IRON MAIDEN: A Matter Of Life And Death

IRON MAIDEN: A Matter Of Life And Death

Wenn man sich die Reaktionen auf das neue Album von IRON MAIDEN anschaut, dann ergibt sich – mal wieder – ein sehr uneinheitliches Bild: Die einen halten den Gesang für leidenschaftslos und die Gesangslinien für austauschbar, die anderen hören Bruce Dickinsons beste Gesangsleistung seit Seventh Son Of A Seventh Son. Ähnlich extrem sind die Unterschiede in der Beurteilung der Produktion sowie des Songwritings.

Was soll man da noch glauben? Ist A Matter Of Life And Death nun langweilig und kraftlos oder das Beste, was die britische Legende in den letzten fünfzehn oder zwanzig Jahren veröffentlicht hat? Ganz offensichtlich kommt es hier ganz auf die Erwartungshaltung des jeweiligen Rezensenten an sowie auf dessen Einschätzung der bisherigen Alben der Band.

Müsste man A Matter Of Life And Death als Ganzes mit einem anderen IRON MAIDEN-Album vergleichen, dann fiele die Wahl wohl auf The X-Factor. Beide Alben haben eine ähnlich dunkle Grundstimmung, passend zu den vorherrschenden Themen, die in den Texten behandelt werden: Krieg, Religion und Glaubenskrisen. Wie schon auf The X-Factor, so bewegt man sich auch auf dem dritten Studioalbum seit der Rückkehr von Bruce Dickinson und Adrian Smith gerne und oft im Midtempo. Der wichtigste Grund für diesen Vergleich ist aber der wiederentdeckte Hang zur Progressivität. Zwar war dieser auch auf den ersten beiden Alben nach der Reunion hin und wieder zu erkennen, im Jahr 2006 aber ist er stärker ausgeprägt denn je. So ist A Matter Of Life And Death, wie schon The X-Factor, ein Album, auf dem zwar gewisse typische Elemente des vertrauten IRON MAIDEN-Sounds nicht zu knapp zu finden sind, auf dem die Band aber mehr denn je nach vorne blickt und Neues ausprobiert, anstatt musikalisch zu stagnieren.

Mit der Vorliebe für progressive Klänge geht – zur Freude der einen, zum Leidwesen der anderen – auch ein weitgehender Verzicht auf übertriebene Eingängigkeit einher: Mit dem Opener Different World ist im Grunde nur ein durch und durch typischer IRON MAIDEN-Song auf dem Album vertreten, ein kurzer und sehr eingängiger Rocker mit klassischen, dreistimmigen Gitarrenleads, der die nahe liegende Wahl für eine Singleauskopplung gewesen wäre.

Davon abgesehen aber ist A Matter Of Life And Death ein echter Grower, der zunächst unspektakulär wirkt, mit jedem Hören aber besser und besser wird. Bestes Beispiel ist The Reincarnation Of Benjamin Breeg, der Song, den die Briten, ganz eigen, stattdessen als erste Single ausgewählt haben. Beginnend mit einem wenig eindrucksvollen, ruhigen Intro nach The X-Factor-Machart, ist dieses Lied denkbar schlecht als Single geeignet, geht er doch nach dem Intro in einen Midtempo-Stampfer über, der – getragen von einem für die Band untypischen Hardrock-Riff – zunächst völlig an einem vorbei rauscht. Noch komplexer und sperriger ist das fast neunminütige und enorm abwechslungsreiche Brighter Than A Thousand Suns ausgefallen, das durchsetzt ist von progressivem Riffing und cleanen Passagen mit leicht psychedelischen Passagen. Beim abschließenden The Legacy, das in den ersten Minuten mit seinen akustischen Gitarren einen leicht folkloristischen Charakter hat, wird es dann richtig experimentell, gängige Songstrukturen werden über Bord geworfen.

Doch IRON MAIDEN verzetteln sich zu keiner Sekunde in ihrer Vorliebe fürs Progressive. Als Gegengewicht hat man mit dem hymnischen These Colours Don´t Run, der an die letzten Dickinson-Soloalben erinnernden Power-Ballade Out Of The Shadows oder dem Longtrack For The Greater Good Of God, der mit verspielten Gitarren und gelungenen symphonischen Passagen zu begeistern weiß, zudem noch einige Songs parat, die mit etwas vertrauteren Klängen aufwarten. Aber auch diese Songs offenbaren nicht gleich beim ersten Hören ihr volles Potenzial. Wer sich mit Album nicht wirklich beschäftigt, wird wohl auch diese Kompositionen vorzeitig als belanglos abstempeln.

Gegenüber den letzten beiden Alben stellt A Matter Of Life And Death eine deutliche Steigerung dar. Wo auf Brave New World und noch mehr auf Dance Of Death manche unausgegorenen Ansätze vorhanden waren, ist das neue Album eine musikalisch durch und durch ausgereifte Angelegenheit mit durchdachten Songstrukturen und Arrangements. Letzteres betrifft vor allem die Gitarren. War besonders Brave New World angesichts von drei Gitarristen im Line-up noch erschreckend minimalistisch arrangiert, so schöpft man nun endlich aus dem Vollen. Die ausgefeilte, detailverliebte Gitarrenarbeit sorgt nicht nur für einen volleren Klang, sondern auch dafür, dass es auf diesem Album viele versteckte Melodien zu entdecken gibt – eine Freude für Freunde anspruchsvoller Rockmusik.

Diese werden sich zudem sicherlich auch über die Produktion des Albums freuen. A Matter Of Life And Death wurde erneut von Kevin Shirley produziert, und so wundert es kaum, dass der Sound an Brave New World erinnert, wenngleich besonders die Gitarren diesmal druckvoller tönen, ohne dass die Transparenz, die man auf Dance Of Death etwas vermisste, verloren ginge. Erwähnenswert ist zudem noch die Tatsache, dass IRON MAIDEN sich beim Mastering keineswegs dem Zeitgeist angepasst haben. Auch im Jahr 2006 hat man seine Aufnahmen nicht durch den übermäßigen Gebrauch eines Kompressors jeglicher Dynamik beraubt, nur um eine Lautstärkemaximierung, gegebenenfalls sogar unter Inkaufnahme von Clippings, zu erreichen. Leider haben sich die Hörgewohnheiten geändert – umso erfreulicher ist es, dass sich die Band diesem Trend widersetzt.

Wie bereits zu Beginn dieser Rezension erwähnt, hängt die Bewertung dieses Albums natürlich wesentlich von der Erwartungshaltung ab. Wer schon mit The X-Factor nichts anfangen konnte, und das nicht nur, weil er Blaze Bayley nicht mochte, der wird wahrscheinlich auch mit A Matter Of Life And Death nicht warm werden. Wer jedoch The X-Factor für eines der besten IRON MAIDEN-Alben hält oder einfach nur offen für neue Impulse im MAIDEN-Sound ist und Freude daran hat, die Qualitäten eines Albums nach und nach zu entdecken, der findet in A Matter Of Life And Death eine echte Perle, ein hervorragendes Album, an dem es ganz nüchtern betrachtet wirklich nichts zu bemängeln gibt – schon gar nicht an der Gesangsleistung von Bruce Dickinson, der auch die höchsten Töne noch mit Bravour meistert und kein bisschen verbraucht klingt.

Veröffentlichungstermin: 25.08.2006

Spielzeit: 71:58 Min.

Line-Up:
Bruce Dickinson – Gesang
Dave Murray – Lead- und Rhythmusgitarren
Adrian Smith – Lead- und Rhythmusgitarren
Janick Gers – Lead- und Rhythmusgitarren
Steve Harris – Bass und Keyboards
Nicko McBrain – Schlagzeug

Produziert von Kevin Shirley und Steve Harris
Label: EMI Records

Homepage: http://www.ironmaiden.com

Tracklist:
1. Different World
2. These Colours Don´t Run
3. Brighter Than A Thousand Suns
4. The Pilgrim
5. The Longest Day
6. Out Of The Shadows
7. The Reincarnation Of Benjamin Breeg
8. For The Greater Good Of Good
9. Lord Of Light
10. The Legacy