein Einfluss, jedenfalls kommt gerade Scott Kelly ihm sehr nahe. Auch Noah Landis und seine Synthis sind gewachsen, er setzt in den recht minimalistischen Songs viele ungewöhnliche Effekte ein, die überraschend und neu, aber niemals unpassend wirken. Überhaupt passiert enorm viel in den Songs, selbst wenn diese von wenigen Teilen zusammengehalten werden. Die Stücke haben viel Platz zum Atmen, funktionieren in monumentaler Länge und entfalten sich von Minute zu Minute mehr.

Langer Rede, kurzer Sinn: The Eye of Every Storm ist das erwachsenste und ehrlichste Album der Band bisher. Wahre Fans werden von diesem Werk mit Sicherheit nicht enttäuscht sein, die werden es lieben. In den ganzen Jahren, in denen ich dieser Band schon folge, fühlte ich mich noch nie so sehr darin bestätigt, niemals hat mich die Musik von NEUROSIS tiefer berührt. Bevor mir die Superlative ausgehen, möchte ich allen Fans emotionaler und eigenständiger Musik raten, dieses Album in ihr Herz aufzunehmen und dort zu bewahren. Unfassbar.

Veröffentlichungstermin: 28. Juni 2004

Spielzeit: 68:47 Min.

Line-Up:
Scott Kelly – Guitar and Voice

Steve von Till – Guitar and Voice

Dave Edwardson – Bass

Jason Roeder – Drums

Noah Landis – Keybpards, Synths, Sound Manipulation

Produziert von Steve Albini und NEUROSIS
Label: Relapse Records

Homepage: http://www.neurosis.com

Tracklist:
1. Burn

2. No River to Take Me Home

3. The Eye of Every Storm

4. Left to Wander

5. Shelter

6. A Season in the Sky

7. Bridges

8. I Can See You

Captain Chaos
Ehemann, Vater, Musikenthusiast, Plattensammler, Trauerbegleiter, Logistiker, Autor, Wandergeselle