NEUROSIS: Through Silver in Blood

Wenn man Musik hört, die aus der tiefsten Seele eines geschundenen Menschen stammt, dann wird man infiziert.

Was formt einen Menschen? Welche Begebenheiten passieren, damit ein Mensch sich verändert? Welche Werte, die einem Menschen mitgeteilt werden, beeinflussen sein Leben? Hat Musik einen Einfluss darauf? Haben Texte einen Einfluss darauf? Wir nähern uns dem Hauptthema. Was hat mein Denken auf musikalischer Ebene verändert und damit auch auf persönlicher? Wenn man Musik hört, die aus der tiefsten Seele eines geschundenen Menschen stammt, dann wird man infiziert. Ob mit Ablehnung oder tiefster Bewunderung, das muss der Hörer für sich entscheiden.

Mein erster Kontakt mit NEUROSIS war vor vielen Jahren, der erste Song hieß: Locust Star. Damals, als ich die Bedeutung dahinter noch nicht gänzlich erfasst hatte, war es einfach nur fett. Doch hinter dem ganzen Album Through Silver in Blood steckt mehr. Etwas ominöses, persönliches, unmöglich greifbares. Etwas, dass Assoziationen weckt. Als ich Through Silver in Blood als Ganzes zum ersten Mal gehört habe, war ich wie hypnotisiert. NEUROSIS zogen mich sogleich in ihren Bann. In einen Strudel, farblos, schwarz, kalt. Und doch voller Gefühl, voller Hilflosigkeit, voller Wut. Das raue, bodenständige Soundgewand von Billy Anderson beleuchtet dies perfekt. NEUROSIS steckten in einer tiefen Depression, die sie nur durch ihre Vision überwinden konnten, so entstanden der Titeltrack, Eye, Locust Star und Aeon. Mit den blanken Fäusten durch die Wand, nur um ein paar Sonnenstrahlen aufzufangen, mit den nackten Füßen über Glasscherben nur um zu fühlen.

Der Schmerz der sich in den dissonanten Gitarren, den verstörenden Samples und Keyboards, dem charismatischem Drumming, dem Gebrüll von Dave Edwardson und dem Geschrei von Scott Kelly und Steve von Till manifestiert verkehrt sich selten, aber ganz klar ins Positive. In Purify und Strength of Fates erstrahlen Sterne am Himmel, die zeigen, dass man durch Schmerz gereinigt wird. Hier wurde bereits der Grundstein gelegt für das, was später zu Times of Grace wurde. Für mich bedeutet Through Silver in Blood nichts anderes als die pure Katharsis. Man möchte schreien, heulen, zittern, nur um zu fühlen. Dass dies nicht in drei Minuten gezeigt werden kann ist klar, deshalb sind fünf der neun Songs gut zehn Minunten lang. Man wird befreit durch die Klänge, die NEUROSIS hier einsetzen. Seien es donnernde Gitarren und zermalmende Drums, seien es leise Gitarren, sei es die traurige Geige, die für erstaunliche Kontraste sorgt, sei es der eingesetzte Dudelsack, der nur eins bedeutet: Du bist der Freiheit ein Stück näher gekommen. Das ist eine Kopfsache, ganz klar. Aber dieses Album schärft den Blick für das Wesentliche.

Umgeben von Mittelmäßigkeit, Herzlosigkeit, indentitätslosem Dreck, egal wo man hinsieht, auch in der ach so alternativen Metalszene, ist dieses monolithische Album eine Insel. Hier ist alles echt, nichts ist gekünstelt. Und genau deshalb haben NEUROSIS mit diesem Album eine ganze Horde anderer Bands und Künstler inspiriert. Wie sich Strength of Fates aufbaut, wie Eye den ganzen Hass eines Menschenlebens ausspuckt und wie Aeon den Mittelweg zwischen Lärm und Schönheit findet ist es kein Wunder, dass Through Silver in Blood nichts anderes ist als ein Meilenstein für diejenigen, die nach mehr suchen als nach coolen Riffs und schmissigen Songs. Viele fühlen so. Und allein deshalb gibt es heute ISIS, CULT OF LUNA, BURST, CALLISTO, ENVY, THE END, aber auch DISBELIEF und zahllose andere Bands in dieser Form überhaupt. Andere die so fühlen, wie die Person, die sich durch dieses Album gefangen nehmen lässt.

NEUROSIS gingen immer ihren eigenen Weg und entwickelten sich von Album zu Album weiter, ohne ihre Wurzeln aus den Augen oder ihre Integrität zu verlieren. Und ihre Fans folgen ihnen. Weil sie wissen, dass es ehrlich ist was sie machen, aus Liebe zur Musik, aus Liebe zu sich selbst und ihrer Umwelt. Um jedes Mal aufs Neue sich selbst zu finden. Wie man sich fühlt, nachdem Through Silver in Blood zu Ende ist? Nun, dafür gibt es kein Rezept. Manche werden bedrückt sein, sie werden meinen, das Ende der Welt gesehen zu haben. Andere werden befreit sein, da sich in dieser Musik das manifestiert, nach dem sie schon immer gesucht haben: Aufrichtigkeit, Vision, ein klares Bewusstsein. Hier kommt es nicht auf das wie sondern das was an, denn NEUROSIS erschaffen mit ihren Mitteln eine ganze Welt, die es zu erforschen gilt.

Wie klingen NEUROSIS? Wie NEUROSIS. Eine andere Antwort kann es auf diese Frage nicht geben, da das Quintett aus Oakland zu den letzten Unikaten der Musikwelt zählt. Das war so vor zehn Jahren, als Through Silver in Blood erschien, das ist auch heute so. Und sogar vor zwanzig Jahren, als NEUROSIS sich gegründet haben war es so. Hätte ich vor vielen Jahren diese Band nicht kennen gelernt, wer weiß ob meine innige Liebe zur Musik jemals so vertieft geworden wäre. Vielleicht würde ich jetzt in einer Tanzband spielen oder statt Artikel zu schreiben Seifenopern schauen. Hier hängt das Herz der Musiker und das Herz des Hörers dran. An dieses Album, oder besser, dieses Kollektiv verpfändet man es gerne. Weil man weiß, dass NEUROSIS es mit Respekt behandeln.

Veröffentlichungstermin: 30. April 1996

Spielzeit: 70:38 Min.

Line-Up:
Scott Kelly – Guitars, Vocals
Steve von Till – Guitars, Vocals
Dave Edwardson – Bass, Vocals
Noah Landis – Keyboards, Samples, Synthesizer
Jason Roeder – Drums, Percussion
Pete Inc. – Visuals

Produziert von NEUROSIS und Billy Anderson
Label: Iron City Records

Homepage: http://www.neurosis.com

Tracklist:
1. Through Silver in Blood
2. Rehumanize
3. Eye
4. Purify
5. Locust Star
6. Strength of Fates
7. Become the Ocean
8. Aeon
9. Enclosure in Flame