MY DYING BRIDE: The Ghost Of Orion

MY DYING BRIDE: The Ghost Of Orion

Pünktlich zu Karneval erhielt ich dieses Jahr die Promo der neuen MY DYING BRIDE, angefixt vom schnurstracks in Ohr und Herz gehenden „Your Broke Shore“ sowie von der Aussicht auf eine durch die karnevalistischen Umtriebe begünstigte Virus-Pandemie. Von der wurde ich leider nicht enttäuscht, von „The Ghost Of Orion“ schon – zumindest teilweise.

Zunächst erfreuen die englischen Stimmungskanonen nämlich durchaus mit drei bittersüßen Epen, die den Fans genau das geben, was sie sich von MY DYING BRIDE erhoffen: Melancholie, Wehmut, Weltschmerz. Allein: Sie geben es ihnen in einer stark verdünnten Art und Weise. Vielleicht liegt es ja daran, dass ich mittlerweile härteren Stoff brauche, um mich wirklich in Wehmut zu suhlen, aber diese Version von MY DYING BRIDE knüpft mir zu sehr an Mitte der 90er an, an „Like Gods Of The Sun“, an den Versuch, radiotauglich zu werden: Die Musik tut niemandem weh, geht nicht tief, bleibt immer an der Oberfläche des Gefühls, das eigentlich dargestellt werden soll, und die Produktion ist auch genau darauf ausgelegt: Es fehlt an Fülle. Symptomatisch für dieses Problem ist Aaron Stainthorpes Gesang: Der ist konsequent gedoppelt und trotzdem nicht so voll wie auf den früheren Meisterwerken; das Doppeln wirkt auf mich sogar eher so als nehme es ihm gerade die Kraft, die ich gerne spüren würde. Ein Blick ins Promoschreiben verrät, dass Stainthorpe selbst sehr an sich gezweifelt hat beim Einsingen – er sei kurz vorm Aufgeben gewesen. Da fällt es mir nun natürlich schwer ihn zu kritisieren, aber ich muss sagen: Man merkt es einfach.

„The Ghost Of Orion“ ist nicht Fisch, nicht Fleisch…

Trotzdem: Mit den ersten drei Songs machen MY DYING BRIDE kompositorisch wenig falsch und liefern vor allem mit „Tired Of Tears“ einen echten emotionalen Höhepunkt, in dem Stainthorpe eine sehr schwere Zeit – die lebensbedrohliche Krankheit seiner Tochter – verarbeitet. Dennoch: Ich werde das Gefühl nicht los, dass der Mann mit angezogener Handbremse gesungen hat – wer mag es ihm auch verübeln? Er kann nichts dafür, und doch wird ein zwiespältiger Eindruck erzeugt. Mit „The Solace“ wird dieser noch verstärkt, denn hierbei handelt es sich um ein „ätherisch“ wirkendes, aber leider überflüssiges Stück mit weiblichem Gesang (Lindy-Fay Hella von WARDRUNA), das sich für mich irgendwie nach gar nichts anfühlt und fehl am Platze wirkt, so dass der Trost ins Leere läuft. Und diese Leere spürt man dann.

…sondern ein letztlich leider enttäuschendes Album

Die beiden letzten Stücke, jeweils gefolgt von einem atmosphärischen Zwischenstück bzw. Outro, lassen mich nämlich ratlos zurück: Zwar wird in ihnen alles angeführt, was die Band ausmacht, inklusive Growls und Death-Metal-Riffs, aber in keiner Sekunde wirken die Stücke wie etwas, das so sehr von Herzen kommt wie so vieles von dieser Band in der Vergangenheit, besonders die m.E. besten Alben „The Light At The End Of The World“ und „The Dreadful Hours„: Das Ende von „The Ghost Of Orion“ wirkt eher wie ein steriler Abklatsch der härteren Phasen der Band – es fehlen Dreck, Unbekümmertheit, Wildheit. Somit taugt das Album zwar für einen guten Überblick über das, was die Band eigentlich kann, aber ich werde trotzdem demnächst wieder zu den genannten Alltime-Faves greifen.

VÖ: 6. März 2020

Label: Nuclear Blast Records

 

MY DYING BRIDE „The Ghost Of Orion“

01. Your Broken Shore (Video bei YouTube)
02. To Outlive The Gods
03. Tired Of Tears (Lyrics-Video bei YouTube)
04. The Solace
05. The Long Black Land
06. The Ghost Of Orion
07. The Old Earth
08. Your Woven Shore

Line-up:
Aaron Stainthorpe – Vocals
Calvin Robertshaw – Gitarre
Andrew Craighan – Gitarre
Lena Abé – Bass Schlagzeug
Jeff Singer – Schlagzeug
Shaun Macgowan – Violine, Keyboard

Andreas Holz
Andreas ist mit vampster und Metal großgeworden, liebt Wald- und Wiesenmusik und dreckigen Punk und alles, was dazugehört (Whisky, Wanderschuhe und ein kaltes Bier in dunklen Kellern z.B.), und schreibt und singt und kämpft für das Wahre, Gute und Schöne.