DIO: Killing The Dragon

Wie ein ungeduldiger Zauberlehrling konnte ich es kaum erwarten, das neue Werk des Stimmmagiers in den Händen zu halten. Allein der Titel, der seit Wochen durch die Medien geisterte, lies eine direkte Besinnung auf alte Kapitel der Kunst des kleinen Mannes erwarten…

„Killing The Dragon“ ist nicht die Wiedergeburt von „Holy Diver“ (´83) oder „The Last In Line“ (´84). Aber “Killing The Dragon” ist die Auferstehung schlüssiger und kraftvoller Komponierkunst aus den Federn der Hauptsongwriter Ronnie James Dio und Jimmy Bain. War der Vorgänger „Magica“ insgesamt noch zu ruhig, weil das lyrische Konzept es erforderte, sind auf diesem Album ausreichend die Kracher vertreten, die von Dio selbst kreiert, schon jeher als Allround-Schablone für Heavy Metal gestanden haben.

Der Opener und gleichzeitige Titeltrack und daran anknüpfend ‚Alone Comes A Spider’ sind die ersten Beweise dieser These, wenn auch noch nicht auf ganzer Linie überzeugend. Schnelle Headbangerrhythmen, ein ausdrucksstarker Sänger, ein gefühlvolles Gitarrensolo an der richtigen Stelle – was braucht ein Metalhead mehr? Vielleicht ausdrucksstarke Texte, die in diesem Fall nicht nur auf Fantasy beruhen, aber genauso wenig pseudo-sozialkritisch wirken. ‚Rock And Roll’ z.B. kreidet das Song-Verbot im US Radio nach dem 11.September an. ‚Throw Away Children’ handelt, ganz im Hear’n’Aid-Stil (Dio´s 85er Kinder- und Jugendhilfeprojekt) von der steigenden Perspektivlosigkeit junger Teenager. Die Gesangsharmonien, mit denen die Texte beflügelt werden, orientieren sich an Dio´s letzten Werken. Hier kann er die Brücke zu den Klassikern noch nicht wirklich schlagen. Es fehlt ihm nicht an den Tonlagen, sondern am nötigen provozierenden kraftvollen Tonfall (remember ‚Stand Up And Shout’ … ja, ich steh’ ja schon). In ‚Better In The Dark’ kommt Ronnie im Refrain zwar schon wirklich nahe ran, kann das Energieniveau seiner Stimme aber nicht den ganzen Song lang halten. Trotzdem ist dieser Song neben ‚Push’ (dem besten Song der CD) das Idealbeispiel für die widererstarkte Band DIO und als Anspieltipp prädestiniert.

Es steht „Killing The Dragon“ erstaunlich gut, dass diesmal überhaupt keine echte Ballade auf dem Album zu finden ist. Die typischen Stampfer ‚Scream’ und ‚Rock And Roll’ glänzen im Kontrast zwischen allerlei kleinen Überraschungen (z.B. dem Orgeleinsatz in ‚Before The Fall’, dem Kinderchor in ‚Throw…’ und dem poppigen Blues Rhythmus in ‚Cold Feet’), dazu kommen jede Menge Knaller und einige wenige Ausfälle. Einer davon ist ‚Guilty’. Nicht nur, dass feist die Gesangslinie von ‚Lord Of The Last Day’ von „Magica“ kopiert wurde, auch erinnert der Song zu sehr an die langweilende 90er Jahre Phase der Band. Ähnlichkeiten zu alten Songs kommen übrigens oft vor, stören in den guten Songs aber sicher keinen echten DIO-Fan. Als zweiter „halber“ Ausfall schlittert ‚Throw Away The Children’ nur knapp an der Belanglosigkeit vorbei (das Gitarrensolo und der Kinderchor retten den Song). Übrig bleiben einige kurze Songstücke, die nur schwer zünden, aber durch die genialen Musiker entkräftet werden. Der neue Gitarrist Doug Aldrich stellt durchaus eine Bereicherung für die Band dar, auch wenn ich der Meinung bin, Vorgänger Craig Goldy wäre genauso überzeugend, wenn man ihn gelassen hätte (er war auch noch am Songwriting beteiligt).

Wie man es dreht und wendet, DIO tönen am besten, wenn sie den Knüppel auspacken und energiegeladenen, schnellen Heavy Metal spielen. Dieses Album schwingt schon gefährlich die Keule, und ich hoffe, das kommende Album setzt da noch einen drauf.

Ach ja, unbedingt Erwähnung finden muss das tolle Coverartwort und Design des Booklet, dass ich jetzt ganz frech zum besten Cover der DIO Discographie ernenne.

Jens Koch

Spielzeit: 45:06 Min.

Line-Up:
Ronnie James Dio (v.)
Jimmy Bain (b./key.)
Doug Aldrich (g.)
Simon Wright (d.)
Scott Warren (key. on ‘Before The Fall’)

Produziert von Ronnie James Dio
Label: Eagle Rock / Edel

Homepage: http://www.ronniejamesdio.com

DIO Killing The Dragon Tracklist

01. Killing The Dragon
02. Along Comes A Spider
03. Scream
04. Better In The Dark
05. Rock & Roll
06. Push
07. Guilty
08. Throw Away Children
09. Before The Fall
10. Cold Feet