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GHOST: Phantomime [EP]

Die okkulten Glam-Metal-Überflieger GHOST veröffentlichen eine Cover-EP, um die Wartezeit auf das neue Album zu verkürzen. Hätte eine gute Sache werden können, leider sind Songauswahl und Interpretationen eher mutlos. Musik für die Grillparty in der heimischen Kleingartenparzelle.

Nein Freunde, nein: nicht wieder die alten Diskussionen. GHOST polarisieren in der Metal-Szene wie derzeit kaum eine andere Band. Und die Frage, ob das überhaupt Metal ist, erübrigt sich. Bei mir hat die Band einen großen Stein im Brett, denn wer mit einer Mischung aus 80s-Glam Metal, Goth und Disco große Hallen füllen kann, muss schon einiges richtig machen. Wer sonst schafft es heutzutage, Songs zu schreiben, die einerseits den Geist der 80er Metalkutte heraufbeschwören und andererseits mit okkulter Maskerade Dancing Queens auf die Tanzfläche bitten?

Die Band mit den teuflischen Papstmasken hat einen Lauf. Das letzte Studioalbum “Impera” verkaufte sich Bombe, auf ihrer Tour waren die Hallen ausverkauft und auf Spotify verzeichnet allein ihr Song “Mary On A Cross” mehr als 336 Millionen Streams. Das sind Dimensionen, in die neben den stadionfüllenden Rockstars sonst nur Rap-Artists vorstoßen: Die ihre Alben aber kaum noch auf physischen Tonträgern veröffentlichen. Damit spricht die Band sowohl den klassischen Metal-Fan (zumindest den, der die Band nicht hasst) als auch die streamingaffine Generation der Teens und Twens an. Um das Momentum zu nutzen, veröffentlichen die Schweden nun eine Cover-EP mit fünf Songs. Und um es vorwegzunehmen: Die Sache ist eine kleine Enttäuschung. Zu brav arbeiten sich GHOST an den Vorlagen ab, zu kalkuliert ist größtenteils die Songauswahl.

GHOST trauen sich zu wenig zu

„See No Evil“ eröffnet den Reigen, das Original stammt von den Protopunk-Helden TELEVISION. Und es ist der Song, der überraschenderweise am besten zu GHOST passt. Was auch an den vorgenommenen Korrekturen liegt. Die Neuinterpretation des Klassikers von 1977 kommt als flotte Gute-Laune-Nummer daher und klingt noch sonniger als das raue Original. Eine Nummer zum Surfen am Strand, so süß wie Erdbeereis, mit einem Refrain, der den Glam von Glitzer- und Plateauschuh-Bands wie SWEET mit leichten BEATLES-Anleihen koppelt. Was dabei ein wenig verloren geht, ist die Doppelbödigkeit des Originals: eine euphorische No-Future-Hymne, als Zwiegespräch adressiert an eine pessimistische Person, die den Untergang in gleißendes Licht taucht. „Ich sehe nichts Böses/ Ich treibe es wild mit den Einäugigen/ Zerstöre die Zukunft mit dem, den du liebst!/ Zerstöre die Zukunft!“, proklamiert die Band. Nie klang es optimistischer, mit Volldampf gegen die Wand zu brettern.

Als zweiten Song haben sich die Schweden „Jesus He Knows Me“ von GENESIS vorgenommen. Und hier zeigt sich das Problem der Cover-EP. Zwar übersetzen GHOST die schrecklich totgenudelte Radionummer mit flotten Riffs in ihr eigenes Soundgewand. Aber wenn man ehrlich ist, unterscheidet sich die Neuinterpretation kaum vom Original. Gar zu brav und bieder bewegt sie sich im gleichen Tempo und Rhythmus, der Song wird korrekt runtergespielt, und Tobias Forges Gesang klingt kein bisschen bissiger als jener von Phil Collins. Im Gegenteil: Collins singt den Song eher nuancierter und gewitzter als der Schwede. Großes Schulterzucken. Korrekt umgesetzt: Aber viel schlechter hätte das die lokale Coverband beim Bierfass-Anstich im Festzelt auch nicht dargeboten.

Song Numero drei ist dann wieder interessanter. Er stammt im Original von der Wave-Punk-Legende THE STRANGLERS. „Hanging Around“ von 1977 ist im Original eine bittersüße, hedonistische Großstadthymne über Prostituierte und Zuhälter, Rocker und Yuppies. Und macht auch in der Version von GHOST eine Menge Spaß. Hammondorgel, flotter Rhythmus, breitbeinige Glam-Metal-Attitüde und mitreißender Refrain. Passt perfekt wie das rote Kleid und die Lederjacke des Mädchens, von dem im Originaltext die Rede ist.

Was dann kommt, lässt einen wieder mit offenem Mund staunen: Nicht weil es so überzeugend ist, sondern weil es so einfallslos ist. „Phantom of the Opera“ von IRON MAIDEN wird, nun ja, eben gecovert. Die Version von GHOST bewegt sich nah am Original, und ist immerhin ein schöner Hinweis darauf, dass Papa Emeritus der Dingste und seine Mannen den 80er-Metal im Blut haben. Ein Lob verdienen zwar die transparente Produktion, die sehr gut abgemischten Gitarren und der flirrende Bass. Aber sonst? Das hier ist Malen nach Zahlen, das Ausmalbuch des Metal-Yoga, Bob Ross sei mein Zeuge. Kein Mut, kein Risiko. Nichts, was einen im Mallorca-Urlaub aus dem Liegestuhl reißt.

Als ob das an Einfallslosigkeit noch nicht genug wäre, gibt es zum Abschluss noch einen Gassenhauer aus den 80er Jahren, bekannt aus jeder Karaokebar zwischen Sachsen und Lappland. „We Don’t Need Another Hero“ von TINA TURNER wurde seit seinem Erscheinen 1985 – ich habe es extra recherchiert – genau 35 Mal von anderen Interpreten gecovert. Und das sind nur die Versionen, die auf einer Webseite mit dem bezeichnenden Namen „secondhandsongs.com” aufgelistet sind und offiziell auf Tonträgern veröffentlicht wurden. Nö Leute, echt jetzt. Die Version ist zwar wieder okay, weil der stimmlich eher limitierte Papa Forge gar nicht erst versucht, die Oktaven zu reiten wie die Soulrock-Ikone mit der unverwechselbaren Stimme. Tatsächlich gelingt es ihm sehr gut, die Melodie in seine eigene Tonlage zu übersetzen, und im mittleren Tempo groovt der Song angenehm. Aber braucht man das? Die Originalversion von TINA TURNER hat sogar mehr Power, das grandiose Finale mit dem Kinderchor fehlt.

GHOST wählen erwartbare Songs – mit politischem Subtext

Interessant ist immerhin, dass Bandkopf Tobias Forge Songs mit politischem Subtext ausgewählt hat. „Jesus He Knows Me“ von GENESIS setzte sich Anfang der 90er Jahre mit US-amerikanischen Fernsehpredigern auseinander. Und derzeit erlebt die religiöse Rechte ein trauriges Comeback. Ein Beispiel: Seit Anfang April ist in Florida ein Gesetz in Kraft, initiiert vom möglichen US-Präsidentschaftskandidaten Ron DeSantis, das es Lehrerinnen und Lehrern verbietet, an öffentlichen Schulen über Sexualität und Geschlechts-Identität zu sprechen. Auf Grundlage dieses Gesetzes wird derzeit gegen die Lehrerin Jenna Barbee ermittelt. Ihr Vergehen: Sie hatte ihrer fünften Klasse einen Disney-Trickfilm gezeigt, in dem eine homosexuelle Figur vorkommt.

„Vor ein paar Jahren, vielleicht vor zehn Jahren, fühlten sich dieser und andere Songs textlich etwas altmodisch an“, sagte Forge nun dem britischen NME. „Einfach, weil sie es waren. Genesis sangen über die Fernsehprediger der frühen Neunziger Jahre. All das schien vor ein paar Jahren veraltet. Aber jetzt ist alles, worum es in dem Lied geht, wieder aktuell — neben dem, worüber ich in meinem eigenen Material singe“.

Neben den No-Future-Hymnen von TELEVISION und THE STRANGLERS findet sich mit „We Don’t Need Another Hero“ nun auch ein Antikriegs-Song auf der EP. GHOST sind keine unpolitische Band wie KISS, die mit einer ähnlichen Maskerade auftreten und auch Vorbild waren. Eine antiautoritäre Haltung ist ihnen eingeschrieben.

Umso ärgerlicher ist allerdings die teils biedere, allzu berechnende Songauswahl und Umsetzung. Das hier ist Musik, die auf einer Grillparty nicht weh tut, ansonsten aber kaum mehr hervorruft als ein müdes Schulterzucken. Dabei zeigen die gelungenen Interpretationen von TELEVISION und den STRANGLERS, dass ein Coveralbum der Schweden durchaus interessant sein könnte: Wenn weniger bekannte Nummern ausgewählt würden, wenn Bandkopf Forge einfach etwas mehr Mut hätte. So haben wir nun das erste Karaoke-Album von GHOST vorliegen.

VÖ: 19. Mai 2023

Label: LOMA VISTA RECORDINGS / CONCORD

Line-up:
Tobias Forge (Gesang)
A Nameless Ghoul (Gitarre)
A Nameless Ghoul (Gitarre)
A Nameless Ghoul (Bass)
A Nameless Ghoul (Drums)
A Nameless Ghoul (Keyboard)

mehr im Netz: offizielle GHOST-Webseite

GHOST Phantomime-Tracklist:

01. See No Evil (Television)
02. Jesus He Knows Me (Genesis)
03. Hanging Around (The Stranglers)
04. Phantom of the Opera (Iron Maiden, Official Audio bei Youtube)
05. We Don’t Need Another Hero (Thunderdome) (Tina Turner)

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