EWIGHEIM: Mord nicht ohne Grund

EWIGHEIM: Mord nicht ohne Grund

Blut, Kot, Blumen und Sonnenschein, das sollen sie sein, die vier Essenzen, aus denen EWIGHEIM besteht, das im übrigen durchgehend geöffnet hat; der Eintritt ist frei. Juchhu, denkt der Hörer sich, da gibt´s ja was umsonst, immer her damit. Groß die Ernüchterung allerdings, wenn er erkennt, daß es sich bei „Ewigheim“ um eine recht nette Umschreibung für den guten alten Gevatter Tod handelt. Und dem wollen die meisten ja nun nicht so schnell begegnen.

EWIGHEIM indes schon. Wie Textzeilen wie „Ewigheim, ein Ort des Frohsinns/Für alle die einst verdarben/Durch eigne oder fremde Hand/Das wahre Glück im Tod erwarben“ zaghaft andeuten, freuen sich EWIGHEIM auf eben jenen. Gut, zumindest dem musikalischen Tod sind sie schon begegnet. Denn „Mord nicht ohne Grund“ besteht, rein musikalisch betrachtet, aus folgendem: RAMMSTEIN-artige Gitarren (etwas „sanfter“ produziert), durchschnittlicher Dreitöne-Gruftiegesang in tiefer Tonlage, und billigen Elektrorhythmen. Die Melodien, die dabei erzeugt werden, klingen zwar manchmal ganz schön („Leiche zur See“, „Kinderwald“), können aber mit Sicherheit nicht anderen Electro-Gothic-Rockbands das Wasser reichen. Was also soll EWIGHEIM interessant machen? Nun, als erstes ist da das Label: „Mord nicht ohne Grund“ erscheint auf Prophecy Productions, hat also die künstlerische Absolution längst erteilt bekommen. Zweitens sind da die Verbindungen zu anderen Bands/Künstlern: Das Duo EWIGHEIM besteht aus Allen B. Konstanz (Sänger von NOX MORTIS und THE VISION BLEAK) und Yantit von EISREGEN. Produziert wurde das Album von Markus Stock, der in Kürze mit eine neuen EMPYRIUM-Scheibe beeindrucken möchte. Und als drittes sind natürlich die Texte zu nennen. „Mord nicht ohne Grund“ ist nämlich, Vorsicht: Kunst, ein Konzeptalbum, und zwar eines über Mord. Jeder Song handelt von diesem Thema. Mal wird Rückgrat gebrochen, mal treibt das Opfer auf die See hinaus, dann wieder hat das arme Schwein ein Beil im Rücken. Am Ende erklingt dann auch der Wunsch nach Selbstmord. Im Infomaterial heißt es folgendermaßen: „Die makabren, melodischen Lyrics handeln von zwischenmenschlichen Beziehungen und den Situationen, die daraus hervorgehen. Dies geschieht auf eine zynische Art und Weise mit einem ironischen Touch in jedem Song.“

Vom Label bereits als „Zynismus“ und „Ironie“ beworben, ist die Absicht natürlich klar: Durch Provokation wird künstlich Kunst erzeugt und dabei der Zynismus zum Konzept gemacht, ohne erst einmal nachzuschauen, wo er denn auf dem Album wirklich zu finden ist. Denn mal im Ernst: Was ist an solchen Texten eigentlich zynisch oder gar ironisch? Zynismus, das ist, wenn man der Mutter sagt, wie toll einem das Essen schmeckt, um es dann über den Tisch zu kotzen, hat ein Freund von mir mal geschrieben; er hat Recht. Zynismus ist nicht, Lieder über Mord zu machen. Das nämlich mag als Provokation, irgendeine Art von Rebellion oder was weiß ich durchgehen, hat aber mit Zynismus nichts zu tun. Genauso läuft es mit der Ironie. Es ist doch völlig klar, daß die Musiker von EWIGHEIM nicht meuchelmordend durch die Gegend ziehen, um Verwandte umzubringen – was haben Texte genau darüber also für einen ironischen Wert? Wo ist das kritische Moment der Ironie? Müßte nicht ein Effekt des Ganzen auftreten, anstatt gähnender Langeweile?

Also: „Mord nicht ohne Grund“ ist ein Album, das musikalisch wenig, textlich aber überhaupt nichts bietet. Warum solcher Nonsens auf Prophecy Productions veröffentlicht wird, bleibt schleierhaft. Daß der versammelte Prophecy-Fanclub dieses belanglose Electro-Goth-Rock-Machwerk nun in den Himmel lobt, ist zwar noch schleierhafter, aber wohl eher ein Fall für einen Psychologen als für einen Musikrezensenten.

VÖ: 18.02.2002

Spielzeit: 37:15 Min.

Line-Up:
Allen B. Konstanz – vocals, drums, piano

Yantit – guitar, programmings

Produziert von Markus Stock
Label: Prophecy Productions

Tracklist:
1. Einlauf

2. Ein böser Scherz

3. Kinderwald

4. Rückgrat

5. Leiche zur See

6. Dein Zweck

7. Mord nicht ohne Grund

8. Ewigheim

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Andreas ist mit vampster und Metal großgeworden, liebt Wald- und Wiesenmusik und dreckigen Punk und alles, was dazugehört (Whisky, Wanderschuhe und ein kaltes Bier in dunklen Kellern z.B.), und schreibt und singt und kämpft für das Wahre, Gute und Schöne.