ÄNGLAGÅRD: Hybris

Eigentlich wollte ich diesen Artikel schreiben und nebenher dem Album lauschen. Daraus wurde allerdings nichts; zu fesselnd sind die Klänge, zu faszinierend die einzigartige Atmosphäre, die die Musik ausstrahlt. Abseits jeglicher Konventionen erzählen die vier Kompositionen auf Hybris von Wäldern und Wundern, von der Erde und von Illusionen. Vieles klingt fremd, ganz so als würde es wirklich aus einer anderen Welt stammen. Nur mit Mühe kann man den Melodien folgen, die nie dort enden, wo man es erwarten würde.
Die vier Stücke auf Hybris dauern zwischen 8 und 13 Minuten, und spätestens wenn ich jetzt noch erwähne, dass sie so gut wie keine Wiederholungen enthalten, dürfte allen Lesern der Begriff Progrock durch den Kopf gehen. Und das zurecht, denn zweifellos lassen sich in der Musik Einflüsse von KING CRIMSON, GENESIS und YES erkennen. Doch obwohl ÄNGLAGÅRD auf Hybris ausschließlich Instrumente aus den 70ern benutzen, handelt es sich nicht um ein billiges Plagiat. Im Gegenteil! Ich wage zu behaupten, dass es dem schwedischen Sextett gelungen ist, das Prog-Rad neu zu erfinden! Statt in seichte Popgefilde abzudriften oder sich in überfrachteten Konzeptalben zu verzetteln haben ÄNGLAGÅRD den Slogan Zurück zur Natur in Töne umgesetzt. Wie auch in der Natur gibt es hier keine vorhersehbaren Strukturen, keine Ordnung im Sinne von 4/4-Takten oder Frage-Antwort-Motiven. Frei wie ein Wildbach schlängeln sich die Gitarrenläufe von Jonas Engdegård durch die Stücke, dicht wie ein Wald ist das Spiel von Thomas Johnson auf den Tastaturen von Mellotron und Hammond Orgel. Und das, obwohl die beiden damals gerade mal 18 Jahre alt waren!
In ruhigen Momenten entsteht eine schon fast besinnliche Atmosphäre, in der akustische Gitarren, Flöte und Mellotron wehmütig von der Vergänglichkeit der Dinge erzählen. Hin und wieder gesellt sich auch noch der eigentümliche, schwedische Gesang von Tord Lindman dazu, der perfekt zu der weltfremden Musik passt, in der er keine führende Rolle spielt, sondern nur eine Nuance darstellt.
Wer jetzt meint, es handle sich bei Hybris um esoterische Meditationsmusik, der wird beim Anhören ziemlich rasch eines Besseren belehrt. Denn sobald die gesamte Band einsetzt, ist es vorbei mit der Beschaulichkeit. Maßgeblich daran beteiligt ist Mattias Olsson, zarte 17 Jahre alt, der sein Schlagzeug mit einer atemberaubenden Präzision und Geschicklichkeit bearbeitet. Zusammen mit Bassist Johan Högberg bildet er das Fundament, auf dem die fast schon orchestralen Kompositionen aufgebaut sind. Gitarre, Orgel und Flöte spielen dabei oftmals zugleich ihre zerissenen Motive, manchmal in bewusster Dissonanz, oft aber auch in unerwarteter Harmonie.
Aufgenommen wurde das Album (natürlich!?) in einem abgeschiedenen Studio in Ekerö, einer Wald- und Seenlandschaft westlich von Stockholm, gerade mal ein Jahr nachdem die Band gegründet wurde. Der beeindruckenden Produktion gelingt das quasi Unmögliche, nämlich die unglaubliche Dynamik der Band ohne jegliche Verluste einzufangen. Und das ist sehr gut so. Denn Tatsache ist, dass ÄNGLAGÅRD damals 6x pro Woche geprobt haben, wobei dann diese ambitionierten Stücke entstanden, denen man die Liebe zur Musik genauso anhört wie den Konflikt zwischen den einzelnen Individuen in der Band. Dieser Konflikt führte dann leider auch dazu, dass ÄNGLAGÅRD sich 1994 nach den Aufnahmen ihres zweiten Albums Epilog und einem Auftritt beim Progfest in Los Angeles auflösten.

Obwohl das schwedische Minilabel Mellotronen Hybris 2000 (remastered und mit Bonustrack) wiederveröffentlicht hat, ist das Album nur schwer zu finden. Wer nicht so lange suchen will, kann auch nach der Buried Alive-CD des französischen Proglabels Musea Ausschau halten, auf der sich alle vier Stücke von Hybris (und drei von Epilog) in Live-Versionen vom Progfest 1994 befinden.

Veröffentlichungstermin: November 1992

Spielzeit: 44:19 Minuten

Produziert von: Änglagård und Roger Skogh

1. Jordrök
2. Vandringar I Vilsenhet
3. Ifrån Klarhet Till Klarhet
4. Kung Bore

http://www.anglagard.net

Thomas Johnson: Mellotron, Hammond Orgel, Klavier, Keyboards
Jonas Engdegård: Gitarre
Tord Lindman: Gitarre, Gesang
Johan Högberg: Bass, Mellotron
Anna Holmgren: Querflöte
Mattias Olsson: Schlagzeug