NEUROSIS: Honor Found In Decay

NEUROSIS: Honor Found In Decay

Ob sich NEUROSIS mehr denn je dem eigenen Tod bewusst sind? Dass alles vorbei sein wird, der Körper verwelkt, der Geist nicht mehr sein wird, nur das übrig bleiben wird, was zu Lebzeiten erschaffen wurde? Honor Found In Decay, das klingt so, als würde jemand in den vergilbten Bildern seiner Vorfahren wühlen und dort so manche Überraschung finden. NEUROSIS haben fünfeinhalb lange Jahre nach Given To The Rising das Gegenstück zu diesem Album entwickelt. Weniger stürmisch, weniger wild, dafür todtraurig, mit einem kleinen bisschen Trost versehen, ganz in Moll gehalten. Allein der Titel Honor Found In Decay strahlt eine Würde aus, die nur wenige haben. Das Artwork zeigt es: Ein Altar, der sich mehr der Vergangenheit widmet als der Zukunft, der die Erinnerung als heiliger erachtet als eine Idee des Zukünftigen – das vermitteln NEUROSIS mit heiligem Zorn und biblischer Schwere.

Wo die Vergangenheit ist, ist auch die Zukunft, möchte man meinen. Diese Zukunft ließ fast schon etwas zu lange auf sich warten. Bei aller gespannter Erwartung, bei aller Vorfreude, spielt auch ein wenig die Angst vor Honor Found In Decay mit. Fünfeinhalb Jahre, das lässt vermuten, NEUROSIS hätten sich verzettelt und am Ende einfach das genommen, was übrig blieb. Denkst du das? Dachte ich das? Dabei kennen wir doch NEUROSIS, die nur dann etwas veröffentlichen, wenn es ihrem eigenen Standard entspricht. STEVE VON TILL und SCOTT KELLY hatten in den letzten Jahren glücklicherweise alle Hände voll zu tun, so dass sie sich mental öffneten. Heraus kommen dezent neue Einflüsse im Klang der Post-Hardcore-Erfinder, ganz ihrem Umfeld entsprechend.

Dass Ideen, die aus Richtung SHRINEBUILDER, genauer gesagt dem Part von OM und WINO, kommen macht ebenso Sinn, wie klare, doomige Gitarrenläufe im Stil von EARTH. Das heißt nun aber nicht, dass NEUROSIS neue Akzente setzen können. Getreu dem Motto: Einen alten Baum verpflanzt man nicht. Seit zehn Jahren wird um einen Fixpunkt herum die alte Idee zu immer neuem Leben erweckt, was auch ein stetes Gefühl der Vertrautheit bedeutet. Überraschungen gibt es trotzdem immer wieder. The Eye Of Every Storm war fast schon poetisch-ruhig, Given To The Rising war brachial, Honor Found In Decay ist ein Begräbnis, verwurzelt in der Kultur Amerikas, geht in Zeiten zurück, die lange vor der Besiedlung durch Europäer stattfand. Alte Geister, wenn man so will, suchen die Musik auf dem zehnten Studioalbum von NEUROSIS heim.

Der Eindruck von Honor Found In Decay ist nicht verwässert, die neuen Details geben dem Album die nötige Frische, damit NEUROSIS interessant bleiben. Zwischen heftigen Eruptionen und gefühlvollen Nuancen pendeln die sieben Songs, die dreimal die Zehn-Minuten-Marke durchbrechen, nicht immer durchbrechen sie jedoch das Herz. Die Aussetzer sind glücklicherweise gering, die jeweils erste Hälfte von My Heart For Deliverance und At The Well ist ein wenig langatmig, erscheint uninspiriert, aber vor allem bei dem zweiten Song lässt das fulminante Ende diesen Makel völlig vergessen. Auch We All Rage In Gold benötigt etwas Zeit, bis es unter die Haut geht, kein Zweifel: Es gab bessere Opener in der Geschichte von NEUROSIS. Diese Geduld, die bei Honor Found In Decay gebraucht wird, wurde vorher nicht so sehr ausgereizt. Die zweite Hälfte des Albums zeigt NEUROSIS dann doch von ihrer Schokoladenseite, so als würden sie ein wenig brauchen, um ihre Form zu finden. Bleeding The Pigs und All Is Found… In Time, die besten Stücke des Albums , sind verstörend wie die Songs von Through Silver In Blood, aber tiefer und vielschichtiger. Casting Of The Ages lässt die Elegie von A Sun That Never Sets wieder aufleben, wirkt aber reifer und natürlicher und der mächtige, kompakte Abschluss Raise The Dawn versammelt die ganze Kraft und den kompletten Fatalismus des Albums in einem Stück.

Mit der wie üblich organischen, erdig-rohen Produktion von Steve Albini erreichen NEUROSIS nicht die Lautstärke und Undurchdringlichkeit von jungen Bands, dafür spielen sie ohne Netz und doppelten Boden. Die Produktion ist lebendig, die Musik wirkt intimer und direkter, die Dynamiksprünge sind unspektakulär, reißen erst nach und nach mit, dafür dann aber umso stärker. Neben der vielschichtigen Gitarrenarbeit und dem kräftigen, hypnotischen Drumming zeigt vor allem Noah Landis mit seinen Synthesizern eine deutliche Weiterentwicklung. Die von ihm erzeugten Sounds sind oft noisig und bizarr, werden von Harmonien und Samples durchzogen, so dass es eine Menge zu entdecken gibt und eine zusätzliche Tiefe verliehen wird. Ein wenig mehr griffige, melodiöse Stellen hätten dem Gesang nicht geschadet, das fällt aber nur wenig ins Gewicht, da gerade die harmonischen Gitarren viel davon abfangen können.

Auch wenn diese Rezension nicht so euphorisch ist, wie zu vergangenen NEUROSIS-Alben, auch wenn ein paar Schwachstellen auf diesem Werk zu finden sind, eine Enttäuschung ist Honor Found In Decay nicht. Viel mehr erwartete ich nicht mehr viel von NEUROSIS, nach Given To The Rising schien alles gesagt, die lange Wartezeit trug ihr Übriges dazu bei. Das sture Festhalten an Werten, es roch nach Altersstarrsinn. Aber das alles täuscht: Die Schönheit von Honor Found In Decay wird sofort erkenntlich, aber noch nicht gleich spürbar. Da ist harte Arbeit gefordert, vor allem seitens des Hörers. Vielleicht sind NEUROSIS im Jahr 2012 so reizvoll, weil sie ihre Schwächen offener darlegen als in der Vergangenheit. Vielleicht, nein wahrscheinlich sogar, waren die anderen Alben besser. An Honor Found In Decay und seinen zahlreichen Gänsehautmomenten voller Tiefe und Aufrichtigkeit führt trotzdem kein Weg vorbei.

Veröffentlichungstermin: 26. Oktober 2012

Spielzeit: 60:31 Min.

Line-Up:
Jason Roeder
Dave Edwardson
Scott Kelly
Steve von Till
Noah Landis
Josh Graham

Produziert von Steve Albini und NEUROSIS
Label: Neurot Recordings

Homepage: http://www.neurosis.com
Mehr im Netz: http://www.facebook.com/officialneurosis

Tracklist:
1. We All Rage In Gold
2. At The Well
3. My Heart For Deliverance
4. Bleeding The Pigs
5. Casting Of The Ages
6. All Is Found… In Time
7. Raise The Dawn