DIRGE: Wings of Lead Over Dormant Seas

Schwarz wie die Nacht, ätherisch, geheimnisvoll, tief, unheimlich, mächtig. Und nebenbei extrem ambitioniert. Eine der Überraschungen des Jahres 2007.

Allein dieser Titel suggeriert nichts sonderlich Positives. DIRGE waren ja auch nicht gerade die Optimisten auf ihrem letzten Album And Shall the Sky Descent. Aber je düsterer der Titel, desto besser die Musik. Hat mich das, vor kurzem wiederveröffentlichte dritte Album der Franzosen beeindruckt, aber nicht umgehauen, ist hiervon keine Rede mehr. Wings of Lead Over Dormant Seas ist ein ganz besonderes Album. Schwarz wie die Nacht, ätherisch, geheimnisvoll, tief, unheimlich, mächtig. Und nebenbei extrem ambitioniert.

Drei Jahre war dieses Album in Arbeit und das hört man dem ausgereiften Werk in jeder Hinsicht an. DIRGE gehen konsequent, kompromisslos und eigensinnig vor, legen viele, lange epische und bei aller Brachialität ruhig wirkende Songs vor, die den Hörer aber beeinflusst, die bewusstseinserweiternd wirkt, wenn man dazu die Augen schließt und sich treiben lässt. Klar, bei Songs, die in der Regel die Zehn-Minuten-Grenze locker sprengen, sollte man sich Zeit nehmen. Vor allem, wenn wie auf dieser Doppel-CD, ein Song eine Stunde dauert. Der Titeltrack ist schon etwas besonderes, Hauptaugenmerk dieser CD ist er jedoch nicht. Wings of Lead Over Dormant Seas ist dunkel, experimentell, unterstreicht das Bild, das der Hörer vom Titel her im Kopf hat musikalisch bestens. Geloopte, leise Gitarren und dunkle Synthesizer machen mindestens die Hälfte des Songs aus, so brachial und heavy wie das restliche Material wird er allerdings nicht.

Denn die erste CD, das Herzstück des Albums, presst den Hörer vollends auf den Boden, bis man den Staub ableckt. Schier willenlos macht der erste, mächtige Track Meridians, dessen erste Hälfte sehr heavy ist, dann allerdings auch gerne in seltsame Soundscapes abdriftet, einer sehr freien Version von JESU ähnlich. Doch gegen Ende des Stücks gibt es dann wieder monolithischen, brachialen Post Hardcore, der durchzogen ist von Drone Doom, der so perfekt zwischen NEUROSIS und ORTHODOX, zwischen MINSK und BLACK SHAPE OF NEXUS pendelt, der so tiefschwarz und pessimistisch ist, dass es einem den Boden unter den Füßen weg zieht. Wer sich auf diese Musik einlässt, wer sie bei vollem Bewusstsein hört, der wird zerquetscht, keine Frage. Doch die beiden anderen, heftigen Songs Epicentre und Lotus Continent zeigen auch tieftraurige, aber niemals kitschige Ansätze. Gerade Epicentre und seine gnadenlosen Riffs wirken stärker als jede Droge. Die Wirkung wird im abschließenden, von Synthesizern gewobenem und klaren Gesang erweitertem Nulle Part nur noch verstärkt, wodurch JESU wirklich ernsthafte Konkurrenz aus dem Erdinnerem bekommen, wie es scheint.

Wings of Lead Over Dormant Seas entführt den Hörer in unbekannte Welten des inneren Ichs, konfrontiert den Hörer mit selten erfahrener Qual der Selbstreinigung. Das ist verdammt beeindruckend, aber auch enorm Kräfte zehrend. Somit erträgt man es nur selten, beide monströse CDs am Stück zu hören. Und schon gar nicht an einem schönen, sonnigen Nachmittag, an dem selbst die schwierigsten Prüfungen im Leben leicht zu meistern scheinen. Denn dann nimmt man diese großartige Musik gar nicht erst wahr. Und das haben DIRGE keineswegs verdient.

Mit diesem Werk ist den Franzosen ein ganz großer Wurf gelungen – ein Album, das Schmerz fühlbar werden lässt, das den geneigten Hörer lange beschäftigen wird. Lange, monotone Instrumentalpassagen, triste Riffs und Beats weisen den Weg durch das Album. Die Musik könnte langweilig wirken, würde sie nicht von den Samples und der daraus resultierenden Atmosphäre stets auf ein neues Level gehievt – auch der großartige, Gesang tut sein übriges: Von bösem Knurren und Brüllen bis hin zu rauem Gesang reicht das Spektrum, verschafft oftmals, wie in Epicentre enorme Gänsehaut.

Es sollte klar sein, wer sich dieses Album anzueignen hat, gleichwohl sollte dem Klientel aber auch klar sein, dass es enorm viele Anläufe braucht um es zu verinnerlichen und überhaupt hinein zu finden. Vielleicht ist Wings of Lead Over Dormant Seas gerade deshalb so gut. Und weil es so eigenbrötlerisch, unbequem und surreal ist. Eine der großen Überraschungen des Jahres.

Veröffentlichungstermin: 14. September 2007

Spielzeit: 61:22 + 60:00 Min.

Line-Up:
Marc T – Guitars, Vocals
Stéphane L – Guitars
Christian M – Bass
Alain B – Drums
Christophe D – Samples

Label: Equilibre Music

Homepage: http://www.dirge.fr

Email: dirge@blightrecords.com

Tracklist:
CD1:
1. Meridians
2. End, Infinite
3. Epicentre
4. Lotus Continent
5. Nulle Part

CD2:
1. Wings of Lead Over Dormant Seas