DIAMOND HEAD: Lightning To The Nations 2020

“Lightning To The Nations 2020” darf sich stolz neben das Original stellen

Nö, da mach ich nicht mit! Wo man auch hin schaut, überall allmächtig der Querverweis zu METALLICA. Die Herren Rockstars waren Teenies und DIAMOND HEAD kamen right in time, um die Jungs zu beeindrucken. Jau, mich auch, die Amis haben erfolgreich ihre Songs gecovert, die so gut waren, weil eben DIAMOND HEAD als Anheizer für die NWOBHM fantastische Songs geschrieben haben. Wenn man selber damit aufgewachsen ist, dann spielen die Rockstars keine Rolle, dann geht es um das Erbe von eben DIAMOND HEAD. Und eben die sind sich ihres Status offensichtlich bewusst, auch wenn er ihnen nie so wirklich den Kühlschrank gefüllt hat. Der Erfolg nachrückender Helden wie IRON MAIDEN, SAXON und Co. war ihnen nie gegönnt. Sicher auch, weil man zu früh auf den kommerziellen Markt geschaut hat, obwohl die NWOBHM gerade richtig am Brodeln war.

DIAMOND HEAD hatten Lust auf ein neues “Lightning To The Nations”

Besser spät als nie, “Lightning To The Nations 2020” rückt die Band nochmal in den Fokus der Freunde des gepflegten Metal. Ihren Bandklassiker wie heute üblich remastered und mit irgendwo ausgegrabenen Studio-Outtakes aufzulegen, das hätte den Herren nicht gereicht. So feiert man 40 Jahre “Lightning To The Nations”, indem man das Album mit der aktuellen Besetzung komplett neu eingespielt hat. Weil man selber besser geworden ist, weil die Technik heute andere Möglichkeiten bietet, und – das hört man deutlich – weil die Band schlichtweg Lust darauf hatte.

So geht es gleich mal erhaben nach vorn mit dem Titeltrack. Man sollte erwarten, dass man sich nun 40 Jahre zurückgebeamt fühlt. Aber nein, der Song kommt mit kraftvollem, zeitgemäßem Sound und einem frischen Drive aus den Boxen. Das ist zeitloser Metal für hier und heute! Das rumpelig treibende “The Prince” lässt vermuten, dass die Jungs damals auch gern schon MOTÖRHEAD gehört haben. “Sucking My Love” wird mit ROBERT PLANT-Gesang geschmückt, so manche Momente erinnern an spätere MAIDEN-Elemente. Ansonsten lebt der immer schon zu lange Song weitestgehend von den sich durchziehenden Leads, Brian Tatler zieht ein gutes Feuerwerk ab und zeigt auch heute, dass er sich vor weitaus höher gesetzten Gitarristen nicht verstecken braucht. Ein kurzes Achselzucken Richtung METALLICA, “Am I Evil” setzt sofort eine Gänsehaut. Fällt der Song in seinen heavy Groove, dann zuckt der Nacken, geht die Faust nach oben oder an die Luftgitarre. Während die San Francisco-Boys immer einen eher fluffigen Drive in den Song gebracht hatten, zermalmen DIAMOND HEAD mit ihrer neuen Version alles. Heavy, groovy, evil, klasse! Neben den starken Gitarren schiebt sich natürlich die coole Stimme von Rasmus Bom Andersen energisch nach vorn, die Jungs von der Rhythmusfraktion lassen die Schwächen der Originalbesetzung schnell vergessen.

Heavy und groovy – DIAMOND HEAD 2020

Eben dieser erbarmungslose Groove, den die Originale noch nicht so kraftvoll in sich trugen, zeigt die gereiften Musiker. Mag es an der damals eher mittelmäßigen Rhythmussektion der Band gelegen haben, oder einfach daran, dass sie mit 19/20 Jahren noch nicht die Erfahrung und Reife hatten, hier auf der Neuaufnahme drücken die Songs wie Bolle. Das belegt auch “It’s Electric”, bei dem sich die Herren an THIN LIZZY jener Tage orientieren, gepaart mit AC/DC-Rhythmusgitarren. Nicht umsonst einer der Bandhits, hier noch eine Ecke elektrisierender. Auch “Helpless” lässt einen an so viele andere Bands denken, egal ob im UK, hier bei unseren eigenen Metalbands, oder drüben beim US-Metal. Der zappelige Mittelpart ist auch heute noch klasse und eine Blaupause für so manche US Metal-Band. Das ganze Album trägt Verweise zu späteren, teils weitaus erfolgreicheren Bands. Welchen Einfluss DIAMOND HEAD auf die gesamte Metal-Szene hatten, das macht einem diese Neuauflage ihrer Klassiker wieder deutlich!

DIAMOND HEAD prägten die Metal-Szene

Dass auch die Engländer ihre Vorbilder hatten, das zeigen sie mit den Coversongs, die sie eingebraten haben. Ok, mit der knackigen Version von METALLICAs Oldie “No Remorse” verbeugen sie sich erstmal vor der Band, die sie halt bei jenen Metalheads bekannt gemacht hat, die zu jung waren, die Blütezeit der NWOBHM selbst zu erleben. Eine coole, groovende Version, live werden sie damit alle Hallen zum Kochen bringen. Witzig, wie gut Anderson die Vocals von Mr. Hetfield übernimmt und seinen eigenen Stil drüber schiebt. Dass LED ZEPPELINs “Immigrant Song” den Jungs gut steht, war klar. Wirklich große Akzente setzen sie hier aber nicht. Mit “Sinner” hat man den passenden Songs ausgewählt, um JUDAS PRIEST einen Gruß zu schicken. Er fügt sich stimmig ins Gesamtbild von DIAMOND HEAD ein. Aber auch da kommt mehr der Drang auf, endlich mal wieder das Original auf den Plattenspieler zu packen. Auch mit “Rat Bat Blue” machen sie Lust, mal wieder DEEP PURPLEs tolles 73er “Who Do We Think We Are”-Album aufzulegen. Die Version hier kommt groovy und kraftvoll, macht Spaß. Sehr cool auch, dass DIAMOND HEAD abgesehen von LED ZEP nicht die üblichen Standards covern, sondern die passenden Songs für ihren eigenen Sound ausgesucht haben. Die Coversongs runden das Album stimmig ab, rocken die Hütte, machen Spaß. Was will man mehr, unnötige Studiofetzen als Bonus findet man ja oft genug.

“Lightning To The Nations 2020” darf sich stolz neben das Original stellen

Gründungsmitglied/Lead Gitarrist Brian Tatler und Sänger/Produzent Rasmus Bom Andersen hatten das richtige Gefühl. Der Klassiker “Lightning To The Nations” steht für sich und mit dem Aufbruch in die NWOBHM für eine ganze Ära. Ein platter Re-Release wäre dem nicht gerecht geworden. Hier nun neu präsentiert von starken Musikern kriegen die großen Songs neues Leben. Auf welchem Level DIAMOND HEAD damals schon unterwegs waren, das belegen die Songs auch hier. Und sie werden hier im Vergleich zum klanglich recht flachen Original energisch und kraftvoll mit einem Sound präsentiert, der schlichtweg Spaß macht. Wie eben “Lightning To The Nations 2020” als Gesamtwerk. Natürlich zieht man nun auch das Original mal wieder raus. Aber diese coole Neuauflage hat sich dauerhaft im Player festgesetzt und kann sich stolz neben das Original stellen. Pflichtkauf für traditionelle Metaller!

Veröffentlicht am 27.11.2020

Spielzeit: 61:06 Min.

Lineup:
Brian Tatler – Lead und Rhythm Gitarre
Rasmus Bom Andersen – Gesang, Orchestrierung, zusätzliche Gitarren
Andrew Abberley – Rhythm und Lead Gitarre
Dean Ashton – Bass, Orgel
Karl Wilcox – Schlagzeug

Label: Silver Lining/Warner

Homepage: https://www.diamondheadofficial.com

Mehr im Web: http://www.facebook.com/DiamondHeadOfficial

Die Tracklist von „Lightning To The Nations 2020“:

1. Lightning To The Nations
2. The Prince
3. Sucking My Love
4. Am I Evil? (Video bei youtube)
5. Sweet And Innocent
6. It´s Electric (Video bei youtube)
7. Helpless
8. No Remorse (METALLICA-Cover) (Video bei youtube)
9. Immigrant Song (LED ZEPPELIN-Cover)
10. Sinner (JUDAS PRIEST-Cover)
11. Rat Bat Blue (DEEP PURPLE-Cover)